Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 65 (2.7.1893)
- Date
- 1893-07-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Seite U ZTr. Cr>. Freies Blatt. i'oiifcfl’ioitcllcii llntcrfdjicb, sondern lediglich die Besähignng der Bewerber als ausschlaggebendes Moment gelten ließ. Koloman TiSza hat sich mit diesem scinciii Perhalten-für alle Seiten ein »»vergängliches Denk mal gefetzt; kein Staatsmann ist gross genug, um nicht de» größten Ruhm darin *,» erblicke», wenn von ihm gesagt wird: er war gerecht. E in a n n c l B a » m g arten. 2lus dein ^Zarenreiche. j liiiic Spende des Protohicrci Iva» von Kronstadt zu (Gunsten einer abgebrannten jüdischen Schule vcranlaßtc die „Nnsskaja ShiSn" gegenüber der „Rowojc Wrcmja" und dem „Ssyn Otctschcstwa" Folgendes zn erklären: „Ein so ninsangrcichcö ssrcich, wie Rußland, das von so verschiedenartigen Pöltcrschastcn bewohnt wird, kan» sich nur unter der Bedingung eines inneren Wohlseins erfreuen, wenn cS friedliche Beichlingen unter Hefen Elemente» aufrecht erhält. Dahin fielen denn auch »»zweifelhaft alle RegicrnngSmaßrcgcl» in Bezug auf Richtrussc» ab. Wenn die Regierung einigen derselben auch eine besondere Stellung zit geben xcnöthigt ist, so erklärt/ich daö anS einer Reibe von besonderen Umstände». Eö ist aber Pflicht der Presse, die Ausgabe der Regierung zu erleichtern. In der EKsellschaft und im Bolle die Saat der Humanität z» säe» und dadurch die Sonderheiten in der Situation einer gegebenen Rationalität abznschwächc», ist tut zweifelhaft die dircctc Pflicht der Presse . . ." Daö Blatt schließt mit der Bcrsichcrnng, daß, so lange cS seine Fahne Hochhalten wird, cS stets nnd immer Anlaß geben werde, bald EKrmanophile, bald Indo Phile, ja Tschnttjchophile genannt zn werde». „ Denn sür Pie .Rnsskaja ShiSn'- sind hie Menschen Brüder ohne Unterschied der Rationalität, und ihrer Meinung nach ist cS die Pflicht Aller — sowohl der Re gierung als der EKscllschaft, sowohl dem Polte als auch sich selbst -gegenüber — in Frieden zn leben, sich gegenseitig zu nntcrstützcn nnd das Wohl Aller anznstrebeii." Was-die „Rnsskaja Shisn" über die de» Regier nngSmaßregcl» in Bezug ans „Richtrussc»" zugrunde liegenden Absichten sagt, ist freilich falsch, aber zn entschuldigen, da die Preßznslündc Rußlands leider zn einer solchen Mrschlcicrung der Wahrheit »othigc». Die Bersolgung der „Richtrussc»" und insbesondere der Inden von amtöwcgcn zci,,t eher alles Andere als Wohlwollen. „Die Inden werden in Rußland so behandelt, wie sic cS vcr dienen" — schreit der antiscmitischc PN>cl, der von jüdischen Misse- Ihalcn zu erzähle» sich abniüht. Daß auch die Inden in Rußland, selbst unter den drütkcndstcn Pcrhältniffcn, der edelsten Haudlnngcn fähig sind, wird jedoch kein vornrthcilssrcicr Kenner von Vniib nnd Veitten in Abrede stellen. Eine Thal hcldcnmüthigcr Kindesliebe vcr-- zeichnete neulich der „Kiewljanin". In einem Dorfe des EKnvcrnc mcntö Kiew lebte eine Jüdin Ehail Tuw mil. ihrer Tochter Veic. 'RachtS drang ein bewaffneter Einbrecher durch das Fenster in die Hütte der Tuw ein und warf sich mit einem Messer aus die vom Värm erwachte Mnrtcr Tnw. Ans daS t^eschrci der Frau sprang die Tochter auf den Räuber' zn und verwickelte ihn in ein Hand gcmcngc, wobei sic der Mutter zurief, sich z» retten, was dieser denn auch in der Tnnkelhcit gelang. Der'Räuber richtete seine Waffe jetzt gegen daö junge Mädchen, zerrte cS zur Hütte hinaus und tödtcte cS ans der Schwelle. Die Mutter ist zwar mit einigen Wunden, aber mit dem z'cben davongckouinicn. Die Tochter hatte während ihres Kampfes mit dem Ucbelthätcr vcrzwciflungSvoll gerufen: „Es ist Iwan!" In Folge dessen sind zwei der That verdächtige Personen dieses BornamcnS in Untersuchung gezogen worden. „Familiensinn mögen die Inden allerdings-habe», aber sie sind arbeitsscheu und wollen ans fremde Kosten leben" — wird wohl ein Antisemit anSrufcn. Wir aber reprodneircn hier noch nachstehende Mitthcilnngcn ans dem Petersburger „Herold": Tie Organisation der Bettelei, wie sie in sehr vielen liegenden Rußlands »IS allehrwürdige, nicht anzutastLndc Einrichtung besieht, findet in der jüngsten Feit eine weniger nachsichtige Beurtheilung als bisher, und immer öfter nnd nachdrücklicher lasse» sich Stimmen vernehme», welche ans die mit solchen Al- »lokenspenden verbundenen Gefahren himveisen. Es gibt gan^'Törser, die nur vom Bettel lebe». Im Gouvernement Pensa gibt eS Ortschaften, >vo fünfzig Perernt der Bevölkerung sich dem Bettel widi'ncn. In Galibin spanne» die Bauer», die sich zum größeren Lheil in recht guten Berhältuissen befinden, nninitielbar nach beendigter Feldarbeit ihre Pferde vor ihre Wagen und ziehen ält-S, nur zu betteln. Sie verlassen ihr Lois als Handelsleute, die Ringe, Finger hiite nnd andere Kleinigteiten verkaufe», aber kam» habe» sie einige 'Werst zniilck gelegt, so verwandeln sie sich in Blinde oder i'ahme nnd sangen an zn betteln. Tie Bewohner gewisicr Törfer des GonverneinentS Moskau haben die Speeialiiät, sich alS Opfer ve. beerender Fe» 'rabrünste an)',»geben, die ihnen Haus und Hof zerstörten. Sie verschaffen sich tatsche Fcngninc von den r'ocalbehöiden »>td tr-eibe» / ihr Gewerbe niuer dem,Schutz anillickier Schrisislücke. Ungeiahr siebenhundert Familien a»? dem Minie Ehochlöw im Gouvernement Rischnij- . Roivgorod wandern alljährlich bettelnd von Ort z» Ort Tic Bewohner von tienvaksin saniineln ans Grund gefälschter Schriftstücke Gelder zum Ban von Kirche». Auch in Weißrußland steht der Beitel in schönster Blülhe. Tie Bettler, im Gouvernenieut Blohil»>v liagen den Rainen „blinde Greise" nnd nennen . sich unter einander vjnbka. In Städten wie Kiew, Woronei'ch und Troizl, wo eS berühmte Klöster gibt, die Pilger anziehen, wiinuiell es von Bettler». Kiew besitzt sogar eine Anzahl von Hänsert^. die ausschließlich den Bettler» vor behalte» sind. Diese Häuser, die vor eliva hundert Iahie» erbaut wurden, gehören denen, die sie bewohne». Tie Polizei läßt eS sich jetzt angelegen sein, die Häiiser »ach und nach -abzutragc». .Auch in >ie>'e» Beltlerpaläste» gelten besliiiiniie . Regeln. T>s Bettler haben sich die Stgdi cingelhrilt, 'nnd wehe dem unter ihnen, der sich einsalleiv'ließe, eine aitdere al» die ihm Üherwiesene Gegekid a»S zitbciileit. Taß anch geiuieihcle oder gelauste Kinder ans dicseiO Slrc'iszngcn eine Rolle spiele», gewöhnlich als Führer der Blinden, ist allbekannt. Tie armen Kleinen werbe» sehr oft von den „Blinden" ausS Grausamste mißhandelt. Im Gouvcrnemrnt-Eherson schicken die Eltern ihre Kinder, „>ln>. sie vor dem Müßig gang.zu bewahren", in die Nachbarschaft betteln. ES gib« Orte, wo die znin Bclielstaiid bestininiicn Kinder in betontere» Schulen aus ihre» Berus vor» bereitet nnd nnterwiesen weiden. Tie Bettler gelange» zit einem -gewissen Wohlstand, der sür die arme» lündtichen Aibciier »»erreichbar ist. Auch eine besondere Art von Poesie isinnter'diese» Bettlern int Schlange, die va» unbekannten Tichlein sür ihre» Gebrauch zngestutzte religiöse Poesie,_Pie ihren Gegenstand der fegende oder der Bibel entlehnt. In -Sn» Gouvernement Mohilew gibt eS bestiinnite Hütte», in-welchen sich die „Blinden" eine Ieittang cinschließen, ' um sich gegenseitig ihre poetischen-Schätze, die so - beweglich ans die Gemächer z» willen geeignet sind, iniizitiheile». Tie besten Schulen dieser Gattung be sinden sich in Ierebno, Horodetz, Pueel und Ehotowiez. Jeder Schüler.-der die vikder lind Gesänge ei lernen will, muß seinem t'ehrcr mehrere Rubel zahlen, einige B,'ovale ssi - ihn arbeite», und ib» nach beendigtem Stndiln» festlich beivirthe». . — Fürwahr, st'nßlands Bürchtlsabcr hätten dringendere Eulturanfgabc» zn crsütle», als aus die Beseitigung der angeblich „schädlichen nicht ~ russischen E'insli ssc" bedacht zn sein. Eine derartige Organisation deS PagabnndcnthniiiS nnd beti ügcrischcr -Ausnützung des Mitleids, wie sie " ' ' ' n-n.. " -." im Ansbenter" zn resse». U|Ul’U UVlUllfl'litl' UIH’ *'\ll ut|t *|U|> *I«I* n *'» v x j ■* •» das biedere rpssischc Landvolk answeist, berechtigt sicherlich nicht dazu, Raine» der hnalionalen Sittlichkeit" P,aß»ahmcn gegen „semitische gemeldet. Rack Svobodaj di tEiu kiul»o ischor Prirsttr gkgt» dir blassen, boiisessionS »ud Ratioimlitiittll jttzt.) All, P! Juni fand hier in der Matzlcinsdorser straßc- Rr. die feierliche Einweihung eines vom Ersten Wiener Polkstindergartest Pereine »rr.ichtclen Kindergartens statt, Für Ein wcihuugsfcier wäre» außer den Porständen deS. PcrcincS anch -noch zahlreiche Bürger deS V. Bezirkes sowie Bezirksvorstands Stellvertreter Point »er erschienen. Tie Voealikälcn, welche von der Hanseigenlhüiucrin Therese Bink um ein kaum ncniienSw.erlheS Entgelt sei» Bercin'c überlasse» wurden, bestehen ans zwei- Spictsälc», einem^geränmigc-n, mit den Bitdcrn des Kaiserpaarcs geschmückten R'hrziminer »nd ciucm nicht als - Ulll Meter langen parlähnllcheii Obstgarten Es hatten sich Kreits I l^ Kinder znm Besuche des Kindergartens dem unter Führung der Veilen», Fräulein Ioscsiue : Kinder in Reih' und »Kied in das Vehrziinmcr ans marschirt wärest und vor dem ausgestellten Altar Platz genoiKitie» hatten, nahm der Pfarrer -zu Sl. Florian, Joses r ü » w ald,. unter Assistenz des EoopcralorS Moser die Einweihung vor. und hielt hierauf eine äußerst hcmcrlenswcrlhe Ansprache, die sich sehr voriheit Haft von den Tuende»zredeu gewisser Hetzeaplänc unterscheidet, nnd ch welcher er »ntcl' Anderem sagte: „W-'nu ma» die Tagcsblülter zur Hand nimmt, ,fpist es geradezu cnlsetzlich, wie häufig man »her Aus schrcilniigcn vois Kinder» im schulpflichtigen Alter, welche Diebstähle, straubanfülle uuid Selbstmorde begehen, liest. Diese sürchtcrlichc Thal fache wird baldz der moderne» Schule^ bald .der Kirche vorgeworscn. Doch weder diese noch jene trage» die Sch»ld. Schuldig allein sind, die Elter», welche es unterlasse», ihre Kinder i» dem zarlcsteit Alter, i» dein ihr Hetz »och weich wie Wachs und gleich empfänglich für EKit und Böse! ist, zn erziehen Wenn heute in Bezug ans Vehre und Wissenschaft auch sehr viel geleistet wird, so muß man dock^eingestcheti, daß cS mit dev Erziehung sehr traurig steht. Wen» ein Kwb ans dcr Schulc kommt sind cS Hot eine wohlverdiente Strafe bekommen, so geben die Eltern der Strafe nickt etwa den gehörigen Rachdrnck, sondern sic laufen znm Bezirksgericht nnd zum Arzt, um etwas