Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 67 (16.7.1893)
- Date
- 1893-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Freies Blatt. Nr. 67. Leite 6. VanbcöftcQc hätte infoimireii müssen, um dann darüber zn beschließen. Tie Hofkanzlei erklärt in ihrem Votum: Ter Bürgermeister sei insofern gerechtfertigt, weil er die allgemeine Stimmung der Bürgergarde berücksichtigen mußte, schließlich verbieten ja die Landesgesetze den Juden die Erwerbung des Bürgerrechtes und liegender Güter. 'Bon einer Geldreluition stabe nicht die Rede sein können, weil man doch die persönliche Tienstleistung zurückwies. Tie Staatsrathssection aber spricht sich für eine Rüge aus und motivirt dies damit, daß die Mitstilfe der Juden für die übrigen Bürger eine bedeutende Erleichterung gewesen wäre. Man hätte ja ihre Tienstleistuirg quf das Prager Iudenstadtviertel beschränken können. Eine derartige Weisung hätte der Biirgermeister nach Anfrage bei der Landesstelle erhalten; da er es aber unterlaffe» stabe, so möge ihm immerhin darüber eine „Vorstellung", respeclive „Ausstellung" gemacht werden. Kaiser Franz entschied in diese'»! Sinne: denn die Resolution sie (lato 1815 11*.. I. enthält im Wesentlichen das, was der Staatsrath vorgeschlagen statte Tie 3ubcn haben seither in Testerreich die Gleichberechtigung erlangt. Es dürfte aber auch in neuester Zeit so mancher Bürgermeister in Prag fnngirt haben,, der die Inden daselbst schon ihrer deutschfreundlichen Gesinnung wegen gerne unter Ausnahmsgesetze gestellt hätte. 8. 8. i'JJlut) Dein Holiltcr Muster. Ein mit Unterstützung des Elerus und tschechischer Grnbenbeaniten gegründetes Kampforgan der tschechischclericalen Partei in M a h r i s ch - T st r a u veröffentlicht seit Wochen zahlreiche antisemitische Hetzartikel, die sichtlich aus geistlicher Feder stammen. In diesen Artikeln werden die Juden beschimpft und denselben, falls sie nicht zur tschechischen Partei übergeben, mit Feindseligkeiten und Entziehung des Erwerbes gedroht. Tie Mährisch-Tstrauer israelitische Eultnsgeineinde beschloß, das Augenmerk der politischen Behörden auf diese bedrohlichen Verhetzungen zu lenken, wie auch bei maßgebenden Persönlichkeiten und «Gewerkschaften sowie geistlichen Tberbehörden bittlich zu werden, damit sie gegen die Verbreitung dieser nach, dem Muster der Koliner abgefaßten .Hetzartikel unter der Arbeiterschaft und der Landbevölkerung entsprechende Maßnahmen treffen. >Exccß cincs LicutcuautS. .Wie aus Balassa-Gyarmat geschrieben wird, bildet dort gegenwärtig das ercessive Benehmen eines Tfficiers allgemein das Tagesgespräch. Am 8. d. M. Abends kam der Lieutenant Adalbert Varna in Begleitung eines Tberlieutenants ans einem Bierhause: Barna schien ein wenig angeheitert; er ging geraden' WegeS auf den vor seinem Hanse stehenden Kaufmann Adolf Perl zu und fragte ihn, ob er ein Jude sei. Ter Allgesprochene erwiderte Barna, daß ihn dies nstlsts angehe, worauf der Tfficier dem Kaufmann mehrere Säbelhiebe versetzte und ihm zwei Finger der rechten Hand zerschnitt. Tas Hilfegeschrei der herbeieilenden Gattin Perl's veranlaßte den Lieutenant, auch die Frau mit Flachhieben zu kraetiren. Inzwischen sammelte sich eine-große Volksmenge auf der Gaffe an, und als endlich die Polizei reqnirirt wurde, kehrten die Tfsiciere unbehelligt in das Bierhaus, ans dein sie kanten, zurück. Kur; daraus erschien Lieutenant Barna wieder aufder Gaffe, schmähte das ver saminelte Volk mit unfläthigen Ausdrücken, und als hierauf aus dem Publicum Abtugrufe erschollen, lief er mit gezücktem Säbel auf die Menge zu. T ie- Polizisten verhielten sich ganz passiv und versuchten eS gar nicht, den Tfsicier zu entwaffnen. Endlich richtete das Publicum an bei* anwesenden Stadthauptmailn energisch die Auffordernng, Trd- -nung zu machen, worauf die Militärpatrouille herbeigeholt wurde, welche den Tfficier für verhaftet erklärte und ihn abführen wollte. Tie'er widersetzte sich aber der Arretirung und mußte von den Sol daten förmlich weggeschleppt werden. Tie Theilnahine für das Ehepaar Perl ist eine rege, und ist der nnangenehnte Vorfall, der allenz, Anscheine nach auf antisemitische Motive zurückzuführen ist, umsomehr-zu bedauern, als das gute Einvernehmen zwischen Militär und Eivil in Balaffa-Gyarmat bisher.ein ungestörtes war. >Tic „reinen" Antisemiten iin deutschen Reichstage.) Ter „ Teutschen Reformvartei" gehören nur die Abgeordneten Böckel'scher und Zimmer nt a n n'scher Richtung an, während L i e b e r m a n rt mit seinen „deutsch socialen" Genossen eine Sondergruppe bilden muß. In einem Briefe schlug er Böckel und Zimmerittann vor, zusammen eine antisemitische Fractton unter Ausschluß von Ahlwardt ins Leben zu rufen, allein sie würdigten ihn nichteinntal einer Antwort. > Worte der Milde. Ter Erzbischof von Posen Tr. v. Stablewski empfing gelegentlich eines Aufenthaltes in Inowrazlaw den Besuch des Rabbiners Tr. Kohn und erkundigte sich bei diesem nach den Berhältniffen der dortigen jüdischen Gemeinde. Tr. Kohn richtete tut den 'Erzbischof in Anwesenheit mehrerer Geistlichen eine Ansprache, die der Erzbischof in äußerst toleranter, vom Geiste wahrer "Nächstenliebe getragener Weise erwiderte. Tie Worte des Erzbischofs gipfelten in dem Saye: „ T a s E h r i st e n t h u in ist e i n e R e l i g i o n l der Hiebe, wir sind daher den Israeliten Liebe schuldig, und möge da kommen, was da wolle, rechnen Sie auf! bic Pflichterfüllung der Katholiken in meiner Diöcese! nach dieser Richtung hin zu jeder Zeit." Mit warmem j Händedruck und freundlichen Worten entließ der hohe Kirchenfürst de» i Rabbiner. (Ter Antisemitismus in der dentschcn Armee.) Wie der „Frankfurter Zeitung" initgetheilt wird, wurden vier jüdische Einjahrig-Freiwillige, die im October vorigen Jahres zu dem in Bielefeld garnisonirenden. 3. Bataillon des 55. Infanterie-Regiments eingerückt waren, gleich von vornherein in auffallendster Weise vom Tfsiciersnnterricht ausgeschloffen. * Tasselbe Schicksal traf 'allerdings auch zwei christliche Freiwillige, deren körperliche Indisposition aber außer allein Zweifel stand. Am 1. April wurden die vier jüdischen Freiwilligen nicht befördert. Einer derselben, nach unparteiischem, sachverständigem Urtheil ein ebenso tüchtiger als fähiger Soldat, über dessen tadellose Führung sich sein Coinpagniechef lobend ausgesprochen haben soll, ist der Sohn eines Bielefelder hochangesehenen Bürgers, der sichin einem langen, arbeitsvollen Leben reiche Verdienste um Staat und Gesellschaft erworben hat, der von seinen Mitbürgern zu vielfachen Ehrenämtern berufen ist, der vier Feldzüge mitgemacht hat und 1870.mit dem eisernen Kreuz decorirt worden ist. Ter Eompagniechef des Nichtbeförderten soll sich auf Befragen geäußert haben, der Freiwillige habe nicht die nothwendige körperliche Tisposition. - - (Schwcllllhagcll.) Ter berüchtigte GeschätSantiseniit Ludwig S ch w en n hag e n, der sich der Anklage wegen Beleidigung des preußischen Finanzministers Tr. Miguel durch die Flucht entzogen hat und vom Berliner Landgerichte steckbrieflich verfolgt wird, hält sich nun in Rumänien auf, in», wie seine Genossen betheuern, Beweisniaterial zu sammeln. Einem 'Bukarester Blatte, dein „Rumänischen Lloyd", entnehmen wir aber, daß Schwennhagen in der Hauptstadt Rumäniens sich keineswegs für seinen Proceß vorbereitet, sondern dvlck -als Eorrespondent der „Kreuzzeitung" sein Unwesen treibt und mit den rnmänischen Irredentisten ebenso eng verbunden ist wie die Wienör Antisemiten', welche hier iin vorigen Jahre bei der Jnscenirung der ungarn'eindlichen rumänischen Demonstrationen mitwirkten. Schwennhagen denkt offenbar nicht daran, sich dem Berliner Gerichte zu stellen, und hatte wohl deshalb die Frechheit, in einem Briefe an den „Rumänischen Lloyd" zu schreiben: „Was die vom jetzigen preußischen Finanzuiinister Tr. Miguel gegen mich angestrengte Rechtfertigungsklage betrifft, so bemerke ich Ihnen, daß ich aus Furcht vor einem portugiesischen Judenabköinutliug und Geuoffen der Bleichröder und Hansemann niemals mein deutsches Vaterlandanfgebe." "Nichts ist widerwärtiger als die patriotischen Floskeln dieses Vaterlands losen Gesiikdels! (Ministerpräsident Tnpny gegen die Racenliasscr.) Ter französische Ministerpräsident T u p n y, der vor Kurzem in Toulouse weilte, sagte in seiner Erwiderung einer Begrüßungsansprache des dortigen Rabbiners Ury: „Ich lege Gewicht darauf, eß hier öffentlich jinszusprechen, daß die Israeliten in Toulouse sowie diejenigen anderswo, durchaus nicht die Anfeindungen und Anfreizungen zum Racenhasse verdienen, denen sie in einem Lünde ausgesetzt sind, welches eine Revolution gemacht hat, um allen Kämpfen der Raren, und Elaffen ein Ende zu machen." . (Marquis de Mores.) lieber den französischen Radau Antisemiten Marquis de Mores wird aus Paris berichtet r Ter MarguiS de M ores ist gegenwärtig mit seinem Vater, der ihn als Familienhanpt wegen Verschwendung unter Euratel stellen laffen möchte, in einer erbitterten Fehde begriffen. Ter Vater, Herzog von Valloni b r o s a, behauptet, der MarguiS hätte seit seiner Volljährigkeit nur Thorheiten begangen und in Frankreich, in Amerika, in Indien- »nd in Tonkliig nicht nur sein eigenes, sondern zum Theil auch das Vermögen seiner Fra« verklopft, welche - übrigens schon vor zwei Jahren um die Gütertrennung einkam. Ter Marquis de Mores hatte bei der Union Generale die ersten Einbußen erlitten und war dann nach Amerika gegangen, wo er nach allerlei Streifzü^en die Tochter eines BanquierS v. Hoffmann heiratete. Mit Hilfe seines Schwiegervaters wurde .er Viehhändler und Fleischlieferant für New-"))ork. Seinem Vater schrieb er damals: „Tie Arbeiterpartei geht hier mit den Katholiken zusammen. Man hat mich zum Agenten ernannt. Zehn Millionen Dollars sind schon unterzeichnet. Ich werde der mächtigste Finanzniann der Welt werden, denn ich werde die sociale Frage "gelöst haben. Ten Nutzen wird man so vertheilen: drei Zehntel an die Actionäre, ein Zehntel an die Geistlichkeit, ein Zehntel an die Arbeiter, ein Zehntel für mich u. s. w. Tas macht ein Einkommen von 2'/, Millionen Dollars jährlich aus." Vorläufig bat er seinen Vater