Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 68 (23.7.1893)
- Date
- 1893-07-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt «d°i>„emki,tsprris: Organ zur Abwehr des- Antiseinitismus. «on,ji>I,>ig Mi« Posljusrudung . . fl. r.ro. Halbjährig fl. I.«. virrinjährig fl. —.«r Sinjdnc Rummrrn 4 kr. Erscheint flll jCbClII Soil»tagt. Rcdaction und Hduiiuisiratio»: Wien I. Seikersiätte 10. „ Nummer 68. ' Wien, 23. Juli 1893. II. Jahrgang. Mit der heutige» Nummer erhalten unsere Leser die zehnte Fortsetzung des Werkes: ptc Iiidk« »ni> brr Alltiseinitismiis, Ilrciet uttfer den ’jJTatiotteu von Änatofc Leroy-Acausieu vorn frcrnzölrscben Srrstitnt. Neu cintretendc Abonnenten erhalten aus verlangen die bereits erschienenen Fortsetzungen nachgelicscrt. I^'ancien re^ime und der ^lnti semitismus. I» der langjährig«» Debatte über den niobmu» AnliscinilismuS hiiben sich die Intelligentesten, d. h. die Urtheilfähigste» fast aller Enlturn.itionen mündlich und schriftlich, auf das Entschiedenste gegen denselben erklärt. Trotz Alledem ist eine Abnahme dieser Bewegung kaum wahrzunehmeil, eher könnte man, vom barbarischen Rußland ganz abgesehen, mit Hinblick auf die letzten derltschen Wahlen daS Gegentheil behaupten. Die Ursachen dieser soeialcn Erscheinung, sind häufig erörtert worden, und es liegt in der Natur der Sache, daß dieselben äußerst mannigfaltig sind. Man thüt aber wahrlich gewisse« Leuten zu viel Ehre an, wenn man sie als die Begründer des Antisemitismus bezeichnet. Wir sind eben allzu gerne geneigt, lediglich diejenigen P«rsoncn, die im Perlaufe einer socialen Bewegung an die Oberfläche treten, für dieselbe verantwortlich zu machen. Auch in unserem Falle bemühte man sich nicht, die scheinbaren Krankheitserreger zu ignoriren und den heutigen Gesellschaftszustand anS dem vorhergehenden zu er , klären. Eö wäre doch eine totale Verkennung deS sociale» Or.! ganismus, wen» man einem einzelnen Manne, etwa Bismarck, i die Fähigkeit zuschreiben wollse, anS sich heraus eine sociale Bewegung zu erzeugen. Eine solche ist initiier, in erster Linie, durch 1 die jeweilige Geistesverfassung des Volkes bkgründet; nur diese ' gestattet Individuen, die Strömung privaten und StandcSinleressen; dienstbar zu machen oder nicht. In unseren Tagen ist es die; crasse Urteilslosigkeit der Massen, die das Entstehen des Anti > semitiSmuS ermöglicht hat, und die wir, wie sich im Folgenden ‘ ergebe» wird, als ein Erbtheil deS berüchtigten „»»den legiiue“ zu betrachten haben. In jener gute», gsten Zeit benöthigte der Bürger keinen Per stand, wenigstens war cs ihm strenge verboten, denselben zu ge branchen. AlleS, waS geschah — und eS geschah selten etwas — mußte inder Centralstelle erledigt werde». Die Regierung mußte Alles sehen und AlleS wissen, indem sie — bei wohlwollender Beurtheilung — von der Voraussetzung ausging, daß Niemand imstande sei, für sich »selbst zu sorgen und seine Interessen zu wahren. Die Verwaltung mischte sich in die gewöhnlichste Privatthäligkeit; Erziehung, Erwerb, Vergnüge» — Alles wa, unter die strengste Aufsicht des Staates gestellt, so. daß'Niemand, weder als Kind, »och als Mann, sich selbst überlassen war. Man bedenke . nun die Wirkungen dieses Systems; das durch die exccssive Ausbildung deS centralistischen Princips in hierarchischer Stufenleiter die lästigste Bevormundung dcö Volkes darstellt. Da man nie in die Lage kam, selbstständig den Kampf nms Dasein aufznnehnicii, da hiedurch die meisten Menschen deS einzigen wohl auch beste» Erziehungsmittels beraubt wurde», dessen sic überhaupt theilhaftig werden — der Selbstbestimmung, Sclbstregierung, so ist es nur natürlich, daß die große Menge sich des Denkens entwöhnte, urthcilslos wurde, und allgemein daS eintrat, was man als „«lel'nui . ile.s|ioiita»dtea bez ich'net. Man darf hier gewiß nicht einwcnden, das; diese Zustände vergangen sind und besseren den Platz geräumt haben. Im Lebe» eines socialen Organismus spielen wenige De. cennien äußerst, selten eine einschneidende Rolle, in diesem Falle deshalb nicht, weil erwiesenermaßen Generationen nicht genügen, um politische Kinder cndgiltig müadig zu machen. Verbindet - »>a» nun den geschilderten Geisteszustand, die wirthschaftlich miß tithe Lage deö »kleinen Mannes" m-M-dem alten, nies ausgestvrbenen Vorurtheil gegen die Juden, das von einigen charakterlosen Menschen für ihre Zwecke dienstbar gemacht wurde, so haben wir als Product den AntiseiniliSmns.;; - Der zweite Umstand, seine Lebensfähigkeit, erfordert nicht »linder unsere Aufmerksamkeit. Man erw«trtete, djiß die Bekenner des RacenhasseS durch die vcrurtheilendcn Enunciationen hervor ragender Autoritäten, ausgezeichneter Politiker rc. ernüchtert würden, indem sie sich vernünftigerweise die Frage vorlegen sollte», ob nicht auch eine andere Ansicht als die ihrige richtig sein könne. Es wäre natürlich AlleS gewonnen, wenn man dies erzielen könnte, wenn cS gelingen würde, diese Leute dem Zweifel, dem Lkcpti cisinuS entgegcnznführcn'. Dieser war immer der Vorbote einer fortschrittlich gesinnten Zeit; er hat in der Lehre die Wisse» schaft, in der Religion die Toleranz, in der Politik die Frei heit hervorgcbracht. So lange ei» Mensch sich, nicht die Mühe gibt, seine Ueberzcngungen zu überprüfen, ist ihm selten bcizukonimcn; dazu bedarf es «wer des Zweifels. Nun kan» man" nicht leugnen, daß einige Beoölkcrungskreise von diesem Punkte noch mehr oder weniger weit entfernt sind, was natürlich Niemanden, der im Dienste des Fortschrittes arbeitet, -enlinuthigen darf. Die Fehler einer vergangenen Zeit war«» zu große, alö daß die Gegenwart so schnell mit ihren Folgen fertig werden könnte. Die Wahrheit hat aber Noch immer ihren Weg «gemacht, und man würde sich einer Banalität schuldig mache», wenn um» darüber »och weitere Worie verliere» wollte. Man könnte sogar behaupten, daß ein letztes Auflebcn dieser mittelalterlichen Intoleranz nothwendig war, um Gelegenheit z'u habe», alle die. Ihörichten Anschuldigungen, die jemals gegen die Juden erhoben wurden, nochmals zu analysiren, und ihre längst gegebenen, aber nur von der Minderzahl «gekannten Widerlegungen dem Volke mundgerecht zu machen und gehörig zu verbreiten. Daün erst wird der Antiscinilismns aus dem Bewußtsein des Volkes schwinden und nichts Anderes sein als ein immerhin inler essantes Studienobject für zukünftige Sociologen." Robert Drill. >