Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 67 (16.7.1893)
- Date
- 1893-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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Seit* xxxvrir Beilage zum Freien Blatt, (vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. Ghetto hätte viele Judtnviertel in Cft* oder Mitteleuropa beschämt. Heute selbst, man gehe nur nach Rußland, nach Berdilschew oder Wilna, und man wird Schlimmeres finden. Aus derartigen Schmulztöchern konnte keine schöne Race hcrvyrgehen. 0,i der Timt, die Race ist weder schön noch kräftig —-— obwohl sie jederreit bleiche und seltene Schönheitsblumen hervorgebracht bat, als wollte sie zeigen, was dem alten Gramme Jacob's entblühc» konnte, hätte er Vufk und Lonne gehabt. — Die Race ist nicht schon. „Wie doch," fragte mich eine junge T'mnc in Klcinrußland, „kümmern Sie sich um diese gräulichen Juden? Sic sind so häßlich, daß sic alle ihre Nebel verdienen." Montesquicn sagte, mit -einem ironischen Worte für die Sclaverei einlrctcnd, von den Sieger'»: „Sie haben so zerquetschte 'Rasen, daß es säst unmöglich ist, sie zu bedauern."^ Ich habe aus dem Munde von Damen der n'escllschast dieselbe Bemerkung über die Krumninasen der 0"den gehört. Ohre Häßlichkeit ist einer der gcheiinen Borwürfe, ob welcher sie so viele Frauen gegen sich haben. Die Race ist nicht kräftig. Der Oude ist — in den großen Juden schastcn des Dstcns insbesondere — hüung klein, mager, schwächlich; er sieht schmächtig und kränklich aus, blutleer und engbrüstig. Mau darf sich indeß dadurch nicht täuschen lassen: diese gebrechliche Hülle birgt eine-;ühe Vebenskrast. Man könnte den Oudcn mit seinen mageren Schauspielerinnen, der Rachel oder der Sarah vergleichen, welche Blut sveien und dem Auslöschen nahe scheinen, stehen sic jedoch aus der Bühne, eine unbezähmbare Kraft und Energie entwickeln. Das Veden hat bei dem Oudcn verborgene Hilfsquellen. Reine Race bietet weniger ein Bild der Kraft und keine ist gegen das Uebcl so widerstavdskräflig. Der Oude ist eben an Seele und i'eib, für dcn (;haraktcr ebensowohl als für die Physis, das Prvducl einer Zuchtwahl, und zwar einer solchen seit zwei tausend Jahren, der strengsten und schincrzlichften, welcher jemals lebendige Wesen nntcrworscn worden. Gibt es, hat cincr der -Seinigen gesagt, Rangstufen im Leiden, -so hat Israel den Borrang vor allen Rationen.''''» Alles an Seele und Leib zu Schwache ist dllrch die Taufe oder dcn Tod ausgcmerzt worden. Ofrael ist wie eine Familie gewesen, deren Rinder bei jeder Generation nach der (Geburt wcggeleg» worden. Daher bei den Ouden eine Duldcrkrafl gegen das Ucbel, eine Veidensfähigkeil, die in der Geschichte ohnegleichen dastchl. Allein, die Prüfung ist so langwierig und so-hart gewesen, daß Israel immer ilvch die äsachwehen vcrspün. Bisweilen ist cs noch nicdrrgebcügt davon und wie zerschlagen. . Bedenkt man die eigcnlhnmlichen Dnsciusbedingungen, welche dem Oudcn so lange gcschasicn worden, so wundert man sich durchikkis nicht, daß der Oude für den Physiologen oder den Statistiker gewisse Besonderheiten ausweist. Sofort eine erste Thatsachc ist geeignet zu überraschen: Der Oude lebt länger als der Christ. Dieser unscheinbare Jude mit dem zarten Körper und der i'eidenslniene scheint häufig zwei anscheinend widersprechende Dinge;u vcrcinrn: die Frühreisc und die Vanglebigkeit. Was die ii id>i<'v icstzustellcndc Vanglebigkeil anbetrisit, so ist sie kaum zu - d'czwv.st":. Die Thatsachc sieht so fest, daß in gewissen Ländern, >Y -• .Huurif' beispielsweise, die Oudcn die gesuchteste Kundschaft cYr . l ::ev.'.'iämrungsgcsellschaslen bilden. Beinahe überall, dort . >vcne, w. . die l^eseye ihnen die Existenz nicht unmöglich zu ma,'„cn bestrcvl und. ist die mittlere Lebensdauer dcr Ouden merklich 1.,v v ils bei de» Katholiken, Protestanten oder den Drlhodoren. Und dies mm nicht auan für die französischen Osracliten und tilr die vandcr wie Frankreich, zu, wo die Ouden vorwiegend den.wohlhabenden Clanen angehören. Cs ist ebenso bei den armen Ouden -Deutschlands^ Ungarns, Englands und Rumäniens der Fall.'") Es steint auch bei den Juden Amerikas dasselbe zu sein. Nehmen wir die letzte Volkszählung in den Vereinigten Staaten (1890). Rach dem amerikanischen Census wären die Lebensaussichten des Kindes im Augenblicke der Geburt, was dcr Census ExjH-ctation »f 1 if«* nennt, in den israelitischen Familien siebenundfünfzig Jahre, in den christlichen, amerikanischen oder cnglischen einundvierzig Jahre. Ein kleiner zehnjähriger Jude Hütte also im Durchschnitt fünfzig Jahre;iTleben vor sich, ein gleichalte^ riger Christ bloß siebenunddreißig Jahre. Außerden, wären, den gewöhnlichen Gesetzen der Statistik entgegen, bei den Juden die Lebensaussichten für die Männer größer als für die Frauen."u Eine zweite Thatsachc von gleichem Interesse ist: Der, Jude vervielfältigt sich rascher als seine christlichen Nachbarn. Auch dies ist eine Beobachtung von allgemeinem Charakter: sie weist wenig Ausnahmen auf, und die Ausnahmen erklären sich durch Ausnahms umstünde. Umsonst wird die jüdische Bevölkerung unaufhörlich durch aufrichtige Bekehrungen oder durch Uebertritte aus Interesse vermindert, überall beinahe, wir haben es bereits bemerkt, ist die Zahl der Juden im Allwachsen begriffen und mit der Zahl der Juden das Bcrhältniß der Juden zu den Christen. Auf den ersten Blick wäre man dieses Anwachsen der jüdischen Fruchtbarkeit bei zunikssen versucht. Israel hat immer das „Wachset und Vervielfältiget euch" geübt. Cs ist das eine seiner großen Stärken gewesen. Im Drienl, selbst im Dsten Europas, dort, wo die rabbi nischcn Gesevc und Gebräuche in Ehren geblieben, halten es die : Juden für eine Pflicht, früh zu heiraten und zahlreiche Kinder zu haben. „Ich bin fünfundzwanzig Jahre alt, und mein Großvater betrachtet es als einen Scandal, daß ich noch nicht Familienvater bin," sagte mir vor zehn und einigen Jahren ein Jude aus Kowilv. Der Uebcrlieferung gemäß warteten die Eltern mit der Ver heiratung ihrer Kinder nur deren mannbares Alter ab. Und die rabbinischc Kasuistik stellte in Bezug auf die Anzeichen dcr Mann barkeil geringe Ansprüche. Salomo Maimun, der kleine Rabbiner Philosoph des XVTII. Jahrhunderts, war vor seinem elften Jahre mit einem gleichalterigen Mädchen verheiratet, und da er mit zwölf Jahren keine Kinder hatte, hegte seine Schwiegermutter den Ver dacht, er sei durch eine Zauberin verhext worden.'") Man sah häusig .Ehepaare, wo die beiden Gatte» zusammen nicht dreißig Jahre zählten. Auf diese Weise wurden die jungen Israeliten vor Ausschweifungen bewahrt. Diese Kinderehepaare, die bei ihren Eltern lebten und von ihnen unterhalten wurden, werden selten. Die Schwierigkeiten des Gebens, dcr Heeresdienst, der Einfluß der modernen Sitten schiebeil mehr und mehr das Heiratsalter bei dcn Juden wie bei den Christen hinaus. ' Unter den abendländischen Juden sind diese Frühehen ganz ailßcr Brauch gekommen. Auch in dieser Beziehung unterliegt Israel dein zwingenden Einfluß unseres Beispiels. Und wie cS ihm häufig ergeht, wenn es sich nach unseren Gewohnheiten richtet, so überbietet es uns noch. Allen Ueberlieferungen und den alten rabbinischen Vorschriften entgegen, schreiten in den meisten Ländern Europas und Amerikas die Juden später zur Ehe als die Christen. 'Roch etwas Anderes, was ich nicht glauben wollte, ist der Fall: Fast überall haben die Juden heute verhältnißmäßig weniger Kinder "*) Liehe beispielsweise Dr. Gustav kagneau: , tiemarques, ä‘projios du denombrement de la population, sur quelques differenees demograpliiques presentees par les eatboliques, los protostants, les israelites.“ Paris 1882. Bergt. -Nouveau Itietionnaire de (ieofrraphie universelle“. Artikel „Juden" von Isidor köb. »> Censu.' Bulletin (Nr. 19, 30. Xeceinber 1»90, Washington): Vital statisties .of the Jews in tbe United States, S. I I, 12 und Plan auf L. 21. - “*) Lalomo Maimun s „Lebensgeschichte", herausgegebe» von R. P Morip, „Tie Lrmag:.z<U>Pcen» des Biinelatrers" I Berlin 17!*2'93. Bergt. Arvede-Barine: ^.Un juif polonais".