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Freies Blatt · 1893-07-23 · 68 (23.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
68 (23.7.1893)
Date
1893-07-23
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Freie, Geschäftliche Vorwürfe. Ein fli'iiicinia „lalimifciiiöc" ließ vor Kurzem bei Richard Wil helmi in Berlin eine Schrift : „Ernste Plaudereien über die Jndenfrage" er'cheinen, welche unter 2lndcrem ein sehr bemerkenswerthes, „<^c ichüstlichc Borwiirse" l'ctiteltctf Eapitel enthält. 26ir wollen von dein selben nehmen, schicken aber eine kurze dlntobiographie des 2Krsasiers voran, od| bin, schreibt er, ein sogenannter „Talmudjude" gewesen, d b ich luü’c in inciner sriihe» singend fast ausschließlich Talmud slnditl und noch später eine ganze Zeit dieses Studium sort gc'ct-l. 26as aber noch wichtiger ist, ich entstamme einer sehr bc kannten und angesehenen Talmudistenscimilie. Mein Barer häl mehrere 26crke geschrieben, die in der Talmiidistenwelk Aufsehen erregt haben, oc&et Talniudisr in Tculsdsiand und iveil über Dentsd)lands Grenzen hinaus kennt meinen Rainen.. Zivei Bruder meines Bakers waren sehr tüchtige Talmudinen. 2lns dem Bilde besonders hervorragender Rabbiner, das man hie und da in jüdische» Familien sieht, sinder man das Eoniertei meines Großvaters, od) habe meine Jugendzeit, bis zlini dreizehnten Jahre, in einem Tric zngebracht, den ich, obsck>ön er zu Brcnßcn gehört, doch ganz gut balbasiatisdi nennen könnte. . . Ich kenne alio die Inden gewissermaßen im llrznstandc. 3d) habe eine Elcnientar>d)nle besucht, in welcher Ehrislen und Juden unterrichtet wurden, dann . eine rein jüdische Elementarschule ui einer anderen Stadt dnrd)gemad>t. das <s'nmnasium absolvirt und die Universität bc sucht . . . Id) habe aud> jahrelang int 2lnslande gelebt und kann ans eigener Ersabrung beurthcilrn, wie anerzogcnc i^oviirtbeiic gegen andere elcaee» und Stämme bei näherer Bekanntschaft oft schwinden. Ich bin persönlich in mandnnal ziemlich intime Berührung gekommen mit Runen, Bolen, Engländern, schotten, Iren, Franzoien, Belgiern, Holländern, Tüiicn, Schweden, Schweizern, -Spaniern, Portugiesen, Anicrikanern, Japanern und Hindus. Leit sünszchn Jahre» bin id) mit einer Ebrisiin verheiratet. Im Interesse der Sad>e halte id> es 'ür gnr zu bemerken, daß meine Iran einer guten bürgerlichen Familie aiigermanjschen Ursprungs enlstaulmi. Ihr 'Aatcr war ein seinerzeit angesehener Künstler, ein £uhsrennd von Franz Viszt, verkehrte mit Titers und einigen der hervorragendsten Parlamentarier . . In religiö'er Beziehung bin ich i'o weit vornrtheilslos, daß, als aus Rück fidit ans die Familie meiner Iran ein in srüheren Jahren oft ge nannter und bekannter «Geistlicher mid, bekehren wollte, ich wiederholt Unterredungen mit ihm über. die christliche Religion hatte und aud> die 'Apologien des Ehrisienthums,. die er mir lieh, mit Eiser und : Interesse dnrchlas. Taß i'd, mid, trotzdem nid>t habe kaüsen lassen,! bat seine» Grund darin, daß id) nicht vollständig überzeugt werden , tonnte, was vielleicht nur gegen meine Auffassungsgabe Zeugniß ab j legt oder fitv die Schwierigkeit, heutigen Tages Einen von der Be deuknng der U»tcrsd,icde der verschiedenen Religionen zu überzeugen, j Wen» id) auch ielbsi mid) nicht zur Taufe hatte cntsdilicßen können, - >'e häkle ,id) dod, nichts dagegen gehabt, daß die Kinder gctanst wurden.! -Iber mittlerweilc hatte die Stöcker'sche Agitation begonnen: da war! es meine d)tiftlid)e Iran, die tun? der »och sortdaucrndcn Billen ihrer ' 'einzigen als ungewöhnlich sromni ip gewissen Kreisen bekannten Sdiwesicr unr unter fotdteu Umständen die Tanke nid)t znmnthcn wollte, ja entschieden dagegen war. Tic Kinder wachsen daher als „Heiden" ans, nchincn aber in der Schule an dem evangelischen Unter i id)te thcil. Ich bin also weder leichtsinniger und oberflächlicher Renegat, nod, von 2-ornitheilen gegen das Ehristcnthnni besangen. \ Im 'Ganzen wurzle ich, wie man sieht, mehr im Ehristciithnm als im Judenihnm. Ein 'ehr bekannter Prediger stellte mir das Zciigniß 'elch r Reise für das El» istentlium ans, daß er mich in einer halbe» Linnde völlktäiidig bekehren zu können crllärkc, wenn id) ihn besnchle. - .'di die aittifcmititdie 'Agitation, die dieser Prediger specicll alis Tee!' verabscheute, hatte jetzt soldic Timcnsiouen angcnoimncn, eaü :di -- ini eine Jnsamie gehalten hätte, zu dcscrlircn, und gälte .' ' . 'i das Scelmheil Roch will id, bemerken, daß der Äniisenii-;l! ■ u'chis Renes ist, id, also unbefangenerihm gegenübersiche,- \ uuk ea>r A> ,v e r persönlich nod) pecuniär irgend welchen Nachtheil l >»s o.. -B-.ir:gnn.'. I n- Pcrsönlid).habe id) nichts zu leiden, da ich zrsiiihch;»iu.k.z-:;e.a.>!i. ' und and, geschäftlich nichts mit dem Pu- ' bli^.im dired z« kkn.i : e! Mein'Aussehen und mein Raine vcrralhcn nidn inmu »idi'dr 'Abnamiiiiinn, Ich habe viele gute Freunde, die iiichl winen, daß 'ch oute .»!' Sd> habe im 'Auslande in einer ^diiU^ geivoh»! lind unkerriditei, ohne daß Jemand eine. Ahnung halte, id) sei »nide. Las -r völligste aber jedenfalls in, .daß, als ich heiratete, die Hansbewohner sagten, ich scheine eine Jüdin, geheiratet zuhaben, obwohl ich einer Rabbinerfamilie, incine Iran aber dem nnrersa!sd)t>'kken delttichen Bolksstammc angebörk, dem weskphälischcn, und :'var »äkcrlidnrivic miitterlicherseiks. Blatt. , Nr. 68. In dem Eapitcl „Geschäftliche Borurtheile" führt der gewesene „Talinndjnde", den wir nun näher kennen gelernt habe», Folgendes ans: U»ehrlid)kcit ist ein schwerer Borwnrf, der den Inden gemaäst wird, und der so häufig wiederholt worden ist, daß man ihn kanni nod) beweisen zu »iiisten glaubt. Er ist ein Ariom. Aber solchen Ariomen gegenüber, weld>e ganze» Bolksstäinmen gcwiffc Tugenden oder gewistc Fehler;nsd)reibcn, ist der größte Skeplicismns angebracht. Gewiß hat jedes Bolk, jeder Stamm seine Eigcnthümlichkeite». Nur soll man sich sehr hüten, eineni ganzen Bolksstanime eine Borliebe für 2'crstößc gegen die Hanptlehren der Moral oder für Uebcrtretung gewisser Strafgesetzbud)-Paragraphen znzuschreiben, wenn nicht, wie beispielsweise in Rußland, die Zustände die Bewohner zur Uebertrctung gewisser Gesetze geradezu zwingen. Wie Frauen der Tugend schöner Geschlcchtsgcnossinnen zu mißtrauen pflegen, so ist man mißtrauisch prosperirenden Geschäftsleuten gegenüber. ' Prosperirt gar anscheinend ein ganzer Bolksstauim, eine Religionsgenosienschaft, eine Bereinigung, dann ist mau gleich mit eineni Makel für die ganze Gruppe fertig. Tas Bolk koulmt nid>t auf den Gedanken, daß die Freimaurer einander unterstützen, nein, sic müssen mit dem Bösen im Bunde stehen. Grieche ist im Englische» . gleich Jude ein Synonym für Betrüger. Tie Armenier, Ehincsen, Bankers stehe» im Weltverkehr gletd) den Juden in schlechteui Ruf. Tie Engländer dichten den Schotten fol gende Hebcnsregel an: Erwirb ein Berniögcn: ehrlid), wenn es geht, aber — erwirb ein Bermöge». Jeden einzige» nicht auf den Glauben bezüglichen Borwurf, den man in Deutschland den Juden macht, niadicn die Rusicn den dod, nnr dnrd) ihre Intelligenz und Nüchternhcit. in Rußland prosperirenden Deutschen. Man braud)t nur in russisd)en Zeitungsartikeln, in denen gegen die Tentsd)en im 6ande hergezogen wird, für „Tentsd)er" — „Jude";n setzen, und die Artikel könnten ohne weiters in jedem 'Äntiseniitenblatte stehen. Tie Epitheta, die nian brand)t, iveiin man von Einem etwas Gutes sagen will, ohne daß nian eigentlich weiß, was man sage» , soll, sind überaus d>arakteristisch fttr Bölker und Elassc». Der Deutsche sagt von einem Mansie, von dem er sonst nichts zu sagen weiß, er ist ein guter Mann. Tic Beamten sagen von einen) verstorbenen Eollegen, er war ein Pflicht lrencr Beanitcr, lTsficiere betonen die kameradschaftliche Gesinnung, Juristen hebe» die Unparteilichkeit eines Eollegen hervor n. s. w. Man sagt, eS sei eine sd)öne, und wenn das absolut nid)t geht, eine liebe, eine reizende Frau. Man weiß so, nicht wie die gelobte Person wirklich war, sondern ans welche Eigenschaften die lobende» einen gewisien Werth legen. Run, die Juden sagen von eineni Glaubensgenosien, von dem sic allgemein etwas Gutes sagen wollen, er sei ein ehrlicher Jüd, ein ehrliches Jüdd)c», die Frau sei eine ehrlid)c Jüdene (Jüdin). Tas scheint mir anzudeute», daß Juden auf Ehrlichkeit eine» großen Werth lege» . . . Meine Mutter war eine geradezu rigoros ehrliche Frau. Eine Römerin oder Spaktanerin konnte nicht größeren Werth aus Tapferkeit legen als meine Mutter nach jeder Richtung hin ans Ehrlichkeit. Wie sparte und knickerte sie, dabei nicht eine» Armen, Jüdc oder Ehrist, ohne Gabe wegschictend, um-nur ja nichts fd)ulbig zu bleiben. Wie ermahnte und lehrte sie, nnr nichts borge», nur »id)tS sdzuldig sein. Ich erinnere daran, daß ich hier von meiner Stiefmutter spredie, die mich aud) keineswegs besonders gut behaildelte, weil sie selbst nie Kinder gehabt hatte lind eine viel zu herbe Natur war, uni besonders liebenswürdig sei» zu können. Ich wurde zwar nie von ihr bestraft, weil sie sid) nicht dem Borwurfe auSsetzen wollte, eine böse Stiefmutter zu sein, aber id) mußte, so oft ich mir etwas hatte zu Schulden komnietl. laffen, von ihr hören: Wenn du mein Kind wärst, dann würdest du jetzt Prügel bekommen haben. Das verletzte mid) nur umsomehr. Rur einmal wurde ich von ihr bestraft, als id) näinlich an eineni Sonnabend durch einen Ehristenknabc»' ein Treipfcmiigstüd ans der Schublade nehinen und es einem Leicrtastenuiann gebe» ließ. Eine sold>c, wenn auch abgeschwächte Geldmanipulation am Sonnabend war ein zu großes Berbreche», als daß sie ihr Princip, mid) nicht zu bestrafen, hätte ausrecht halten können. Id, erwähne dies, um zu zeigen, daß weder Bande des Blutes, nod> erklärlid)e Tankbarkeit mein llrtheil bestechen. Ich spreche in diesem Zusammeuliange nicht vom Bater, weil er nzit weltlichen Dingen, mit Frage» von Mein und Dein überhaupt nichts zu thun und daher keine Gelegenheit hatte, gerade Ehrlichkeit zu zeige». . . . Aus dem Talmud wußte id) durch eine Anekdote, wie weit die Rücksicht aus frenldes Gut'gehen solle. Ei» arnter Rabbi hatte sick> ein Kleid geliehen. Als er durch ein Dornen- und Distelfeld ging, legte er das Kleid ab, »nd fein halbnackter Körper wurde über und über blutig gerisien. Ein ihn begleitender Schüler fragte, warum er gerade beim Betreten des Distelfeldcs das Kleid abgelegt habe, während doch das Umgekehrte das Ridjtige wäre. Ja, sagte der Rabbi, der Körper ist niein, der kann ruhig Riste bekoniincn. Tas Kleidungsstück gehört aber

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