Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 65 (2.7.1893)
- Date
- 1893-07-02
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 82% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441424--0676-4887186- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Freier Blatt. Seite k» Nr. 65. Tr. I.'wurde in der. That bestätigt, und Adolf Dicstcrweg ge bührt das Verdienst, die staatliche Anstellung des erste» jüdischen Esymnasiallchrcrs in Preußen bewirkt zu habe». (Vlirnhllgkll v. Eilst Über Illdtllhllsitr.) Ei» sehr merkwürdiges Wort hat schon vor 7>l'> Jahre» Varnhagcn v. Ense in einem nn gedruckten Briefe a» Estlstav Rühnc über die sogenannte Judcnsragc gesprochen. Er sagt in diesem, Berlin, Juni l^i>7, datirlcn Briese folgendes: „Wie Jemand in unserer Zeit über Inden denkt, was ev voir ihnen weiß und versteht, was er ihnen gönnt »nd n»S znwcnden mochte, .daS ist mir eines, der wichtigste» Rennzcichen sowohl für das Innere dcS Menschen als auch für seine weltliche Fähigkeit. Ein Feind und Hasser der Juden kan» große und edle Eigenschaften haben, allein er hat dabei auch gewiß einen dunklen Fleck im Herzen oder im Per stände, und sein wirken im Vcbcn wird auch nicht ohne Stellen sei», wo cö lahm mit ihm geht." «Ncucrlicht Bcriirlhtiluilg stllilwarül's.! Tas Berliner stand - gciicht vcrurtheiltc Ahlwardt zu einer »cncn dreimonatliche» O'cf ängniß st rase, lieber dw betreffende Verhandlung liegt folgender vom 27. Juni dalirtcr Berliner Bericht vor: Ter wiederholt vertagte Proceß gegen Ahlwardt wegen Beleidigung der »Sksaninitheit preußischer Beamte», besonder« der Justiz, durch eine i» Essen am Sit». Cctofacr 1S‘»1 j„ einem Antiseiuilenvereine gehaltene Rede wurde heute endlich dnrchgesnhrt. Ten Vorsitz sühne wieder VandgerichlSdirector B ran seit' eil er, die Anllage veNrat Staatsanwalt Klicket, al« Brriheidiger sungirlc iviedernni Rechtsainvalt Herlwig. Tie Beihandlnng bot manches Bcmerlens ivcrthe. In jener Rede halte Ahlwardt, der Anklage zufolge, gesagt: Ter Beanitenstand sei durch die Inden eorrnmpirt, viele höchste Staalsbeanitc seien verschuldet; eS sei gewiß richtig, daß, je höher der Beamte stehe, er desto ver lnmpler sei. Die Beamte» seien zu 'so Pereent verschuldet, Ossieiere zu 7" bi« so Pereent. Die Binde müsse die Justiz vor dcu Augen hatten, wenn e« sich um hochstehende stellte handelt. Ter reiche Jude lövne Verbreche» begehen, ohne daß die Justiz ih» finde, der arme Bäckerjunge dagegen, der werde sofort gejagt. Vor dem Gerichte gelte daS große germanische Voll al« Vuft; es -sei vollständig entmündigt. Wolle der Germane vor Gericht sein Recht suche», dann niüsse er sich einen Vorniniid »ehiuen und falle widdcr dem Juden in' die Hände, den» vier Füuslet aller Rechtsanwälte seien Juden. In der Tbat herrsche» in unserer' Justiz Zustände, ivclche man sich nicht länger gesotten lassen düise. Trete ein Mann dagegen aus, so lause ei Gefahr, ins Irrenhaus gesperrt zu iverden re. Aus Grund des von Polizeieoinmissär Guanck »ach seiuen Auszeichnunge» erstattete» Berichte» erhoben da« Staaisniinisterinm »nd der Justizmiiiisler die Anklage. Ahlwardt bestritt, dag er den ganzen Beamlenstand beleidige» wollte; er habe seine Betrachtungen a» Speeialfälle angeknüvst und Raine» genannt, bei denen sich der uuheiuilichc Eiusluß deS JndenthnmS ' gezeigt habe, so Bleichröder, v. Friebb erg und v. Madai. Tieie angeblichen IKatsache» belegt« Ahlwardt jedoch in keiner Wene. Bezeichnend für seine Ver- , aulworiung und die ganze Methode war aber sei» und einiger Zeuge» Verhalten gegen den ihn belastende» Polizeieoinmissär Gnanck. Er hatte bereits die srüherc Vertagung dadurch herbcigesührt, daß er Guanck's geistige Gesundheit anzweisclte. Heule erschien dieser 'vollkoinnien gesund, und seine AttSsagen über Ahlwärdl'S Aeußernngen wurde» von einein anderen Zeuge», Real Gymnasiallehrer Jausev, durchaus bestätigt, wiewohl Jansen sich nicht al« Gegner Ahlwärdl'S bekannte. AI« Ahlwardt'« Gewährsmann für die Beausländung Gnanck « erwies sich ein antisemitischer Buchhändler Wetter« aus Essen, der Ahlwardt initgetheilt Kaue, Eommissär Gnanck sei Irnnksüchlig; Weiler« gab aber selbst zu, daß Ahlwardt .'«> Percent Beamten.a>S corrnnipirt hingestellt habe. Einige Zeugen, Subalternbeamte, suchte» Ahlwärdl'S Aeußcrungen abzuschwächen. Es wurde da« Zengniß der Vorgesetzte» Behörde über Gnauck verlesen, welche« dahin ging, daß er eiusähiger «nd zuverlässiger Bcaniter sei und nie dein Trunle ergeben war. In Folge der Angriffe der antiseniilischen Presse gegen ihn sei er aber nervös erregbar '»nd reizbar geworden, so daß ihm bereits zwei Urlaube zur Herstellung teiner Gejnndheit gegeben wnrdcn. Der Ze»gc Weyers erhielt von»'Präsidenten einen strengen Verweis, weil er leichtfertig die Bchanpinng von der Trunksucht Gnanck'S ausgestellt habe, ohne darüber au« eigener Aenniniß etwa« zn wissen Ter Staatsanwalt hielt die Anklage aufrecht uiid bcalitragte sechs Monate Gesängniß. Ter, Verlheidiger erklärte, der Angeklagte habe nur da« vcrfassnngS mäßige Recht der freien lliitit ausgeübt. Tic Verschuldung nnter den Beamtet! n»d Lssiciere» laste sich nicht bestreiten, und Ahjivardt's Aeußerungen über die Justiz seien nur Iheil« eine populär-drastische tiritik des Anwaltzwanges, thcilS eine Uinschreibung de« alten Satze«, daß man die kleinen Diebe hänge, die großen laufen -laste. Ter Angeklagte bemerkte schließlich, er habe bloß zeigen wollen, daß der corrumpirkiide Einfluß des Judeulhnms iiz alls Stände ein dringe. Der EtaalSanwalt erklärte alle Augriste Ahlwardt'« für beleidigend. E« handle sich „in eine» Mensche», welcher schon dreimal ivcgcn Beleidigung vorbestraft sei »nd notorisch mit beleidigende» Angrijsen gegen Mitmenschen »orgehe, wenn er meine, es liege in seinem parleipolitischen Interesse: dem in dieser Bezichung nicht« heilig nnd besten. Angrissen Jeder ansgesetzt sei, der nicht zn seiner Fahne schwöre. Der G-richtShof wies die Berusnng des Ver 7lheidigei« aus die Beisassung zuiück. Geiviß habe mich der Angeklagte da« Recht der freien Meiiuittgsäußerung-, ei» gebildeter Mensch -müsse aber seine Meinung zu imfjfni' verstehe», ohne zu beleidige».. Mn Rücksicht daran', daß der gauze Beamlenstand aus« Schmählickiste verdächtigt und verle»i»del worden sei, habe der Gerichlshos aut drei Blonate Gesängniß erlanut. k („Uuucrfrfläliltc ollbcu.") Ans C l> e r Astiogct» wird berichtet: .,Rainen da vor einige» Tagen zwei ältere Herren in das vom -Assessor Herr» Blasig eomiuissarisch verwaltete <>stnndbuchSamt. Ter Eine uahm erst nach Eintritt in das Zimmer seine» Hut ab, was dem Herrn Assessor Veranlassung gab, die Herren anznhcrrschcn. Als der bctrcsfcndc .Frevler' darauf erwiderte, er vechschte ans die Belehrnng Über Sitte nnd Ansland, nnd sei» etwas verspätetes Abnchmc» des Hutes mit dem Ilnistandc entschuldigte, daß er i^'-der einen Hand den Stock, auf de» 'er sich stütze, und in der anderen die R linke der Thür gefaßt habe, gcnclh der Herr Assessor dermaßen in Harnisch, daß er den Herren brotjte, er werde sie bei weiterer Eiegenredc durch den ti'erichtsdiencr hinanswerfc» oder verhaften lasten. Rani» hatten, »in nnter gegebene» llmständen dem Herrn Assessor keine Veranlastung zn bieten, seine Drohung zur 'Wahrheit' zn machen, die Angcheursckste» schleunigst daS AmtSloeal verbissen, da richtete der crrcgtcLxnr Astcstor an seine Umgcbslng die Frage: .Wer waren denn diese unverschämte» Indenivorüits ihm erwidert wurde, daß cS der Eiraf -Ir ogcr von Schcrr-Thoß auf RoSnochan itiib der Baron "von Wall Hofen auf Trawnig gewesen wären." („Bo» und zu" nnd „HcPP'HtPP"^, Tic'Herren Juntcr scheinen die gute» stiathschläge, die Hochdcnsclben »cnlich das „ T rutsche Adclsblat^' crthcilte, ernst nehme» zn wollen. So soll der Fürst von Isen bürg W ächte rsbach seinem AnfsichtSpcrsonal die Wcisnng crthcilk haben, Juden -den Besuch seines Parkes strengstens zn verweigern. Wir bedauern nur, daß Seine -Durchlaucht,in ihrem praktischen Antisemitismus nicht 'mehr ganz originell ist. Vor Jahren hatte nämlich cip hoäjgräflichcr Rarr im schönen Böhincrlandc, »ach dem er eine jüdische (stclicbtc verabschiedet, auch den Einsall, aus sei» Schloß eine Tascl mit der Inschrift zu setzen: „Hunden und Juden ist der Eintritt verboten!" -Tamals geruhte der Herr Hl ras noch al« deutscher Schauspieler im Vanbe heruinznstreichen, als sich aber später seine Allnrc» änderten nnd der Herr Eraf statt im <>tcwand des Faust lieber in -dem eines Svostnost anftrat, da änderte-cr jene Tafel auf seinem Schlosse wie folgt um: „Hunden nnd — Deutsche» ist der Eintritt verboten!" Wenn nun Seine Durchlaucht der Fürst von Isenburg Wüchtkrsbach auch nicht vielleicht geradeeinmal an die Stelle der Juden die Deutschen treten läßt, ss lönntc er vielleicht doch eines Tages seinem Personale den Auftrag geben, Hunden und stricht aristokratcn de» Eintritt zn verwehren. ~ (Ein Professor der cvaiigclischtil Theologie über dt» stlnti scillitlSIIlllS.)!D-cn vernrthcilendc» Auslastungc» so vieler - hervorragender denlschcr ststrnnner über den AnüjemitiStnuS reihen sich ebenbürtig AnSsprüchc dcS Professors der evangelischen Theologie Earl Sigfricd in-Jena an. Sie finden sich in seinem „Theologischen Jahresbericht", Band XII, 1 s*.»;;. j» welchem ck'die literarische» Er schcinnngcn des vergangenen Jahres auf dem Estbiete des Alte» Testa mentS, der hebräischen Sprache, über Talmud, Jndenthni» n. s. w bespricht. Bei! der Benrtlseilnng der dort erwähnten antii'cinilischcn Schriften sagt Professor Sigfricd: „Wenn die Anniemilen nur den almnd in Rühe lasten wollten, -den» damit haben sie iedcsi»«l U» glück. al'inann führt einige Beispiele schändlicher 'Duellen fälschung an, ne sich indes berüchtigten steohlines'S elenden Mach werken nnd in dem Antisemilcnlatechismus von Th. Fritsch finden. Eine Sache, die nur durch die frcchstcli Viigengestützt iverden kann, nlnß man von!vornehcrcin für eine verlorene halten. „Zn den abschcn lichste» dieser L^rleumdiingen gchört bekanntlich die von jüdischen Ritual morden. Die Ibcskcn christlichen Renner des Jndcnihums, wie Franz Delitzsch, Dirlmann, Strack und Wünsche, haben gegen diesen rasenden Wahn ivledcrholt ihre Stiminc erhoben. Ilm so empörender ist cs, daß jcna-Blutlügncr, der edle Rohling nichürlich wüster au der Spitze, den bAhörtcn Maste» diese» Unsinn initncr wicdcr-Linznrcdcn. suchen." Später spricht Sigfricd von „der schmachvollen sticdc des Freiherr» v. Wackcrbarth." Bei der Besprechung der Schritt P. Rathan'ch „Der Proeeß von TiSza Eszlar"» jagt Sigfricd: „In der Einleitung ist den Wackerbarih'schcn Faseleien die Ehre stincr aus führlichen Widchlcgung znthcil geworden." I . Büberei dincs XHutffcmitcufülircrs.) UnHcr Bcrljiier Abwehr eollcgin wird aiis Meiningen berichtet: Führer der Anti semitcn in dcmjbcnachbartcn Torf Walldorf hatte-an die Erpcditio» der .Dorf „Zeitüng' eine Annonce cingcschickt von der Verlobung eines jungen Juden in Walldorf mit einer gebrechliche» Armenhänslcrin . Dm-ch einen zufälligen llmftand wurde die Anzeige nicht veröffentlicht,