Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-07-16 · 67 (16.7.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
67 (16.7.1893)
Date
1893-07-16
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441433--0695-4887203
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Freie, auch, daß diese Taktik in Galizien keinen anderen Effect als anderwärts erzielen wird. Die Ansätze zur christlich-socialen Reformbewegung, der verschämte Antisemitismus, müssen nokh wcndigcrweise in ihrer weiteren Entwicklung zur unverschämten ‘Juice,i- und Eonfessionshctze sühren, aber auch zu Folgen, welche den Magnaten und Kirchenfürsten keineswegs erwünscht sein werden.'Ahlwardt, der früher nur die Juden als „BolkSschädiger" lsiustclllc, wirft nunmehr Juden und Junker in Einen Topf. "Was in Preußen oorgekommen ist, wird .trotz aller Leisetreterei auch in Galizien geschehen, wenn man es für gut findet, nicht bloß aus die Juden als Feinde des Glaubens hinzuweisen, sondern auch mit Ausdrücken wie „Tclaverei" unbesonnen zu spielen und Analpbabeien zum wirthschaftlichen Kampfe zu mobilisiren. Videant (•»u.mi'os! tft Die Duden int ^Zarenreiche. i Crigmal-i,iitttici!mi3 des „Freien Blattes" ) Petersburg/im Juli. ‘.'lieuiand wird bebaupien wollen, daß Kaiser Nicolaus I. von Nußland ein liberaler und humaner Monarch war. Niemand wird jedoch gegen seine Negierung den Vorwurf erheben können, fie hätte die Juden in Rußland verfolgt, um fie zu verfolgen. In, Gegentheile, wenn inan die Gesetzgebung Nikolaus' l. über die russischen Unter ib.riien mosaischer Eonieision betrachtet, so gewinnt man die Ileberzeugung, daß Kaiser ‘JiieolauS I. von einer Abneigung gegen die Inden als Nace nnd Eonseisiyn weit entfernt war. Lein berühmter lilas von I^-Ih über „die Assimilation der Inden mit der einheimischen Bevöl-kerung" spricht deutlich genug. Er war nur allzusehr Toldai, nm diese Assimilation dmch Liebe und Aufklärung, durch Humanität und Gleichberechtigung herbeizuführen. Daß er die russischen Judeir -dent'Ltaatslorper näher bringen wollte, daß er ihre Tüchtigkeit und ilne Nützlichkeit für den Staat anerkannte, erhellt deutlich aus zahlreichen gesetzgeberischen Acten seiner Negierungszeit. To hat er im -Jabre l>J J angeordiiel,. die Juden zur Ausführung ärarischer Uuterliehinungeit zuzulasieu, mit der Begründung, daß die Jntereffen deS Staates es erheischen, während er 1650 den Aufenthalt den Juden in sämmtlicheu Marktflecken und Dörfern, sogar im den sogenannten arariichen Dörfern, gestattete. Ebenso hat dieser Herrscher in den Jabreu I “ l.'>—1855 die bekannten jüdischen Ackerbaucolonien. in den Gouvernements Jekaterinoslaw und Eherson gegründet, die gegenwärtig, troh der grundlosen Behauptungen der russischen Judenfresser, einen schlagenden Beweis für die Fähigkeit der Juden zum Ackerbau liefern, it-it ielbsi haben diese Eölonien bereist und dort die Tüchtigkeit der Juden als Laudwirthe kennen gelernt. Aber Nicolaus I. hat auch für die Berbreitung von Bildung unter den Juden Nußlands Vieles getban, während die damaligen Nathgeber dieses Ezars, wie General Bibilow, l^'tas Kisielew u. v. A., in ihren Begutachtungen über die Inden die Assimilationsziele der Negierung thalkrüftig unterstützten und 'ckiderten. To schrieb Graf Kisielew, der Borsitzende deS damaligen . Indischen Eomil>'S", daß er die Aushebung aller Beschränkungen gegen die Inden als das beste Mittel für deren Assimilation erachte. Bist der Thronbesteigung Aleranders II. nahm. daS Ttreben der Negierung, die Juden zu assimiliren, eine noch günstigere Wendung. >Jas Ttrexzauow, der damalige Generalgouverneur von Noworossijsk, lichtete ein Memorandum an den jungen Ezar, in welchem er ohne J.tü'chweiic erklärte: „Das Borhaudenfein'irgendwelcher Beschränkungen ' . :t in ihren eluchten widerspricht dem Geiste der Zeit und' 2:... .! der Negierung, die Assimilation der Juden mit der ein- .: Bet.lkerung herbeizuführen." Noch entschiedener sprach sich . ubmten Schreiben an Alexander II. Graf Lrlow,' chemalt.wr .w' sit .r Botschafter in Berlin und Paris, aus, der die völlige Et.ia:!.!» ir.-.t e . Jade» forderte, UNI, wie er sagte, .„die Neformzeit Al.randlr-- 'i! '.uch niit der Perle der Gleichberechtigung der Juden 'e!i{i';;.!;i:". 2 . damalige russische Minister des Innern, Gras Liutu, 'dtr-.-. der -‘J.'.lu'tganrerneur im Nordwestgebiete, General Polare:., tbeklt.u die Ansicht der erwähnten beiden Ttaatsmänner, und bieetulaud^ tst . JJHeimiiiß, daß die Negierung Alexanders II. d:e letc..:::ta der Gletchberechligung der Juden plante. Wenn d'.e'e Prc.ramrrung jedoch unterblieben war, so ist es nur den äurn.ten der acibcdoren Geistlichkeit zu verdanken. Tie russische Geistlichkeit mit dem von Peter dem «Großen ins Leben gerufenen heiligen Tt.ittod an der Spitze ist für Nußland seit jeher der Ttein des Anstoßes aui Cdm Wege zu Freiheit und Fortschritt. Tie ist in ihren Principicn streng .ov.s.rrativ, sie hält in ihren 'Händen die Erziehung des Belkes, und deshalb horcht die Negierung auf ihre Ttimine. Liegt Blatt. Nr. 67. es ja doch an der Geistlichkeit, das Volk in Liebe zu Kaiser und Reich zu erziehen. Die Opposition, welche die russische Geistlichkeit der Proclamirung der Gleichberechtigung der Juden gemacht hat, hinderte jedoch die Regierung Alexanders II. nicht int Geringsten, ihre Principien bezüglich der Gleichstellung der Juden vor dem Gesetze zu verwirklichen. Man wollte durch die langsame Aufhebung der Ausnahmsgesetze gegen die Juden die Geistlichkeit an die Gleichberechtigung derselben gewöhnen. Und so wurde diese Gleichstellung, wenn nicht de jure, so de facto durchgeführt. Dem Juden wurden alle Lehranstalten geöffnet, der Zutritt zu vielen Staatsämtern ermöglicht, er konnte überall wohnen, er konnte ^edem Gewerbe nachgehen, kurz, er fühlte sich als gleichberechtigter Staatsbürger. Da brach das Jahr 1881 mit seinem schauerlichen Ezarenmorde herein und machte der menschlichen Behandlung der Juden ein jähes Ende. Tie zerstörende Kraft, welche das edle Leben Alexanders II. vernichtet, hat auch auf das Leben von fünf Millionen Juden eine tödtliche Wirkung geübt, denn das gegenwärtige Dasein der Juden in Nußland kann nicht „Leben" genannt werden. Die famose Lei Jgnatjcw vom 2. Mai 1882, welche beit Juden die Niederlassung in den Marktflecken und in den Dörfern des Reiches untersagte, hat ^ur langsamen, aber völligen Beraubung der Juden den Grundstein gelegt. Graf Jgnatjcw selbst, der Schöpfer dieser drakonischen Maßregel, hat zwar vor der tSauctioniruug des Gesetzes dem jüdischen Pächter seiner Güter im Gouvernement Mohilew die Verpachtung derselben auf weitere fünfzig Jahre überlassen, 'aber diese Thatsache rettete das Schicksal der übrigen Juden nicht. Es wäre überflüssig, an dieser Stelle alle Grausamkeiten, Ungesetzlichkeiten, Willkürlichkeiten nnd mittelalterlichen Verfolgungen anfzuzählen, die die Juden in Rußland seit einem Jahrzehnt erdulden muffen, sie find der Welt ohnedies bekannt, Wir wollen hier nur die Beschlüffe wiedergeben, welche die 1885 zur „Lösung der jüdischen Frage" eingesetzte sogenannte Pahlcn'sche Eommission kürzlickt gefaßt hat, und die demnächst dem Petersburger Ncichsrathe zur Begutachtung unterbreitet werden sollen. Ein mittelalterlicher Zug weht uns da entgegen, und es ist fast unglaubliä), daß solä)e Beschlüsse am Vorabende des zwanzigsten Jahrhunderts gefaßt werden konnten. In erster Reihe steht die Beschränkung des Handels und des Gewerbes der Juden im sogenannten NiederlaffungSgebiete. Es soll eine ganze Reihe von Artikeln und Producten auS dem Gesäiäftsbereiche der Inden ausgeschieden und ihnen unter Kerkcrftrafen untersagt werben, mit denselben irgend welchen Handel zu treiben. Bei der großen Armuth der Juden im Niederlaffuugsgcbietc wird die Verwirklichung dieser Maßregel ihre Existenz vollständig untergraben. Ferner soll den jüdischen Handwerkern untersagt, werden, christliche Lehrlinge zu halten. In confessioneller Hinsicht sind folgende Ehicanen zu verzeichnen: Es soll den Juden verboten werden, Untere richt in der jüdischen Religion bei Privatlehrern;ü nehmen, und die Zahl der Synagogen soll reducirt und überdies die freie Abhaltung der Gottesdienste während der großen Jahrmärkte eingestellt werden. -Tie Frage über die „Verdünnung" der jüdischen Bevölkerung im Niederlaffungsgebiete soll dahin gelöst werden, daß man jährlich einer gewissen Zahl von Juden gestatte, im Amur- oder im Transkaspigcbicte sich niederzulaffeu. Letzteres spricht wohl dafür, daß die Regierungjit den Juden doch ein culturelleS, arbeitsames Element sieht, das sich zur Russificirung dieser Gebiete eignet. Während die Pahlcn'sche Eommission solche Beschlüffe faßt, erläßt der Petersburger Reichsrath fast täglich neue Ausnahmsgesetze gegen die Juden. To wurde neulich mittelst Ilkases verfügt, daß die Juden in Rußland sich nur mit jüdischen Vornamen nennen dürfen. Dies erinnert an das gelbe Abzeichen, welches die Juden im Mittelalter haben tragen müssen. Gleichzeitig hat der Reichsrath auf Antrag des Generalgouverneurs Grodekow beschlossen, die Juden zur Bekleidung von Vormundschaftsobliegenheiten nicht zuzulaffen. Der Rabbincrcommission, welche vom Ministerium des Innern jüngst nach Petersburg berufen worden ist, sollen eine weitere^ Reihe von Ausnahmsgesetzen vorgclegt werden, über deren Wesen vorderhand volles Dunkel herrscht. Wie man also sieht, arbeitet die russische Regierung eifrig auf dem Gebiete der Judenverfolgung. Vielleicht erleben wir es bald, daß Rußland für seine Juden auch einen Td)eiterhanfen errichten wird. Weit ist das Ezarcnreich nicht davon. Argus. Vaterlandsliebe und Vaterlandstreue. Tr. Bernhard Fischer, ein hervorragender Kenner des Talmud und wohlvertraut mit den Tätlichen der Antisemiten, hat in einem für den Leipziger Antisemitenverein bestimmten „Vortrage" über den „Talmud und Tchulchan Aruch" (Leipzig, Selbstverlag des Bcr-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.