Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 65 (2.7.1893)
- Date
- 1893-07-02
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. Zreie- Blatt. Nr. »5. lieranSztttindcii, womit sic dcn hehrer in seiner Eristrn; schädigen könne». Wir leben in einer Zeit, in der Einer dcn Anderen haßt, weil er um ein paar Gulden inehr besitzt, oder ihn verfolgt, >veil er anderer E onfc ssi o n oder R a t i o n a l i tii t i st: dies war aber nicht die Absicht d e s edlen 2 t i f t f i i1 .» n f c r c r t)i c t i g i-o ii, v o r w c l ch e in alle Menschen gleich waren und dör daö Princip der Rarität umd dsiebc gegen Jedermann aufstelltc. Weiters driiäte Pfarrer (''rüiiwald die Hoffnung and, daß auS all dcn an wesenden kleinen cumnützliche Mitglieder der (Gesellschaft werden, »in in gleichem Sinne wie die Stifter dieses Vereines zn wirken." sodann trugen die Kleinen einige Vielter vor. Spiele im (''arten und ein FeslichmauS beendeten die eveier. j ■'.Uns Der Klcidtriliachcr-Gkliosstlischask.) Ein von den, ajuisemiti scheu Porst eher der Wiener Älcidcrniacher .'(Genossenschaft Fcnzl gegen die Schneidermcisker Masanetz und Swatck angestrengter Ehren - l-eleidignngSproccß har bekanntlich mit dein Freispruche der beiden (''etlagten geendet, da cS deren Vertreter, Tr. Hein, gelungen war, de» Wahrheitsbeweis für die der Klage zugrunde liegenden Behauptungen, daß'die Vnchführnng in der Genossenschaft mangelhaft und die vorgelcglcn RcchnnngSanSweisc unrichtig seien, i» erbringen. uh einer letzthin in den „Trci Engel" - Sälen abgchaltcncn, äußerst zahlreich besuchten Vcrsainnilung der Genossenschaftsmitglieder ivnldc energisch eine Acnderiing der bisherigen Gebahrung in der «''enossenichafi gefordert. Ta aber auch sehr viele antisemitische An bänger Fenzl'S-in der Versammlung erschienen waren, so nahm dieselbe einen stürmischen Verlaus. Erst nachdem die Antisciniten, als sie - iid) in der Minorität sahen, den Saal verließen, tonnte die Versamm Inng nach faü fünfstündiger Tauer yt Ende gcsührt werden. Znni Vorünenden wurde Herr »ircuzig gewählt: gleich anfangs brach der Tumult los, als der Vorsitzende dem Referenten Ir. TSear .Hein, fa über die Ergebnisse dev ProeesscS rcfcriren sollte, daS Wort eril>e:lie Stürmische "linse: „Wir sind hier unter nnS, hier darf kein Advoear sprechen!" ivnrde» laut. Rnr mit Mühe gelang cS Herrn >i-tc»zig, die Ruhe wieder hcrznstcllen, wobei er sagte: „Es sind Vcittc Ineterschienen, die cs auf dcn Seandal abgesehen haben. Hören Sic ern, was der Advoear sagt, und dann nrthcilcn Sic!" Tr. Hein legte »nn der Versammlung das VetveiSinaterial auS dein Procene rer, in seinen Ausführungen von den Antisemiten häufig und so lärmend unterbrochen,' daß Herr Kreuzig mit der Entfernung der Ruhestörer drohen mußte. Tr. Hein sagte nnicr Anderem: „.Taß ein "'enossenichasisserrelär Geld veruntreut, kommt' öiters vor, daß aber die Buchführung ineorrcct, die VesitzstündsanSweise mangelhaft sind, dies gibt zu. schwerwiegenden Bedenken Anlaß: wenn cs sich um viele .^ehniauscnde von (dulden handelt, da kann von einem bnchhaltcrischcn ^rormfehler nicht mehr die Rede sein. Tie Schncidcrgcnossenschafr hat an den Agitationen gewisser Abgeordneter Iheilgcnommen, und Vorsiel, r Fcnzl hat hiebei als Präsident de«'GewerbegenofsenschastStages eine führende Rolle gespielt. Tiesc Agitation hatte aber keinen rein gewerblichen, sondern auch einen politischen Eharaklcr: Vorthcil hat dabei das (Gewerbe nicht erzielt, welchem durch eine ordentlichere.Buchführung jedenfalls bester genützt wäre. Machen Sic die Gcnosscn- Klutnot tnuskig znln Sclbstzweäc und nicht zum Zwecke politischer Aanaiioncn." hcbhat'tcr Beifall folgte diesen Ausführungen. Sodann :.:las der Vorsitzende eine von.der Vmaininliing an den Magistrat achtende Eingabe, in welcher pfe Gcwcrl>ebchördc mit Rücksicht ans d^ Eie. bnisse der Proccßvcrhanddnng ersucht wird, eine gründliche •r.iui: der Buchführung in der - (Genoffenschaft vorzunchnic». An di.'c Eingabe knüvtte sich eine äußerst stürmische Tcbaltc. Zunächst H Mdi. i; ^^e Meiner i'i a f a n c tz und Z ad evk» für die Eingabe, .1,-iiip T >o a Iel,' der sich darüber wunderte, daß nicht einmal vorder "Et ichisr ei Handlung die Rechnungen revidirt worden feien, so daß vor "'erichl die Hobe des (''enonenschattSverinögenS auch nicht annähernd angegeben werden konnte. Tirrer Wirthichaft inüsie ein Ende bereitet werken, lind iei es durch die Staatsbehörde. Ter folgende Redner, Peiler, der das richterliche Urtheil krilisirte und die Aeußernng niachke, er könne nicht begreifen, wieso der Richter den Wahrheitsbeweis für erbracht finden konnte, wurde unter lebhaftem Beifalle der Majorität vom Vorsitzenden zur Srdnnng gerufen. Einen großen Iiimiilt provorirte auch AnSschnßmikglied Milnarik, als er seine "'egner init den Worten apostrophirle: „ES sind Parteiverhetzer^hier, di? einen Seandal provoeiren wollten." sStürmischer Widersprnch'-t'ci der Majorität. Rufe: Ihr seid die Hetzer!) 'Run folgte ein unbeschreiblicher '.'arm. Endlich erklärte der anwesende Führer der FcnzlPartei, baß er der an dcn Magistrat zu überreichenden Eingabe nicht zu stimme und mit seinen Anhängern den Saal vcrlasie, was auch unter sliirmischen, Händeklatschen und ironischen Hochrufen der Majorität. erfolgte. Hierauf »ahm die Versammlung einen ruhigen, sachliche» Verlauf: es sprachen »och Herr Vogelfang und Handelskammer rath ll ltz, und mit der cinstinimigen Annahme der an den Magistrat zu richtenden Eingabe wurde die Versammlung geschlosicn. (Flllgschristkll.) Turch die Administration des „Freien Blatte«" (Wien, I., Scilcrstättc IO) können Gesinnungsgenossen folgende Broschüren gratis und franco beziehen: I. Bericht dcrzmeitcn Generalversammlung des Vereines zur Abwehr de« Antiscinitisninö 1802. 2. Stenographisch c« Protokoll der am 1.-5. üCetober 1802 voni Verein zur Abwehr des AntiscinitismuS vcr anstaltclcn Protcstvcrsammlung. .'5. „Tic rechtliche Stellung der Juden in Oesterreich" von Tr. Gustav Heinrich Fall. Wien 1802. Verlag de« Vereines zur Abwehr de« Antisemitismus. 4. Bericht der dritten Gcncralvcrsanimlnng dcS Vereine« znr Abwehr dcS Antisemitismus 1803. — Um Wcitcrverbrcitnng dieser Schriften unter N i ch t gcsinnungSgcnosie» wird gebeten! (Adolf Tirstcrwtg für die Si»»lltü»fch»lc.) Ter hervorragendste deutsche Pädagoge dieses Jahrhunderts, Adolf Ticstcrweg, war zeitlebens ein Verfechter der Siinnltanschulc. TcShalb trat er auch lebhaft für die Zulassung jüdischer hehrer ein. Als ihn im Jahre 1802 Berlin in da« preußische Abgeordnetenhaus ivählte, fand er Gelegenheit, für die jüdischen Lehrer Partei zu ergreifen. Ter Magistrat der Stadt Posen hatte Tr. I., einen Juden, znm hehrer ernannt, während die Regierung diesen! durchaus tüchtigen Manne die Genehmigung znr definitiven Anstellung versagte. Am 4. März 1802 kam eine die« bezügliche Petition der Stadt Posen zur Berathnng. Ta erhob sich Ticstcrweg und vcrthcidigtc die Siinnltanschulc wie die jüdischen hehrer. Er sagte nach dem stenographischen Berichte: ' .. .Ter Herr Regicruiigseoinmissär hat bei Gelegenheit der TiScitssion über den oo, liegenden Antrag in der lliilerrichtseoiuinissioii sehr wunderbare Ansichten ausgesprochen. Er hat gesagt, eine Schule, welche katholische und evangelische ^iindcr in sich vereinige, tei nichiSdcstoiveniger eine Confessionsschnle. Tas ist ein Widerspruch, daS ist Berleuguung oder Nichtachtung des Sprachgebrauchs; denn unter einer cousessionellen Schule versteht inan eine solche, zu der stabil tarjsch nur die »linder einer Conseision zugelassen tverden, wenn auch andere hinkiugehen, ober ohne.Berechtigung zu diesem Eintreten; eine Schule aber, tvelche statutengemäß evangelische und katholische (linder in sich ausnttnnit, ist eine sogenannte Siinnlkänschnle. Tann geht er über zu der noch merkwürdigeren Aeußeruug, daß, ivenn ein jüdischer hehrer in daS hehrcreollegiuni einer Parität schule eiuttäte, so würde die Schule zu einer religiös-indifferenten. Meine Herren! Tic Bebende brauchte ja weiter nichts zu thun, als zu sorgen sür den Rkligioitsunterricht, tvie jür Katholiken und Evangelische, so auch sür die jüdischen »linder. Wie kann man behaupte», daß die Schule dadurch zu einer religiös indifferenten werden würde? Nein, die Schule würde daduich das, was die Stadlbehörde in Posen gewollt hat: eine echt paritätische, drei Eonfessionen würden in der selben gelehrt, natürlich abgesondert. Ter eigentliche tiefere Grund, weshalb sich die Staatsbehörde so sehr sträubt, die Genehmigung des Antrages zu ertheilen, istnur kurz unv schwach angedenlet, fast verschwiegen. Tie Behörde hegt die Meinung, durch Julafsuug der Juden, namentlich der jüdischen hehrer, würde die Schule enlchrisZltcht Meine .Herren! Schadet cs den Ehristen, wenn Juden unter ihnen wohnen, schadet e» den Protestanten, nenn sie mit Ltaiholiken;tt Kimmen leben, und schadet cs den »iatholikcu, wenn Protestanten sich unter ihnen befinden- Im Gegentheil. Wenn man zwei sich abstoßende Pole zu saininenbringt, so verstärkt sich jeder Pol; von Indifferenz oder Schtvächung der Eonsessioncn tvird unter solchen-Verhältnissen nimntcr die Rede sein. Aber, ivas die »linder lernen, wenn sie vermischt znsamnte» sitzen, d. h. wenn »linder verschiedener Eonsessionen zitsannnen sitzen, ist Toleranz und .Hnnianität, das sind die großen Tngenden und Etgettichafken, tvelche die Staatsbehörde zu bc fördern, nach allen möglichen Richtnugen zu fördern, die Pflicht hat. Tagegen hat sie weder das Recht, noch die Pflicht, für die Gläubigkeit zu sorgen. In dieser Beziehttug ist der Staat völlig incoutpeleut-.. Es gibt auch unter den hehrern an höheren Schnlen welche, die die Juden mit Gleichgiltigkeit oder Verachtung betrachten. Dies ist an solchen Schulen, tvelche zu gleicher Zeit von jüdischen »lindern bespcht werden, cttvaS äußerst Rachlheiliges und für den päda gogischen Einfluß Gefährliches Wie curirt man, frage ich, solche hehrer, wie bringt man ihnen Hntnanität und Toleranz bei? Tas kann am erfolgreichsten dadurch geschehen, daß matt in das hehrercolleginm einen jüdischen Mann hineinstellt, wie cS die Posetier Behörde» beantragt haben. Ich, sage, mcine Herren, wenn Sie die Heide», die Schwierigkeiten, die ein Jude, der sich zum hehreramt ausbildci, zu überwinden hat, erkennen könnten, so müßten Sic vorau-setzen: das muß ein Mann von vorzüglicher pädagogischer Begabung sein, sonst würde er die ungeheuren Schwierigkeiten nicht überwinden. Ich sage, um der Toleranz und Huinänität willen muß inan in das hehrereolleginnt einen mit allen anderen gleichberechtigten jüdischen hehrer hincinsetzen. 'Roch vortheilhasler wirkt das ans die Schüler. Wenn es nach meinem Wunsche gienge, so würden wir nur Simultan schulen haben; denn nichts wirkt sür Menschenachtung und Huinänität vortheil haüer, als wenn»linder verschiedener Eonseisionen freundlich neben einander sitzen.