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Freies Blatt · 1893-07-16 · 67 (16.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
67 (16.7.1893)
Date
1893-07-16
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Freies Blatt. Seite 7. Nr. 67. um einen Vorschuß von 200.000 Francs und um die Erwirkung eines Empfehlungsbriefes des Papstes an den Erzbischof von Ncw-?)ork. Der Marquis de MornS behauptet dagegen, fein Vater fei nicht nur ein Knauser, sondern er habe ihn zu beschwindeln gesucht, ei» Vermächtniß verheimlicht und die JahrcSrcnte, die er ihm schuldig war, nicht auSgczahlt. Er sei dem Herzog höchstens 23.000 Francs, keineswegs aber 320.000 Francs schuldig, die dieser. von ihm fordere. Der Staatsanwalt befürwortet die Verhängung der! Euratel mit der Begründung, daß Marquis de Morüs an Größenwahn leide. Ter Entscheidung deS Gerichtshofes wird mit Spannung.'cntgegcngcschcn. ■ 1 Aus antisemitischen Oereinen und Oersammlungen. (Hohe Feier.- Tie Antisemiten „christlich-socialer" Färbung foferlou die Wiedergenesnng Lueger's in kirchliche» und wettlichen Feste», welche dasselbe Anlisemiteiiblatt al« „hohe" bezeichuele, das in seiner „deutsch »alionale»" Acra die WandlungSsähigkeit Lneger'scher Ueberzeugungen sehr drastisch bclenchtel halte. Bei einem dieser Feste gab Patlai, wie dies schon Schneider früher schriftlich gcthan halte, seine»! Mißbehage» über die Bestrebungen der Arbeiter »ach dein allgemeinen Wahlrechte Ausdruck. Die Herren Anliseinileu wisse» es, daß in Wie» ihre letzte Stunde schlagen würde, wenn das siirt'rage imiversel ein* geführt werden möchte, zu dessen Günsten vorigen Sonntag imposanle Arbeilcrknndgebungen staltsande». Schlesinger, iunner klug und weise, führte ans einer Rede, die er offenbar gehalten hätte, wenn Lueger den Weg alles Fleisches gegangen wäre, folgenden Satz an: „Heute stehen wir an der Bahre eines Mannes, der sein ganzes Lebe», seine ganze Carriöre, sei» ganzes Vermögen-!) dem Dienste des BolkeS gewidmet hat!" Ans Lueger'S Tankrede führen wir »ach dem „Deutschen BolkSblatte" einige Stellen an. Bei aller Fröminelci bc künden sie, wenigstens was den Bürgermeister Dr. Prix betrifft, eine sonderbare christliche Gesinnung. Lueger sagte: „Als daS Eomsortablepferd mit mir durchging, gab es einen Moment, in dcist ich auf jede nienschliche Hilfe unbedingt Verzicht leisten mußte. DaS Comsortablepferd fuhr vorbei bei Menschen, und-eS regte sich keine Hand. TaS Eomsortablepferd firhr, eiugegen der polizeilicip-» Lorschrist, mit außerordentlicher Schnelligkeit über ötreuzungspnukte, aber kein - SicherheitSwachman» fand sich, der das Pferd zur Drdnnng verwiesen hätte, lind, so kam der Moment Hera», in dem ich aus jede menschliche Hilfe verzichten mußte. In einem solchen Moment denkt man auch an eine höhere Macht, und ich sage: wenn nicht Gott mich beschützt hätte, so würde ich nicht, da .sein. Ich werde daher auch in Hinknnsl mit um so größerem Mntlie mich überall hinbegebe», ich weldc Menschen nicht fürchte», nachdem ich erfahren habe, wie geringe und erbärmlich die Mepschcinnachl auf Erden ist. Ich werde mich nicht sülchten vor der geheinien Macht der Liberalen, nnd ich werde mich auch nicht sülchten, vor der Masse der Socialdemokraicn alles dasjenige;u vcrlhcidigen, was ich für recht und ehrlich Halle. Ich kann sagen, ich habe schon öfters den Stein aus die BergeShvhc hinaufgerollt, aber der Zufall wollte es, daß dtri'elbe wieder in die Tiefe fiel. Aber ich habe nie verzweifelt und den Stein iunner wieder genommen nnd binanfgewälzt, und es haue schon einnial den Anschein, als ob der Stein wirklich auf der Höhe wäre. Aber Prix war ein mächtiger Herr, und im Bunde mit dem Statthalter ersand er ein Wahlslistei», und — der Slein polterte wieder hinab. Aber ich habe mich nicht abschrecten lassen, nnd jetzt befindet sich der Stein schon wieder auf mittlerer Höhe. Und wenn Gou ivill und wenn Sie wolle», werde» wir de» Stein immer höher hinanfrollen — ist er endlich aus der Spitze, dann wollen wir den Stein liegen lassen, fest cinmauer», darunter den Bürgermeister Prix bette» nnd darauf schreiben: .Damit das Volk und deS BolkeS Herrschaft eine sichere Grundlage habe, habe» wir den eiserne» Bürgermeister'...." „Donnernder Applaus und dröhnende Beifallsrufe" begleiteten tliefe Worte. Die Bürgermeisterei, welche Lueger schon iii der Tasche zu haben glaubt, hat er indessen noch lange nicht Der Stein, de» die Irreführung der „Hausherren" und ein arger Mißgriff eines BruchtheileS liberaler Genicindcrälhe hinanfgcrollt babe», ivird schon wieder hinabpoltern. Schlesinger steht noch nicht au der Bahre Lueger'S, aber auch Lueger noch nicht an der Bahre Prix'. ldttin comproinitlirendeS Compromiß.) : In einer Pcnzinger Ami semitenversammlurg wurde die Lüge ansgestreut, die Liberalen deS XIll .Bezirkes hätte» eS auf ein Eompromiß mit de» Antisemiten abgesehen Thalsächlich kann aber von solch einem coinpromillirenden Eonipromiß nicht die Rede sein. Wohl wnrde der Bersuch unternomme», i» rein conunnnale» Angelegenheiten eine Einigung im Imereffe deS Bezirkes zu erzielen, allein an Eoncessivnen aus' st osten freiheitlicher Grundsätze dachte kein Mensch. Es stellte sich übrigens bald heraus, daß den Antisemiten jeder Sinn für gemeinsaine Zwecke abhanden gekommen sei nnd sie die Hetze höher stellen alS alles Andere. („Ju der liefeil Volksseele lesen."» Ehre» Böckel erklärte in einer zu Berlin abgehaltene» Bersammlung von Antisemiten verschiedener ConleurS, die ankistlitilijche Bewegung sei nicht zum Scandalmachen da, sondern „um in der i tiefen Volksseele zu lesen"^Bord/rhand sahen wir nur, daß unterschiedliche Antisemilenführer bei ihren »virthschastliche» Gründungen einen tiefen Griff in die LolkStäsche gemacht und Provisionen bezogen habcii, die dann ihrem-Gedächtniffe entschwunden sind. (TaS rrichöiiiiiiitttelbarc jüdische Großcapital.) Der Recior aller Deutschen hat nicht nur mit seinen Proceffe», sonder» auch mit de» Fremdwörter» großes Malheur; die Unfälle, die er im Gebrauch der Letzteren erlebt, übertreffeu noch die literarischen LapsnS des BadcrS Türk und sind wenigstens pol» Standpunkte Ahlwardl's weit weniger harmloser Natur. In einem Verträge, den der-Hoppelt gekürte von ArnSlvalde und Neustctti» jüngst in den „Äcrmaniasälen" in Berlin hielt und in ivelchcm er eine glänzende Perspective ans seine parlamentarische ZnknnftSthätigkcit eronuete, erklärte Ahlwardt, er werde sich gar nicht scheue», dcinnächst im Reichstag zu beantragen, daß der' größere j ü d i s ch e B e s i tz „i in in e d i a s i r t" >.v erde. Ahlwardt wollte ivohl „niediatisirt" sage», mit welchem AnSdrncke man eine Art ConfiScatio» der SouveräuitätS rechte gewisser reichSumnittelbarer geistlicher und weltlicher Fürsten bezeichuele. Ta» „jüdische Eapital" immed iatisire» hieße, eS rcichSniiinittelbar machen und ihm also auch alle Privilegien der ReichSumnittelbarkcil wie z. B. die „Slenerfrciheil" verleihe». Trotz des blühenden Unsinnes! de» Ahlwardt damit geleistet, wurde ihm doch von seinem Auditorimn natürlich wüthend applaudirt. Auch 1» Berlin scheint daS Wott berechtigt zu.sein: „Unseren Lcmcn könne» wir Alles bieten." Aus antisemitischen Blättern. lGclogru wie gcdrmkk.) Eine schauderhafte Historie von einem „echt jüdische» stniffe" wußte daS „Deutsche BolkSblatt" (Nr. 160t! vom -'S. Juni) zu berichten: „Ein jüdischer Mediciner Armin Reiß sollte am 21. Juni sein letztes Rigorosnm haben. Sein Wiffen aber, mit hem er später der leidenden Menschheit den Tod vom Leibe hallen sollte, mußte ei» bedenkliches Manco anfwcisep, das er auf, die folgende Art mit Hebräerschlauheit au» seinkin PrüsnngSsüpdenregister zu tilgen suchte. Ter eine der Prosefforen verkündete ihm nach dfr Prnsung, daß er anS dessen Prüfungsfach nicht eiwproche» habe. Ter schlaue--Jude läuft dem sich ans denl Rigoroscnsaal. entfernenden PrüsnngScommissär nach, zieht anS der Brnsttasche eine wohlhergerichtete Depesche und bittet den Professor, sich doch seiner zri erbarmen, da ihn ohnehin, wie man ans der Depesche erieheii könne, ein furchtbarer UnglnckSsaU betroffen habe. Das angebliche Tclegramin enthielt nämlich die Nachricht vom Tode seines BalerS. Ter Professor ließ ihn anS HnmanitälSrücksichten „laufen". Auch an zwei andere Prüsnngscommissärc wagte sich der Schwindler in ähnlicher Weise heran. Dem einen der Herren kam aber die Geschichte doch etwas verdächtig vor. Er ersuchte dr» Tcca», Erknndignngen einznziehe», ob der Inhalt des Rigorojum-Tranerelegrannncs ans Wahrheit beruhe. Ter Decan depeschirkt an den Gemeindevorsteher des SrtcS, das den großen p,künftigen Dr. Alinin Reiß seinen Sohn zu Nenne»'die Ehre hat. und siehe da, Tateleben befand sich dort ausnehmend wohl. Da« Telegramm zeigte sich als eine freche, unerhört kecke Lüge. Ter Jude dürfte nächstenspromovircn." Soweit das„Temsche'VollSblatl" Die.Historic beweist wirklich aus« Schlagendste, wie berechtigt also die Judenversölgnnge» in Rußland sind. Ter einzige Fehler, de» die Geschichte zu haben scheint, ist der, daß sie einfach von oben bis unten erlogen nnd erstunken ist. In seiner N.immer vom 7. Juli sieht sich nämlich da« Srgan aus der Liitken Bahngasse gezwniigen, solgcnde Berichlignng abzüdrncken: „ES ist wohl ivahr, daß Dr. Armin Reiß am 2l v. M. sein letztes Rigorosnm machte: cs ist »edoch unwahr, daß dessen Wissen ein bedenkliches Manco answeiicn 'mußte und daß hierauf daS Vorgehen des Herrn Dr. Armin Reiß schließen ließ. Es ist uinvahr, daß Herr Dr. Reiß dieser Manco irgendwie Mit Schlauheit ans seinem Prüsungs-Sündenregister zu tilgen suchte. ES ist nmvahr, daß einer der Prosefforen ihm »ach der Prüsung verkündete, .daß er a»S dessen.PrüsungS'ach nicht entsprochen, babe, unwahr, daß Dr. Arinin Reiß dem -sich anS dem Rigorosensaal entfernende» PrüsungScömmissär nachläuft, a»S der Brusttasche eine wohlhergerichtete Depesche zieht und den Proseffor bittet, sich doch seiner zu erbarmen, da ihn, wie man aus der Depesche ersehen könne, ein furchtbarer Unglücksfall betroffen habe. Es ist .unwahr, daß daS Telegramm die Nachricht von dein Tode seines Paters enthielt, unwahr, daß der Professor ihn anS HnmänitätSrücksichlen laufen ließ. Ebenso ist uinvahr, daß Herr Dr. Armin Reiß sich auch an zwei' andere PrüfnngScommiffäre inchhnlichcr Weise heramvagle. ES ist unwahr, daß einem der Herren die Geschichte doch etwas verdächtig vorkam und er den Dcca» ersuchte, Erkundigungen einzuziehcn, ob der Inhalt deS angeblichen Rigorosnm Trauertclegramines aus Wahrheit beruhe. Eö ist unwahr, daß der Teean-an den Geineittdevorstehcr des ^rles depeschirle, unwahr, daß eS sich herausstellle, der Vater de« Dr. Armin Reiß befinde sich dorr ausnehmend tvohl. ES ist unwahr, daß sich das Telegramm als eine freche, unerhörte, kecke Lüge zeigte. Wahr ist lediglich, daß Herr Dr. Armin Reiß am 21. v, Ai. sein letztes Rigorosnm ab-' legte, daß derselbe knapp vor der Prüfung ei» Telegramm erhielt, in welchem ihm mitgctheilt wurde, daß sein Vater erkraitkt sei, daß Herr Dr. Armin Reiß in Folge dieses Telegramme« sich in großer Anfrcgnug befand nnb gegenliber

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