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Freies Blatt · 1893-07-23 · 68 (23.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
68 (23.7.1893)
Date
1893-07-23
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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reite XT.IV. Beilage zum Freien XUatt, 0rgan zur Abwehr des Antisemitismus. Alter und Eontinuikäl ihrer Geistescullur liefern — nach der fäculin-nt Zuchtwahl — tneincc Tafürhaltens die beste Erklärung für die Iudeit und die Ttellnkig, welche Israel in nuferer Gefcttfclmft eingenommen. 3if find vor uno gekommen, sie sind älter als wir. Ihre Rinder haben in den Thorarollen lesen gelernt, bevor noch unser lateinisches Alphabet fcftgcstcllt war — lange bevor ODrill nnd Melhud den Tlavcn eine Tchrifrgegeben, bevor die Nnnen den Germanen des 'worden bekannt gewesen. Ihnen gegenüber sind wir Junge, Neulinge; sic haben in der tSultur einen Bortorung gegen uno. Umsonst tiaben wir sic einige hundert Jahre hinter Gbettomauern cingeschlossen, am Tage, wo ihre Rerkergilier gebrochen wurden, haben sic uno mühelos wieder ein - geholt — bis in jene Bahnen hinein, welche wir ohne sic erschlossen bat re n. Crt behauptet man, daß die Familien, die 'Nationen, die Naeen sich erschöpfen. Ter Jude straft, für das Geistesleben wenigstens, diese Bcbauptnng Vagen. Tcheint sein Blut häufig verarmt, bietet sein Rörper bisweilen ein gealtertes, verbrauchtes ^löschen dar, als wäre er verkümmert. entartet/ feine Geisteskraft ist immer lebendig. Wolil ist sie alt durch das Alter ihrcr Eultur, aber sie hat doch nichts Altersschwaches, nichts Greisenhaftes. Und dort selbst, wo der Rörper des Inden uns gebrochen nnd verfallen vorkomml, ist dies weniger das Werk der Jahrhunderte als des Elends. Tiehr man die bleichen Juden in gewissen Ortschaften des -Tstens und, des Priemes — erblickt man stc beispielsweise an den Ufern jenes Tees, von wo jene »rischer ausgegangcn sind, welche die Well-in ibrem Netz gefangen haben — so möchte man Israel für eine sterbende Nace halten. Ter Verfall scheint sich auf den Gast wie auf den Rörvcr auszudchnen. Aber selbst in jenen blutarmen nnd herabgcwürdigten Inden lebt eine geheime Tpann-' krakl, eine sranncnswerthc Fähigkeit der Wiedcranfrichtung und der Verjüngung. Ter Lebenssaft ist nicht cingetrocknct: in« dies zu bemerken, braucht man sie häutig nur aus dem mageren Boden der orientalischen Iudenschasten auf die fruchtbare Erde des Abendlandes;u vervsianzen. Achlcs Eapitel. Psychologie des Juden. I. rein genüge? Wefen. — reine Hauvtmhigkeii: Anvanungs- und '.ln < gleidmngegabe. — Von 'einen beiden Almen, dem Geldhändler und kein Rabbiner ererbte Eigenschaften. — Klarheit, Lchärfe und Geschmeidig keil des Geiües. — "Sifie bei fern .luden Gelehrsamkeit allezeit höchgebalten wurde. — Tag bei ihm der Untern du obligaioriidi war, — Tie Geinesnbung des Talinnd. II. rein Eharakter. — Warum feiix Ebarakter häufig hinter seinem Verstände nachnebt. — Wie vom sittlichen rtandvnnkte die äußerste Geschmeidigkeit;u »ine:» Rebler wird. — Herabnnken des .Ulfe» mit fcif Jahrhunderten. —, Wie ein t'vn’iMen bisweilen eine falsche Richtung erhalten hat. — Warum das Ehr ge-.o. bei ihm iettener ist. — Erziehung, welche ihm die Jahrhunderte gegeben bab n. . - Wie ihm häufig das Gepräge der von feinen Ahnen betriebenen Pro- Vst.".: m ' iirjcn ist. — reine Ratniliemugenfen. — inwiefern feine Vorzüge »ne 'eine Fehler viel zu feinen Erfolgen beitragen. 1II m.;; v 'dinstcht strebt der .Ulfe danadi, sich unizuwandeln. — Ter o'.rmurlina — Wie die Rare nicht rettungslos in Verfall gc- ratlien ist. I., Bei dem Juden überholt der freist den. Rörper. Ich kenne keine geisteskrästigere Nace. Ter Jude lebt vornehmlich durch den Geist. Teine Tlärke liegt' weniger in seinem Arme als in seinem Gehirn. Wir verübeln es ihm, daß er nicht immer von seiner Händearbcit lebt: es würde ihm dies häufig sauer werden, er besitzt dazu selten genügend Kraft im Arme. Dafür findet er in seinem Gehirn Ersatz für seine Körpcrschwäche. In diesem schwächlichen Veibe wohnen häufig ein klarer Geist und ein starker Wille. Im Gegentheil zu dem alten Hellenen und dem modernen Engländer besteht dir Ueberlegcnhcit des Juden nicht in einem schönen Gleichgewicht zwischen Körper und Geist, Niemand hat öfter das Utens Mtiiit in rorpotv satio Viigctt gestraft. Ebenso und aus demselben Grunde scheint beim Inden das thierische Vebcn auf das Minimum beschränkt. In Folge seiner physischen Beschaffenheit und auch des Alters seiner Enltur sind bei ihm die thierischen Instinctc, die rohen Triebe minder stark und minder gebicleristfi. Ter Körper stellt geringere Anforderungen oder besitzt weniger bestimmenden Einfluß. Fleisch und Blut lehnen sich weniger gegen 'den Geist auf; cs kostet die Tinnc weniger Mühe, sich der Bernnnft unterzuordnen. In dieser Hinsicht ist keine Nace so wenig sinnlicki. Ter Geist ist bei dem Juden kräftiger als der Rörper. Was den Einen geschwächt, hat den Anderen hüyfig gckräfligt. Tic lange und schreckliche Prüfung, welche seine Körperkraft vermindert und an feinen Muskeln gezehrt, hat die T-panntraft feines Geistes erhöht und fein Gehirn gelautert. Ter Geiftcsapparat ist daraus leistungsfähiger und biegsamer hcrvorgegangen. Insbesondere der Berstaihd ist gefestigt und zugleich geschmeidigt wprden. Eine Härtung durch fünfzehn Jahrhunderte Bcrfolgungcn hat daraus ein dehnbares und festes Metall gemacht, schmiegsam und widerstandskräftig; es ist sozusagen unzerbrechlich. Man hat behauptet, der Jude gewöhne sich nnlcr allen Himmclsstrichen an das Klima. Für seine Geisteskraft ist dies noch zutreffender, denn, wenn wir ihn unter den verschiedensten Breitegraden vorfinden, so wissen wir nicht immer, um welchen Vcidenspreis er dort lebt. Bezüglich seiner moralischen Gcwöhnnng besteht kein Zweifel; sic vollzieht sich in merkwürdig schneller Weise. , Ter Jude weiß sich in jede Umgebung; jede Sphäre zu finden. Es ist dies um so' überpascheuder, als er in Folge seiner Abftainmnng, seiner Ueberlieferung, seiner Abschließungsgewohnheilen der wenigst schmiedbare und wenigst veränderliche der Menschen erscheint. Toch dies ist nur auf der Oberfläche, oder wenn man lieber will, im geheimen Grunde seines inneren Wesens. Man betrachte film in seinem Ghetto oder in den Iudcnschaften des Dricnls; da ist er der Altherkömmlichste der Menschen; man würde ihn für unmerdar in seinen, Eultnsübnitgen versteinert^ in seinen Gebräuchen zur Mumie geworden halten; für eine Art lebendiges Fossil. Befreit man ihn von den Umhüllungen seiner Ueberliesc rungen, versetzt man ihn in ein anderes Vand oder Milien, so ist er augleichungsfühig, ernencrungsfähig, fortschrittlich wie kein anderer Mensch. Iu jedem Inden steckt eine verborgene Ber Wandlungsfähigkeit, die mich oft in Bcrwnndernng gesetzt hat. Er ist zu allen Umwandlnngcn bereit, ohne kaum jemals das Gepräge feiner Nace cinztlbüßcn; sowie er auch in feinem Fleische das Äcgclmal seines Glaubens bewahrt. Er besitzt die cigenthttmliche Fähigkeit der beliebigen Häutung, ohne im Grunde den Inden aufzugebcn. To ist er jener Mensch, welcher sich am meisten verändert und zugleich am wenigsten ein anderer wird. Darin ist er vielleicht einzig in seiner Art. Es steckt etwas vom Proteus in ihm. Es grenzt ans Wunder, wie leicht er sich mansert. Er ist wie ein immerftüssiges Metall: man kann ihn in alle Formen gießen, er nimmt alle Gestalten an, ohne den Kern zu ändern. fZorljktzung folgt.) Man aboiuiirl das Freie Blatt in der Administration, Wien, I., Scilerstätte 10, Abonueinentspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 st. 25 kr., vierteljährig 05 kr. Herausgeber: Ernä Victor Zenker. — Verantwortlicher Redactenr >in zeitweiliger Abwesenheit des E. B. Zenker): Fosef Vormahlner. Truck von Cb. Reißer L: M. Werihner, Wien.

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