Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 66 (9.7.1893)
- Date
- 1893-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 6. Freies Blatt. Nr. 6«;. samkcit auf religiösem (Gebiete, das Gegengewicht gegen nationale nnd Raeeiitinseitigkeit, daS Selbstgefühl der freien Menschenwürde gegcnitbcr allen Unterschieden der Geburt, der Bildung und deS Besitzes ist auch beule noch ein Ziel, anfs Innigste zu wünschen. Darin liegt der eigentliche Kern der sreiinanreri'chen Bestrebungen, daß sic die allgc inciue Befbrüdernng der Menschen als die Aufgabe aller derer hi» stellen, die ihren Blick über daS (betriebe des alltäglichen Gebens nud über die Beiriedignug der Nächstliegenden Bcdürsnistc zu erbeben vermögen. Wird dieser sreimaurcrischc kisrnndgedankc aber auch in unseren stogen praktisch verwirklicht? Dckion Messing hat daraus für seine Zeit in den angeführten Gesprächen eine Agtwort gegeben: .staß einen aufgeklärten Juden koninien und sich melden! .3a/ heißt eS, .ein Jude? Elwist wenigstens muß freilich der Freimaurer sein. Es ist mir gleich viel, was fiir ein Ehrist. Clmc llntcrschicd der elrcligion heißt nur, ohne Unterschied der drei im heiligen römischen Reiche öffentlich geduldeten-Religionen . . . Vaß einen ehrlichen Schuster, der bei seinem leisten Muße genug hak, manchen gnten <>chdanken zn haben ■ wäre cS auch ein 3akob Böhme nnd Hans Dachs , laß ihn kommen und sich melden! ,3a,' heißt cs, .ein Schuster, freilich ein Schuster.' staß einen treuen, erfahrenen, versuchten Dienstboten kommen nnd sich melden. — .Za,' - beißt eS, .dergleichen.stellte freilich, die sich die Farbe }>t ihrem strecke nicht selbst wählen. - Wir nnd unter uns so Hute Gesellschaft.' Do vor Kundert Jahren Und ist eS henke bester? Den Inden gegenüber will lich die Großloge .Sailer Friedrich zur Bnndcstreuc' anders stellen, als die altpreußischen <'--roßlogen sich, von Ausnahmen abgesehen, bisher gestellt haben. Den Dchnstcr und Bedienten oder sagen wir geradeweg dein Arbeiter gegenüber ichwcrlich . . . Alles waS j Menschen treiben, bleibt Mcnschcnwcrk und damit unvollkoninien nnd > verbesternngsbcdürftig." Dchließlich wendet-sicki die HBoisischc >jciin»g" , gegen die Geheiiiinißkrämerci nnd sagt: „Wir haben heule daS freie - Bersaniiiilnngsrechi. WaS wahr ist ni-d edel, was für die Menschheit > und ihre Bestiminnng förderlich, das läßt sich heute nicht mehr nnier > drücken Wozu al>'o noch die ^'ehcininiste. wenn sie ungefährdet offenbar 1 werde» dürfen? Und ist die Desfcntlichkeit so ganz werthlos? Man - hat ste doch im staüfe des ncunzehnten Jahrhunderts schätzen lernen. Auch sür die Bestrebungen der Frciinanrerciist die Dcifentlichkeil von ■ beeilst.,!, Werth Die Destentlichfeil ist die beste Eontrole: sie schützt! vor Drietereien und Berirrnngcn. Wer im Dienste der Menschheit i arbeitet, braucht ■ sich nicht mit Geheimnissen zu umgeben 3a, wir ' lind überzeugt, daß ebne Hülle der sreimaurcrischc Gedanke der Tuld sainkeit und der Bruderliebe eine größere Dckiaar rou Dtreitcru fände als heule, ivo er durch Formeln und Dpielcrcicn erstickt zu werden j droht "; (?ilt jiiDildlfr SolDat im oillirc IM:}.. Unsere Berliner Abwehreollegin rcvrodneirt aus den stenographischen chrototolleü des , „Bereinigten Landtages" von 1 ^47 solgende Erzählung deS damaligen Abgeordueleu v. Bcckeräth: Eine jüdische Mutter in der Mark - Brandenburg batle im Jahre I>l." einen einzigen MIjährigi» Sohn: die'er Jüngling wurde von der begeisternden stiebe;itm Balerlandc , ergrisien, und es drängte ihn, an dem Kampsc zu seiner Rcttnng! kheilzuiichnicn Die Mutter entließ ihn mit ihrem Degen: sie brachte - zugleich einen Tbeil ihrer Habe, ihr DilbeTgc'chirr, als Gabe dar zur Änsrüstung der unbemittelten freiwilligen Baterlaudsvcrlhcidigcr, und 1 :s ir-urde ihr bafür, die Urkunden liegen mir vor, cs wurde ihr für - dns ^'.schenk, das ste, wie cs darin beißt, „in froinnicin Glauben . > rächte, die Berechkigring eribeilk sich zu den Milglicdcrn des Frauent'ür jetzt und für die R'ichivclr zu zählen". 3t! den ersten Bioi-.n-i, erhielt sie Rachrichken von ihrem Dohne, dann blieben ste i aus st.'.nge harrte ste vergeblich Endlich wendete sic sich voll banger . Abnuttg a:r een Eonimandcur des Regiments, in welchem ihr Dohn j dient., und e,e Ankwork, die st« erhielt, war folgende:!,Auf 3hr! Dchrerben .d'n Herrn st berst v. Alvcnslcbcn in Betreff Ihres . Dobnes nb.-.i.nd.' ich Ihnen den beiliegenden Dchein des sticutcnantS ' Bebm. welche-. da:nals Feldwebel in der Eompaguic war, worunter Ihr Dobn gestanden Die werde» daraus ersehen daß Ihr Dohn bei ' «streß tstorichen für die bstlige und große Dache gefallen ist. Trösten! nud beruhigen D:e stch, Madame, mit der Ucdcrzcugung, daß Die . Ihren ^obn dem atöuia: und dem Balerlandc geopfert haben." TcrrorlSIIIllS. Ter akademische Denar der alten Montanhochschnlc zu Freiberg in Dacb-en scheint RcchtSaiischannngen zu hiildigc», die man außerhalb des osst.iell anliseniiltichen Dachsen nicht stecht wlirdigen und begreifen mag Tic auklscnlitiichcu Diudcntcn erklärten uänilich der akademischen Behörde, fürder den Borlesnngen fernbleiben zu wollen, wenn nicht vier lüdiiche Akademiker, weil sic sich an ,'oeialisrischen Bcn'animlungen beiheiligl, e„jfcii,t würden Taranfhiu; w u.r de» die besagten vier Akademiker thatfüchlich von - der 3rejberget Bergakademie verwiesen. Dachsen gilt nicht j i t nmsonst als das Paradies der Antiseinitcrci. Rach diesem Muster bedürfte cs ja nur eines Dtrikes der antisemitischen Dtudcnten, um die Juden von säinnilkichen Hochschulen, Akademie» nnd Universitäten zu entfernen. De» akademischen Senat von Freibcrg möchten wir in der hat näher kennen lernen. (Es dämmert.') Aus Mecklenburg kommt eine den Antisemiten wenig erwünschte Kunde: Es dämmert! Mecklenburg, das stand der Junker und Mucker, der Prügelstrafen und sonstiger „Ucberliefcrungcn unserer Altvordercn", war de» Antisemiten ans Herz gewachsen. Dort wurden die Juden erst durch die Berfassung des norddeutschen Bundes gleichberechtigte Staatsbürger; nian wählte sie aber nach wie vor zu keiner Bcrtraucnsstcllung. Run hat Rostock den ersten Schritt gcthau und einen jüdischen Rechtsanwalt, wiewohl er Eohn heißt, in die dortige Gcnicindevertrctung entsendet. Es dämmert-! (Fritz Ncutcr und die Zlldtll.) Unter den nach Fritz Rcuter's Tode in seine gcsamincltcn Schriften anfgcnomiuencn humoristischen Arbeiten befinden sich auch die lHöö und entstandenen „Briefe des Herrn Inspectors Brüsig an Fritz Reuter" und vice vers;i. Im achten dieser Briefe theilt Reuter in schalkhafter Weise, gleichsam um Rath fragend, dein biedere» Inspector folgenden „Fall" mit: In einer kleine» Stadt — bitte, ich irre mich, cS ist eine Kreisstadt — lebt ein edler Israelit. Der Mann beschließt, dein >jugc seines Herzens, welcher ihm als des Schicksals Stimme gilt, zu folgen nnd in der , schweren Roth der Zeit oder in der Zeit der schweren Roth ein i Ucbrigcs zu thnn und sich seiner — bald hätte ich Mitchristcn gc-! schrieben — leidenden Mitmenschen zu erbarme». Er überlegt sich j Alles wohl, wie daS seines Bolkes bedächtige Art ist, er fragt sein i Herz, er fragt ici» Geschäft, beide nicken mit dem Kopf nnd sagen: j 3» Gottes Rainen! Thu's! — Er ihnl's! Er holt 1(M) Thalcr 1 preußisch Eonrant hervor und gibt sie zn einer Snppcnanstalt für die Arnlcn der Stadt — Halt! Herr Inspcetor, Sie wollen sagen, neas > Sic wahrscheinlich schon oft gesagt haben: „Jude ist Jude, er hat seinen Bonheil dabei." Tic Sache ist noch etwas anders. Der Mann denkt: Soweit ivär's gut, aber die preußischen Thalcr können die armen Teufel nicht fressen, sie müssen Duppe dafür haben, aber wo diese Duppe kochen? 3cki habe da zwei Küchen, ich will sie hcrgebcn diese beiden stoeale, ich will mir die stast ans den Hals laden nnd die Geiahr, daß man bei (Gelegenheit mir die silberne» stösfcl stiehlt. — Große Freude in der christlichen Bersaninilung! „Haben Die's schon gehört? der Eo. . . . /' - - Ja, ja, weiß cs schon. Hat MM) Thalcr gezeichnet „3a, er hak aber auch seine -Küchen zu diesem wohlthütigcn Zwecke angcboicn." Allgemeine Freude »nd Anerkennung. Da erhebt sich der dreiüial im Feuer deS Glaubens upd der stiebe geläuterte hierarchische Goldguast und spricht: „Meine Herren, ich srinimc für Ablehncn! Ric werde ich als christlicher Superintendent zngcbcn, daß christliche'Arme ans einer Indcnküche gespeist werden." Trotzdem heiliger Widerspruch von vier Mitgliedern des Eoniit--s, weswegen dieselben i» den Bcrdachl des heimlichen Mosaisnins gerathcn. Dieselben gehen ab und zürnen inwendig. Indieirlc Indenversolgnng. — Bräng schreibt in seiner Antwort über den „Fall": Unser Herr Pastur is noch einer von die Alten.. Bor die Dialtsuttcrnng nnd die vielen Beistnnden is er »ich. Als Dekonemiiker iS er richtig nnd alS Pastur ein Menschenfreund: Er is der Meinung, daß die Israeliten im (Ganzen genommen, niillgaiverncr » ären als die Ehristeu, und daß ihre Kocherci sehr rcndlich mit „Milchern" und „Fleischern" wäre, auch das Esiend. behilflich, wie er dies an seiner eigenen körperlichen Be -ckafsenheit erfahren habe, da er lange Jahre als «'-'iinuast bei so einem mosaischen Sainaritcr 's Middwochcns Freitisch gehabt habe. Run frage ich Ihnen aber: Hat dieser Snppcrdcnt was gegen die MM) Rrhlr. prcnschen Eranl, dieses mosaiichcii Glaubensgenossen gc- 'habl, oder hak er diese for probat erklärt? Dieses wäre, wie uns' Herr Pastur sagt, eine crcmplarischc Bcitragung z» die Moralität von's XIX. Jahrhundert. 4.1 antisemitischen Oereinen unö Oer sannnlunqen. tl;bristlich-socialcr Parteitag.) Am letzten Sonntag waren die Wieicer lLbrinIich Socialen unter der Fühenng sticchtensteiii'S, Pattai'S und einiger Unter oineierc der antifeinitifche» HeilSaruiec in Zsteunkirchen eingekchrt. Tie- .S>erren, Sie sich den viberalen gegenüber stets so hoch gebrüstet, daß ihre Per iaminlnngen allein Poltsversainiiilungen seien, da zn denselben Jedem der Eintritt sreistehe, habe», durch geivisse traurige Erfahningen der letzten Zeit gewitzigt, nnnniebr ein rlZuaranlainesnsiein für diejenigen eingesührt, welche Zutritt zu der ttanzel de» auliiemilischen Evangeliums-haben wolle». In Nennkirchc» sollen