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Freies Blatt · 1893-07-16 · 67 (16.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
67 (16.7.1893)
Date
1893-07-16
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Sttit» Blatt. Nr. 67. Zelte 4. sein, daß der Tngciidhafte überall und wer cr auch sei, ob freund oder Feind, belobt und belohnt werde. So sehet denn hin »ach Euerem . Rachbar jenseits der- Vogesen! Wie schmachtet dieser Euer westliche Machbar vor Vicbc, wie zerreißt cs ihni das Herz, weil „Fleisch von seinem Fleische, Blut von seinem Blute" mit Elsaß-Lothringen ihm entrissen worden ist: wie wallt das Blut in seinen Adern, wenn cr des Tages bei Sedan gedenkt, und wie gerne möchte cr zehnmal fein Leben hingcben, um ihn;u rächen: wie bettelt endlich dies einst so stolze Bolk bei seinem früheren größten Feinde. Und warum dies AllcS? Ans purer Vaterlandsliebe. Und Ihr Antisemiten, die Ihr die Vaterlandsliebe als so hohe Tugend achtet und doch selbst so tugendhaft seid, Ihr babt noch das Herz, zuzuschen, wie die armen Franzosen dort vor Vicbc verschmachten: warum laßt ihr die Tugend unbelohnt, ^ebt ihnen nicht Elsaß Lothringen wieder und geht hin oder ruft sic herein und laßt von den Eueren ~2übi# 30.000 »icderschicße», damit der . Tag von Sedan doch endlich verschmerzt sei? Aber 'noch ein anderer Umstand ist's, der dem Juden daS Recht ans daS deutsche Batcrland entzieht. Tenn Euch ist das Baterland ein ideales: und wie könnte der materielle, gelbsüchtige Jude sich vermessen, dieses bohc Ideal auch daS seine zu nennen! Wir wollen vorläufig noch von der Begrifiserklärung des Idealen absehen. So viel mir aber von Euch bekannt ist, schwebt als Ideal Euch vor des Dichters „ Wort: „Mein Baterland muß größer sein." Run erlaube ich mir die Frage an Euch, was Ihr eigentlich unter der Bezeichnung „ein großes Baterland" versteht: meint Ihr etwa ei» weites, ein Reich, denen Marksteine >veil, weil von einander abstchcn und wo der LandcSsüvst über rabllore Schaarcn gebietet? Richt die Weile der Marksteine, der pbnsisckre Raum, in welchem die eine Mcnschcnmasic sich abschlicßt von den übrigen Menschen, sind eS, welche die Größe des BaterlandcS ansmachcn, sondern die geistige Weile und der Raum, den dic.Dcnknnd Handlungsweise des. einen Bolkcs dem Denken und .Handeln anderer Volker gewährt, machen die Größe seines Landes aus. DaS ist cs, was man Eultur nennt und wonach die Böller zu streben, daS sie;n..ibrenl-Ideale sich z„ machen haben. Auch die hohe Bkächtl’uUiiiii), welclpe das eine oder das andere Bolk durch Waffengewalt sich errungen, kommt diesem Volker-Ideale an wahrer Erhabenheit nicht gleich: und und Siege aus dem Schlaclitselde ebensowenig als Siege der, Eultur zu bezeichnen, wie die weiten Grenzen eines Landes ei» . Maßstab iür denen wahre Größe sind. Das könnt Ihr Antisemiten an Euch und an Eurem Batcrlande erkennen. Hak die (beschichte größere Siege zu verzeichnen als jene der Deutschen über die Franzosen in den Jahren 1 "7(> und 1*71, und sind durch jene Siege nicht die Gr euren Deutschlands bedeutend erweitert worden? Fragen wir aber weiter, ob Dcntichland auch raltiiKlf seit dieser Zeit größer geworden, ob cs beule auch an moralischer Macht gewonnen, und wir »rüsten beschämt uns drc Antwort geben, daß cs kleiner geworden nnd an sittlichem Gehalt seitdem bedeutend cingcbüßt hat. lind Ihr, Ihr Antisemiien >eid es, die Euerem Baierlandc diese beschämende Antwort aufgedrängt. Deren in Folge dieser glorreichen Siege wuchs der lieber* mnlh im Bolke, bildete -sich in ihm ein falsches Rationalgcfühl und e:ne Art Größenwahn, deren Ausgeburt der Antisemitismus war. llnd eriiihr die Enlliir seil Jahrhunderten eine größere Riederlage als jene im Auliscmiiismns. und ist cs nicht beschämend für ei» Vanti, Stamm a»5 des Antisemitismus zu sein, und darf cfti Bolk noch auf seine moralische Macht rechnen, wen» cs solch zerstörende, sittlich vcrkoiiimcne kulturell' verkümmerte Elemente in sich birgt? Ich trage kein .v'V es osten arisiusprechc». daß. so lange Dcntichland dieser ereli'einiren Schlange, diesem Satan des Jahrhunderts, den.Stopf nicht; -s die Sunde nicht gesühnt, die es,-als Siammland dieses ,■ an der Enlliir, an der ganzen Menschheit begangen, .NN ere Br nt der eigenen Sohne geiühnk hat, die ihr kostbares Veden nv .ic E.>.r, Wohlfahrt nnd das enliurelle Gedeihen ihres Baterand.s den »ravrosischen Schlachtfeldern ließen. Daß uv Enär Ailiistmiien in diesen meinen Warten nicht gefalle, weiß, :.1> nnd das macht mir nicht weniger Bergnügen als Ehre; denn Euch -,n gefallen, ist Schande und fc(jt ein böses Herz voraus. Daß aber., auch mancher biedere nnd vernünftige Deutsche über diese meine ostzne, . kühne und erregte. Sprache den Kops bedenklich schüUcln mag, ist mir leid nnd nöilngl »nch zur Rechtfcrtigniig, denn wenngleich er die Richtiglcik meiner Behauptung nicht bestreiten wird, dürfte cr doch irr der Form, wie ich es sage, eine Art Pietätlosigkeit, eine Kälte, . einen'Mangel an Balcrlandsliebc erkennen, rvelch.letztere cr als eine Tugend betrachtet. In dieser nreiner Rechlfcrtigung finde ich cS vor Allem nölhig, eiste Art Tugeiidbekennuriß, so etwa mein ethisches Programm darzulegcn: und dieses ist: die Tugend falle mit denr Begriffe des Schönen zusammen, mit anderen Worte», die Elhik sei Aesthctik der Seele. Hat man schon je sagen gehört, eine Sache sei zu schön. ein Mensch sei zu tngendhaft? Rein, die Schönheit kann nie zu schön, die Tugend kann nie zu tugendhaft werden. Dagegen kann die Liebe z» viel, zu verliebt werden, wo sie dann eine Krankheit ist. So schön, so erhaben und glücklich und so beglückend die Liebe daher auch sein mag — Tugend ist sic nicht. Wie schädlich und entsiltend sie in dieser ihrer krankhaften Ueberrcizung als Batcrlandslicbc gar werden kann, das scheu wir heute an den französischen Zustände», an dem daselbst herrschenden Chauvinismus, wo unter der Acgide dieser Liebe Unheil über daS eigene Land "und Unheil über ganz Europa gebracht wird. Wie es aber beim Schönen und bei der Tugend kein Zuviel gibt, so können wir auch von der Treue nicht sagen, daß sie je zu treu ist. Treue ist also Tugend; und die Tugendhastigkeit des Bürgers besteht nicht in der Liebe zum Baterlande, sondern in der Treue gegen dasselbe. Die Liebe ist blind, ist schwärmerisch, ist wandelbar, ,ist freie Spende und kennt und fühlt nur sich und den Grgcnstand, dem sie zugethau. 'Nicht so die Treue; sie ist nüchtern und sich ihres 'Wollen« bewußt, sie ist Rothwendigkeit und daher bleibend, kennt außer sich und dem Gegenstand ihrer Treue auch Andere und deren Rechte und sicht mit klarem Auge die eigenen Fehler, um sie zu verbeffcrn, wie die fremden Fehler, um sie offen zu rügen. Das ist cs also, was mich ermuthigt, die heutigen Zustände Deutschlands treuherzig zu rügen und zum. Kosmopolitismus mich offen zu bekennen. Tenn er, der Kosmopolitismus, ist cs, der an Stelle der Vaterlandsliebe, die nur allzuoft geheuchelt und mißbraucht wird, die Bürgcrtreuc setzt, von der cr sich eben durchdrungen fühlt und die cr in ■feinem Handeln auch bethütigt. Man beschuldigt den Kosmopolitismus, als wäre cr gegen daS monarchische Princip, klagt ihn sogar der Mißachtung an, welche bei ihm gegen gekrönte Häupter herrsche. Wie falsch diese Anschuldigung ist, darüber liefert uns daS Jndenthum den besten Beweis. Nenne mir Einer einen Staat, ei» Volk, eine Religio» des AltcrthumS, in welchen der kosmopolitische Gedanke so tief cmpfundcii und so klar ansgedrückl ist. „Drücket nicht den Fremden, denn ihr selbst wäret Fremdlinge' in Egypten".— lautet eines der wichtigsten mosaischen Gesetze. Auch das Messias-Ideal, es werde einst der Krieg ganz aufhören, ist kosmopolitisch; ebenso ist die spätere Geschichte des Judenthums bis auf die heutige Zeit nichts Anderes als die Personification des kosmopolitischen Gedankens. Und doch gibt es kein Religionsgesctz, »ach welchem, kein Volk und keine VolkSlitcratur, in welchen die Majestät des LaudeSfürste» so hoch gestellt, so heilig und unverbrüchlich, ja heilig gehalten würde, als eben »ach der jüdischen Religio», im Jndenthunic und dem jüdischen Schriftlhume. Scho» aus dem alten mosaischen Gesetze leuchtet der Gedanke hervor, es sehe den König als die auf Erden vertretene Gottheit an. Wörtlich ist dieser Gedanke ausgesprochen von de» ältesten Autoren der Mischna: „Rufe Gott an für das Heil des Königs; denn gäbe cs keinen König, gäbe cs auch keine Trdnunz im Lande!" Deswegen ist der Jude auch religiös verpflichtet, beim Anblicke des Königs die Bencdiction zu sprechen: „Gepriesen seiest Tn Gott, König der Welt, der Du mitgctheilt Deine Majestät einem Könige von Fleisch und Blut." Der Verfasser schildert nun de» Verlauf antisemitischer Vcrsammlungen, deren „HochS" anf den Monarchen keinen anderen Zweck haben als zu täuschen. Bei AnSbrnch des Krieges, den cr trotz der .Friedensliebe Deutschlands in den nächsten Jahren für unvermeidlich bält, sei auf die Loyalität der Aiitisemiten nicht sicher zu rechnen. „So sehr die Socialdcmokratcn," erklärt schließlich Tr. Fischer, „heute in Opposition gegen die Regierung stehen, bin ich doch deffcn gewiß, daß sie in jener Schreckenszeit alle Lpposition aufgcbcn nnd wie Ein Mann treu für die Sache des Kaisers und des Reiches cintreten und ihre Pflicht treu erfüllen werden. Euch Antisemiten dagegen. Eurer Vaterlandsliebe und Eure» Treugelöbniffen traue ich wenig. Bei Euch steht das Heil deS Vaterlandes nur hoch, wenn das geschieht, was Ihr wollt, sonst gehl Ihr Euren Weg der Revolution." (Tr. Zciiiili über die „Sorialreform" der Schneider, Lueger und Ebciihoch.» Der von der Gewcrbe-E»qi»'tc als Experte cinvcrnommcnc Vertreter der Fcldkircher Handelskammer, Dr. Jenny, legte in überzeugender Weise dar, daß die sogenannte „christliche Socialreform" nicht nur kein Universalmittel zur Heilung von gewerblichen Schäden sei, sondern oft das Ucbel noch verschlimmere. Er führte aus, daß der Befähigungsnachweis während seiner zehnjährigen Dauer in keiner Weise die Hoffnungen der Gewerbetreibenden erfüllt habe. ’ Mit der neu aufgetauchtcn Forderung einer Meisterprüfung werde es ebenso sein. Der Experte vertrat die Ansicht, daß dem Gewerbe auf ganz andere Art geholfen werden könnte. Das Gewerbe sollte sich auf den

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