Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 67 (16.7.1893)
- Date
- 1893-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 67. Freies Blatt. Seit« 8. einem der Herren PrüfungScommissäre seine zu Tage tretende Aufregung mit dem erhaltenen Telegramme entschuldigte. Wahr ist weiter, daß der Pater deS Herrn Tr. Armin Reiß tbatiächlich krank war und Herr Dr. Armin Reiß iafon nach der Prüfung zu seinem Pater fuhr." Wer au« dieser- Berichtigung allein noch nicht einen Maßstab für die moralische Qnalificirung deS „Deut,che» PolkSbläneS" gewonnen hat, wird ihn wohl iu jene» Bemerkungen finden, womit da« Organ gegen Lüge und Corruption diese Berichiigung begleitet. IS« ist in seinem weile» öViuifini dadurch vollkommen beruhig!, daß die Berichtigung doch 'wenigsten» „etwa» als lediglich wahr" zugibt, .daß nämlich Tr. Armin Reiß am 2l. v. Ä. knapp vor seiner Prüfung ein Telegramm erhielt, in welchem ihin mitgtlheilt wurde, daß sei» Pater erkrankt sei und daß derselbe in Folge de» Telegramme» sich in großer Aufregung befand und gegenüber einem der . Herren Prüfuttg»com»iifiärc seine zu Tage tretende Aufregung mit dem erhaltenen Telegramme entschuldigte. Ta» ist genug für uns!" ruft daS „Polkstüail". „klebrigen» ist c» anfialleud, daß, wenn unsere Notiz aus Uu Wahrheit beruhte, nicht der betreffende Prüfniigrcomniifiär oder der Teran der Faenliät dieselbe richtigstelltcn." Wie die Professoren, die gar nicht genannt w a r c n, Kälten ihaiiächlich berichtigen sollen, ist uns unerfindlich. <S« geht doä, nicht» über ein zartes Gewisse» und eine gute Ausrede. Wenn nur eine solche __ dem „Polksblatte" anch im Gerichtssaale, zur Pen'ngung steht, kenn wie wir Horen, dal Herr Tr. A. Reiß gegen dasselbc die Ehrenbcleidigungsklage angestrengt! Tir Heue gcgen jüdischr Geschworene in Galizien.) Wie unseren Leser» ivohl bekannt ist, hak die Anlisemitenpreffe vor einiger Zeit eine Hetze gegen die jüdi'chen Geschworenen in Galizien eröffnet. Sowohl österreichische, als auch reichsteut-che Anlisciiiilciiblättcr brachten unter Anderem folgende» Lommuniquö: „In >»emberger Iuristenkrei>e» ivird die Frage der Ausschließung der jüdischen Ge'chworenen von der Geichworenenbank »euerdings vielfach erörtert. Anlaß hierzu haben die geradezu scandalösen Wahriprüche der letzten Schwnrgerichsvcriode im Lemberger Gerichtssprengel gegeben. Auf der Geschworeuenbank befanden sich regelmäßig 6—7 jüdische Geschworene, und jeder angeklagte Jude ivnrde mit genau so viel Stimmen freigesprochcn, als Inden Richter waren. Tarunier war auch ein bereit-s 53,nal abgestraftcr Ticb, den man zuletzt auf irischer Tbat eilappt balle. Ein-jüdischer Geschworener mußte sogar unmittelbar -von der GIchworenenbank in Arrest geführt werden, weil festgestellt wurde, daß er ver-nchl Kalte, einep Zeugen zu einem fal'chen Eide zu verleiten." Tem gegenüber wird auf Grund von Informationen, die an wohl unterrichteter Stelle eingeboll wurden, in einer Äittheilung ans Lemberg Folgende» constatirt: '..Bei den 23 Telielen. ivelche in der dritten Eadenz zum Wahriprnche vor lagen, ivareu 5 jüdische Angeklagte beibeiligt; in Wirklichkeit aber waren «> an geklagi, da bei der 13 Perhandlung, wet.che am 7 Juni gegen Stekalowiez und Eonsorleu stalksaud, unter de» Theilnehmer» sich auch ein Jude befand. Unter den «> Tcliete» be-audeu sich: 3 Diebstähle, 1 schwere Körververletzung. 1 Preß - deliet und I Betrug. Bestraft wurden 2 ivegen-Tiebstahls mit 2 und 6 Jahre» schweren Kerker», 1 wegen -chwcrer Körperverletzung mir 3 Jahren schweren Kerker», I wegen Beiriig» mit 7> Jahren schivel-en Kerker». Rur 2 wurden freigeiproche». I wegen Preßdcliets und 1 wegen Tiebstahl» Angeklagter. Ten .53mal abgestraslen Tieb' konnten die Geschworenen in diesem Falle nicht verunheilen. Tie Untersuchung ergab, daß im Teccinber 1892 eine Frau von einer entlegenen Borstadt zum Ringvlatze ging, um Einkäufe zu machen. Tie trug eine Geldbörse mit 45 st in der Pordertaiche ihres Wintermantel». Ain Ringvlatze, wo damals ein Men'chenandrang war, wurde sie von einem Manne, welcher klein und brünett war und einen schwarzen Schnurrbart trug, an gerannt. Auf ihre Vorwürfe eni'chiildigte sich dieser und verschwand. Einige Minuten -päier bemerkte ne den Perlnst ihrer Börse. Jus Polizeibureau, wo sie die Anzeige erstattete, machte» zwei Polizisten sofort die Bemerkung, daß die» Signalement nur auf den unter Pelizeiaufsicht stehenden L. Förster passe, da er kleui und brünett >'ei und ein.« ichwarzeu Schnurrbart trage. Man suchte ibu : v.'i Tage vergeben», am dritten Tage, als man ihn verhaftete, ergab sich, daß er a:n kriti'che» Tage im Allgemeinen Krankenhause ausgenommen worden war und drei die letzte Zeit verbracht batte. Man fand bei ihm bloß!> fl. Tie irrau, nebenbei bemerkt, auf einem Auge blind und an Hysterie leidend, glaubte bei der Eciffronration iu ihm jenen Zudringling zu erkennen, bemerkte aber ausdiückltch, daß.sie die Identität nicht beeiden könne. Ten Schwurrichrern ffbltt die Überzeugung, daß hrcr ein Tiebstahl vorliegc, weil der Frau mög licherwei-c die Bör-e verloren gegangen sein könnle. Und zvenu sie wirklich gestohlen wurde. >6 ist doch nicht L. Förster allein ein kleiner brünetter Mann mit -chwarzem Schnurrbart In einer Stadt mit 14**.«XJO Einwohner» gibt es > gewiß mehr als einen, auf welchen jene» Signalement paßt. Die Bestohlene wollte oder konnte dies nicht beschwören. Sollten e« die Geschworenen auf» Gewisseu nehmen? Was den Geschworene», der zur falsche» Zeugenschast beredet haben soll, anbetrisst, so ist noch gar nicht» entschiede». Er wurde nicht unmittelbar von der Geschworeuenbank in den Arrest geführt. Der Sachverhalt ist folgender: Bei der fünften Verhandlung am 30. Mai zeigte ei» Zeuge dem Vorsitzenden an, daß der Geschivorene Tornhelin ihn zur falschen Zeugenschast zwinge» wollte. Daraus hin wurde der Geschworene von der Geschworeuenbank entfernt und gegen ihn die Strafuntersuchung eingeleitct. Am dritten Tage wurde er vom Untersuchungsrichter verhaftet und »ach 24 Stunde» wieder auf freien Fuß gefetzt; die Untersuchung ist noch im Gange. Nebenbei bemerkt, verschweigen die ailliitmilifchk» Blätter die Nachricht, daß zur selbe» Zeit in Stanislau zwei Geschworene von unverfälschter arischer Race, zwei deutsche Eolonisten, von Gendarmen verhaftet wurden, weil sie sich besteche» ließen." «Zittert, Btrgani!) Ter Herausgeber der „Ostdeutschen Rundschau" thnt kund und zu wissen: Ich habe die Absicht, die „Ostdeutsche Rundschau" vom I. Ocrober 1893 an als Tagblalt herauszugebe», wenn ich bei de» Genossen die nölhige thaikrüsiige Unterstützung und Opserwilligkeit finde. Diejenige» Genossen, welche sich sreundljchst angeboteu habe», jetzt schon für daS deutsch nalionale Tagblatt zu arbeiten, können also immerhin begiuneu. Die Zahl der zur Erhaltung de» Blatte» »öthige» Abonnenten beträgt 5000. Mit weitere» Angaben werde ich hervortrelen, sobald der finanzielle Theil der Angelegenheit geregelt ist. «Tcr verschämtc Antisemitismus iu Vorarlberg.) Eduard Gerstgrafser, irren wir nicht, ein ehemaliger AdvocaturSschreiber und Leidensgefährte des Ex Ritter» Schönerer während seine» „Martyriums des nüchterne» GaumeuS", nachher Bergaui'scher „Lchrisllciler" und zuletzt im Dienste der Prade'schen „Polkszeiiung" stehend, geht, wie das Organ der ehrsamen Witwe Zang meldet, nach Bregenz. Gerstgrasscr soll dorr den verschämten Antisemitismus, wie ihn Sleinwender jetzt betrieben wissen will, pcopagircu und hat angeblich zu diesem Zwecke das bisher liberale „Bregenzer Tagblatt" angckaust. «Ein Rotte radaukusiigcr, blinder Judenbasser.) Tie Amisemistlmge verschiedener Farbe» sind bekanntlich auf einander noch übler zu spreche» al» auf die Juden. In ungefähr derselbe» Weise, wie die „Unverfälschte» Teutschen Worte" oder die „Ostdeni-che Rundschau" über Pergani, uriheilen „deulschsoc-.ale", Organe über Böckel oder Ahlwardt. So schreibt die „Schlesische Marge n-Zei tlung": „Ahlwardt entpuppt sich immer mehr al» ein Knüppeldemokrat von der Wafferstiefellinie, dessen Logik sich auf Bosheit, Einseitigkeit und Kurzsickstigkeit ausbaut. Jetzt ist er bereit» so weil heruntergekommen, daß er Juden und Junker als .Aussauger- und ,Polksschi»dcr' in einen Tops wirft und a» dem Feuer, seines Zornes rolh siedet. Trotz seiner zwei Reichslagssitze verliert er immer mehr an Boden bei den einsichtigen, fest auf dem Boden von Ehristenthum, Königlhui» imd deutscher, conservativcr Gesinnung stehende» Polkskrciscn, und .Tie um Ahlwardtwerden bald »ur noch eine Rolle von radautustigen, blinden Jndcnhassern sein, denen wir eher zu viel al» zu wenig Ehrt erweise», wen» wir sic mit den Sorialdemokrateu in einen Topf werfen." Unsere« Erachtens sind „Tie um Liebcrmann", Die um Stöcker"^ „Die um Schneider" re. gerade so viel iverth als „Tie um Ahlwardt". Briefkasten. Allen Einsendern anonymer Gasscnbiibereien sprechen wir uuseren Tank aus, denn sic liefern »ns den clfreulichen Beweis, daß unsere Hiebe sitze». Wir bitten nits weiter» von der Niedertracht der antisemitische» KämpseSwcise durch anonyme Karte» und Lästerbriese zu überzeugen! Einsender, Salzburg: Besten Tank! Kommt nächstens: ein unliebsamer Zufall verschuldet die Perspäluug. „Rechtsanwalt" Tr. Carl Schücker, Reichenberg: Wir messen dem Sprachverein keine gesetzgebende Gewalt zu; Sie aber scheine» cS zu thun und sollten daher anch deu „Toctor" verdeutschen. Ihre Bemänglung des „Leitaufsatzes" hat uu» höchlich ergötzt. Ten Tank aber für die.Zusendnng de» „Freien Blattes" müssen wir, Herr „Rechtsanwalt", ablehnen; wiif haben Ihnen keine persönliche Aufmerksamkeit erwiesen und am aUerwenigsleu Sie zum Bezüge des Blattes eingelade». Warum-, schreiben Sie übrigens mit lateinischen und nicht mit golhischen Lettern? Ter Alt-Reichskanzler würde daS als undeutsch rüge». Lcilriklscrkläruiigcll;um „Verein zur Abwehr des Alltiskiuikisnulö" werden ciitgegciigtiioiumcu im Sekretariate des Vereines Wien. I.', Parisergasic 4. At»o»nrmr«1«anmelduagen auf das „Freie Blatt" nimmt die Administration, Wien, Seilerstätte lU, jederzeit entgegen. Ebendaselbst «erden auch eiazelue Nummern abgegeben. s Probenummern zur weiteren Berbreitung des „Freien Blattes" werden Gesinnungsgenossen auf Berlangen bereitwilligst zur Verfügung gestellt. Herausgeber: Ernst Victor Zenker. — Verantwortlicher Rebacreur <in zeitweiliger Abwesenheit des E. B. Zenker): Josef Vorwahlner. Druck von LH. Reißer & M. Werrhner, Wien.