Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 68 (23.7.1893)
- Date
- 1893-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seit* 4 Freies Blatt. Nr. 68. Augenblicke vollständig unterbrochen — mußten die beiden Herren Dentschnationalen den Weg zu ihren Plätzen juriirflegen. ES war das ein sörniliches Spießritthenlaufen, um daü wir die Betreffenden wahrlich nicht beneideten. Diese Zurechtweisung .haben sie aber, weiß Gott, verdient " Zuletzt dürfte in einer Taisonstadt nichts von Gonnod, Bizet oder Berdi gespielt werden; sie sind ja auch keine Deutschen! - Der Antisemitismus und dir Beamtenschaft in Trutschland. > Die antisemitische Bewegung im -Deutschen Reiche wird, wie zahlreiche Borfälle bei den letzten ReichstagSwphlen neuerdings zeigten, von einem großen Theile der Beamtenschaft gefördert. Diesem Uebelstande widmete kürzlich das „Berliner Tageblatt" einige treffende Be mertnnge», die wir im Nachstehenden wiedergebe»: „Ter eigentliche Bater der verderblichen Bewegung war ein gewandter, in der Wahl seiner Mittel nichts weniger als heikler Man» 'in angesehener Stellung, 'ein Hospiediger, und kein Geringerer als Fürst Bismarck drückte ilir das Tiegel seiner wirkungsvollen Gönnerschaft auf. Er war wohl zu llng, um.ein überzeugter Antisemit;» werden, aber er sah, daß die Jndenhetze sich als Mittel zur Bekämpfung des verhaßten Vibe ralisnius werde gebrauchen laffen, und deshalb förderte er sie wenigstens mittelbar. Die Beamten, deren Selbstständigkeit längst durch den kraftvollen und häusig ge raltthätigen Willen des Altreichskanzlers gebrochen war, merkten bald, woher der Wind blies, »nd schloffen sich immer offener an den Antisemitismus an. Gras Eaprivi ist eine zu vor nehme ^riftur, um eine demagogische Agitation seinen Zwecken dienstbar;» mache», deren llnsittlichkeit er wohl erkannt hat, aber die Beamtenschaft im Allgemeinen, der zahlreiche Mitglieder angehören, welche mit dem neuen Eonrse nichts weniger als einverstanden sind, hält sich von der antisemitischen Demagogie darum doch nicht, fern. Richt Wenige ans den Reihen der politischen Beamten betheiligen sich, mögen sie nun einen höheren oder niederen Rang in ihrer Hierarchie einnehmen, nngenirt an der Agitation und treiben Jndenhetze, ohne jemals von ihren Borgesetzten deshalb behelligt zu werden. An sich hatten wir von nnserem liberalen Ttändpnnkte aus gar nichts dagen einzuwenden, daß auch Beamte für ihre lieber,eiigititg in der Tesientlichkett wirken, sofern es mir in geziemender jvofm geschieht, feinden wir dieselben dabei ans der Teile des Antisemitismus, so bedauern wir eS, aber wir machen Len Beamten selbst keinen Borwurf daraus. Was wir dann aber fordern, ist die- Gleichberechtigung für die Anhänger aller Parteien im Beamteitthnm. Tonne und Wind muß gleich vertheilt sein, dem freisinnigen Ttaatsdiener darf es ebenso wenig verwehrt werden, 'ür einen Rudolf Birchow einzutreten, tyie dein antisemitischen, dasselbe für einen Reetor Ahlwardt zu thu». Und auch dem beamteten Bekenner socialdemokratischer Gesinnung gegenüber muß dann das gleiche Recht und die gleiche Freiheit obwalten. Werden die Beamten in der Ausübung ihrer staatsbürgerlichen Rechte überhaupt nicht beschränkt, >'o ist Alles in Ordnung,. mirb aber den Anhängern der eine» Partei, die Betheiligiing an, der Agitation versagt und den anderen gestattet, so ist der Berdacht berechtigt, daß die Regierung der einen sreundlickt und der anderen feindlich gegenüberstehe. Tehen wir bol,er, daß bei den letzten Wahlen zahlreiche Beamte bis zum einfachen Kanzlisten herab für die Eandidaten der antisemitischen Partei offen eingetreten sind, ohne daß man „oben" daran Anstoß genöniinen hat, so schließen wir daraus, daß man in einflußreichen Kreisen einer änderen Meiniuig über die Gefährlichkeit deS Antisemitismus huldigt ai-'- der Reichskanzler. Denn er lptt sich mit einer Tchärse über das r einagogenlhnm der Ahlwardt, Wackerbarth, Hainmerstein <>'onoffen ausgesprochen, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen ließ Aiir den unbefangene» Beobachter stellt sich die z'age der ringe 'olgenderniaßen dar: Tie Regierung nimmt für sich das Recht an'Anspruch, den Beamten die Betheiligiing an Parteiagitatione» zu m hier i!, ii-. macht aber von diesem Rechte den Antisemiten gegenüber keinen >R!r,inch, obwohl der oberste Leiter unserer Politik sich gerade iü ei diele sein schroff tadelnd geäußert hat. Da muß nian doch un wüllnrlich ans den t^edanken koninien, daß gewiffe Regierungsbehörden eniickeder -die Absage des Reichskanzlers an den Aiitiseinitisiniis nicht für 'ein ernit halten, oder euti denen Meinnng mir wenig Werth legen, '^’afee du rite wenig dazu beitragen, die Autorität des Kanzlers zu Helen Tiefe: selbst hat daher unseres Erachtens ein großes Interesse daran, Remednr zu schassen. Wenn man sich nicht dazu verstehen null, len Beamten überhaupt volle Freiheit in der Bethätignng ihrer politischen Ueberzengnng zu gewähren, so mache man mit den Antisemiten wenigstens keine Ausnahme. On diesem Falle verlangt neben, dein Allgemeinwohl auch die Würde des obersten Beamten die Be achtnng des Grundsatzes: Gleiches Recht für Alle." .vitinc Kapitulation vor brm Antisemitismus.) Das Berliner „kleine Journal" brachte die Meldung, der preußische Justizminister v Tchelling habe das Gesuch eines nach Dienstalter, Zeugniffen und Leistungen geeigneten jüdischen AffefforS mit eine Amtsgerichtsstelle ablehnend beschieden und in der darauf nachgesuchten Audienz sich geäußert, daß er mit Bedauern augenblicklichen Strömungen nachzugeben gezwungen und daher vorläufig nicht in der?age sei, einen linden als Richter anzustellen. Wie das genannte Blatt hinzufügte, hätte auch der Präsident des Berliner Kammer gerichtes, Drenkmann, sich in gleicher Weise ausgesprochen. Dazu bemerkte die Berliner „B o lkszeitu n g": Es sei ihre feste lieberzengniig, daß diese Meldung nicht zutreffend sei. Daß solchen Ten denzen von einem der obersten Hüter der Berfaffung Rechnung getragen werden sollte, müffe selbst solchen/ die Nachgerade Alles für möglich halten, als ansgeschloffen erscheinen. Richtig sei, daß Niemand, auch nicht ein von zartester Jugend an mit einem christlichen Tauf zengniffe versehener. Affeffor, ein verfassungsmäßiges Recht ans An stellung im Staatsdienste hat. Aber ebenso richtig sei, daß die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft oder, um dem Gedankengange der Raeenhetzer näher zu kommen, die Abstamntiing eineS- Ttaatsamtsbewerbers verfaffungsmäßig nicht bestimniend sein darf für deffen Anstellung oder Nichtanstellung 'im Staatsdienste. Sollte man, fragte die „Bolkszeitung", in Preußen wirklich schon so weit sein, daß jetzt dem Geschrei der antisemitischen Berhetzer des Bolkes in den Ministerien ein geneigtes Ohr geliehen würde entgegen allen Forderungen der Gerechtigkeit und sogar auch der einfachsten, politischen Klugheit:? Denn wenn thatsächlich ofsieiell der Gedanke anerkannt würde, ein Richter jüdischen Glaubens sei zur Zeit als (vermeintlich) minderwerthig und minder vertrauenswürdig ein Ding der ( Unmöglichkeit, wie viel trüge man dann von amtlicher Stelle ans dazu bei, das Ansehen der zur Zeit im Staatsdienste beschäftigten, im Namen des Königs Recht sprechenden jüdischen Richter vor dem ganzen Bolke herabzusetzen? Sollte dazu jemals ein preußischer Justizminister selbst die Hand bieten können? Gerade Herrn v. Schelling sei zu ' zntrauen, daß er nicht eine' Stunde mehr Minister bleiben würde,- ehe er sich dazu hergäbe, einer demagogischen „Stiömnng" Rechnung zu tragen, die es wagen sollte, niit ihrem schmutzis.en Spülicht die elementarsten Grundsätze der Gerechtigkeit aus einem preußischen Ministerium wegschwemmen zu wollen. In aller Form und ohne Berzug müffe amtlich erklärt werden, daß die preußische'Jiistizverwaltnng uiehtS gemein habe mit den Anschaunngen, wie sie ihr in dieser Mits! theilnng nachgesagt werden. — Ein Dementi ließ thatsächlich nicht lange ans sich warten. In einer hochoffieiösen Note theilte bald darauf die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mit, sie sei in der s'age, die Meldung des „Kleinen Journal" über eine llnterredung zwischen dem Justizminister und einem jüdischen Affeffor dahin richtig znstellen, daß der Jnstizminister die von dem „Kleinen Journal" behauptete Erklärung, er könne bei den derzeit herrschenden Strömungen vorläufig keine Inden als Richter anstellen, nicht abgegeben habe. l?er l?xreß im Brrlincr Caf6 Ronacher.) Der antisemitische „Schriftsteller" Earl August Wald .und sein Genoffe, ein Kauf mann Schulz, die, wie seinerzeit gemeldet wurde, im Berliner Eafn Ronacher einen nächtlichen Eneß verübt hatten, wurden nun vom Schöffengericht in Berlin deS gemeinschaftlichen Hausfriedensbruchs, Wald auch der Bedrohung, schuldig befunden. Wald wurde zu zwei Wochen, Schulz zu einer Woche Gefängniß verurtheilt. (Kriegsgerichtliche Berurtheilung Hcrtwig'S.) Der antisemitische Rechtsanwalt Hertwig in Charlottenburg, Bertheidiger von Ahlwardt und Paasch, wurde, wie aus Berlin gemeldet wird, in seiner Eigenschaft als Reserve Officier vom Kriegsgerichte wegen Berweigeruitg des Gehorsams zu drei Monate.» Festungshaft verurtheilt. Herrn Hertwig wurde anläßlich seiner Reichstagseandidatur in Iffegnitz der Borwurf entgegengeschleudert, er hätte in Breslau nicht nur Spielschulden unbeglichen gelaffen, sondern dabei auch eine kleine „Nöthi gnng" nicht gescheut. Bon dem BezirkS-Eommando Teltow zur Bericht erstattnng über diese Spieläffaire anfgefordert, .ließ Hertwig die Ans sordernng unbeantwortet l Stöcker wieder durchgkfallcn.) Bei der Nachwahl in Neu- SLettin bewarb sich abermals Stöcker um das ReichStagsmandat, und die Tivoli Gesellschaft gab sich alle Mühe, ihn dnrchzubringen. Bor der Wahl schrieb die „Kreuzzeit» ng": „Wir haben stets die Entwicklung der antisemitischen Bewegung mit Theisnahme verfolgt und wünschen auch jetzt noch, daß unS im Kampfe gegen die Macht deS Judenthunis recht viele Waffengenoffen erwachsen. Aber dazu können wir unS nicht verstehen, daß, weil eine gewiffe Richtung. deS Antisemitismus in rührender Bescheidenheit sich allein für befähigt hält, den Staat zu retten, wir ohne weiters zu ihren Gunsten abdanken. Zu dem hohen Grade von Selbstbewußtsein, welches die Herren Ahlwardt, Böckel und Genoffen ziert, dürfte erst dann ein Anlaß ( vorliege», wenn sie den Judenparteien eine erkleckliche Anzahl von 1