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Freies Blatt · 1893-07-16 · 67 (16.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
67 (16.7.1893)
Date
1893-07-16
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Freie, Blatt. Leite ft. Ztr. 67. Stand der Industrie zu erheben suchen. Dafür gebe cS zahlreiche Mittel, so den obligatorischen Besuch von Handwcrkcrschulcn, welche auch in Dörfern errichtet werden könne»; die intensive Arbeit der Lehrlsnge im Gewerbe, welche nicht zu anderen händlichen Diensten benützt werden dürfen; Wiedereinführung der Wanderjahrc, welche für den Geselle» ein vorzügliches BildungSinittcl seien; leichtere Bcschassung von Credit und Gründung von Consumvcreincn zniu Ankäufe billiger LcbcuSinitkel nach dein System der Raiffcisen'schcn Casscn. Gr cm- > pfehle endlich noch Bereinigungen der Kleingewerbetreibenden' zur billigeren Beschaffung ihLes Bedarfes, zur Erwerbung ° von Motoren, zur Schaffung billigerer Crcditc und bcffercr Berwcrlhuug der Produkte. Gegenüber einem Redner, welcher in der hierauf stattgchabtcn DiScussion die Ausdehnung des Befähigungsnachweises auf fabrikömäßige Unternehmungen verlangte, betonte Dr. Jenny, daß die Studien und Erfahrungen eines Industriellen durchaus nicht mit der i Lchrimb Gesellenzeit zu vergleichen seien. Der Industrielle , habe höhere Aufgaben zu erfüllen, er müsse Berständniß für den Maschinenbetrieb haben, technisch und »icrcantilistisch gebildet sein und könne deswegen nicht einer handwerksmäßigen Prüfung unterzogen werden. Im weiteren Berlaufe seiner Auseinandersetzungen schilderte der Borarlbcrgcr Experte die Bedeutung der Schuhfabriken und ConfcxtionSgeschäste für den Export. Das österreichische Gewerbe habe nicht die Beweglichkeit und die Rührigkeit wie beispielsweise das Gewerbe in der Schweiz. Dort genieße der Kleingewerbetreibende eine vorzügliche Schulbildung, er sei ungemein fleißig und sparsam und arbeite mit der größten Präcision und Pünktlichkeit. In Oesterreich fehle dagegen vielfach die Intelligenz, die kleinen Meister seien unpünktlich, verbringen sehr viel Zeit im Wirlhshausc und treiben oft einen mit ihren Bermögensverhältniffcn nicht im Einklänge stehenden Luxus. Sehr entschieden wendete sich Tr. Jcittiy gegen den Borschlag, die Errichtung von Filialen;n beschränken und von dem Gutdünken der Genossenschaften oder Gemeindebehörden Abhängig zu machen; er sagte, daß, wenn man die großen Fabrikanten zwingen würde, ihre Filialen zu sperre», die Gewölbe in den großen Straßen leer stehen »und das Steucrerträgniß bedeutend zurückgehen würde. Das Berbot der Errichtung von Filialen würde ein Sinken der GcwerbSthätigkcit überhaubt zur Folge haben. (Paul Reinhardt.) Der Schriftsteller Paul Reinhardt, über dessen Mißgeschick seinerzeit ausführlich berichtet wurde, ist wieder genesen und veröffentlicht eine Danksagung; er spricht für d.ie ärztliche Behandlung und Pflege sowie für die Beweise von Thcilnahmr und wahrer Menschenfreundlichkeit, die ihm neuen Mnth und neue Lebensfreude verleihen, seinen innigsten Dank auS. „Ich werde," erklärt Reinhardt, „mit all meiner Kraft cifrigst bemüht sein, meine Ehrenschuld im Dienste der Humanität redlich abznstattc»." (Eine Dclkert'schc Berichtigung.) Die Würdigung, wclchc^die Preffe dc>n „BlntmärcheN" der Herren Tr. Deckcrt und Paulus Meyer zuthcil werden ließ, halte bekanntlich eine Unmasse von Berichtigungen zur Folge. Die Redaktion^ der „Sonn- und Montags- Zeitung" hatte am 5. Juni eine > von Dr. Deckert zugesandtc Berichtigung zwar aufgenommc», jedoch derselben eine Erläuterung über deren Werth bcigefügt. Daraufhin erfolgte eine neuerliche Berichtigung Dcckcrt's. Die Rcdaction versagte dieser zweiten Berichtigung d>o Ans nähme. Dr. Deckcrt erhob nun'gegen den verantwortlichen'Redakteur der „Sonn- und Montags-Zeitung", Herrn Edmnnd Mayer, die Anklage wegen llcbcrtrctnng des § 19 dcö Prcßgcsctzcs, worüber am 10. Juli beim Bezirksgerichte Alsergrund die Berhandlung startfand. Für den Klüger intcrvcnirtc Dr. Porz er, für den geklagten Redakteur Tr. Somary. Der'Richter, Adjunct Dr. Kurzweil, verlas vorerst den Wortlaut jener redactioneUcn Bemerkungen, welche die Basis der citirtcn Berichtigung bildeten. Es wurden sechs Punkte bc richtigt. Der Richter erkannte, der angcklagtc Redakteur ivcrde freigesprochen und von den Kosten losgczählt, da zwei der sechs Bcrichtigungspunkte den Bestimmungen des Prcßgcsctzcs zweifellos nicht entsprechen. Wenn nämlich die „Sonn- und MontagS-Zcikung" die Druckschrift dcS Klägers als ein von Albernheiten sind Widersprüchen strotzendes Machwerk bezeichne, so sei dies eine Kritik, der gegenüber eine Berichtigung im Sinne des 8 19 des PrcßgesctzeS nicht ftatthabcn könne. WeitcrS bildet der Ausspruch, cs sei ctwaS cclatant wahr, die Anschauung deö BlattcS, aber nicht eine Thatsache, welche berichtigt werden könne. (Antisemitische Rohheit.) Ein Freund unseres BlattcS schreibt uns : Ich ging Sonntag den 9. Juli um 1jt 11 Uhr BormittagS in Dörnbach spazieren und vernahm plötzlich Hilferufe, in Folge deren sich bald viele Menschen vor dem a» der Dornbachcr Hauptstraße gelegenen Garten deS HcurigenschankcS im Hause Rr. 1v3 anfammcltcn. Im Garten spielte sich nun folgende Scene ab: Ein armer jüdischer Hausircr erzählte jammernd dcul Wirthc, daß ein Gast ihm zwei zum Kaufe' angcbotcne Gegenstände im Wertig von 30 Kreuzern wegnaln»" und anstatt zn zahlen zwei Ohrfeige» versetzte. Als er dem Wirthc jenen „Herrn" zeigte, gab ihm derselbe eine dritte Ohrfeige. Trotzdem der Garten so ziemlich .besucht war, rührte sich Ricmand: man verhöhnte vielmehr den Mißhandelten. Ich fragte die an der Oiarteiiplante stehende Wirthstochler, wer dieser brutale Mensch sei, worauf sie mir in unhöflichem Tone antwortete: „WaS geht mich der Jnd an'?" Der Hausircr wurde inzwischen a»S dem Ggrtcn gedrängt, und ich befragte ihn um den näheren Sachverhalt. Als Ersatz für die ihm wcggcnömmcncn zwei Gegenstände gab ich ihm eine» Gulden und schickte ihn zur Sichcrhcitswache, während ich auf der Straße auf und ab ging. Bald darauf brachte mir ein junger Mann einen kleinen Spiegel, dc/i der.Ohrfcigenspcndcr entweder ans Borsicht wcgwarf oder zufällig fallen ließ. Als der Hausircr mit' einem Wachmann kam, erzählte ich ihm den Borfall, soweit ich dessen Augenzeuge war, und ging mit Beiden in den Garten, in welchem unter den Zechern einige Dornbachcr Inwohner saßen, aber oer Held war verschwunden. Weder der Wirth noch die Gästewollten ihn kennen. Ich sagte diesen Leute», daß ich.mich dcS armen Teufels nicht deshalb aunahi», weil er ein Jude, sondern weil er ebenso ein Mensch ist wie wir Alle, und daß ich mich ebenso eines Anderen, eines Katholiken, Protestanten, ja auckx-eincs ZigcuncrS angenolnmen hätte, wenn er mißhandelt worden wä»e.^Bci der Thatsache, daß in Dornbach viele Jude» alS Somuicrpartcicn wohnen, wird es nicht zu verwundern sein, wenn sich dieselben, gewitzigt durch Erfahrungen, von allen öffentlichen Localen fcrnhaltcn und auch ihren täglichen Bedarf außerhalb Dörnbachs decken werden. 8. 11. (Bcrwcigertc Sanctio».) Aus Lin; wird berichtet: Rach cincr Mitthcilung der Stallhaltcrci an den LaudeSauSschuß hat das am 0. April v. I. von der klerikalen LandtagSmajoritäl beschlossene Gesetz, betreffend die Abänderung der tziz 32 und 33 des oberösterrcichischc» SchulanssichtSgesctzcS, die Sanktion nicht erhalten. Dieser Gesetzentwurf bezweckte die Clxricalisirung des Laudesschnlrathcs, und zu de» Mitteln, um diesen Zweck zu erreichen, . sollte auch die Eliminirung des Bertreters der israelitischen Confcssion auö dem Landcsfchulrathe dienen, welche der Bischof von Lin; mit dem Bemerken befürwortete, daß ^'onst auch Chinesen, wenn sie nach Obcröstcrrcich cinwandern «sollten, daS Recht auf einen Bertrelcr ihres Glaubens im Landcsschulrathe in Anspruch nehme» könnten. Der Statthalter hat sofort bei der Berathung der Bürlage Einsprache gegen dieselbe erhoben, und bereits im Mai vorigen Jahres, als dem vom steirischen Landtage beschlossenen Gesetze über die Einführung der Ehcmcldscheine die Sanktion verweigert wurdet war cs bekannt, daß der Rovcllc zum oberösterrcichischc» Schulaussichtsgcsctzs: das gleiche Schicksal beschiedc» worden sei. . Run ist über diese längst , entschiedene-Angelegenheit dem obcröstexreichischcn Landesansschuffc> die formelle amtliche Berständigung zugegangcn. lAnsfchtirßiiilg dcp Zudcil vom Prager Earnisonsdicifftc im Zahlt 1813.) Man schreibt nnS: In Rr. 6i> des „Freien BlattcS" reproducircn Sic ans' den Protokollen des preußischen Landtages eine Erzählung des Abgeordneten v. Bcckcrath, ^ic thatsächlich jeden Pienschcnfrcund rühren muß. Wir erfahren da von einer jüdischen Mutter,-die ihren Znzigcn Sohu in begeisternder Liebe zum Baterlandc ins Feld ziehen' läßt »nd gar bald die traurige Kunde erhält, . daß ihr Sohn in der. Schlacht bei Groß-Göfchcn ls13 für die heilige und große Sache Deutschlands gefallen ist. Bcdcntl inan, daß die Inden in dem damgligcn deutschen Klcinstaatcnconglomerat fast bei jeder Zollgrenze einen schimpflichen „Lcibzoll" zu erlegen hatten, so ninß man förmlich staunen über die Baterlandsliebc cincr jüdische» Mutter, deren GlanbenSgenössen in Tcutschländ fast bis znm Jahre 184* die Gleichberechtigung nicht erlangen konnte». In Oesterreich wurde ggr. ein Bürgermeister eine/ der größten Provinziälhanplstädte im Jahre 1815» noch deshalb bestrafte weil er die Juden im Jahre 1819 nicht zur Garnisonsdienstleistung zulassen wollte. Der Bürgeryicistcr von Prag beantwortete nämlich eine Anfrage der Hofkanzlci: „Warum die Prager Juden im letzten Kriege (1813) weder zur GarnisonSdicnstleistung noch zu cincr Gcldrcluition bcigczogcu worden sind'?" mit folgenden höchst charakteristische» Worten: Tie Prager- Bürger haben schon 1809 dagegen protcstirt, weil cS den Juden sonst noch cinfallcn könnte, sich mit der Prager Bürgcrmili.z gleich zu mitforiuircn! Diese Sliinmung der Bürger habe auch im Jahre 1813 keine Acndcrnng erfahren, weshalb der Bürgermeister sich genöthigt sah, alle Prager Inden von der GarnisonSdicnstleistung anSzuschlicßcn. Jntcreffant sind die in dieser Angelegenheit abgegebenen Boten der drei „Instanzen" (Gubcrniuni, Hofkanzlei und StaatSrath), die dann dem Kaiser vor Abfaffung der betreffenden Resolution vorgclcgt wurden. DaS Guberniuni verkennt zwar das „Gewicht" der angeführten Gründe nicht, meint aber, daß der Bürgermeister von Prag sich erst bei der

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