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Freies Blatt · 1893-07-02 · 65 (2.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
65 (2.7.1893)
Date
1893-07-02
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Freies;u;uftiminen, sondern auch chic Ausweisung ailcr in Deulschlaud lebenden ausläudischrn und dort noch nicht ualuratisirtc» Juden in Borschlag zu bringen. Herr Hasse erklärte sich auch mit der lediglich zu vexatorischcn Zwecken ausgestellten antisemitischen Forderung, daß zur Prüsung der jüdischen Sittenlehre von amlswegen >ine Talmudubirjetzung hergcsicllt werden solle, vollkommen einverstanden. Auf die Gesammlheit der ttkaiional Liberalen ist, wen» der Schutz der Rechtsgleichheit, der Kampf gegen Verhetzungen in Frage steht, kcimowcgs zu zähle»'. Nichtsdestoweniger glauben wir, daß alle Jene, welche vom jetzigen Reichstage Auöuahmsgesetze erwarten, in ihren Hoffnungen oder Besorgnissen zu weit gehen. Dafür wird eine Majorität nicht aufznlreiben sein. Mag das Cent rum noch so sehr reactionärc Gelüste verspüren, so wird es tul) dennoch hülen, eine Bah» einznschlagen, welche unter geänderten Berhällnisscn zu einem für das Zentrum 'selbst bedenklichen Ziele fuhren köiinle. Das Eenlriim kann nicht in dem Momente, in welchem eS die letzten Ucberrcstc der gegen die römisch-katholische -iirchc gerichteten Bismarck'schcn Ausnahmsgesetzc zu beseitigen? sucht, neue Ansnahmsgcs'tzc für Mitglieder einer puderen Eonseision schasse» Helsen Der Illtramvntanisinns als Bürgschaft für die Anfrechlhalluug der Gleichberechtigung und freiheitlichen IuftitutioiMi in Denisciiland — das ist wohl eines der intcrcssaiitcsten Merkmale der dinch den eben beendele» Wahlkampf geschaffenen pa> lamenlarische» Lage. <7)ur Piaomofc fces 2lntisemitisinus. Feldes Heilvenahren Muß, wrnn cs einige 'Aussicht ans Erfolg bibeu soll, eine zutreffende Diagnose zur Boraussetziing haben. Die 'geringste llnficherhcil in der Erkennung der Krankheit muß nothirendiger iveise zu einem Schwanken in der Wahl des anzuwcndciidcu Mittels führe», Richiü ist aber für den Zustand des st ranken abträglicher als ein solches Schwanken: cs verlängert das Hebel und verschärft cs in der Regel. - So nianchcr Fänger Äeskülaps glaubt dieses sein Hangen und Bangen dadurch zu uiaskircn, daß er dein Balienien ein Privatissimum;u»i Besten gibt und eine förmliche D issertation über dessen st rankheil entwickelt. Die Folge davon ist eine verwirrende, die anstatt Bessernng »nr Berschtiiiiincriuig bringt. Einer solchen Wahrnehmuiig begegne» wir ain Krankenbette nnscrcr Zeil. Ans der. Eoinptication . von Krantheiren, von dcnett unsere Zeit erfaßt ist, wotlcn wir, ivic cs der Charakter dieses Blattes bedingt, nur mit der einen, dcni Anliscinitisinns, mis beschäftigen. Sic ist die schwerste und gefährlichste Der Staat in ieinci» vollen Umfange, die Gesell schast in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, das Fiidividuuin in > seinen vitalste» Iiitcrcsicn — alle sind sic von ihr ergriffen, ohne! iluev Herr werden zu können. Und warum? Weil die straukhcit selbst ' ibrem Wesen nach keine richtige Beurthcilung gefunden hat. . Alle Schleusen menschlichen (Geistes, doctrinärcn Wissens fiitdcn wir! .aeosinet, ganze Ströme von Erklärungen, Darlegungen und Heil- 1 inelhodc» dieser sirankhcil inäfscn rvir über uns ergießen lauen, und i doch ist nach keiner, Richtung hin eine Abnahme derselben zu ver ichnen. Fm t^egenthcilc »iniuit sie cpidcinieförmig extensiv und intensiv! i», und alle psnchologischen, historisch- und socialwisscnschaftlichcu Ans! ii and-r ievungen xnr Beleuchtung der antiseniitischen Frage sind wie ' den Wiiid gesprochen '.'.'ioH erblickt gemeiniglich in dem Antisemitismus ein Ergcbniß der! .ui Filtnrn unserer gesellschaftlichen und politischen Berhältnissc sich! laniich ,,il'..ückelnden Gestaltungsformcn und qualssicirt ihn auf diese Wei>'e als ein selbstständiges Eristcnzsubjcct. Das aber ist grundfalsch. Der Anlisemitisinlis ist kein organisches Product, er ist nicht hcrvorg'gnngcn ans einem im Gange der Lcbcnscrschciiiuiigcn unaufhaltsani lo ikenden Cauialiienis: er ist vielmehr ein Rciigcbildc, das zerstörend auf den iunercii D rgaliismus wirkt. Der Mitbegründer des Deutschen Reiches und des Antiscinitisinus, Fürst Bisinarck, hat in seiner gegensätzlichen Mariinc zu dcrZ D a t l enra n d's in dem Interview mit Harden cS offen ausj gEvrocheii, daß der Aniifemilismüs ihm dazu dienen sollte, eine Ablenkung zu schauen gegenüber den soeialdcmokratischcn Bestrebungen: d e Borcingenouimenheik gegen die Juden sollte zu Instiiictcn potcnzirt werden, welche vernicinklich die betreffenden GcseUschaftsschichten gewaltiger als ihre soeiakdeniokralischen Bestrebungen zu ergreifen imstande sind.! Richl außer Berechnung dürfte auch die Erwägung geblieben sein, daß dem Antifeinilismus innewohnende Scandal ans die Menge Attrac-! tionSkraft genug üben würde, um sie voll und ganz zu occupircn, und für andere Bestrebungen minder empfänglich zu machen, da bekanntlich der EultuS des Scandals mehr Bekenner zählt als alle religiösen Eon fcssioncn sammt und sonders. Mit dem offenen Bekenntnisse Bismarck's ist die zutreffendste Charakteristik des Antisemitisnins gegeben. Richt Zweck, sondern nur Mittel ist der AntisemiliSnius, der je nach seiner Berwcndung auch seine Färbung ändert. Er tritt anders auf, wenn ihn die politische und sociale Rcaction, anders, wen» ihn elericalc Aspirationen, und anders, wenn ihn nationale Extravaganzen als Mittel für ihre Zwecke verwenden zu können vcrincincn. Daß dieses Mittel zu den verwerflichsten zählt, braucht nicht erst erhärtet zu werden. An seinen Früchten ist er zu erkennen. Richtö hat alle Bande kirchlicher u»d weltlicher Autorität so sehr gelockert als der Antisciuilismns. Die gerade in neuerer Zeit auf allen Gebieten staat lichcr Drdnunghäufig sich bemerkbar machende, Diseipliulosigkcit hat den AntiscmitiSninS zu ihrem Impuls. Er ist insofcrnc geradezu staats gefährlich geworden. Ist der Antiscuiilisinns an sich inhuman, weil er den Menschen nicht als Menschen, sonder» nach dessen Abstaininung und Confessio» 'tarirt, ungerecht, weil er dem Unschuldigen eine gleich vcrurthcilcnde Behandlung wie dem allfaltig Schnldigtii angcdcihcn läßt, nugcsctz lich, weil er das allen Staatsbürgern gewährleistete gleiche Recht gröb lichst verletzt; so wirkt er in seiner Bcthätigung und Ausführnng verwirrend, indem er durch sein zügelloses Walten alle Rechts begriffe aus den siovf stellt und nur der blinden Leidenschaft folgt, erschütternd, indem er durch die Mißachtung jeder Autorität die Grundpfeiler aller staatliche» Drdiiuiig ins Wanken bringt, ver wüstend, indem er durch seine Sittcurohheit und GcuiüihSvcrwildcrung die erhabenen (Grundsätze der Moral und Religion dreist verleugnet. Diejenigen, die sich für die Erreichung ihrer Ziele und Zwecke des Äntiscmilismuö als Mittel bedienen, sind sich entweder feiner Gefahr lichkcit nicht bewußt, oder spielen leichtsinnig mit dem Feuer und bc denken nicht, welch allgcinciner Brand sich daran entzünden kann. Bon diesem Gesichtspunkte ans, ausschließlich, einzig und allein in Anbetracht seiner das Staatsganze bedrohenden (Gefährlichkeit ist der Aiiiiscmilisinlis zu benrthcilcn und zu behandeln. Praktisch hat cs keinen Wcrtls, ihn' auf seinen Ursprung, seine historische Entivicklnng :c. zu prüfen; die Herren Ahlwardt, Schneider, Stöcker <- tnlti <11in>ttt hören deshalb nicht auf, ihre hcrostratischc Thätigkcit forlznsctzcn und auf die Menge in allen deutschen Gauen verhetzend und aufreizend zu wirken. Heil und' Heilung kann nur cintrcten, wenn ihre Hilitcrmünner, ihre Mandaiiten, welche sich ihrer als Mauerbrecher bc dienen zu können vermeinten, um die Tempel freiheitlicher und fortschrittlicher Institutionen zu dcmotiren, endlich innc werden, welch verwerfliches und gefährliches Mittel sic hiezu gewählt. Mittelst der Brcch Werkzeuge des Aiitiscmilismiis wird an dem Slaatsgcbäude in feiner Gänze gerüttelt: wir hören bereits sein Krachen. Aufgabe, dringende, niiabiveistichc Aufgabe ist cs, daß Staats , Kirchen , Schul- sowie alle öffentlichen Behörden und deren Drganc wie Ein Mann sich erheben, nm dem Schrecklichsten der Schrecken, was der Aiitiscuiitismus in Wahrheit ist, durch ihre autoritative Macht ein Ende zu machen. Und nnr eine im Sinne des Gesetzes und der Gleichberechtigung streng geübte Bcrwaltnng und Jurisdiction ist das imstande. Der Antisemitisinus darf fürder nicht ingcrircnd auf den Gang behördlicher Thätigkcit wirken. Je weniger er berücksichtigt werden wird, desto früher wird ihm der-Lebensadern ausgehe». Damit wird aber auch jenes Kampfverfahrcn aufhören, welches, statt den Antisemitismus zu vernichten, ihn eher fördert. DcS Scandals ist genug; die Zeit der Rciuedur ist da. Diejenigen, welche den Autiscmitisiiins bis jetzt protcgirt oder zum »lindesten tolcrirt haben, könncii sic mit leichter Mühe schaffen. Wenn auf der einen Seite cs anfgcgcbcn wird, sich des AiitiscmitiSmuö alö Mittel zur Er rcichnng seiner Zwecke zu bedienen, auf der anderen das Gesetz, und nnr das Gesetz, ohne Beirrung seitens antisemitischer Unholde zur Geltung gebracht wird, und schließlich im Interesse der staatlichen Drdnung und menschlichen Gesittung jeder Bcrhetzung und Aufreizung mit den entsprechenden Maßnahmen cntgcgcngctrctcn und anfklärcnd auf die Maste gewirkt wird, dann wird alsbald diese Phhlloxcra aus dem Weingarten staatlicher und gesellschaftlicher Interessen vertrieben sein. Ei» erhebendes Beispiel lieferte diesbezüglich dis ungarische Regierung. Ferne von jeder Hinterhältigkeit gegen die liberale Partei dcö Landes, die volle Gefährlichkeit des Antisemitismus erkennend, die turbulente» Drgicn seiner Apostel nach ihrem wahren Wcrthe bcurthcilcnd, überlegte sic nicht lange, gegen die Bcrbrcilung der antiscinitischcu Sc»ck)e energische Borkehrungen zu treffen. Sic selbst stellte sich vor die Front der Gcgcnbewcgung, indem sie bei Bcrgcbung öffentlicher Aemtcr keinen

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