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Freies Blatt · 1893-07-23 · 68 (23.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
68 (23.7.1893)
Date
1893-07-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 68. Freies Blatt. Leite .'! cinem Fremde», dem ich eS, wcim cs zerrissen würde, nicht ersetzen könnte. Es werden im Talmud zweifellos noch niclir Stellen sein, die zeigen, welchen Werth die jüdische Ethik auf Ehrlichkeit legt. Aber ichi plaudere ja nur aus der Erinnerung. Taß de» Ehristcn oder 11» gläubigen gegenüber Unehelichkeit gestattet wäre, ist - mir absolut nicht in Erinnerung. Ich erinnere mich nur an eine ciiizige LebcnSrcgcl für Inden mit Bezug auf Andersgläubige Beim Gehen über eine Brücke soll man den Andersgläubigen vorauSgchcn lassen, weil dieser Einen ins Wasser werfen könnte. Taß nnS Kindern die Ehrlichkeit nicht nur Juden gegenüber heilig war, geht daraus hervor, daß wir einen jüdischen Altersgenossen, der einer Bäuerin Sbst gestohlen hatte, jahrelang Dieb schalten und nichts mit ihm zu lhun haben wollten. Tarnm fällt eS mir aber natürlich nicht ei», behaupten zu wollen, daß cS _ nicht auch jüdische Diebe und Betrüger und sonst unehrliche Juden gibt. Ich behaupte nur, daß die jüdische Religion damit ebensowenig zu thun hat wie die christliche mit den Dieben oder anderen Ber blechern unter den Ehriste». toiqc (Hosrath Kaan.) Der pensionirlc Hofrakh Julius Kaan wurde unter Euratcl gesetzt. Diese Enratrtverhängnng hat eine bcmcrkcns wrrthe Borgeschichte: Gegen Hofrath Kaan, der an der Spitze des' verslchcrungStcchnischen Bureaus im Ministerinm dcS Innern stand, wurden vor einiger Zeit in Antiscinitcnblättcrn die ehrenrührigste» Anwürfe erhoben, welche gewisse „Volkstribunen" im Abgeordneten hause wiederholten. Auf eigenes Ansuchen dcS Bcrunglimpften wurde hieraus gegen ihn sowohl eine strasgcrichtlichc. als auch eine disciplinarc Untersuchnng eingeleitct. Beide ergaben, wie der -Ministerpräsident in öffentlicher Parlamcntssiyung constatirtc, daß die Amtsthütigkcit des liochverdienten Staatsbeamten Gegenstand böswilliger Berdüchtignngcn war. In Folge der vielen Aufregungen, welche die Erörterung in jnriöser Beschuldigungen mit sich brachte, nahm aber der- Gcsundheiisznstand des ohnedies leidenden Hofrathcs eine traurige Wendung, und er wurde bald »ach Einstellung der Untersuchungen in ehrenvollster Weise unter Anerkennung seiner hervorragenden Wirksamkeit in den Rnhcstantz versetzt. Die Befreiung von den AmtSgeschäften scheint ihm jedoch nicht die erhoffte Beruhigung seiner zerrütteten Rcrvcn gebracht zu habe», so daß er in Bcrfolgungswahn verfiel und unter Enratel gesetzt werden mußte. (Rohheit lind Bosheit.» Ter bei ciner LcichenbcstattungSnnlcr nchniung bcdicnstete Kutscher Stefan Rcnbergcr hatte sich am 17 d M. vor dem Bezirksgerichte Bandstraße zu verantworte», weil er de» Kutscher eines Eiswagens, August Wer n etz, angeblich mit der Peitsche mißhandelt und ihm eine leichte Körperverletzung beigebracht hätte. Das hiesige Antiscmitcnorgan hatte seinerzeit eine» Bericht über den Borfall gebracht, und zwar unter der Ucberschrisl: „Rohheit des Kutschers eines jüdischen Leichenwagens". Tie Polizei ärztliche Untersuchung, die sofort nach dem Borsallc vorgenoinmen wurde, ergab indessen nicht die mindeste Bcrletzung Wernctz'. Reu berger, übrigens ein Bollblnt-Aricr, erzählte bei der Bcrhandlnng den Verlaus der Scene folgendermaßen: Er habe damals eine» vierspännigen Leichenwagen gelenkt, der zur jüdischen Fricdhofsabtheilung fahren sollte. In der Rähe des Jnvalidenhauses im III. Bezirke sei Wernctz mit seinem Eiswagen iinnler näher dem Leichenwagen z»- gcfahren; alles Anrufen nnd Schreie» sei vergeblich gewesen. Entweder müsse er geschlafen oder eine Bosheit im Schilde geführt haben. Bergenens sei er immer weiter bis knapp zum Tzottoir ansgcwichcn, | die Gefahr sei gewachsen. Ta habe er mit dem Peitschenstiele Wernctz leise berührt, nicht um ihn zu mißhandeln, sondern um ihn ans die Gcsahr aufmerksam zu mache», da der Eiswagen bereits an die Lcichcnwagenpfcrdc angefahrcn war und den Strang beschädigt hatte Auf das hin habe Wernctz eine nicht wicdcrzugcbendr | ^(cugcvtiucj über den im Wagen ruhenden Tobten gcthan. Mehrere Zeugen bestätigten diese Aussage vollinhaltlich, ejner derselben aber, der Fiaker Timm a n t, welcher unmittelbar hinter dem Leichenwagen führ, gab folgende Erklärung ab: Er sei überzeugt, daß Wernctz aus Bosheit nicht aus gewichen sei, so daß für die ganze Wagenrcihc des Lcicheirzüges eine Gefahr bestanden habe, denn eS komme bei. jüdische» Lcichcnbcgäng nisten in den Wiener Straßen sehr häufig vor, daß sic auf diese Weise gestört werden, so daß die jüdischen Leichenwagen schon seil längerer Zeit möglichst entlegene Straßen zu benützen pflegen. Ter Richter, Ahjunct Dr. Schreiber, sprach den angektagten Leichcnkntschcr frei, da eine Berletzung gar nicht vorliege und derselbe mit vollem Rechte Wernctz mit der Peitsche ans die gefährliche Situation aufmerksam gemacht habe. (Ein crfrrilltdicr Umschwung. Ans Waidhofen a. d. Thana schreibt man. »ns: Mit der Enthüllung des^ Hamerling Tcntmals, welche Sonntag de» HI Juli hier stattfand, beging nicht Waidhofen allein einen erhebende» Festtag, cs war, vielmehr ein Freude» und Ehrentag für das ganze Waldoiettcl nnd seine Bewohner, wessen Standes sie auch sein mögen. „Tic Seiten sind andere geworden," sagten die, Kenner der Bolksstinnnnng im/Waldviertcl, als sic Sonntag Morgens^ etwa 21»»> Lehrer nnd Beamte, Handwerker, Kauslcnte nnd Bauern hier sähe», welche alle gctommcn waren, nm Zecigen zn sein bei der Ehrnng des heimatlichen Tichlcr's. Bemerkensivcrih ist cs, daß in dem zun, „Reiche des freicrwählten Herzogs der Sslniart" zählenden Städtchen nur zwei seiner Vasallen sich mit ossenem Visir hcrvorwagten. Es waren dies der „herzogliche" Wirthschastsadjnnet nnd ein chemaligcr t^chilfc Bergani's, bei dem gegenwärtig die „Kalenderanmeldcbögcn" sür den „dcntschnationalcn" Kalender erhältlich sind. Ten Mangel n;t tslenosscn suchte» sic dadurch zu ersetzen, daß sic sich mit Kornblumen nbcrtndeu, solche auf den Ealabrcscrn, im Knopfloch nnd zeitweilig auch in der Hand trngen. Tie isolirtc Stellung, welche die beiden.„Unverfälschten" in Waid- Hofen einnahnicn, das Lächeln, das inan allenthalben ihreraufdringlichen Tcinonstration cntgcgcnbrachtc, mußte ihnen beweisen, daß des Ten roncnpapstes Herrlichkeit dem Ende nahe fei. Haben sic diesen Stand der Tinge ihrem Herrn und Meister wohl auch gemeldet? Letzterer söniilc daraus ersehe», daß cs wieder in den Köpfen und Herzen zn tagen beginnt. Bor wenige» Wochen war in Krems beim Bolksbildungs tage ei» mächtiges Aufstacker» freiheitlicher Regungen zu beobachten; der 1 •’>. Juli zeigte dies »och deutlicher. Auch das sclswarzgclbe'Banner hat längst wieder die schwarzrothgoldenc Tricolorc vcrdrünat, die man bei dem Hanicrlingfestc in Waidhofen gar nicht sah. Po gab sich äußerlich ein Umschwung knnd, der sich allmalig innerlich vollzogen haste. Es ist ein Umschwung znnr Besseren, der bei der riüchstcn Wahl im Waldvicrtcl auch einen imposanten Ausdruck in der Slimntenzahl der fortschrittlichen reichstrcucn Wähler erhalten wird. rr,. in. (Eillt Nlltijrmitischc „Hcldciltlmt".» Ans S-alzbnrg wird uns geschrieben: Schon einmal I8S(J) kam im Salzburger Eurhausc'der Fall vor, daß ein Antisemit, während eine S nvcrtnrc von Bcendels sohn gespielt wurde, sich mit den Worten entfernte: „Bon einem Juden will ich nichts höre»!"» Ter einzige Esicet war damals, daß der Patron von den Kellnern ansgelacht wurde. Ein Erccß, der vorige Woche im Enrhanse stattfand, gibt jedoch mehr zn denken, da cs den Störcnsricdcn möglich war, im Saale zn verbleiben Tas „Salz bürg er Volksblat't" berichtete darüber: „Als,die Suvertnrc zur Spcr „Libuscha" von Smctana verklungen war und allenthalben im Saale Beifall gctlatscht ivurdc, vernahm man von einem Tische aus , starkes Zischen, das umso stärker wurde, je lebhafter das übrige Publicum applandirtc. Aller Blicke-wendeten sich »ach jenem-Tische, und siche das an demselben saßen einige junge dcntschnationalc Antisemiten, die offenbar das bedrängte Dcutschthnm zn retten glaubten, wenn sic ein Werk des tschechischen Eomponistcn Smerana anszischle». Ans diese „Hcldenthat" dürfe» sich die Herren wahrlich wenig cinbildcn. Ist cs an nnd für sich schon taktlos genug, die große Mchlhcst eines EoncertpublicnmS in seinem Urtheile über eine Eomposikion tcrrorisircn zn wollen, so macht ein derartiges Borgehcik cmc» um so widerlicheren Eindruck ans jeden Gebildeten, weil» man die Absicht merkt, daß mit einer so aufdringlichen MißsaUeitsünßernng nur eine lächerliche politische Tcinonstration znm Ausdrucke gebracht werden soll Kunst und Musil, .so sollte man wenigstens glauben, find international, nnd kein gebildeter Mensch wird den Werkh eines Kunstwerkes nach der nationalen Ab stammnng feines Schöpfers benkessen. Tas hätte» jene heißblütigen Tcutschnatwualen, die sich zn einer derartigen Taktlosigleit Hinreißen ließen, sich vor Augen Hallen sollen/ Tenkiche Musik steht heute Überall in hohem Ansehen, sie wird von deir Slave» ebenso geehrt, wie von den Roinancn, nnd das erfüllt gciviß jeden echte» Trnlichen mit Stotz nnd Bcsriedignng. Tas bloße Schicklichleitsgesühl sollte also schon gebieten, daß Tcnlschc dem Werke eines Eomponisten nichtdenticher Zunge, nnd wäre derselbe auch ein Tscheche, dieselbe Gerechtigkeit widerfahren lgssen. 'Wo kämen denn unicrc deutschen Eomponisten hin, wenn ihre Werke in nichtdcntschcn Landen ebenso behandelt würde», wie Smctana's „Libuscha" Snverlnrc im- Enrsaal? «^tauben vielleicht unsere dcutschnalionalcn Antisemiten, daß das musitsrcnndliche Pnblienne sich ihrem Tietat widerspruchslos fügen und ans den Genuß guterslavischer Munt nur deshalb verzichte» soll, weil dieselbe ihrem Gcschmaik nicht bchagt? 'So weil darf der nationale Ehanvinisinns de»»' doch nicht getncbc» werden. Ucbrigcns hak das Pnblicnm zn einer Art Sclbstjnsti; gcgrisse» .Als nämlich zivci Herren ' von jenem Zischcr Tischc, welche de» Saal sür einige Zeit verlassen hatten, wieder in demselben erschienen, vernahm man von allen Seilen Zisch laute. lind begleitet von denselben — die Eonversation war für einige

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