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Freies Blatt · 1893-07-23 · 68 (23.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
68 (23.7.1893)
Date
1893-07-23
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Freier Blatt. Seite b Nr. 68. —~--—1 -f Reichstagssitzen werden entrissen habe». Bis jetzt haben sie sich vorzugsweise ans Kosten der Conscrvativcn bereichert. Dabei haben sic cS noch nicht einmal zu einer einheitliche» Partei gebracht. Die I'/* Dutzend antisemitischer Abgeordneten im Reichstage zerfallen immer »och in drei Gruppen, und wer in die persönlichen Berhältniffc ihrer Führer nicht cingcweiht ist, veruiag nicht recht cinzuschcn, worin der sachliche Unterschied zwischen ihnen besteht. Da hat denn wohl eine große, in sich geschlossene Partei, wie die conscrvative, die Pflicht, auch den Antisemiten gegenüber ans Wahrung ihres Besitzstandes z» achten und sich nicht durch eine» .Augenblickserfolg eines Mannes wie Ahlwardt zur-Aufgabe einer ihrer beste» Positionen bestimmen zu lasten. Bor allen Dingen aber geziemt cS ihr, Stöcker wieder in den Reichstag zu bringen." Es half aber nichts; man war außer Stande, der Edeltanne den von böse» Buben abgebrochenen Mittelzwcig cinznpfropfcn. Wie aus Berlin gemeldet wird, siel Stöcker kläglich durch, und Paul Förster kam in den Besitz des Mandates, auf welches Ahlwardt verzichtet hatte. (Proccß Paasch.) Borigc Woche hätte vor dem Reichsgerichte in Leipzig die Revisionsvcrhandlung int Proccssc des Antisemiten Earl Paasch stattfindcn sollen, der vom Berliner Landgerichte wegen Beleidigung des preußischen Jnstizininistcrs sowie mehrerer Beamte» des Auswärtigen Amtes zu 11Jahren Gcfängniß verurthcilt worden war. Das Reichsgericht ging in die Berhandlung nicht ein, sonder» beschloß, sie auSzusetzcn, bis daS Ergcbniß der Untersuchung des Geisteszustandes dcS Earl Paasch, der sich in der Eharitsi in Berlin befinde, vorliegcn werde. Kaum war dieser Beschluß gefaßt, da erschien Paasch selbst und gab an,, von der Eharit» zum Termine beurlaubt worden zu sein; ein Attest darüber, daß er auch aus der Untcrsnchnngshast, in welcher er sich jetzt befindet, beurlaubt wurde, konnte er nicht vorweiscn. Das Reichsgericht fand sich nicht veranlaßt, seinen frühere» Beschluß zu ändern. («chlvennhagc» in Rninällirn.) Der Gcschäftsantiscinit Sch wenn- Hage», welcher in Rumänien angeblich Material sammelt, um seine Beschuldigungen gegen den preußischen Finanzininistci? Dr. Miguel zu erhärten, wird von der rumänischen Presse »ach Gebühr gewürdigt. Die „Jndvpendancc Ron in a ine" schreibt: „Ei»' gewisser Schwcinhagcn, alias Schwcn»Hagen, welcher sich als einen einflußveidjen Publicsstcn Deutschlands ausgibt, ist Heimlids nach Bukarest gekommen, von wo aus er falsche Berichte über Nachforsch» gen hinausscndct, die er bczüglick> des Rückkaufes der rumänischen Eisen bahnen gemacht haben will. Er behauptet überdies, bei den hohen Verwaltungsbehörden hicrsclbst den besten Empfang gefunden zu haben Wir wissen nicht, wen diese Person irrezuftthrcn sucht; wir sind aber ermächtigt, zu clklärcn.sdaß der Mann hier vollkommen unbekannt ist. Alles, was man von ihnt weiß, ist, daß er bereit« mchrcrcmalc verurthcilt wurde, und daß er gegenwärtig denselben Verfolgungen wie der Antisemit Ahlwardt anSgcsctzt ist. ES ist Hegen ihn sogar ein Steckbrief erlassen worden." Auch der „Timpul" beschäftigt fick) mit diesem ungcbctcncir Gaste. Er citirt nach der Berliner „Germania" einen Brief Schwcnnhagen's an die antisemitische Buchhandlung H ö p p n c r (G. A. Tcwald), in welchem derselbe versichert^ daß er in Bukarest bezüglich seiner Nachforschungen über den Rückkauf der rumänischen Eisenbahnen überall, selbst in BcrwaltungSkreiscn, die beste Aufnahme finde und überdies von einer hervorragenden Stelle reichlich mit Geldmitteln versehe» werde, so daß er binnen Kurzem, reich an Informationen und Material, nach Berlin zur Aufnahme des Kampfes gegen das „famose Finanzgenie" des Herrn Miguel werde znrückkchrcn können. An 'diesen Brief knüpft der „Tinipnl" folgende Be incrkungen: „Wir wissen nicht, ob Herr Schwcnnhagcn so reich an Informationen in der Stroußbcrg'schcn Afsaire nach Berlin zurück kehre» werde; was wir aber wisse», ist, daß derselbe eine nnverschänite Lüge sagt, wenn er seinen Freunden in Berlin schreibt, daß er diese Informationen aus unseren BerwaltungSkreiscn selbst hat. Wir fordern Herrn Schwcnnhagcn auf, uns den Nachweis zu erbringe», daß er in unseren höheren Regicrungskrcisen auch nur vorgelassen worden ist. Die Handlungsweise des Herrn Schwennhagcn, welcher dem deutschen Finanzininister von Bukarest aus mit eingebildete» Enthüllungen zu drohen sucht, sicht zu sehr einem ErprcssungSversuche ähnlich, und wir gehen wohl iiidjt fehl in unserer Annahme, daß der vorgebliche Antisemitismus und Jrredcntismus dem genannten Herrn nur als Borwand für andere kleine Geschäfte dient. Herr Schwcnnhagcn würde gut thun, wenigstens so lange er sich der Gastfreundschaft Rumäniens erfreut, von gewissen Machenschaften abzulassen, die ihn gegen seinen Willen nach Berlin zurückbringcn könnten." — Der Herausgeber der „Kreuzzeitung", Freiherr v. Ham in er st ein, ersuchte die Rcdaction de« „Rumänischen Lloyd", niitzuthcilen, daß Schwennhagcn zur „Krcnzzeitnng" in keiner Beziehung steht. Der „Rumänische Lloyd" entspricht diesem Ersuchen mit dem Bemerken, daß somit die Nachricht, Schwcnnhagcn sei von der „Krcnzzeitnng" wcggcjagt worden, sich;n bestätigen scheine.' ‘ (Wild) ein französisch russisches Berbriidernngsfest.) Ans Paris wird »ns gcsd>ricben: Anläßlich des NationalfestcS vom 14. Juli ereignete sid) ein Zwischenfall, welcher ei» schlagender Beweis dafür ist, daß die Pariser Bolksniasse» der antiscmitijchcn Agitation unzugänglich sind. Die ultra radicale Bevölkerung de« Bezirkes Montmartre bcthciligtc sich lebhaft a» den Bclustigungci» in de» geschmückten . und illnpiinirtc» Gassen. I» dein Bezirke hat sich seit einigen Jahren eine Eolonie von mehr alS hundert russischen Juden angesicdeli, weld)e sid> als Industrielle Arbeiter anständig fortbringen -Mit Zuhilfenahme eines a» der Straßenecke ansgtstelltcn Elaviero veranstalteten sie einen Judciiball, ans dein wohl 00 Personen der Eolonie mit 'Begeisterung tanzte». Die sranzösisd>cn Arbeiter, für welche sie ein „Ltnck Ruß-- - land" und ein „Stück russische» BolkeS" darstcllten, fratcrnisirtcn mit ihnen und leerten mit ihnen die Gläser auf die Pflege der französisch - russisd)cn Bölkcrverbrüdcrung. Fcstlid) beleuchtet wurde das Ballsest durch die noch nid)t vollendete Kathedrale auf dem höchste» Gipfel des Montmartre, wo die Lichter prangten und die Fahnen flatterten, um es zu inanifcstircn, daß der Erzbischof von Paris mit der Republik fratcrnisirt, wie daS Bolk von Montmartre mit den russisd)e» Juden, nid)t obschon sic Juden, sondern weil sie Russen sind. (Bon der Anglo-Zewish AssoeiationJ Bor Kurzem hielt die Auglo-Jewish Association in London unter dem Borsitze Sir Julian Goldsmid'S eine Jahresversammlung ab. Der'Zweck des BcrcincS ist die Bcschütznng verfolgter Juden und die Hebung des Bildung«! aradeS der jüdsschen Bevölkerung in den öftlid)cn Ländern. I» dem Jahresberichte heißt es:. Im vorigen Jahre habe sich ein Steigen des Antisemitismus in Mittel Europa geltend gc»iad)t, welcher das Los der Inden in Scsterrcich und Deutschland verschlimmert und ihren Fortschritt gehindert habe. I» Rußland weise nichts darauf hi», daß die dortige Verfolgung aufgcgcbcn werde. Zum Unglück lehre die Erfahrung, daß ünßcrc Einmischung nick)ts oder wenig bei den russische». Mack)thabcrn nütze, und die gesittete Welt könne nur hosseu, daßsic - von selbst eine humanere Politik beginne» Tir Jnlian beklagte, ~ daß in Rumänien die Kinder der jüdisd>c» Bewohner nid>t mehr in den Schulen Aufnahme finden sollen, trotzdcni das betreffende (Gesetz ganz verfassungswidrig ist. Ein anderes rninänischeS Gesetz verbiete die Anstellung von Juden in Hospitälern und gestatte ihnen nicht, Apotheker zu sein. Th.itsüd>lich werde» keine jüdisd)cu Kranken in die Hospitäler aufgcnommcn. Nickst ohne Besorgniß könne niaik auch auf die Entwicklung in Gried>cnland sehe». Dagegen zeigen sick> der Sultan und der Dchah von Persien tolerant. And) der Snltan-vo» Marokko habe einen Beamten, welck)er sich Gransamkeiten gegen die Juden zu Sd)nldcn komme» ließ, energisch zur Strafe gezogen.'Nach dein der lTbcr Rabbiner dem anwesenden Baron Hirsch für seine» beispiellosen L pfcrinuth gedankt hatte, erklärte dieser, er wisse sctir wohl, daß cs unmöglich sei, sechs Millionen Mensche» aus einem Lande zu führen. Aber er wolle Eolonie» von etwa 10.000 russischen Flüchtlingen gründen, um zu zeigen, daß die Juden sehr wohl nützlid)e Burger sein könnten. (Tie Juden in Lissabon. Die Jude» IN der portugiesische» Hauptstadt, deren ungcsähr Ü0 Familien dort ansässig sind, leben zurückgezogen und friedlich unter ihren Mitbewohnern. Sic sind zum größten Theil ans dem nördlichen Afrika dort eingewandert. Obgleich, sic in Folge ihrer Kleidung leidst von der anderen Bevölkerung unter schieden werden könne», fällt cs doch Niemandem sein, ihnen ,,'Jnd" nachzurufcn. Tie incisten der jüdisdse» Ansiedler stehen unter britisdscin Schutz. (Russische Schnlznställde.) Der „K i jcwljan i»" bringt folgende lehrrciä)c Mzltheilnng: „Unlängst ist cs ruchbar geworden, daß aus * irgend eine noch nicht vollständig aufgeklärte Weise die Abiturienten der Kijcwcr Gymnasien sich iin BoranS die für die schriftlichen Prüfungsarbeiten vom Ministerium gewählten Themen, die bekanntlick) streng geheim gehalten werden, zu verschaffen gewußt habe». Die spätere Einsichtnahme in die Arbeiten der Abiturienten im Fack>e der alten Sprackscn erwies zur Evidenz, daß dieselben im Borans aus irgend eine nnredlicksc Weise fick) Kcnntniß von den. Priisnngs .. thcmcn versck)afft hatten." Ans diesem Anlässe hat der „Kijcwljaiiin" nun eine Untersuchung «»gestellt, deren Ergebnisse denn wirklick) sehr wenig erbaulich sinb. Denselben zufolge ist der Kijcwcr Fall beileibe nicht als ein Einzejlfall z» »chine», stellt vielmehr eine systematisch betriebene Unredlichkeit dar, die dem russisd)en Blatte nur zu reckst die bittere Frage abzwingt, ob ein System als richtig anzucrkcnnen sei, das solchen Mißbräuchen Vorschub leiste'? Lasse cs sich dock) Nachweisen, - daß fast in sü ni in t liche» Lehrbezi rkcn die Abiturienten

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