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Freies Blatt · 1893-07-16 · 67 (16.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
67 (16.7.1893)
Date
1893-07-16
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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fafscrS, Aucnstraßc 43) bic antisemitischen l'iigcn und (Siitftctliiugcu scharf beleuchtet. In einem „Der talmudischc und der antisemitische Staat" abcrschricbeuen Schlußcapitcl weist der Verfasser darauf hi», daß seitens der Antiscmite» gegen ihn der Verdacht wachgcrufen wurde, als hätte er seine Stammcs- und Glaubensgenosse», die Juden, des VaterlandSverrathcS angeklagt und sie als eine Horde gekennzeichnet, deren Welt-, Gottes- und Lcbensanschanung, deren Sittcnbcgriss unmöglich ein Amalgama cingchcn könne mit dem Charakter eines ansässigen CulturvolkcS, am wenigsten aber mit dem deutschen Charakter und der deutschen Nationalität, und fährt dann fort: Tiefe meine Tcnnnciation soll »ach der Meinung der classischcn Antisemiten Drumont und Paasch in meiner „talmudischen Chrestomathie" ausgesprochen sein, wo ich schreibe^ „Täuschen wir uns nicht und gestehen wir cS offen, daß-alle Mühe, die wir uns auch geben möge», dem talmudischen und späteren Judcnthume enthusiastische Vaterlandsliebe aufzudrängen, eine vergebliche ist. DaS Judcnthum ist alt genug und hat der trüben Erfahrungen und der mühseligen Wanderungen zu viel, als daß cs noch durch anheimelnde Wehmuth an die Scholle sich gebunden fühlte, wo seine Wiege gestanden, als daß cs »och diesem'kindlichen Hange im Großen, wie ich Vaterlandsliebe nennen möchte, sich hiugäbc. Ist der jüdische Gott, als absolutes Sein und höchste sittliche Wcltordnung, ein philosophischer Gedanke, der jeden denkenden Menschen beschäftigen muß, und ist die jüdische Religion die Lehre der Sittlichkeit, ohne die kein Land, kein Volk, bestehen kann, so ist da, wo dieses Gottes gedacht und diese Religion geübt werden, das Vaterland des jüdischen Volkes: und war endlich seine religiös-sittliche Lehre das Prototyp zweier der größten Weltrcligioncn, des ChristcnthumS und des Islams, so ist sein geschichtliches Leben in der Geschichte aller Völker daS Prototnp eines WcltbürgcrthumS." Ties meine Worte, in welchen die obgcnanntc» Anschuldigungen liegen sollen. Schlimmsten Falles zeihe ich hier die Juden einer Sünde, die Lcssing von der ganzen Menschheit als Tugend fordert. Toch, was Lessing, der verjüdelt, nöthigcnfalls ganz Jude ist! Tarum wollen wir, von jeder Namensautorität abschcnd, die Sache frei und selbst untersuchen, und muß es zunächst unsere Sache sein, uns klar zu werden über die Begriffe von national und "Nationalität, Vaterland und Vaterlandsliebe, Welt- und StaatSbürgerthum. Welches ist für Euch, Ihr Antisemiten, das Kriterium für das Nationale, und worin findet Ihr das Moment einer Nationalität? Etwa in der äußeren Bekleidung, indem hier Viele in Kaftan und Turba», dort Andere in weitem Ilmwnrfc und Pelzmütze sich gefallen, wieder viele andere Menschen an leichter Schürze nnd an einem Fedcrbnsch Gefallen finden, während Euere Ratio» cs hübscher findet, mit Jacke, Pantalonhoscn und rundem Hute sich zu bekleiden? Oder ist cs ei» gastrisches Moment, ein Magen-Kriterium, das hier den Ausschlag gibt, und gehört durchaus nicht zu den Germanen, der sich nicht an „Schwcinsknochen mit Klößen", „Wellfleisch" und „Speckknchcn" delectirt, am wenigsten derjenige, der nicht gerne Bier trinkt? Tas sollten wohl nach Euerer Meinung die eigentlichen Merkmale für national und Nationalität sein? So erlaubt denn, daß auch ich Euch nicinc Meinung, sage und als Kriterium des Nationalen die Sprache angcbe und in der Fortbildung der Sprache a»S ihrer alte», einfachen Urwüchsigkeit in das erweiterte, zeitgemäße Leben daS Moment der "Nationalität erkenne. Nun will ich Euch was sagen, waS Euch überraschen wird: Mit Ausnahme her italienischen Juden, die nie gcrmanischeu Bode» betraten nnd sich daher auch niemals einer anderen als der italienischen Sprache bedienten, und mit Ausnahme der por lngicsischcn Juden, die auch nie nach germanischen Gauen gckonimcn, sonder» zu Schiffe von Spanien aus direct in Holland Wohnsitze nahmen nnd die heute noch der spanischen Sprache sich bedienen; mit Ausnahme dieser beiden ist die vulgäre Sprache der Jude» in ganz Europa der Jargon und wurde bis zur jetzigen, zweiten Hälfte des heutigen Jahrhunderts in den Synagogen RußländS, Oesterreichs, Englands und wie selbstverständlich auch Deutschlands nur in diesem Jargon gepredigt. Und was ist dieser Jargon anders als ein Kaudcr wclsch-Deutsch? So haben die Juden viele Jahrhunderte hindurch, nachdem sie ihren Zug durch Tcutschland genommen hatten, die dculschc Sprache beibchaltcn. Ja, auch in Frankreich, von wo aus dieser Zug sich bewegte, wurde bis vor etwa ÖO Jahren im Jargon gepredigt, weit die französischen Juden sich nach ihren Glaubensgenossen im Elsaß richteten, das früher deutsch war. Nun frage ich Euch, Ihr Antisemiten: Wollt oder könnt Ihr Euch dafür verbürgen, daß Ihr, wenn Ihr drei- bis vierhundert Jahre in frcuiden Ländern gelebt haben werdet, noch Deutsch sprechen werdet? Nach den neuesten Erfahrungen, die wir in Griechenland gemacht habe», könnt Ihr das unmöglich. Denn daselbst wurde vor noch kaum ÖO Jahren von König Otto ein deutsches Äädtchcn angelegt, in welchem, wie ich jüngst gelesen, ein deutscher Reisender mit keinem Einzigen der ganzen Bewohnerschaft sich verständigen konnte als mit dem Schullehrer, der-' aber — ein geborener Grieche war.. . , Und was werdet Ihr Antisemiten erst dazu sagen, n>e»n ich be Haupte, daß in dicscm Jargon, in diesem Kanderwcl'ch-Tentich. in dieser Verstümmlung der deutschen Sprache mehr Nationalität, d h. mehr nationaler Sinn liegt als in Euch >ind Euerem Deutsch! So nehmt den» irgend welches alt- und hochdeutsche Lcrikon zur Hand,' in demselben werdet Ihr zahlreiche Worte finden, dic^lhr gar nicht kennt, und die längst von modernen Ausdrücke» überwuchert und. aus der GcbrauchSsprachc völlig verklungen sind; in jenem jüdischen Jargon werdet Ihr die »leisten dieser verdrängten und verklungenen deutschen Worte wicdcrfindcn. , Nehmt ferner Radius' „Indische Sprichwörter" zur Hand, wo Ihr altdeutsche Sprüche finden werdet, von denen Ihr nie was gehört, und wenn cS endlich Euch nicht zu viel ist, so könnt Ihr auch in dem kleinen „Avü-Lallcmand" nachschlagen, der im Jahre 1387 hier anonym erschien und zu dessen Autorschaft ich mich hiemit bekenne. Hier werdet Ihr sehen, daß in diesem Jargon zahlreiche griechische und lateinische Vocabcln (auS der Talmudsprachc gekannt), ja sogar-rein hebräische Woxtc Vorkommen, die aber ganz gcrnianisirt sind, die Verba sogar in ihrer. Infinitiv- und Pcrsonalbilduna echt deutsch sind. DaS ist also Sprachsinn, Treue und Hang zur Sprache: Moment der Nationalität. Wenn daher irgend welches der europäischen Völker immer dem Inden das Anrecht auf national und Nationalität versagen will, so hat das deutsche Volk am wenigsten daS Recht dazu: und Ihr Antisemiten, die Ihr von der deutschen Sprache gar nichts wißt, als was. ihr auf der Bierbank gelernt, von der Geschichte gar nichts gelernt, als was Ihr von gestern erfahren, und keine deutsche Tugend übt, als daß Ihr viel Bier trinkl, Ihr Antisemiten entblödct. Euch nicht, zu sagen, der Jude, in welchem der deutsche Sprachgeist in' solch einer Urwüchsigkeit nnd in solch einer Unverwüstlichkeit fortlebt, welcher die Geschichte der Tentichcn mit. durchgclcbt, welcher, was als Tugend am Tenlschthnin zu schätzen ist, zu schützen versteht, er, der Jude, laste sich unmöglich mit dem nationalen Gedanken dcS Deutschen verschmelzen, habe kein Anrecht ans deutsche Nationalität?! Wenden wir nnS nun zur Definition des Begriffes „Vaterlaud". Dieselbe ist schon in der Zusamnicnseyuna des Wortes gegeben : denn cS bedeutet das Land, in welchem der Vater gewohnt. Daß cs ein Großvaterland, ein Urgroßvatcrland oder gar., ein Vätcrland sein muß, d. h. daß der Großvater, der Urgroßvater oder gar alle seine Ahnen. hier gelebt haben müßte», das ist nicht gesagt'und erlich nicht nothwcndig. Es ist für den Landesbewohncr genug, er ist ein Kind des Landes, wenn sei» Vater hier gewohnt und er hier geboren ist. Es ist dies daS nalürlichc Vaterland, der Wohnsitz, den wir nicht entbehren können und welcher von der 'Natur uns angewiesen ist. Tenn wenn wir Naturwcsen sind, und zwar unserem Körper nach der Erde an gehörend, so müsten wir. auch einen Raum in der Natur cinnchnieu, ein Plätzchen haben, wo uizler Körper ansruht, nnd welcher strauin, welches Plätzchen sollte eS sein, wen» nicht dasjenige, wohin wir gleich bei der Geburt gesetzt ivorden sind? Sucht doch das Thier die Höhle, die Bcrgschlncht ans, in welcher es geboren, und kennt, ans weiter Ferne kommend, der Vogel doch das 'N'est, in welchem er das T'euz.es licht .znm crstenmale erblickte, weil eben der Jnstinel ue teilet, nnd sträuben sie beide sich dagegen, wenn ihnen ein '.h'iederlanen dai'elbst gewehrt wird, weil sic hierin eine Verkümmerung ihres angeborenen Rechtes erkennen; und der Mensch, er sollte kein zljecht haben ans irgend ein Plätzchen auf der Erde, sollte sich dasielln: erst erbetteln müsten, ohne sagen zu können, cö sei durch seine «Geburt ihm verbürgt? "Nach welchen Pcrnnnftgründcn meint Ihr Antisemiten den Inden in Tcutschland »och als Fremdling bezeichnen zu dürfen? Steht seine Wiege nicht seit Jahrhunderten daselbst, und fanden viele seiner Söhne nicht auch ihr Grab ans deutschen. Schlachtfeldern, ist er nicht d^ze borcn, und hat er nicht sein Bcsitzrccht auf seine Gcbnrlsst'ule' mit dem Leben pflichtgctrcu bezahlt: hat er nicht durch Jahrhunderte her sich um die Hebung des Landes durch Industrie, Handel und Enliiir gemüht und mit Erfolg auch gemüht? Nach welchem Vernmnigriihde also wollt Ihr dem Juden daS VatcrlandSrccht auf Teutichland ab sprechen? Ja, nicht Vernunft-, sondern Gefühlssache ist cs, die nach Euerer'Meinung hier entscheidet': cS ist die Liebe, die Vaterlandsliebe, jene schöne Zier dcS Bürgers, jene erhabene bürgerliche Tugend,,sie geht dem Juden ab; er hat keine Liebe zum Lande nnd daher and) kein Recht, eS sei» Vaterland zu nennen. So höre ich Euch tagen. Nun, so höret denn auch, was ich hierauf vorläufig Euch zu ent gcgncn habe: Wie Jener,^ der eigene Rechte genießen will, das fremde Recht zu respectircn hat,' so muß auch der Tugendhafte die Tnaend dcS Andern zu achten wisten.'Nlnd wie er die eigene Tugend als awas Belobens- und BelohnenSwcrthes erachtet, so muß er auch beuiüht

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