Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 66 (9.7.1893)
- Date
- 1893-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Krilagk ziiiii Frkie» Klatt, Organ zur Abmrhr des Antiskiiiitisinus. Wien, I. Seil'erstntte 40. ' Die Juden und der Antisemitismus. J l r-a 11 unter den U:r 1 ione n. Bo» Änatole sLeroy-Aeaulieu vom französischen Fnsiilm. Aukorisinc Uebcricyunq. ,sonsevuu^. rer Stnmmccgcift ist abwechselnd llrfadje und Almvt 11113 der zugleich freiwilligen und gezwungenen Abschlicßnug Israels gewesen. Ebenso wie der durch diout überwundene Fude hat sich auch der unterdrückte Fude des Mittelalters rings ni»,sci» (besetz zusaininengcdräiigt. Dieses Gesetz war die absolute Vcbensregcl Fuda's. „Israel halte cs vor,Augen wie. eine hypnotische Platte", hat Renan gesagt. An», wir kennen das (Ersetz, kennen den Talmud, der als dessen Ausleger an seine Stelle trat, und wissen, welche kleinlichen Urbungen die Thora und die Mischua den .Mindern Fuda's anferlegc». Tic Satzungen, haben wir gesagt, waren für den Juden ein Isolator, klnd lhatsächlich stheiut es das Ziel der Abfasser der Mischua und der Eoiupilatorcn der l>'ki»ara gewesen zu sein, den Juden zu isolircn, ihm eine» von den Rationen abgesonderten PI ah anzuweiscn. Es ist richtig eine Hecke, welche seine Rabbiner um Israel angepflauzt haben, um es unversehrt zu erhalten. Tic Beobachtung der Enltusgcbräuche zwang die Fuden aneinander gedrängt zu lebe», ohne sich unter die Unbcschnittenen zu mische». Das besetz hatte das gleichzeitige Bestreben, bei ihnen das Gefühl der Gcmeinsanikkit zu nähren und sie abseits von den Heiden zu halten. 2o flößte ihnen das Gesetz den Stammesgeist ein. In diesem Sinne könnte man das talmu dischc Fudenlhum eine Religion des socialen Separatismus nenne»; es schuf schließlich aus de» Juden eine geschloffene Gemeinschaft inmitten der menschlichen Gemeinschaften. Zwischen Israel und den Goim erhebt sich gleich einer Schranke die Gesetzesübung. Der Jude, welcher die rabbinifchen Bvrschriften beobachten will, kann nicht mit den anderen Mensche» leben: an ihrem Tische esse», hieße das Gesetz verletzen. Bor uns schon ward cs ausgesprochen: „Die Frömmsten wären lieber Hungers gestorben, bevor sie die außerhalb der mosaischen Borschrisleu bereiteten Speisen berührt hätten? Fede Nahrung, oder vielmehr jede christ liche Äüche, ist ihnen ein Gräuel.""") So sagt die Schrift: Ber botene Speisen zu essen ist ein Gräuel. Dieser Widerwille gegen jede nahe Berührung mit den Heiden ist eines jener Dinge, deren llebcrwindung das Ehristenlhum die meiste Mühe gekostet Hai. „Als nun Petrus hinaufgekommen war »ach Ferusalcm, stritte» mit ihm die auS der Beschneidung und sprachen: Warum bist d» mit Ilnbeschnittenen gegangen und hast mit ihnen gegessen?"'". Der Talmud, welcher die Thora noch überbietel, trachtet durch die fortwährende Sorge um die gesetzliche Reinheit aus den Fuden eine Art von den andere» Menschen abgesonderte Maste, gleich den Masten Indiens zu machen. Dadurch ist der Talmudjude Orientale ge blieben. Bon den ihn Umgebenden verachtet, meidet er jede An ,l°) Maxime Da Camp: „Daris bienfaisant“, L'liüpitai israelite. Jviii* dir (Somiteg, welche an der spitze der Auswanderung der russischen Fuden flehen, liegt darin eine Schwierigkeit. Biele Vieser Unglücklichen weisen jede Nahrung zurück, die ihnen nicht als koscher gewährleisiet ist. 111 „Apostelgeschichte" XI, 2, 3. , Näherung mit ihnen; er möstite sich weder an ihren Tisch, setzen, noch von ihrch, Speise» kosten; er .hsslt auf seine iinftr. Diez er schmutzige Sisdra oder Paria hat Furcht sich zu, beflecken, er scheut sich vor pureinen Berührungen. ■ Es widerstrebt ihm, sich der Geräthscharten der Heiden yi bedienen oder ihnen den Gebrauch der sciiiigcn zu gestatten. Eines Tages war ich in einem .»Zuge pön Fijrnsalem znm Gräb der Patriarchen nach Hebron geritten, das heule »och für die Fuden eine der vier heftigen Städte Palüflfnas ist. Fch hatte einen Dolmetsch, Jude von Abkunft, bei mir, der mich znm Nachtlager in ain jüdisches Haus führte, z» Ehhssidim, wenn, ich mich recht entsinne. ,Him> Abend-' | essen mußten wir warten, bis. der israelitische Schächter gekommen; wär, um daS Geflügel abzustcchcn. Wir hatten weder Vöffcl noch ‘ Gabeln milgebracht; und, da unsere A'öirthe sich nicht »darum kümmerten, solche beizustellen, waren wir genöthigl, minder strenggläubige darum zu bitten. Roch viele Fuden im Trient halten ' cs so. Fm Abendland allerdings ist dies nicht der Fall. Fch bin in meiner Fugend drei Monate bei einer israelitischen Familie in Dresden in Pension gewesen. Tb ich koscheres Fleisch - gegessen habe, weis; ich nicht, aber seitens der Haiisirau hätte ich etwas mehr Gewissenhaftigkeit in Betreff der Warn und des Fleiichwerks . gewünscht. Man muß übrigens nicht glauben, daß alle Juden Europas es mit de» Spciscvorschriflcu leicht nehmen. Uebcrall, , wo cs'eine isnielitischc Bevölkerung gibt, hat sic ihre Fleischereien : und ihre Schaft,lcr. Es bestehen sogar in gewissen Städten Frank- ' reichs besondere Gasthäuser für. die jüdischen Reisenden. Fch hübe verflossenen Winter in cinrr unserer Slalionc^ im Süden ein j solches entdeckt. Auf dem Schild sah man die drei chebräischen Buchstaben des Abortes koscher. Die Kundschaft besinndausschließlich aus Fjraelileu Tst- und Mittcleurvvas. Man nndet solche Gast- Höfe und Lpeischänser für Fude» in den großen Badcslädken, namentlich in Bich»; ich kenne solche auch in Paris. Für den .Katholiken oder den Protestanten auf der'Rciseist es von erster | Aftichligkeil, eine Mirche, eitle Eapclle zu Finden mit einem Priester, - der ihm Sonntags die Messe liest, oder einen Pastor, der ihm eine Predigt hält. Für den frömmsten Faden ist die Stmagogc ein Ding zwejtrn Ranges:-das Wesentliche ist ihm die AlriülKrcu und der Schocher. Die rituellen Satzungen und die Speiievorschrislfn allein^haben nicht bei den Fndcu den Stammesgeist unterhalten. Der Eultus hat vielleicht ebensoviel als das Gesetz dazu bcigelragen. Er hyt die FahrhlUlderte hindurch einen nationalen Eharakler bewahrt; seiuz' Feste und seine Faneu werden zumeist nur znm Gedächtniß der Freuden »Nd tzeide» Fsraels begangen und beobachtet. Nach achtzehn Fahrhunderten -wird die Snnagoge nicht müde, -die Zer-! störung des Tempels zu beweinen. Anstalt dieses nationale Geprägc unter dem Röste der Fahrhundertc verlöschen zu lassen, haben sich der Talmud und die Rabbiner mit Gewissenhaftigkeit für r ditssc» Erhaltung oder Aufsrischuug bemüht. Aftie zur Feil der Makkabäer ist die jüdische Frömmigkeit lange wie eine Fubrunst für das Baterland, das Andenken au Zio» das ganze Baterland Fsraels gewesen. Fuda in zum nationalen und religiöse» Sonder-, geist der alte» Hebräer zuriickgeführt worden. Arne der Ursprung liche Fehovah Dienst ist das Talmud- Fudeuthuiizwieder ein Slammes cult geworden. Auch dieses -ist eine nationale oder, wenn' man j lieber will, eine „Ahncn"-Rcligion. Auch in dieser.Hinsiftn steht . l es im Widerspruch zum Ehristenthum, welches durch den Mund i des Paulus der Well als Weltreligivn verküudigr worden, die! keinem Bstftke zu eigen gehört. Die durch die Propheten ausge-