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Freies Blatt · 1893-07-02 · 65 (2.7.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
65 (2.7.1893)
Date
1893-07-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AboniiemeiitSpreiS: iSjim-itnig mit Postjustildung . . fl. r.S«. H.>lejüdrig fl. I.LS. Bicrlcljährig fl. —.05 Einzelne vlummern 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. 9ieboctiou und Administrativ, -- . IVirn Erscheint au jedem Sonntagk. , I. $eite»r|täüc 10. Stummer (if>. lüicu, 2. Juli 11593. II. Jahrgang. Mit der heutigen Sinminrr erhalteu uuscrc Vcfcr die siebente Fortsetzung des Werkes: stie Iiidkli »»i> der Aiitiskiiiilisi»»», Israel.' unter öen Kationen von Änatoke -Lcrov-Hleaurien vorn französischen Institrit. Situ rintrctcndc Slbonncnten erhalteu ans verlange» die bereits erschienene» Fortsetzungen nachgclicscrt. --'-'-V — —--- Die deutschen Mahlen. , < Driginal-Äitthciluiig bei „Freien Blqttcs".» Berlin. 27. Juni. Das Ergebnis; der Wahlen zum deutsche» Reichstag ist ebenso unerfreulich, wie cö der Verlauf der gesainniten Wahsbewegung war. Gleich »ach der Auslösung der frühere» deutschen Volkö- Vertretung trat in Folge der Meinungsverschiedenheiten über die Militärvorlage eine bcklagenöwerlhe Spaltung im freisinnigen Lager ein. Die Militärfrage war cö auch, welche im Wahlkampfe das Hauptinteresse absorbirte und für andere Fragen, die nicht minder wichtig sind, gar keinen Spielraum ließ. So kam cö denn auch, daß die Feinde der Rechtsgleichheit, die Raeenhetzer und die ans keinem höheren Riveau stehenden Tivoli-Antisemiten, in.zahlreichen Bezirken die Unterstützung von Rational.liberalen und hie und da nicht bloß die des EentrumS, sondern sogar auch die der Freisinnige» erhielten. Die Wahlen wurden eben, wie cö im parlamentarischkn Jargon heißt, auf die- Mililärsrage hin gemacht, und die Partcigruppirung zur Unterstützung der Eandidatcn vollzog sich nur mit Rücksicht darauf, ob der betreffende Eandidat für oder wider die Militärvorlage war. Es wurden Parteigenossen Ahlwardl'S von so anrüchiger Bergangcnheit als Eanhidate» ausgestellt, daß jener im Berglciche zu diesen noch — sit venia vitIw - als Gentleman erscheint. Bo» einem dieser Enndidalcn zvurdc sogar in glaubwürdiger Weise crMstt. daß er eine strafrechtliche Pergangenheit hinter sich habe, indem er sich aus Gewinnsucht aller jener Gesetzesübertretungen schuldig gemacht hätte, deren er die Juden sammt und sonders bezichtigt. Die widernatürliche» Parleibündnisse brachten cö mit sich, das; ein förmlicher Gcsinnnngs schachcr getrieben wurde und einzelne Eandidaten sich dazu beqncmten, den verschiedensten einandcr diametral entgegengesetzte» Wünsche» durch feierliche Zusagen cutgegenzukomine». Ein Man datöbewcrber, der auf'die Slimmen der Eonservativen und der Rational-Liberalen angewiesen war, stelll^dadurch, daß er beide Parteiprogramme widerspruchslos entgegennahm, den Eine» in Aussicht, daß er bei alles Wahrung nationaler Interesse» dem Standpunkt - dcö Liberalismus immer treu bleiben werde, den Anderen dagegen, daß ihre auf Wiederherstellung dcö „christlichen" Eharaktcrö der deutschen Staats-Institutionen gerichteten Bestrebungen an ihm einen Fürsprecher finden werde». Daö Ergcbniß dieser Wahlbcwegnng ist ein Rückgang sämml licker liberalen Elemente auf eine so schwache Bertretung, wie sic seit der Reactionöära der Fünfzigrrjahre nickzl mehr vorhanden war. Ein Mann von der universellen Bedeutung und den un vergänglichen Perdiensten Rudolf Virchow's erlangte kein Mandat. . Dagegen sind die Antisemiten numerisch so stark, daß sic nunmehr bei der Einbringung von Anträgen auf keine fremde Hilfe angewiesen sein werde». Ahlwardt, dessen . reichöfchädliche Ehrabschneider--der vorige Reichstag einhellig gebrandmarkt Halle und der erst heute wieder wegen Beleidigung der gesammten preußischen Beamten, insbesondere des Jnstizressorts, begangen durch eine von ihm in Essen gehaltene Rede, vom hiesigen Landgerichte zu weiteren drei Monaten Gcfängniß verurtheilt wurde, erlangte zwei Mandate. Die Tivoli-Brüder behaupteten im Ganzen ihren Besitzstand, und nicht einlnal die Thatsache, daß Stöcker in Siegen jämmerlich durchgcfallcn ist,- kann als Trost gelten. Eö wird dem Reichstage auch fürderhin nicht erspart bleiben, den gewesenen Hosprediger, welcher zuerst -die Fahne deö Rncenhasseö im Deutsche» Reich entrollte, zu seinen Mitgliedern zu zälstcn. Schon spricht man davon, daß ihm ein Eonservativer zweiter Güte durch eine Mandat: nicderlcgung die Möglichkeit bieten werde» einen Sitz wicderzugewinncn Die Erstarkung. der soeial-demokratischen Partei, an und für sich vom Standpuükte der uns leitenden Abwehriidee keineswegs bedauerlich, ist aber, abgesehen von allem .Anderen, durch die neueste Haltung der soeial-demokratischen Führer schon deshalb weniger erfreulich, weil dieselben den Antisemitismus mit einer gewissen Zärtlichkeit bchaudeln und in ihm nur einen Bahnbrecher erblicke», welcher manche Pvlköclassen auö ihrer Lethargie aufrütlelt und sie allmälig für die soeialisrischen Lehren zugänglich macht. Unseres Erachtens ist diese Politik der soci.älistischen Führer eine sehr verfehlte. Wenn auch die durch die antisemitische Agitation geweckte Feindseligkeit gegen jüdischen Besitz in vielen Füllen auch arischen Besitzern gegenüber kein Wohlwollen bekunden wjrd, so laßt sich doch nicht verkennen, daß die Anwälte reaetionärer Tendenzen ihre eifrigsten Handlanger in den Paeenhctzern finden, und daß deren Anwachsen die auch dtr Social Demokratie thenere» Errungenschaften der bürgerlichen Freiheit ernstlich bedrohen würde. Waö nun? Es wäre ein müßiges Begiimen, sich in Rccrimi Nationen cinznlassen, um feftzustellen, wer namentlich an diesem vom freiheitlichen Standpunkte überhaupt höchst unerquickliche»,' Wahlergebnisse Schuld trägt. Gegenwärtig handelt eö sich darum waö in der nächsten Zukunft zu geschehe» habe. Die „Rationale Zeitung" weist darauf hin,, daß die Rational Liberalen als di jetzigen Hauplvcrlrrtcr des Liberalismus im Reichstage ihre libe raten Aufgaben: den Schutz der individucUcir Freiheit, die (U'vn~ Haltung aller Verhetzungen und die Bekämpfung jeder Elasten übcrhebung, auf daö Rachdrücklichste betonen müssen. Das Bla'l>. gibt zugleich dem Wunsche Ausdruck, daß dix. Rational Liberalen mit möglichst vielen Mitgliedern der mehr links stehenden liberalen - Gruppen Zusammenwirken sollen. Wir würden diesem'Verlangen -eine größere Bedeutung bcimesse», wenn nicht die national liberale Partei In ihrer'Milte Männer zählen würde, deren Liberalismuszum mindesten sehr fragwürdiger Ratnr ist. Der bei der Stich - wähl in Leipzig zum Rcichstugsabgcvrdnete» gewühlte Herr Hasse nahm kel'nen Anstand, öffentlich zu erklären, er wäre bereit, incht nur dem bekannte» Anträge-der Tivoli Anlisciliitcn anf'Sperrnng der deutschen Grenzen gegen jüdische Einwanderer auö Rußland e

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