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Freies Blatt · 1893-07-09 · 66 (9.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
66 (9.7.1893)
Date
1893-07-09
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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reite XXXV. Beilage zum Freien Blatt, Megan zur Abwehr des'Antisemitismus. auf daß er imo über feine Wege unterweise." Jene Religion des Geistes und der Wahrheit, welche die Welt nach Luther und Voltaire noch ersehnt, Israel wird sie lehren. Dazu braucht es nur seine alten Eultnoübungen abznstreife», gleich der Eiche, die iin Frühling das welke Winterlanb abschüttell. Das von der Knechtschaft der rituellen Gebräuche befreite Inda wird den ihm anvertranten göttlichen Schatz, daS Vermächtniß der Propheten, Tmö e& »nangetastet erhalten, den Heiden überkoniinen. Es wird dies die Vollendung der wahrhaft allgemeinen und' eiidgillige», menschlichen und göttlichen Religion zugleich sein. Danil erst, '.nachdem es die Seele der Völker mit dem Geiste der Thora durch drnngen, wird Inda seine Sendung erfüllt haben und unter de» Rationen aufgehe» könne». Der Traum ist gewaltig und jeder Jude trälimt einen solchen, oft unbewußt, in seinem Innersten. Manches ermuthigt ihn dazu: die geistige Anarchie unserer alten christlichen Gesellschaft, die religiöse Roth, die tiefinnerste aller menschlichen Leidschaften, das Glaubensbedurfniß lind die Schwierigkeit zu glauben, der Entwicklnngöproeeß des Protestantismus und der rationalistischeil Seeten, welche, unter dem Deckmantel der Bibel, gleich den Uni tarier», wieder zur eifersüchtigen Eingottlehre Iehovah'o zurückkehren. Allein, ist dieser Traum für den Inden zu verwirklichen? Sehen wir vom Ehristenthnm ab, dessen alter gespaltener Stamm noch mehr Saft enthält als Manche glaube». Bringen wir nur das Indenthlim in Anschlag. Bliebe ihm selbst Mrast lind Glaube geling, nm von Renem die Welt emporzuheben, allemal würde es Israel schwer aiikvinmen, der Welt eine Religion zu bringen, denn eine Religion ist nicht bloß ein System von mehr oder minder desinirten Lehrsätze», und der Glaube an einen lebendigen Gott bildet kein solches Unterscheidungszeichen des Ilideilthliins mehr, nm ihm für die Einsetzung eineö eigenen Dogmas zu genügen. Eine Religion braucht, wie wir bereits bemerkt, einen Enltns, Eeremonie», liturgische Bande, »in die Seeleit sichtlich mit einander z» verbinden. DaS Ritual ist für sie vielleicht wesentlicher als das^Dogma; das Ritual kann wenigstens das Dogma überleben. Die alten Religionen gleichen häufig den alten Bäumen, deren anSgehöhlter Stamm darum nicht, minder;n blühen und zu tragen fvrtfährt. ' Meine Religion dagegen vermag für längere Zeit des Rituales zu entrathe». Israel selbst verdankt es seinen Satzungen, die Jahr hiliiderte dilrchdauert zu haben. Die Hauptbedingiing aber für den Sieg des alten Gesetzes wäre die Ansmerznng der eeremonielleii Uebnngeil, das heißt die- Abschasfiilig des Gesetzes. Mit änderen Worten: das Iudenthnnt müßte, um allgemein zu werden, mit seiner Selbstanfhebung beginnen. Sein Sieg vermöchte, so scheint es. nur um den Preis des Selbstmordes erkauft zu werden. Für die halb entjudeten Israeliten, deren messianische Träume sich mit verworrenen Humaiiitätshoffnnngen begnügen, hat dies nichts Beunruhigendes. Anders jedoch für die Inbrünstigen der Synagoge, für Jene, welche den Glauben Israels und die Liebe zu seinem Gesetze bewahrt haben. Diesen ist durckiaus nicht daran gelegen, das Gesetz sich in Handbuchmoral für bürgerlichen Unterricht nuflösen, die Substan; der Thora sich in einen leeren Deismus oder einen noch trügerischeren Hnmailitarismns verflüchtigen zu lassen. Sie wünschen, daß Iaeob inmitten der Rationen gleich einer Leuchte des streugen EiugottglatibeuS daftehe und verlangen dazu, daß die Religion Israels ein positiver Eult, eine lebendige Religion bleibe. Sie willigen zwar in eine Auöschneidnng der Satzungen und Ansästung des Rituales, aber nur unter der Bedingung, daß der Stamm oder der Wtirzelstock des alten Baumes unberührt Pleibe. Sie hängen an den durch die Väter überkommenen Gebräuche.» und scheuen den Bruch mit der Ueberliefernng, denn sie fühlen, daß die Wurzeln des Iudenthums in der lleberlieferting stecken und es dieselben nicht abschueideu darf, sott es nicht abdorren. In der Thal ist' das Indenthum nicht ein Bekeuuhtiß oder eine Mirche wie eine andere; es ist weniger ein Glaube,, ein von Gott geosfenbartes Dogma, als ein Eultus,' ein Gesetz, eine Summe von rituellen Gebräuchen und Uebnngen, welche von den Vorfahren^ vererbt wurden und als solche Verehrung genieße». Bei ihm jitvb Eult und Rituale nicht Religionoformeu .allein, sie sind einigermaßen die Religion selbst; ihre Bedeutung oder ihr Werth rührt in Heu Attgen der Gläubigen weniger von den durch sie versinubildlichleu Dogmen, als von den Vorstkfffru her, . welche sie von Geschlecht zu Geschlecht gleich einem Familien - vermächtniß überkommen haben. Dies ist heute für eine Menge Jude» der Hauptgrtmd für die Fortdauer des Iudenthums. Sie. hängen daran wie an einer ererbte» Ueberliefernng. Daraus erklärt sich auch ihre geringe Reigung für das Proselytenmachen. Ihre Religion ist einigermaßen der Hauseull des Hanfes Iaeob: wozu also-ihre Satzungen Solchen aufdrängen, die nicht aus Abrahams'Blut sind? Die ceremoniellen Uebnngen Md.für die Juden nicht allein das Siegel für den Bund Israels mit Iehovah, sie sind atich ein Feldzeichen für die Juden untereinander. Die gottesdienstlichen Gebräuche bilden das Einheitsband, die Mette, welche den Israeliten mit dem Israeliten verbindet. Weist man, wie gewisse Reformjuden Deutschlands und Englands, Alles im Hndeuthum von sich, was nicht einen ausschließlich religiösen Eharakter trägt, AlleS, was an seinen nationalen Ursprung erinnert', löscht man den Rainen Zion und das Andenken an Jerusalem aus, schafft " man die Besckpxeidung oder die Speisevorschriften ab, ersetzt man den Sabbat durch'den Sonntag, im Psalmeugesang das Hebräische durch die Vulgärsprache, so heißt dies nicht allein das Einheitsband lockerit, die Fesseln, welche den Juden an seine Brüder zugleich wie an seine Väter binden, lösen, sondern nach und nach Allesunterdrücken, was die Eigenart des Iudenthums ausmachl, heißt, dasselbe »»rvermerkt auf "einen bloßen Rame» oder einen Schallen herabniindern. — Der deutsche Geschichtsschreiber der Juden, Dr. Grätz, hat Recht."-» Das Indenthum darf sich nicht alle 'feine palästinischen Wurzeln abschneiden lassen, denn^aus ihnen saugt es feinen Lebens- . fast. Die Reformsynagogen, welche aus dein EultuS alles eigentlich Hebräische ansmerzen, laufen große Gefahr, lediglich Etappen auf dem Wege zum Ehristenthnm oder auf -der bmialen abschüssigen Bahn zum Freidenkerthum zu werde». Wir haben die Gefahr angedeulel, welcher das Iudenthum durch deü modernen Geist und durch jene-Eivilisation ausgesetzl ist, die ihm mit seiner Befreiung die Well erschlossen hat."'» Hier tritt ihm eine andere, vielleicht nicht mindere Gefahr ent gegen. Um sich in unsere abendländische Eultiir zu fügen, muß es sich „niodernifiren"; um sich dem »alioualeu 'Velten der heutige» Völker anzupassen, muß es sich enlnationalisiren; und im einen wie im anderen Falle muß es sich „eiitr>Ätbiiierit", seine Eultusgebräuche vereinfachen, dir meisten seiner Satzungen abschaffe». Allein, modernisirt, entnätionalisirt es sich, verzichtet es auf feine rituellen Uebnngen, so läuft es zugleich Gefahr, sich zu entjuden, mithin sich;tt zersetzen. Es legt seine schirmenden Hülleii. ab: es gibt den Schutz derMlmudischeu Umhegung preis; es thut von üch. was ihm.Leben tmd Fortdauer gewährt hat. , Während Jahrhunderten ruhte"die Synagoge auf der starken Säule des Gesetzes; schafft man das «besetz ab oder läßt man es außer Gebrauch kommen, wird damit nicht die' Synagoge in ihren Grundvesten erschüttert? — Selten hat die Religionsgeschichte ein derartiges Problem anfgeslellt. Sehr verwegen wäre indes;, wer es für unlösbar erklärte. Die Religionen besitzen eine ihnen eigene Mnnst, sich zwischen anscheinenden Gegensätzen zu bewegen, einen wunderbaren Instinkt, sich den Drten und den Zeit^n^anzupatsen. n-i (Ural): „(beschichte'der Juecn“, B XI, 2. 17» u. ff. iut Liehe weiter oben - Trittes, (iapitel, III.

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