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Freies Blatt · 1893-07-02 · 65 (2.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
65 (2.7.1893)
Date
1893-07-02
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
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Nr. 65. Freies Blatt. Seite 7. zu kämpfe». 3m Lüden nnfcrcS (Sontiucntcö gibt cS noch Bevölkerungen, welche die Blutrache für eine Tugend halten, selbst wenn sic gegen die Nachkommen eines Beleidigers geübt wird. Tic westlichen Küsten Europas haben Bewohner auf;uwciscn, welche über eine» Lchiffbruch jubeln, weil er ihnen Gelegenheit;uiu Plündern gibt. In unseren civilisirtcn Ltaatcn verbrannte man vor 'zweihundert Jahren die Ketzer und vor hundert Jahren noch die Heren. Noch im X VIII. Jahrhundert waren willkürliche Bcrhaftungcn an der Tagesordnung, nnd Vcute von hohe»! Range schämten sich, nicht, ohne Lchcu vor Gesetzen und Gerichten, die Ricdcrgcstclltcn prügeln zu lagen. Im Anfang unseres Jahrhunderts henkte man noch in England einen Menschen wegen eines geringfügigen TicbstahlS. Tic Kriege sind noch immer scheußlich und die Lccrünbtrci kaum außer Mode gekommen. Leinen Borcltcrn ähnlich zu sein, ist demnach unter uns nicht ganz gefahrlos. Tic Gewallthätigkcit nnscrcr Ahnen muß nach den Gesetzen dcS Ata viSninS von „^eit zu Zeit wieder anftanchcn, diese Gewallthätigkcit war in Folge einer langen Gewohnheit ein Justine l geworden; cS braucht Heit, um andere Instinctc zn schaffen." (Fürst Ftrdillniid vo» Liilgaricil und. die Zildcii.) Tas neuvermählte bulgarische Fürstcnpaar empfing eine Tcputation der Juden Bulgariens unter Führung dcS Großrabbincr» Tr. G r ü »wa l d, welche eine Glücktvznifchadrcfsc überreichte. »Fürst Ferdinand beantwortete die Ansprache des Führers der Tcputation mit folgenden Worten: „Herr Großrabbincr! Atolle» Lic der israelitischen Bevölkerung, bereit trefflicher Tolmctsch Lic gewesen, meinen Tank übermitteln. Ich bi» von der Treue und dsin Patriotismus der Israeliten incincS Fürstcnthums überzeugt. Ich war und werde stets ein Beschützer der Israeliten liicincS VandcS sein. Ich danke Ihnen nochmals, Herr (Großrabbincr." (Tic ^»driiverfolgtiilg iu Marokko.) Ans Titua» wird der „Allgemeinen Leitung dcö Judcnthumö" vom zweiten tleamadanS tagc berichtet: „Als heute die Mohammedaner wie stets an ihrem Fastrntagc durch die Ltraßcn auf ihren Pferden wild hin und her galoppirtcn und eine Anzahl von in denselben Llraßen wohnenden Ehristc» und Inden dieser Ecrcmonic zusahcn, ereignete cS sich, daß ein Mohammedaner vorsätzlich am helllichten Tage eine» jüdischen Knaben dadurch tödtctc, daß er sein Pferd, welches auswich und sich dann bünuttc, mit (Gewalt auf das Kind zulcnkte. Der Mordgcscllc hatte »och die Unverschämtheit, sich an dem Anblicke seines Opfers, die Juden höhnend, zu weiden. Als die ticrbetrübten Eltern die Veiche dcS Knabcij vom Mordplatzc holten, waren sic nicht nur Lchmähnngcn und Beschimpfungen, sondern auch thütlichc» Angriffen nnd einem Ltcinhagcl von Leite der rohen Gesellen auögcsctzt. Run verlangten die Anverwandten dcS um das Vcben gebrachten Knaben die Bcr haflung des Mörders. Aber das Ltadtobcrhaupt verriegelte die Thürcn, die znm Saale der Themis führen, und ließ keinen derjenigen vor, von denen man vcrmuthc» konnte, daß sic den Mord gerächt zn wissen wünschen. Turch den Umstand, daß kein Gericht nnd kein Trichter da ivar, obwohl die Kläger schon erschienen waren, .war daü Bolk zn wüsteren Lchandthatcn crmnthigt. Tic wilde Horde drang auf die Juden mit Ltöckcn und mit Waffen ein. Gebunden, geplündert und mißhandelt wurde jeder Jude, der auf der Ltraßc sich sehen ließ. Auch in die Häuser der Huden drang 8er gehässige Pöbel ein, und Alles mußte einen Llich, eine Wunde oder eine Rarbc davontragcn, ein Erinncrungszcichcn an den Ramadanstaz. Ich kann nicht nmhin, hier des spanischen EonsnlS Ton Josef W a b a r; e lobend zu gedenken. Ter Brave setzte sein eigenes Vcbcu aufs Lpicl nnd kämpfte mit Lchwcrtcrn und' Pistolen bcwasfuct, nutcrstützt von den EonsulatSbcamtcn, die Inden vcrthcidigcnd, gegen die wilde Horde an. Trotz der ausdrücklichen Mitthcilung dcS EonsnlS an das Ltadtobcrhaupt, daß er mit eigene» Augen gesehen, wie ein Mohammedaner einen Inden erstechen habe wollen, und trotz der durch den genannten Eonsul an das Ltadtobcrhaupt gerichteten Aufforderung, den Mordgcscllcn verhaften zu lassen, weigerte sich dieser, die Bcrhaftnng vorzunchmen. Wer weiß, wie das noch enden wird! Wir leben ja in dem Glaube», daß der Lnltan solche Borgängc nicht ungestraft lasse» wird, aber leider haben'wir bis jetzt weder Beamte, noch Bcrbrcchcr bestrafen sehen, die sich gegen Inden vergangen habe». Wie viele Inden mögen hier spurlos auf Wald und Feld umgcbrachl worden fein?" Aus antisemitischen Vereinen uni) Der fammlungcn. Ter Mann a»S dem Orient.) In, peopoldstädler „katholisch politischen Vereine" sprach ein Eooperator Stadler über riberltliSmik-' und SoeialiSmuS. Er bemerkte unter Anderem: „Ter Socialismns ist au-? dem ('iberaliSmuS hcrvorgegangcn; n»d da man gleich zu Ansang erkininte, er könnte ihnen (schön gesagt!) einst über de» Kops znsainincnwachscn, so chat -inan schon a» die Wiege einen Wächter, den Mann uns teilt Oriente gestellt, damit er mit der Milch auch die jndenfrenudlichcii Idee» eintröpsie." Der Eoopcrator, welcher auch für Berga,li's Blatt in einer Weise Propaganda machte, die ihn eiiieL FreiereniplarS oder wenigstens billigerer Bezngrbedingnifse würdig erscheinen' lästt, vergißt, daß auch an der Wiege der ihn nährenden Kirche so ilianchrif M'aun an« dem T riente stand, dem er pflichtgemäß Ehrfurcht fchusdet. (Vom Kremser Schöiicrer-MeetiiigI Ein Wiener Aniijemilenbläuchen. redigirt von einem Manne, der in einem Wiener Bezirke mit Phrase», die nichts weniger als antisemitisch waren, ein Mandat zu gewinnen juchte, de' richtet über Schönercr'S AnSlassitiigen gegen die ihn nicht verhimmelnde Prcffc _ und erzählt auch Folgendes: „Dramatisch wirkte die Herumreichnng von etwa dreißig große» Rollen, ans welchen ausgetlcble AuSschnille auS den verschiedenste» Zcilungcn den ganzen österreichische» Prcßseandal anschaulich darstclltc». 'Tie zweite Hülste dcS Varlragc» wurde in Abwesenheit der Frauen und FränleinS abgehalien. Die nun vorgewiesenen Preßseandale waren so arger Ratur, daß selbst in dieser Männerversammlung. sich die Weiterverlesung. und Veranichan lichnug inancher Beispiele alS unmöglich erwieS„ da sich ei» Mannvor.dem anderen zu schämen ansangeil mußte." De» ganzen „österreichischen Preß seaudal"? TaS ist gewiß nicht wahr. Bo» den Hanptvertrctcr» dcS ScandalS glänzten wohl die Bekenner des Zwetiler RituS in de» „Rollen" durch ihre Abwesenheit Tie in der zweite» Hälfte dcS BortrageS zn»> Beste» gegebenen Seandalc düiftcn dagegen die so plastische» Berichte dcS Bcrgani'schen BlalleS über den St.' Pöllcuer -Nippelcipi-veeß mit antisemitischer Nächstenliebe ge bührend berücksichtigt haben. (Tic Antisemiten und daS allgeincine Wahlrecht ) Wie sehr wir mit unserer an leitender Stelle dcS letzten BlalleS ausgesprochene» Ansicht über die inuthmaßlicheu Folge» de» allgemeinen Wahlrechtes für die Antisemiten im Rechte waren, beweisen die Borgängc einer vom „Teutschilationalen (anti semitische») Verein" in Reicheuberg lürzlich veranstalteten Wählcr-Bcr sannnlung anfS Tentlichüe. Einer der anwesende» Socialisle» sordcrlc nämlich den Herrn Pralle aus, für', das allgemeine Wahlrecht einzutreten," welche» Antrag jedoch die Antisemiten ein st i »i i»ig ab le h»t c u. Diese Herren wiste» ganz geua», waS ihnen srommt und schadet, und das antisemitische Bramar basirc» mit dem hllgemeinen Wahlrecht ist anscinmaj zu Ende, seit andere reute daraus ernstlich bestehen. («tkinwclider über die „Jiidcilfragc".» Ans Brünn.wird uns berichtet: In einem hiesige» Vereine seiner Gesinnungsgenossen sprach sich Tr. S l e i n w e n d e r über die Ltellungnahme seiner Fraelio» zur „Indensrage" ans. Nachdem er die mit der Stimmung im „denlschnalionale»" Cager keineswegs im Einklang befindliche Erklärung abgegeben halte, daß er, wen» auch 'schweren Herzens, sich mit dem allgemeinen Wahlrechte beftennde» wolle, sagte er:' „Tic Iudensrage — daS ist eine sehr heikle Sache, da« läßlich nicht verkennen: sie ist in verschie dcnru Gegenden ÜcsondcrS heikel. Aber cs wäre möglich, eine Formel zn finden, welche zwar daS Iudeuthum nicht versöhnt ilnd die Angrissc auf nns nicht absilswächl, aber AnSsicht hätte, unler ihrem Gebote den überwiegenden Theil unseres Stammes zu sammeln. Jede Bewegung hat ansangS einen luinullnari schcn, dcinonstrakiven Eharakier; ich weiß auch, daß diese Teinoitstralioncu, die Erecsse zu nicht« führe». Aber ich bitte andererseits auch zu überlegen, daß jede Bewegung unreine Elemente cinporwirbclt und stürmisch ist, aber minder Zeit über die Hetze hinauSkonime- Um >vaS handelt cS sich'? Es handclt sich nicht darmn, daß män die Juden irgendwie hinauSweist. sondern e« handelt sich darum, unser eigenes Bolk zu einaneipiren van der Herrschaft, welche da« Juden thnin thatsiichlich.ans einer ganzen Reihe von Gebieten des ösfenllichen, de« polilischen, geschäftlichen nnd künstlerische» CebenS anSübl. DaS macht inan aber nicht dadurch, daß man diese Zustände beklagt und die Träger dieser Herr schasl bcschimpsl, sonkelit dadurch, daß man selbst etwa« lhul und sich durch' eigene Arbeit ans all diesen Gebiete» von dem fremden Einfluß srcimacht. Man muß nicht die jüdische Presse bcschimpseu, sondern ihr eine eigene »ichljüdiichc Prrsss-gegeiiübersttUcn. Man muß zniämmenhalle» untereinander. Aus diese positive Weise wird eS gehen, daß schließlich eine bestimmte SteUnngnahine in dieicr Frage ermöglicht wird, unter der sich die große Mehrheit unseres Volkes zusainniciisindcl.- Aber ich sage eS i» dieser milde» Form nicht deswegen, weil wir dann vo» der jüdischen Presse weniger angegrifien würde». Im Gegenlheil: dieser Presse sind excessivc Antisemiten, wie ein Ahlwardt und dergleichen, .nil ,gesundc»cS Fresicn'. Tic würde nur lvüuschcn, daß Alle so wäre» Gerade wen» die Frage ernsthaft behandelt 'wird, werde» wir mehr auSricbten. aber auch mehr angegrifsen werden." — Herr Steinwender, der sich.^dentschnaliona^" nennt, konnte sich offenbar der Eüipfindung nicht erwehren, daß cS in Mähre» ei» dcntschsenidlichrS Beginnen sei, die.Antiscmiterei zu treiben. Darauf lasien wenigsten» die Worte schließe», die „Iudensrage" sei in verschiedenen Gegenden besonders heikel. Wa« Steinwender von einer Formel Hur systematischen Znrüeldräugnng der Juden sagte, entbehrt der Klarheit. Wenn eS sich darum handelt,' die Nichtjuden von der „Herrschaft" zu „cinancipiren", ivelchc Juden ans ge- ' wisse» Gebieten afiSübcn, io ivürdc man wohl diese Absicht dadurch erreiche»,-

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