Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 67 (16.7.1893)
- Date
- 1893-07-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbonnrmrntSprriS: (Dygait zur Abwehr des AntlseknitlSkNUS. Redaction und Admiilistrat.io», «-»>,jäd>ig mit Post,ust»dung . .. fl. 8*60.' , , ^. HaN'jäbrig fl. 1.25. »ierteliä&pg fl. —.65 f! I! , »ri»,-,..k «umm-r»«lr. - / Erscheint nit jedem Sonntage. r Keiler stütte 10. Nummerst?. Wien, 16. Juli 1893. II. Jahrgang. Mit der heutigen Nummer erhalten unsere Leser die nennte Fortsetzung des Werkes: Die Mm uni» der Aiitisemilisin» Ilvcrel.' unter den TNcrtionen von Änatole Lcroy-Aeautien vor» frcr,izSsifiHe»t Institut. Neu eintretende Abonnenten erfüllten ans Perlange» die bereits erschienene» Fortsetzungen nachgeliefert. Die galizische „Neformbewegung".. Mechaniker Schneider, welcher jüngst eine Agitalionsreise durch Galizien unternahm, war voll deS LobeS über de» herzliche» Empfang, welchen er in Lemberg und Krakau bei dortigen geheimen Gesinnungsgenossen gefunden, und erklärte, daß die Ansätze zu einer „christlich-socialen Reformbewegung" i» diesem Kronlande vorhanden seien, Ansätze, von denen er sich in seinem Sinne das „Beste" verspreche. Bei der bekannten Wahrheitsliebe Schneider's wäre man versucht, die Richtigkeit dieser Angaben zu bezweifeln, allein in diesem Falle thäte man dem Mechaniker Unrecht. Ter Verlauf der zahlreichen Versammlungen, welche in de» letzten Tagen in Krakau stattgefuiiden haben, zeigte, daß Schneider ausnahmsweise von der Wahrheit nicht abgewichen ist. Sowohl der Katholikentag als auch die Versammlungen landwirlhschaftlicher Vereine, des Verbandes der Bauernpartei :c. trugen ziyar äußerlich nicht den demagogischen Charakter, wie er de» antisemitischen Meetings in deutsch-österreichischen Gegenden anhaflet, aber sie verriethen nur zu sehr jene Ansätze, welche der Wiener Anlisemitenführer freudig verkündet hat. Die wirthschaftliche Schüdi» gung der Juden war der leitende Gedanke, welcher alle diese Zusammenkünfte beseelte. „Errichtet statt der jüdischen Wirlhshäuser christliche Wirthschaflen!" riefen die Bauern aus. „Gründet christliche Geschäfte!" ermahnten die städtischen Agrarier. „Wahret das Interesse des katholischen Volkes in der Schule wie im Lebe»!" ließen sich endlich die auf dem.Kalholikentage versammelte» frommen Herren vernehmen. Von dem herzlichen Empfange, dessen sich Schneider rühmte, war in der Lefsentlichkeit nichts zu bemerke», und ebenso wurde auch darauf Bedacht genonime», scharfe Worte in den Versammlungen thunlichst zu vermeiden und das System der Leisetreterei strenge zu beachten. Wer die Verhältnisse kennt, den konnte dies freilich nicht irresühren. Spielte doch in der Versammlung der landwirthschaftlichen Vereine jener Herr Merunowic; eine tonangebende Rolle, der schon wiederholt als Publieist und als Landtagsabgeordneter in allerdings verclaufnlirter Form Vorschläge machte, welche auf Beeinträchtigung der Juden in ihren Rechten und in ihrem Erwerbe abzielten. Der Hauptmacher des Katholikentages aber war jener Geistliche CholkowSki, der seinerzeit als Censor dem fürstbischöflichen Eonsistorium in Krakau empfohlen hatte, ein Gebetbüchleiw mit dem „[»>},rimatiii'* j;u versehe», welches die Tendenzlüge enthielt, daß ein Aufruf der Aliiaiice Israelite die Juden anfgefordert hättedanach zu streben, ganz Einlizie» in ihre Gewalt zu bekommen, die EHAsten auS alle» ihren BernfSsphären heranszudrängen und sich zu alleinigen und »»beschränkten Herren d/s Landes zu machen. Auch der Um-, stand, daß der Krakauer Katholikentag nicht nur von dem „Vaterland", dem „Linzer VolkSblatt" und ähnlichen judenfeindtichen clericalen Blättern, sondern auch vom Psenner'schen „Volksfreund" telegraphische Sympathiebezeignngen erhielt, war ein verdächtiges Anzeichen. Die Beschlüsse der Agrarier, insbesondere jene, welche die Unterstützung „christlicher Geschäfte" und bereit Förderung durch die Errichtung von Eentralanstalten betreffen, lassen wohl keinen Zweifel darüber zu, daß der Boden geebnet werden soll, um auch in Galizien jenen „Reformen" zum Siege zu. verhelfen, für welche in Wien die „Christliche Familie" unter dem Feldgeschrei „Kauft nur bei Christen!" kämpft.. Seine Euiinen; Cardinal Fürstbischof Dunajewski hielt es für angemessen, diese Absicht der Agrarier alS löblich zu vreisen und die vielverheißende Erklärung abzugeben, daß ihm dieselbe, wie jedes Bemühen um Befreiung auS einer „Selaverei", außerordentlich Zusage. Ans dem Katholikentage gaben sich die antisemitischen Gelüste weniger in den. gefaßten Beschlüssen als in charakteristischen Aeußernnge», namentlich in denen des Grafen Stanislaus Tarnowski kund. Der edle Graf sprach, nachdem er die confessionelle Schule befürwortet und den „ungläubigen JosephiniSMuö" heftig bekämpft hatte, wie folgt: „Eine der dem Katholirisnius in unserem Laude drohenden Gefahren, bildet die Thatsache, daß es im Vergleiche mit anderen Ländern dimeisten Inden zählt. Dieser Theil der Bevölkerung schließt sich dem Kampfe gegen den Katholicismus eifrig an, und die Möglichkeit dazu gewährt ihm die Gleichberechtigung — eine.Frage, deren endgiltige Lösung die Zeit bringen wird. In anderen Ländern führte die Uebermacht der Juden im soeialen Leben Judenhäß herbei. . Diese Länder, welche die Gleichheit zwischen Juden und Christen yerkündigt hatten, fühlten doch gleich den. Bluts unterschied heraus. Der Antisemitismus ist grundsätzlich schlecht, unchrHlich und in praktischer Hinsicht gefährlich. Gott möge uns vor dein AntisemiliSmus bewahren! Wir müssen UnS nur mit rechtliche», ehrlichen und würdigen Mitteln vertheidige» und durch entsprechende Gesetze, durch eommereielle Verbünde :e. der ökonomischen und socialen Macht der Juden ptgegentreteii. Die Sicherstellung eines moralischen Einflusses und auch der vaterländische Boden bilden wichtige Abwehrmittel. Es verträgt sich nicht mit der nationalen Ehre und Pflicht, wenn Großgrundbesitzer sich ihrer CKiter entäußern oder auch nur an Richtchristen verpachten."' Die Rede deö Grafe» Stanislaus Tarnowski ist. wie schon bemerkt, besonders charakteristisch. Während er Gottes Schutz gegen den Antisemitismus anrnft, eifert er zu einem wirthschaftlichen Kreuzzuge gegen die Inden an und wünscht Maßnahmen herbei, welche die Gleichberechtigung. „unschädlich" machen sollen. Daß der Freund und Verehrer Juliair Klaczkv'S der Racenlheorie eines Dühring nicht huldigen kan», ist selbstverstündtich; aber die Hypokrisie, welche in seine» Aenßernngen liegt, erscheint uns nicht. weniger verwerflich. Wohl meinte ei» geistreicher Franzose, die Heuchelei wäre der Tribut, welchen das Laster der Tugend zoll». Unserem Geschinacke entspricht es jedoch nicht, wenn Gehässigkeit und-Engherzigkeit sich in salbungsvolle Worte hüllen. Wir glauben