Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 66 (9.7.1893)
- Date
- 1893-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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reite XXXIV. Beilage zum Freien Blatt. Vrgan zur Abwehr^ des Antisemitismus. reinigte und erweiterte Religion war durch den talmudischeu Ritualismns materiell und beschränkt zugleich geworden. Für viele Juden schien Iehovab weniger der einzige und allgemeine (.^ott des Jesajas als die Schutzgottheit der Beni-Israel. Es war der Gott der Welt, ab st vor Allem doch der Gott dec> Inden, der Gott seiner Pater Isaak und Jacob. Es stunde uns iibei an, wollten wir uns darüber aushalten, denn tratdes Geistes im neuen Gesetze, trotz selbst des schönen Ramens Katholik bat auch manches christliche Bolk in seine Frömmigkeit für den Erlöser der Menschen eine Art nationalen Sondergeist bineingetragen. Haben sich nicht der Moskowit des heiligen ' Rtißland, der Kasiilier des katholischen Spanien, der Engländer der .Heiligeninsel, der Franzose selbst des allerchristlichsten Frankreich häusig als eine Art von neuem Bolk Gottes betrachtet, -für welches Ebristus, die Jungfrau und die Engel in den Himmels höhen eine besondere Borliebe liegen sollten'? Und der .Protestant, der Puritaner Schottlands oder Englands, nt in dieser Hinsicht hinter dem Päpstlichen oder dem Drthodoren nicht immer zurückgeblieben. Rur mühsam hat sich in die Tiefen der Herzen jener, die. fiel, für Ebristi Schüler halten, jenes Wort gesenkt, das der Herr zur Samariterin-sprach: „Tie Stunde kommt, wo ihr weder aut diesem Berge, »och in Jerusalem den Pater anbeten werdet!" Ter Unterschied zwischen dem Ehristenthum und dem Iudenthum besteht darin,, daß der nationale Sondergeist, der Stammesgeist, dem Ehristenthum widerstrebt, während das Iudcnthum vermöge seines Ursprungs, seiner Ueberlieferuugen, seiner Eultusgebräuche selbst, sich desselben nur mit Mühe entledigt. Soll aber der Jude i» den Ländern, die er bewohnt, sich völligeinbürgern können, so muß das Iudenthum seinen nationalen Eharakter abstreisen. Will Israel, daß der Jude bei uns ein Bürger werde wie ein Anderer, so muß es vor Altem sich vom Stammesgeisie losmachen. Und da das talmudische Iudenthum von die.sem Stammesgeiste durchtränkt nt, so kann man sagen, der Jude werde ersi dann vollkommen Franzose, Engländer, Teutscher, Russe, Ungar,' durchaus Europäer, Amerikaner werden, wenn er sich von den llebertreibungen des rabbinischen Ritualismus befreit haben wird. Tie rings um Israel durch die Tanaim und Amoraim gepflanzte Tornhecke muß weggeschuitten oder ausgerissen werden. Mil anderen Worten, das Iudenthum muß sich „enttalmudisiren", sich „entrabblnern", damit der Jude ein wahrhaft moderner Mensch werden könne. Was im Alterthum die hellenistischen Juden versucht batten, um das jüdische Gesetz der griechischen Eultür anzupassen, haben ihrerseits die heutigen Juden zu thnn, um die Ueberlieferung Israels mit unserer modernen Eultur in Einklang zu bringen. T le Juden des Abendlandes haben dies eingeieheu: seit langem schon baben sie erkannt, daß das Iudenthum nicht an den Talmud sestgenietet ist. Es vollzieht sich in der Synagoge unter dem Einflüsse ■ unserer Eivilisation und unserer abendländischen Freiheiten aus eigenem Antrieb ein Ausreinigungsproceß des Eultes und des Rituales. Je melir der Jude Franzose, Italiener, Teutscher wird, desio weniger Jüdisches oder Semitisches behalten Iudenthum und Jude. Hat mau nicht in diesem Sinne die Umwandlung des „Juden" zum „Israeliten" zu verstehen? Kaum Kundert Jahre sind es ber. daß dieser Proeeß begonnen, und in gewissen Ländern ist er beinahe abgeschlossen. Wie siünde es erst, hätte er sieben oder rchi Jahrhunderte früher vor sich zu gehen vermocht? — Warum inu’Ut dies doch durch unsere Ausschließungsgesetze unmöglich a-macht werden? m. Es ist dies freilich, man muß es eiugefteheu, ein im Wesentlichen heikler Borgang. Eine Religion isi nicht wie ein FLoschthter oder ein Inseet, welches sich, im gehörigen Alter, zur bestimmten Stunde verwandelt. Wohl aber macht das Judenthum eine Art Mauserung oder Metamorphose durch; und wohlgerechnet ist es bereits die vierte oder die fünfte im Perlaufe seiner langen Geschichte. Jedenfalls ist diese, welche es zur, wenn »mit so sagen darf, Pollkommenheit emporführen soll, die Letzte und Mühevollste. Das Iudenthum begegnet bei diesem Umwandlungsprocesse einer besonderen Schwierigkeit: seine Eultusübungen und Gebräuche, seine Bolksüberlieferungen bilden keine einfachen äußeren Hüllen, welche es nach Belieben abstreifen kann. Es sind seine Uebungen und Satzungen mehr oder weniger mit ihm verwachsen.^ Zwei Tinge vornehmlich machen eine Religion aus; zwei Tinge geben ihr Leben und Tauer: die Glaubenslehren und -die gottesdienstlichen Gebräuche, das Dogma und der Cultus. Run, das Dogma nimmt im Iudenthum im Gegensätze zu den übrigen, den heutigen Religionen wenigstens, geringen Finnin ein; sein Eredo ist von einer solchen Einfachheit,, 7daß, wollte man das Iudenthum darauf zurückführen, man eö beinahe darauf beschränken würde, was der kindlich nnbefangene Optimismus unserer Bäter die Raturreligion genannt hat. Ich möchte dasselbe von seiner Moral behaupten; sie ist i» alle aus dem Iudeuthum hervorgegaugenen Religionen und in die an seinen heiligen Büchern herangebildeten Eivilisationen übergegangen; sie gehört ihm nicht mehr zu eigen. Das Einzige, was ganz und nur dem Iudenthum gehört, ist sein Gesetz, sind seine Andachtsübungen. Das Gesetz bildet wahrhaft das Gebälk, das Knochengerüst der Religion Israels: es allein gibt ihm Halt; ohne das Gesetz läuft das Iudenthum Gefahr, in einem verschwommenen Teisntus aufzugehen. Mancher Israelit hält die vorgeschriebeuen Satzungen und die Eultusübungen für veraltet und deshalb mit dem alten Talmudgeiste für dem allmäligeu Perschwinden verfallen. Einige träumen für die Thora nach dreitausend Jahren ein neues Geschick. Sie zählen darauf, daß Iehovah die Horebquelle von Reuem erschließen werde und hoffe», daß sein Polk nicht mehr als einziges daran seinen Durst stillen möge. Da sie an die Berufung Israels jenen Glauben haben, welchen jeder Jude im Herzen hegt, so halten sic Israel für berufen, der von Renem an ihren Göttern ungläubig gewordenen civilisirlen Welt zum zweiten Male das Göttergeschenk einer Religion zu bringen einxr Religion diesmal, ohne unbequeme Eultusübungen und schwerverständliche Dogmen, ohite Wunder und Mysterien. Wessen hätte es, ihrer Meinung nach, bedurft, um die alte Welt für den starren Eingottglauben der Thora zu gewinnen? Daß das Iudenthum zur Zeit des Philo und des IosephuS es verstanden hätte, seine nationalen Eultusgebräuche zu opfern. "Rur um diesen Preis hätte der Glaube Israels die Welt zu erobern vermocht. Die Beschneidung ist der Stein des Anstoßes gewesen, worüber das Glück Iuda's ins Straucheln kam; daö Kieselmesser des Beschneiders hat Juda die Herrschaft über de» nrltis tenarnm gekostet. Um nicht von der Kirche verdrängt zu werden, hätte für die Synagoge vielleicht ein tarsischer Saulus genügt, der ihr gelehrt haben würde, ihre rituellen Ketten abzustreifen. Aus jenes 'Tpfer, welche» Israel zur Zeit, als der Tempel fiel, nicht zu bringen verstand, muß es heute gefaßt sein; es wird eben darüber zweitausend Jahre verloren haben. Dann endlich wird Iuda's Glaube, von jedem Stammesgeiste befreit und von jeder nationalen Schlacke gereinigt, das Gesetz der Menschheit werden. Die Welt, welche die Langmuth Israels verspottete, wird die Berwirklichung jener Perheißungen erleben, deren Erfüllung die Perblendung der Schriftgelehrten und der Starrsinn der Rabbiner um zwanzig Jahrhunderte verzögert haben. Dein Worte des Propheten gemäß werden die Rationen herbeiströmen, um Weisung von Juda zu empfangen und werden die Böller sich an die Schöße seines Gewandes klammern und sprechen: „Wohlan, steigen wir den Berg Iehovah's hinan, zum Hause des Gottes Israels.