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Freies Blatt · 1893-07-23 · 68 (23.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
68 (23.7.1893)
Date
1893-07-23
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Sette 6. Freies Blatt. Nr. 6«. dcr m ciftcn Gymnaste n Geld; u s a m me 11 9e (d) 0 f fc 11, um fid) durch Bestechungen u. dgl, in u nrrdlichen Brsitz dcr P r ü su n gs kheme n i in voraus;u setzen. Das Blatt nimmt feinen Anstand, dies Snstem dcr Themenbestiminnjig und Bewahrung im Eentralministeriuiu als ein ankipädagogisches zu bezeichnen, »ameiiklicli da' cd auch gleichsam ein Mißtrauen gegen die pädagogischen Fädigkeiten der Lehrer mit sich brächte,- und befürwortet demgemäß daS - baldigste Perlaffen dieses Systems. Zn deni Unterrichte wie überhaupt in der Erziehung dälte die Individualität der Lehrer den allergrößten Einflußdeshalb hätte» von fernher gesandte Themen für schrifklidse Arbeiten absolut keinen Werkh als Maß der Erfolge eines Unterrichtes: das richtigste Maß der Fähigkeiten, der fsortschritte des Schülers könne nur der id»t am nächsten stehende Pädagog bemessen. Die russischen Preßverhältnisse machen es begreiflief), daß der „Kijewljanin" hauptsächlich die pädagogischen Mißstände glosfirt, das traditionelle Be stechungssnsteni,' welches schon die Sd>ulingend cultivirt, aber nicht näher beleuchtet Russisdie Zustände sind das Ideal unserer Antisemiten! 1 r if ^IIÖCH IN MflUfafifH. «Großfürst Michael 'Ji ic «las e iv i t s dt, der Vorsitzende im Petersburger Reichsrakhe, hat kürzlich einen Art der Humanität ausgeübt. Bekanntlid) sind die Inden in Trans taukasien vom russisdten Ministerium des Inner» angewiesen worden, das O'cbict binnen drei Monate» zu verlassen. Tie Difliser Jude» ltaben sich angesichts dieser Perordnung an de» Porsitzenden des ReichSratbes mit der Bille um kurzen Aufschub gewendet, Großfürst Michael bat nnnmehr, wie der osfirielle in Tiflis erscheinende „KawkaS" meldet, telegraphisch die Tiflifer Behörden angewiesen, die Ausweisnng der Inden, so lange keine neuerliche dieSbezüglidte Forderung des Ministers erfolgen werde, gänzlich einzusteUen. I Bilton EvIIIIIIId Rothschild in Palästina.! Bor einiger <Zeit betuchte Baron Edmund Rothschild aus Paris in Begleitung feiner Gemahlin eine der von der Familie Rothschild mit Btlvilligung der türkischen rkiegierung in Palästina gegründeten jübtid)cu Ackerbaueolonien und hielt bei diesem Anlasse zwei Ansprachen In der einen sagte er: „In der turzen Zeit, da ich unter Euch weile, habe iel) mir ein voll ständiges Bild der Antiedlung erworben 'und mit Vergnügen die hübsch bestellten Felder gesehen Sie beweise», daß der Jude aud> ei» guter Ade.rbauer ist. Wir Juden find seit Zahrtansende» verfolgt und gehetzt, und dod) überwinde» wir alte unsere Perfolger. Als id) jüngst in Egitplen war, sah id) dort die Mumie eines der.Pharaonen, der zuerst unsere 'Porfabren zu bedrücken begann. Aber >vo find die Egnpter 11 tib diejenigen, die sich ihnen mit Judenverfolgungen später anschlosse», die Snrier und Röniei? Alle sind verschwiinden: Israel allein ist geblieben, bat. fid) erhalten duich seine Religion und Bildung! In diese.-» schöllen Lande, in der Türkei, wa Ihr unter der hohen Pro leetio» Seiner Majestät des Sultans so glücklich lebt, seid vor Allem ans Herzen dankbar," seid auch nützliche llnkerthanen in dieseni Euren Paterlande. Vernachlässigt weder Eure Religion, noch Eure Pflichte» und dient zzini Beispiele den anderen Eolonien wie allen übrigen Einwohnern." In der zweiten Ansprache ermahnte Baron Rothschild die Eolonisten zur strengsten Reinlichkeit und fuhr dann fort: „Ich bemerke aud>, daß Euere Uran» schwächlich sind z ^as mag daher rühren, weil selbe id>on acht Tage nach ihrer Niederkunft das Bett verlassen. Ties ist ein Unrecht: wenn die Mütter schwächlich sind, tonnen ihre Binder niemals einer vollkommenen Gesundheit )’id) erfreuen, und die Folge dessen ist eine verküninierle sck>wüchlid>e Genelatiem. H» meinem Bedauern erfahre id), daß Eure Kinder nid>t' legelinäßig die Schule» besuchen: merkt End) aber wohl, daß, fallsein Kind im Lause eines Monates fünfmal aus der Schule unentschuldigt ansbleibt, ich besten Eltern jede fernere Unterstützung entziehe. Roch etwas 1 wenn irgend einer Eurer Glaubensgenosten aus der ,fremde kommend fid) tun Uitterstützniig an Euch wendet, helft ihm mit solcher Bereitivilligkeit und so schnell, wie ich trachten werde, Eure Lage zu verbeisern." Der Baron kündigte den Eolonisten an, daß sie demnächst einen Rabbiner erhalten werden, der seine Sludien in einein Pariser Seminar absolvirt hat, und legte ihnen ans Herz, sich eines moralischen, tuqendbasten Lebenswandels zu befleißigen. Auantisemitischen Vereinen und Versammlungen. i(vin Pertraiieusvotnm.) Ter „Ehrtstlich sociale Verein" beschloß ans Antrag Pseitner's, dem Magistratsrathe Prever, welcher als Reierent tin Wiener Bezrrks'chnlrathe t'ungirt, kür «eine Tbätigkeit den wärmste» Tank und sas Vertrauen auSzudrücken. . Tiefes Verkraueusvotitni — spricht Bünde! (Drei Weltauschautlttgeu.) In einer Aiitiieulitenversammtung zuTonaufeld, in welcher auch Herr Lueger da« Alleinseligmachende seine« jetzigen Programme« betheuerte, sagte Herr Schlesinger: „Wir in Europa besitzen! vorzüglich drei Richtungen de« Volksgeiste«, da« heißt Wellanschauungen, nämlich die christliche, die jüdische »nd die materialistische oder liberale. Die christliche liegt oste» vor aller Welt verkündet, die jüdische hingegen enthält geheime Lehren, und solche könne» nur Mißtrauen envecken. Die geheime» Lehre» der Jude» erklären auch, daß die Jude» zu allen Zeiten in Feindseligkeiten zu den sie beherbergenden Böcker» geriethen. Die liberale Weltauschaniing aber huldigt dem .stampf »ms Dasein und billigt die llnterdriickung der Schwachen durch die Starken al« eine Naturuothwendigkeit " E« ist schön von Herrn Schlesinger, daß er tvenigstenS in Douauseld den .stampf nms Dasei» nicht für „echt jüdisch" erklärt. Wa» die angebliche Geheimlehre der Juden betrifft, so sei hier nur bemerkt, daß auch chinesische Ehristenhaffer bei den von ihnen Verfolgte» „Miß iraiien enveckende Geheimnisse" entdeckt habe» wollten. Tie „Weltanschauung" derjenige», die dem EultnS de« Haffes huldige», bleibt sich unter allen Himmels ür-dieii so ziemlich gleich. ttf Giros Stanislaus Darnowski gegen die Juden, t Tie von »»« bereits | in der vorigen Nummer de« „Freie» Blattes" geivürdigte Rede de» Grase» Stanislaus Tarnowski aus dem Krakauer Katholikentage erregt in Galizien beinahe ein t'old)e« Aussehen wie vor Jahren ein Aufsatz de« Grasen über das" Wucherunwesen, welches pol»isd>e Adelige treiben, indem sie die Bauern durch Darlehen in Naturalien, sogenannte „Portionen", aus eine schlaue Art z» Robot leistnngen verhalten. Tie Auslage des -Grasen gegen Stande«g--nossen-rief aller diugs Proteste autonomer Körperschaften nild publieistischer Organe hervor, während seine judenseindlichen Anslaffnngen bisher in polnischen Kreisen um Zustimmung fanden, was aber nicht hindern wird, daß bei den nächste» Wahlen wieder der Mahnruf an die galizischen Juden ergehen wird: „Seid gute polnische Patrioten!" Tie gräfliche Rede scheint »ns eine anssllhrlichere Wiedergabe zu veidienen, und im Nachstehenden reprodneiren wir die gegen die Juden gerichteten Stellen. Aachdenz der Giaf eine Reihe von Gefahren geschildert, weiche angeblich der katholischen .stirche in Galizien drohen, sagte er: ES gibt noch eine G.'ahr, und zwar eine äußerliche, inioserne sie ttidit ans unserem Blute und nnieter Natur herkommt, aber auch eine innerlid>e, insoserne sie uns feit ganzen Jahrhunderten angewachsen ist. Unter allen Ländern der Wett ist unser Vaterland ausnahtnsweise ein solches, welches am meiste» von Inden bevöllett ist In »ttserem Jahrhundert und in dem Staate, wo der llnterschied der Eouieisioiten teilten Unterschied der bürgerlichen Rechte nack) sich zieht, t wächst dieser Theil der Bevölkerung anssallend an Reichthmn, Einstnß nnd liebet gewicht. Behilflich dazu ist den Inden ihr vielartiger angeborener Schars funi, ihre Gewandtheit nnd Spariamkeit Aber in diesem nnierem Jahrhundert, unter dessen Hanplmeikmalen der allseitige Kamps mit dem Christenihttin ist, muß diese» Volk, einst auserwählt. und lünftighin zur Bekehrung mitdeftiinmt, naturgemäß und der Logik selbst zufolge wie auch seiner GlanbenSfordernng halber an diesem .Kamphtheilnehmen nnd sid> dabei besonders bemerkbar machen. In Folge dessen sieht inan auch in ganz Europa die Inden bei alle» antichristlichen Schriften, Vereinen, Ilnternehmungen. Bei uns kann diese Judensrage wegen der großen Anzahl der Inden und in Folge eine$ stete» und unvermeidlichen Zusatiintenkommens derselben mit allen Volksschichten gefährlicher und schwieriger al« überall sonst werden. Wie ist sie zu lösen? Zeigt es etwa und bringt es die Zeit selbst? Heutzutage sehen und wiffen wir nur, wie sie nicht zu lösen ist. In Frankreich, Tentichland, Iheilweise schon sogar in Oesterreich, beginnt da« Volk, bestürzt durch den Reichthmn nnd wachsenden Einfluß der Juden, dieselben zu hassen. Merkwürdig ist ti : dieselben Länder und Völker, ivelche zuerst sich ein bildeten und es als Glaubenssatz verkündeten, daß die Confessionen und der Begriff de« Verhältniffe« des Menschen z» Gott keinen llnterschied zwischen den Menschen begründen können, eben dieselben, kaum daß sie den U»tersd)ied zwischen Inden und Ehriste» ansgehoben haben, der in dem Bekennkniffe und in dem Glauben an Ehristn« den Herrn seine Ursache hatte, entpsanden alsbald schmerzlich den BlntSnnterichied, und er äußerte sich als Haß gegen de» Juden, als einen Angehörigen einer sremden Menschenraee. Es hat sid, sogar schon eine allgemeine Bezeichnung dafür gebildet? man hört und liest überall von Anti semitiSmuSi Tiefer ist im Grunde falsch nnd praktisch gefährlich; falsch ist er, weil ec n'cht christti^ANchl^gerecht und grausam. Es ist mir nicht erlaubt, meinen Nächsten zu Haffen deswegen, weil ihn Gott so geschaffen, wie er ihn erschaffen, und anders als mich Dieser sogenannte Antisemitismus könnte praktisch ungemein gefährlich werden, denn Niemand weiß es und Niemand sieht es voran», wo der einmal angefachte und entfesselte Haß einer Volk«schichthwider die andere Halt mache» und wohin er gelangen wird. Bei tut» besonders, wo der Jude, zerstreut im ganze» Lande, mir dem Landvolke gemilcht ist und oftmals demselben sich lästig macht, bei uns könnte diese Gefahr fühlbarer als wo anders werden. Gott schütze uns vor dem Antisemitismusl WaS ist also zu machen? Sollen wir uns hinwegraffen oder verschlingen, materiell enterben und moralisch wie auch gesellschaftlich beherrschen laffen? Es ist dies eine von den Frage», wo die Völker sich selbst Helsen müffen und sich selbst;» helfe» vermögen. Aus welche Art und Weise? Aus dieselbe Weise, wie sie sich bereits zu Helsen anfingen, ans eine ehrliche, erlaubte und gerechte Weise. Die Beschränkung -

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