Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 66 (9.7.1893)
- Date
- 1893-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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reite XXXVI. . Beilage znm Freien Blatt, Vrgan zur Abwehr des Antisemitistnus. Gerade.das Judenthum hat schon, ohne;u unterliegen, zwei.oder drei Krisen übersranden,- von denen es schien, als müßten sic enien todtlichen Verlauf nehmen. Es besitzt eine merkwürdige Lebenskraft; es bat dafür ,'o viele Beweise geliefert, daß es uns zu verübeln berechtigt wäre, würden wir an seiner Zukunft zu zweifeln scheinen. Es bestehen Ueberlicferungcn und Legenden, welche das Judenthum bis znm Weltende dauern lassen : sic könnten wohl Recht haben. Mag übrigens Israel mit den 'Jahrhunderten einen neuen Vertrag abschließcn oder nicht, das ist seine Sache. Würde das Jndenlhiim erlöschen' so verschwände mit ihm der Jude, und in Ermanglung von Juden gäbe cs keine Judenfrage mehr. So viel siebt für tu>s feit, Israel wird, und sollte cs dahci zu Grunde gehen, gezwungen fein, sich zu entnalionalisiren und zu „entrabbinern". Und thut cs dies etwa nicht bereits unter unseren Augen, rom Abendland bis znm Morgenland, hier rascher, dort langsamer? Tic Tage des alten Talmudthums sind gezählt; umsonst ertönt die >t lage der vom Geiste der Gemara genährten Rabbiner über den Geist der. neuen Zeiten. Ter Westwind hat sich wider Israel erhoben, und nichts bei Jacob wird dem Wehen, das vom Abendland kommt, widersieben. IV. <- , rungen an den Orient und die Bibel durchtränkte jüdische Familienleben. wird nur mehr bei den Erzählern Böhmens und GalizienS, wie Komperl oder Sacher-Masoch, fortleben. Israel unterliegt dem allgemeinen Gesetze: auch Israel ist im Begriffe, unter der Gleichsörmigkeitswalze, welche über die Welt dahingcht.zu verschwinden. Es ist ja erstaunlich, daß cs dem Talmud gelungen ist, Israel während fünfzehn Jahrhunderten in seinen Glaubensgebräuchen eingesperrt zu halten. Synagoge und der Kahal wären seit Langem schon daran gescheitert, hätte nicht der christliche Geist der Ausschließlichkeit dem rabbinischen Absondernngsgcist doppelte »rast verliehen. Tie dicken talmudischcn Mauern wären unter der Wucht der Zeiten zusammengestürzt, würden sie nicht durch unsere Kirchen- und bürgerlichen Gesetze verstärkt und von außen gleichsam durch Strebepfeiler gestützt worden sein. Allemal, wenn der Jude Miene machte die Judengasse' zu ver-. lassen, nöthigtcn wir ihn wieder dahin zurück. Wir stießen ihn aus uuserer Gesellschaft und vcrurtheilten ihn damit zum Verbleib im Pferch der Seinigen; wir untersagten ihm die Zugehörigkeit zu unserer Gemeinde, zu unserer Nation und machten es ihm damit zur i Pflicht, der Mann seines Sfammeö zu bleiben. Man kennt die 1 Strafe der Einmauerung. Mit dieser habe» wir Generationen von Inden belegt. Tas ganze christliche und moslemische Recht To beschwerlich die Umwandlung scheinen mag. sie vollzieht! sich. Tie gebt, nicht allein in der Timagoge und der Talmnd-Thora j, schien absichtlich darauf gerichtet, Israel im Zustande der Körpervor sich, sondern auch im Hanse,'- in der Familie, im häuslichen j schüft oder des Elans luftdicht in seinen vererbten Gebräuchen ein- --eben.?iicht der Enlt, das Ritual Israels allein strebt nach j geschlossen zu halten. Nichts Belehrsameres gibt es in dieser „Modernisirung", auch feine Gewohnheiten, Tine», Ideen, sein ' Hinsicht, als das Studium der Gesetze des Mittelalters und der ganzes Leben. Und hier frönt die Wandlung nicht auf dieselbe". Tchwierigkeiten wie im Innern der Synagoge. Wenn dem Inden-! lhuin das Vergessen seiner valästinischen Ueberliefernngen und das! .Anfgeden seines allen hebräischen Eharaklcrs nicht v'erstaltct sind, so j ist für das Hans des Inden nicht dasselbe der Fall. Nichts verj vsiichlel ihn Orientale zu bleibe», nichts zwingt ihn zur Bei-! behaltung von Tondergebräuchen, einer besonderen Sprache und Tracht, vonchürqerlichen Titten, welche seinen andersgläubigen Nachbarn fremd-! Gesetze des früheren Regimes. Aus ihnen erklärt sich, wie das zerstreute Juda aus der Oberfläche der Nationen gewissermaßen, zu Klümpchen geronnen ist, ohne daß die Jahrhunderte es in den Nationen anfzulösen vermocht hätten, Oeltropsen vergleichbar, die ans einem Teiche schwimmen. So haben denn die Juden nicht Unrecht, wenn sie zu uns sprechen: Ihr Geklagt euch über unseren Geist der Ausschließung und habt doch Alles gethan, um ihm Nahrung und langes Leben artig sind. Turin vornehmlich ist die Umwandlung ausfallend, j Z» geben. Unsere Rabbiner hatten uns im Talmud eiiigekerkert, darin insbesondere ist sic von Wichtigkeit. Eine solche allein hat auch, vom socialen oder nationalen Gesichtspunkt aus, Interesse für uns. Tnrch ganz Westeuropa hin, in den grossen Ecnlren selbst des ..Orients, verwandelt sich der altbekannte Jude im langen Kaftan und mit den langen Haarwickeln in einen modernen Menschen. Zu dieser Verwandlung des „Inden" in den „Israeliten" ist überall, wo unsere Gesetze oder unsere Vornrthcile nicht hindernd dazwischen treten, Neigung vorhanden. Tie Juden unterliegen mehr und mehr dem Einstussc der Umgebung, wo sie geboren werden und leben. Tie streifen allmälig ab, was man ihre nationalen Titten nennen könnte. Tie intimen «Gebräuche, die häuslichen Andachtsübnngen, iv .che nn Hause des Ghetto soviel Raum einnehmcn, verlieren sich reu selbst. In gewissen Länder», in unserem Frankreich wie in England, bleibt bereits kaum mehr eine poetische Erinnerung daran übrig. Es treten, zum großen Leidwesen der Liebhaber des Malerischen, die" allen jüdischen Sitten mit ihrem biblischen Eharakicr, ihrer ungekünstelten Würde, ihren rührenden Legenden, ihrer so lebhaften Empfindung für das patriarchalische Leben in den Hintergrund und geralhen in Vergessenheit. Man muß, will man sic noch vornnden, in irgend ein abgelegenes Torf des Elsaß gehen: bald wird man dazu eine Reise nach den Gefilden Polens mache» müssen. Nach der Art und Weise, wie diese Aenderung sich vollzieht, werden die letzten Spuren davon vielleicht vor Ende des .X X. Jahrhunderts verschwunden sein. Tas alte so ganz mit Erinivc- und ihr habt die Thüren verrammelt, damit wir sie nicht öffnen könnten. Ans Scheu, wir könnten mit euch verwechselt werden, oder uns unter euch mischen, habt ihr uns in besondere Stadttheile verwiesen, uns Unterscheidungstrachten und schimpfliche Kennzeichen auferlegt. Was ist da Verwunderliches, wenn wir, die weder Bürger eurer Staaten, noch Bürger eurer Städte sein konnten, nur Juden zu sein vermochten, die kein anderes Vaterland als Israel und keine andere Regierung als den Kahal kennen?'") Wie hat sich für gewöhnlich das Nationalgefühl gebildet? Turch Rückwirkung gegen den Fremden, wie wir wissen, durch das Schutzbcdürfnlß gegen einen gemeinsamen Unterdrücker oder Feind. Während Jahrhunderten hat die ganze Haltung und Gesetzgebung der christlichen Völker den Juden gegenüber darauf abgezielt, ihnen ein jüdisches Nationalbewnßtscin cinzuschärfen. — Angenommen, meinte Macanlay, man hätte während tausend Jahren überall die rothhaarigen Menschen Beschränkungen und Plackereien, ähnlich wie sie den Juden anferlegt worden, unterworfen, so liegt es auf der Hand, daß die rothhaarigen Menschen sämmtlicher Länder, wenn auch verschiedener Abstammung, sich als Landsleute und Brüder betrachtet hätten. - >.>°r,,cyung folg,.) 1141 Die jüdische Gemeinde oder die Behörde, welche die jüdischen Gemeinden regierten, ^eit dein Erscheinen de« Buches des orthodoxen und russischen Juden Brafmann „Kniga o Kagole“ ist mit dem Kahal viel Lärm gemacht worden. Ich bedauere, diesen Gegenstand in diesem Werke'nicht behandeln zu können; später gedenke ich ihn vorzunehmen. Man abonnirt das Freie Blatt in der Administration, Wien, I., Seilerstätte 10. Abonnementspreis: ganzjährig ä. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 65 kr. Herausgeber und verantwonlicher Redacteur: Ernst Bictor Zenker. — Druck von Eh. Reißer & M. Werthner, Wien.