Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 69 (30.7.1893)
- Date
- 1893-07-30
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 $reJes Vithaiten erobert. Bo» dieser Zeit datirt zwar die Eröffnung Weißinßlauds für die oubcii, aber ihre Ansiedlung erfolgte, wie bereits erwähnt, ein zu Anfang des XVI. Säculums. In den Jahren 1500 und I'>V2 erhielten die Inden vom Könige von Polen und Großnirfton von Vilhanen, Sigismund I., das Recht zur Ansiedlung in Minsk, 'Witebsk nnd Modilew, in den Hauptstädten Weißrußlands, wobei er ihnen auch die Steuereinnahmen in diese» Lrtschaften in Baein gab. T »ich die Einverleibung Weißrußlands in das russische Reich, welche iui Jahre 1772 anläßlich der ersten Theilung Polens fiattfand. traten die weißruisischen Juden in den großrussischen Staatsverband, und zugleich erfolgte eine Wendung in ihren Berhältnissen, welche in der Schunnng von AnSnahmsgesetze» gegen Juden und Beschräntnngen in ihren Rechte» nur zu deutlich Ausdruck fand. Trotzdem Katharina II. in ihrem .Manifeste an das weißrussische Bolk" feierlich vetsprach, für das Wohl, (Gedeihe» und den Frieden aller ihrer neue» llnterihanen »nitierlich Sorge zu tragen, waren die Juden doch von dieser mütterlichen Fürsorge ausgeschlossen. Seit dieser >$eit erlebten sie in Weißrußland verschiedene Schicksale: Bald drang ei» Vichtstrahl in ihr dunkles Vcbcn,- bald wurde es um sie total finster, bald schiniinerle eine neue Hoffnung ans, bis endlich dieses Wechsesipiel in die grausame Judenverfolgung ansartete, deren selige gegenwärtig Eurova in Um diese Bersolguiig zu beschönigen, erklären die Bedränger der Jude», diese wollen nicht arbeiten, suchen immer leichten Berdieust und häufen Reichthümer an. Eine gewisienhafte Untersuchung der wirthschattlichen Vage der Jude» in Rußland zeigt jedoch, daß k«ie>e Besckflildignngen völlig grundlos sind. TaS Ergebniß einer solchen. Uuiersuchuug liegt uns nun in Form eines groß angelegten Werkes vor. das eine ofneielle russische Persönlichkeit, den (Gouverneur von Molnlew, Staatsrath Tembowetzkij, zum Berfasier hat. In demselbeu wild die ökonomtsch sociale Vage, der Juden in Weißrußland an der Hand von Ziffern und statistischen Tate» genau geschildert. Und was wir da über die Arbeitsamkeit, Rüchternheil, Sparsamkeit, d-m /v.inuliennii» nnd die tlredlichkeit der Inden in Weißrußland erfahren, das »Hißte die russischen Judenfeinde bekehren, wenn sie Argumenten zugänglich waren. Ter Raum, welcher uns hier zur Berfügung steht, gestattet n»S .uichl, den Iichalt des hochinteressanten Werkes zu erschöpfen. Allein um darzulegeu, daß die Juden in Weißrußland die schwersten Arbeiten verrichte» »ud die mühevoUsten, uneinträglichsten Handwerke betreiben, -genügt es wohl, aus dem Werke des StgatSratheS Dembowetzkij die Taten über die Anstande in einem (Gouvernement,;. B. dem Mohi lewer, anzusühreu. Tas (Gouvernement MoHilew zählt im (Ganzen I.I>>2 t'iTi'i Einwohner: darunter sind 157.1-10 Juden beiderlei (Geschlechtes. d. h >15 Percent der (^efaiiimtbevölkerung. 50*10 Juden sind A ck e r baue >, die 6-115 Tesijatinen Grund und Boden bearbeiten, riete kleinen Ackerbaucolonien befinden sich gegenwärtig in blühendem „^itftanbe, trophein die Regierung, welche sie im Jahre 1^40 ins Veben gerufen hatte, die versprochene Unterstützung seit mehr als diei Terenuien nicht verabfolgt. Was die Fabriksindustrie anbelaugt, >'o sind im <"onver»eiueiit 525 ,rabiaten mit 1576 Arbeitern, welche ausschließlich Inden sind, in jüdischem Besipe. Einen besonders Iielvoriagend.il Plap nehmen aber die Juden ans dem (Gebiete des Hand | iv eils e:u Tie C"c>ammr,abl der Handwerker im (''oiipernement j betiagt s72*>', darunter lind <>710 Juden oder 7*»'•'*' Percent der 5 1 '• i i a m m t ■> a h l. T ieier Umstand gewinnt noch an Bedeutung, wenn inan aus den statistischen Tabellen des erwähnten Werkes erfährt, daß i schwersten Handwerke unter den Juden stark vertreten sind. Tie j -hi! I der Brotbacker im <*oiioernemriU beträgt 550, darunter sind j 55.; ,'Ufen: die der Schneider 1.555, darunter 1-176 Juden: die der! H.557. darunter I-5<> Juden: bieder Schmiede (180, darunter l 51 l .'-oder: die der Ziininerineister 2«>7, darunter <>6 Juden: die! T'eti.r. darunter 477 Juden: die der Schlosser HO, i .5- Juden: die der Spengler 145, darunter 120 Juden: s-.e d.-. Tat!!er 75. darunter 10 Juden, die der Zieg-eldecker 51, .-.::s>ch.:.ßi,ch Juden: die der S t raste »pflastere r 10,. darunter * In den : die de: Rauchfangkehrer 55, darunter 52 Juden; die 7 uhg: il'ei 5u, darunter 2o Jude»: die der Steinhauer 21,! d.iinu: r 5 ,'>udeu: die der Maurer 55, darunter 10 Juden. v 3 tantemth T.uibowepkij widmet in feinem Werke auch der Moral; »»■' de: giUigen Eniwicklnng der weißrnsstschen Judo« seine Alifmerk-! 'amkeit. nnd was wir ans den betrcTTcnben Abschnilten erfahren, lautet J M'i di. Juden ebenso günstig wie die. angeführten Tqten über ihre! Alboit'amkeit. Auf die Thatsache hinweisend, daß die Sterblichkeit Niiier den Juden eine relativ geringe ist, sagt der Berfasier, daß die Juden in Weißrußland ein nüchternes, mäßiges Leben führen und streng stitlich sind, daß sis ihre Veidenschasken zügeln können, so daß sie vielen Krankheiten gar nicht unterworfen sind. Außerdem constatirt Blatt. , Nr. 69. er, daß die Juden nach Bildung streben und ihre Kinder streng moralisch erziehen. Tie russischen Judenfreffer sind von dem Werke selbstverständlich nicht erbaut, aber gegen Ziffern läßt sich nicht mit abgedroschenen Phrasen kämpfen, so daß das Buch eine gewisse Wirkung ausgeübt hat. Es wäre jedoch ein Jrrthum, von diesem Werke eine Besserung der Lage der Juden in Rußland zu erhoffen. Tie Inden- Verfolgung nimmt ihren Lauf, wie ich in meinem vorigen Briefe constatirt habe. Tas Werk hat pur den moralischen Werth, daß die Antisemiten wieder einmal von einer competenten Persönlichkeit Lügen gestraft wurden, die sich gedrängt fühlte, der Wahrheit die Ehre zu geben. Argti«. Geschäftliche Oorwürfe. iLchluk.') Rach einem Hinweise auf die Ergebnisse der Statistik fährt der gewesene „Talmudjnde" in seinen „Ernsten Plaudereien über die Inden fragc“ fort: Boruriheilslose wissen, daß es Betrüger in allen Eonfessionen und Rationen gibt. Tie in meinem Hanse verkehrenden Kinder eines höheren preußischen Sfsiciers pflegten im elterlichen Hause, weün sie etwas gemeinsam erhielten, zu sagen: „Aber jüdisch theilen." lieber diese seltsame Paraphrase des bekannten „christlich theilen" befragt, sagten sie: die Jude» betrügen wenigstens nur Fremde, nicht ihre Brüder. Ich glaube, ich darf dieses unbeabsichtigte Eompliment ablehnen. Jüdische Betrüger betrügen ebenso wi§ christliche ohne Unterschied der Confession. Es ist auch im (ssanzen wohl weniger direkter Tiebstahl und Betrug, den wenigstens die Berns, listigeren den Juden vorwerfen, als daß diese mit Borliebe zu Geschäften sich drängen, die dem liTfsicier, Beamten, Landwirth und altpatricischen Kaufmanne nichts Solides und Reelles zu haben scheinen. Tie Juden werden vielfach Makler, Eommissionäre, Jobber, Agenten, haben Ramsch-, Abzahlungs-, Rückkaufsgeschäfte u. s. w. Tas ist ja richtig. Tie Erscheinung zu erkläre», würde mich zu weit führe». Daß die erwähnten Geschäfte unter allen Umständen unreell geführt werden, kann kein gewissenhafter Mensch behaupten. Es gibt' „ehrliche Makler"; es gibt auch christliche Makler. Mau darf nicht ganze Stände und Berufs zweige verurtheileu. Tem alten Eicero haftete schon jedem Geschäfte überhaupt etwas Schmutz au. Und in ihrem innerste» Herzen halten die »leisten liTfsiciere, Junker, Bureaukraten noch heute den Handel für etwas Anrüchiges, wenn sie boruirt sind, auS hergebrachter (Gewohnheit, wenn sie etwas heller sind, weil im Handel eS nicht so nach dem Schnürchen geht und gehen kan», wie es am grüne» Tisch im Easiuo wenigstens dem äußeren Anschein »ach zugeht. Je moderner, complicirler, vom uralten Tausch- und Kaufgeschäft entfernter oder je »»bekannter ein Geschäftszweig ist, desto verdächtiger scheint er. Tie Börse ist für die meisten, selbst hochgebildete Menschen der reine Süudenpsuhl, den man mit Stumpf und Stiel, je eher, desto besser, ausrotten sollte. Tie Wenigsten haben eine Ahnung, daß die Börse eine der uüplichsten und »othwendigsten Eiurichlungen ist, ja, daß Leute von'ihr Rutzen ziehe», die niemals eine Börse auch nur gesehen, geschweige denn sie betreten und Börsengeschäfte gemacht habe». Um nur ein Beispiel zu erwähnen: Es stirbt ein Mann, der ein in griechischen, uiericanischen, schwedischen, argentinischen Papiere» ange legkeS Berinögen Hinteilassen hatte, das die Witwe aus irgend welchen Gründen sofort versilbern muß. Sie geht zum Banquier, nnd für die ganze Hintellassenschaft, die in den verschiedensten und feinsten Ländern realisirbar ist, erhält sie den ganzen augenblicklichen Werth sofort voll ausgezahlt. Run soll aber die Hinterlassenschaft bestehen in Büchern, Juwelen, Möbeln, einer Billa, einem Gut. Falls sich ein Käufer überhaupt so bald findet — bann kann die Witwe floh sein, wenn sie je nach der Art der Hinterlassenschaft ' ljl0 bis ihres reellen WertheS baar erhält. Daß letztere Hinterlassenschaften so viel unter dem wirklichen Werthe verkauft werden müssen, liegt daran, daß eS für Bücher, Billenu. f. w. keine Börsen gibt, beziehungsweise geben kann. Und daß der Börse daS Berdieust zuzuschreiben ist, daß börsengängige Effecten zu jeder Zeit für den augenblicklichen Werth verkauft werden können, geht daraus hervor, daß, wenn die etwaigen Papiere nicht an der Börse gehandelt werden, sie auch mit großem Berluste verkauft werden müsse», wenn sie nicht überhaupt unverkäuflich sind. Der nützliche Einfluß der Börse geht aber viel weiter und ist ein überaus mannigfacher. Taß sie auch mißbraucht werden kann und wird, ist wahr; aber die göttliche oder menschliche Einrichtung soll erst gefunden werden, die nicht, mißbraucht wird. Die beste und nützlichste wird es *) Sieh' Rr.- 68 de» „Freien Blattes". »