Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 66 (9.7.1893)
- Date
- 1893-07-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Freies Blatt. Nr. 66. erwirbt nur, er verehrt nichts. Unb dennoch kan» man vom Stande Punkt der höchsten Menschlichkeit a»S auch die Bcrfglgungcn der Chinesen nur mißbilligen. Dem Inden aber macht man in der Regel ziim Bor wurf, daß er, mit seinen Rcichthümern prunke, daß er durch seine» Hurus — und den feinen Sinn dafür bestreitet ihist, 'Whitinan nicht — corrumpirend wirke. Cs ist zu »»sinnig, als daß man viel darüber streiten möchte. Whitman . verkennt aber auch die letzten (Gründe dieser Bewegung, obzwar er nahe daran ist; er erkennt, daß Sigl unb- 2tikfcr'ii» einem Strange ziehe» im Grunde mit dem „schwarzen Prinzen" — was für eine Beleidigung liegt doch für den jungen, frühvcrblichcncn Sieger in so viel Schlachten, die nicht bei .stirchschlag, »och bei der „schöncir Schäferin", noch beim „goldenen wuchsen" geschlagen würde», in diesem Ramcn!_ Das sind also fendalismus und Clcriealismus. ferner belehrt ihn der „Rcmbrandt-Dentschc" darüber, wie auch durch die Siege von 1870 überhitztes Rationalgcfühs an der ganzen Be wegnng bcthciligt ist. Wer so lange darbe» und entbehren mußte wie der Deutsche, der übernimmt sich nur zu leicht, und man muß cs begreifen. Cr sicht kein Ziel und kein Cnde, weil cS keines sür diese Bewegung geben kann. Cr irrt aber auch ganz entschieden, wen» er' nicht an die Assimilationsfähigkeit der Inden glaubt. Roch ist ihnest nie und nirgends auch nur Gelegenheit geboten worden, in einem . anderen Bolkc anfzugehen. Und sollte Whitman nicht wissen, wie langsam jo ein Proccß vor sich gehen muß? Wie lange das währt? Roch ist kein Jahrhundert der Befreiung nach fast 1800 Jahren der Mißhandlung vergangen, und schon wird dM Herren, die doch schon so manchen Crfolg mit Augen sehen, daS Warten zu lange. Wie lange ist c.s denn her, daß man in Cngland in jedem iiatholiken einen Meuchelmörder und Bcrschwörcr sah? Daß man ihnen Dinge nach sagte, wie sic nicht einmal Ahlwardt den Inden vorwirst? Man hat sic kennen gelernt, und die Zeit mag näher sein,, als wir noch honen 'dürfen, da man antikatholischc wie antisemitische Bewegung gleich belächeln wird, Geduld und Bcrtrancn! —v. Französische Gelehrte über den Antisemitismus. | , Die französische Gesellschaft für politische Setonomie, ein her vorragcndcr wissenschaftlicher Bcrein, dem die besten Sociologcn und volkswirthschastlichen Schriftsteller Frankreichs angchören, hat vor Rurzem in einer Sitzung das Thema vom Antisemitismus und von der Rolle der Juden in der modernen (Gesellschaft verhandelt. Tic Berathung war überaus interessant und ebenso lehrreich. Cs bcthciligteu. sich an ihr: V i m onsi n, C o n r t o i s, B r e l a y, Anatolc H e r o » B canlie u und Worms: Tie Diseussion drelnc sich vorwiegend um die ökonomische Seite der frage, aber cs wurden auch die politischen und sittlichen Momente eingehend gewürdigt. - Als Referent fungirtc Million sin, der zunächst de» Ursprung der antisemitischen Bewegung zu ermitteln suchte. Ans die /frage, ob hier «Glaubenshaß die Triebfeder sei, gab er eine verneinende Antwort. Selbst i» Rußland scheine dies nicht der /fall zu sein, geschweige denn in Frankreich: wie wäre sonst die feindscligkeit von freidenkern und Atheisten gegen die Inden zu erkläre»? Auch daß Raeenhaß das Motiv sei, will Himonsin nicht glanbcn, denn er habe aus cinschbägigen Studien die Crkcnutniß geschöpft, daß cS eine semitische Rare ebenso wenig wie etwa eine jafetischc »stchr gebe. Limousin nimmt an, daß - die religiösen und ethnischen Gründe, die der Antisemirismns für sich geltend macht, lediglich Borwändc seien. Seiner Ansicht naä> handle cs sich hier um eine rein ökonomische Crscheinung. Cr sagt: Blau wirst de» Inden vor, daß sic vermittelnde functioncn auf dein OV biete des Handels und des finanzwescns mit Borlicbe verrichten, daß sie darin eine außerordentliche Geschicklichkeit bekunden, und baß sie, da sie sich dabei. bereichern, die Btrmittlung in wenig loyaler Weise besorgen. Cigenthüiiilichermeisc scheinen die Inden selbst die Prämisse dieses Satzes zuzugcbc», um alsdann diese Borliebe ihres Slatnincs sür Bcrinittlcrgcschäftc aus der viclhundcrtjährigcn Bedrückung heraus zu erklären, während welcher der Jude vom Bodenbesitz und von der Ausübung der Industrie ausgeschlossen war. Tic Jude» be hauptcn dann noch, daß diese Borlicbe seit der gesetzlichen Befreiung ihrer Religion immer mehr und mehr schwinde, und daß ihre Glaubens genossen allmälig auch in andere» Haufbahncn sich hohe Stellungen zu.erringen wissen, /freilich, fügt Himonsin hinzu, gibt dies wieder z» anderen Borwürfcn Anlaß. Mail findet, daß die Inden in der (sie scllschaft eine «Stellung cinnchmen, die ihnen vermöge ihrer Anzahl?eite :i nicht zukommt. Den von antiscmitischer Seite thcils vertretene», Shells angefochtenen Star dpuntt, daß sie dies ihrer größeren Intelligenz »nd ihrer tüchtigeren Willeuskrast;» danken bade», läßt Viiiie-Tmiriiid)t gelten. Cr bestreite nicht de»'großen Werth der. ans den, .cndenthum hcrvorgcgangcnen Zliänncr, doch betont er, daß cs in frantreich und ' anderswo verhält»ißmäßig ebenso viele intelligente und ihaikrästige Heilte anderen OstaubcnS gebe. Das Mißverhältnis; zwischen der sociale» Rolle der Jude» > »d ihrer numerischen Schwäche last-' sich durch den Umstand erklären, daß die Juden allcsammi Bourgeois sind, während die überwiegende Mehrheit der 'Ration ans Bauern und Arbeitern besteht. Stellt mar den Berglcich aut dicht zwischen den 'Massen einer Ration und ihren Jude», sondern zwischen ihrer christliche» Bourgeoisie und der jüdischen, so ^verschieben sich die Bcrhällnisse gründlich, und. die Rolle der Inken in den höheren Bernsen wird sofort eine bcgrcislichcre. Als aeecssorische Ursache zieht Himonsin auch noch die Cintracht der Juden i» Betracht, eine Solidarität, die er als eine .folge langwieriger Bedrückung natürlich findet. Ta? (Gleiche sei ja in. Frankreich auch bei de» Protestanten wahrznnchmen, nyd doct^ werde man diesen nicht | eilte Geheimbündclei zur Bevormundung der Angehörige» anderer iRcligionen vorwerscn. Tie Inden seien überdies wesentlich positivist sch veranlagt, und ihr realistischer Geist bedinge ihre Fähigkeit, ((«eld zu verdienen. Himousi.» meint, die Inden nverdon fort "fahren sich zn bc cichcr», und so auch unwillkürlich die gegenwärtige Bourgeoisie durch eine Aristokratie des Geldes und der Raee verdrängen. Dkr Geb irtsadcl, meint er, Halle doch wenigstens dey Ostanben und die Rationalimt mit dem Bolle gemein: die Juden-besitzen selbst diese» Borthcil »iqt. Ans (isiund alles dessen glaubt Himonsin, daß die aniisemitischc Bewegung in der folge noch anwachicn werde. Courtois lckämpst entschiede», die Ansichten des Borredners, eine Studien über die wisienschastlichc, eommcrzicllc und "literarische hätiglcit der Juden im Mittelalter haben ihm ganz unerwartete Tinge offenbart, Irr war überrascht von dem glänzenden Antheil, den die Inden an b v civilisalorischen Cntivlcklnng der Menschheit ge nominell. Mrtolgt in ihrer Person und in ihrem Cigcnthum, mußten sie nach mobilcm Uesitz streben, der der Habgier Cinzclner und der kaatc» weniger c usgesetzt war. Die Inden sind vorzügliche Rauslcntc geworden, und ans ihrer Reihe gingen die vorzüglichsten BsUswirth schaftölchrcr hervo^r.. Auch haben sie im Mittelalter den Aristoteles übersetzt, Mathen» tik getrieben, die ärztliche Wissenschaft gefördert und als Deuter Hcrvo-ragendes geleistet. Sobald'die große Revolntio» sie cmaneipirt halte, war es ihr Chrgeiz, an Bnrgerlngenden sich von Rieinandcm iiberl.essen zu lassen. Conrtois erwähnt das, lebhafte Httmänilärsgcsühl der Juden, ihren Ciser und ihre Hingebung auf dein (Gebiete des Wohlthnns, ihre Herzcnsgüle, ihren Seclenadel, ihre fueigebigkeit für philanthropische Zwecke, ihre Munjsieenz. welche den ihnen zngkmulhctei Cultns des g ldenen Kalbes Hilgen straft., Taß sie heilte noch eine besondere Rare bilden, sei am Cnde kein Unglück, und es Kt auch gar nicht ihre Schuld, sondern diejenige der Christen/ die der Racelikrcnzluig Widerstand -,e>ilgegensc"tzen. Im Uebrigeu aber verwischt sich der Raeentupirs imuter mehr, . und bald wird, er überhaupt ilicht zu crk.'nnen sein.- Conrtois schließt mit der Coustatirnng dessen, daß die Inden sich um die Civiliiaiiou und nni die politisch: Sekonomic nnvcrg ingliche Berdienste erworben haben. Brela» eitlert sich sehr befriedigt darüber, daß der Barredner die Inden gepriejei har" Man luii-ft ihueri vor, daß sie ra«ch zu holieu Stellungen gelang, n: aber ist es etwa'ei» Borrecht, das ihnen zu solchen verhilst? cm Gegeutheil. sie haben lieiwl'lrzeliide Boruriheilr zu besiegen nn'd jeden Criolg müssen sie sich mit weit inehr Mnlieii als die Christen c r.ingcn Ter^ Judenhaß'ist, nach der Ansicht des Redners, One Scsntzzollbewegnng --iii die 'Aiiflelnuiiig des 'Rcidcs und der T humachr gegen die phnsiiche und siuliche a liailrasl. Taß die Inden iii'Wirthschaslsleben den Bernklgllerberus culliviren. kann nicht Gegenstand einer elceeriniinatiou bilden. Der, Handel ist Pr ansich nichts weiter als eine Bermiillnng zwischen Ansgcbot und Rachsragc. Brela» erklärt, er habe sehr gute und sehr fleißige freund, -r unter den Inden,' die er liebe, uird denen, er gern nachstreben möchte. Cr habe eine Borlie.be sür achtbare 'Minoritäten, uitb wäre er bei seiner «^leiäkgiltigtcit i» f-'Ianbcnsiachen der Beriuchnng "a'ines Rel: gionswcchsels zugänglich, so möchte er gern dem -jüdischen 'Beleiinluch;- bcitrete». 'cr oy-B c a> l i e n, der nun das Wort ergreift, weist nach, 'wie die gegen die Iudrn gcrichlclen Borwürfe voll widersiilniger Wider' sprüche,sind. Ma.» tadelt sic wegen ihres Reichihnms, und doch steckt die größte Bcchihcit ihrcv Angehörigen im'tiefsten Clend. In franl reich schilt man sie wegen ihrer Capilalslräst. in (Cngland »nd Amerika wegen ihrer Arninth, die mit gcringem Hohn sich begnügt und. den Aibcitsmyrlt verdirbt. Heran Beaulien stimmt mit Brela»