Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 64 (25.6.1893)
- Date
- 1893-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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Beilage zum Freie» Blatt, Organ zur Abwehr des Antisemitismus. reite XXVir Bekehrungen an den äußersten Grenzen Europas und Asiens. In Tiflis hat man mir einen jüdischen Kaukasus-Stamm, kriegerische Leute, namhaft gemacht, die in Erscheinung wie Gewohnheiten von den übrigen Israeliten abweichcn. Ich war durch das Fieber verhindert, sie zu besuchen. Wahrscheinlich sind diese jüdischen Bergbewohner mit den eingeborenen Bevölkerungen des Kaukasus verwandt?") Wir kennen im Abendland nichts Aehnliches wie die Massenbekehrung der Ehasaren. Bon der merowingischcn Zeit an treffen wir in Gallien und Spanien auf zahlreiche Juden: Doch waren wohl die Juden Grcgor's von Tours sämmtlich auf der Rh-Öne und Saune nach Gallien gekommene Racejuden? Dder waren nicht Biele von ihnen einfach zum Judenthum bekehrte Gallier? Renan und mit ihm mehrere Gelehrte sind letzterer Ansicht?'^ Veiber gehen uns über diesen Punkt die bestimmten Daten ab — was um so bedauerlicher ist, als die Iudcnschasten Deutschlands und Englands aus jenen Frankreichs hcrvorgegangcn sind. Sind auch die Juden Galliens und Spaniens von Abstammung Israeliten gewesen, so haben sic darum nicht minder auf verschiedenen Wegen, zu. verschiedenen Zeiten eine Blutmischung durch die Eingeborenen erfahren. Die Bermischung jüdischen und christlichen Blutes, welche nach den Kreuzzttgcn wohl nur zu Gunsten der Ehristcn durch die Bekehrung der Inden slatlgefundcn hat, ist während der ersten Hälfte des Mittelalters »och oft zu Gunsten der Juden vor sich gegangen. Aus der Kirche nach der Slinagogc führten damals zwei Thürcn, welche die Kirche nur mit Mühe zu verschließen vermochte: die Sclaverei und die Heirat. In Betreff der Sclaverei besteht keim Zweifel; der Sklave» handel renlirlc sich; als, gute Händler betrieben ihn die Inden, und, um ihre Fröuimigkcit mit ihren Geschäftsinteressen, in Ei» klang zu bringen, haben sic häufig an ihrer Mcnschcnwaare die Beschneidung vollzogen. Es wird dies durch die Deerctc der Eoncile und die päpstlichen lind bischöflichen Urkunden nachgcwiesen. Rament lich in slavischen Landen bildete der geistliche Schutz für Sklaven in jüdischem Besitz eine übrigens berechtigte Sorge der Bischöfe. Man untersagte ihren Herren deren Bekehrung zum Iudcnthum. Schließlich wurde den Juden Beschneidung und Besitz christlicher Sklaven verboten. Bon derselben Besorgniß schreibt sich das Berbol für die Juden her, christliche Mägde und Diener zu halten, Dieses in den zwei Kirchen bestandene Berbol war vor Kurzem noch in de» russischen Gesetzen anzutreffcn?",; man hat es sogar neuerdings wieder in Kraft zu setzen getrachtet. Bezüglich der Heiraten verhält es sich, ebenso. Das so oft wiederholte Verbot für die Inden, Ehristinne» zu heiraten und für die Ehristen, Jüdinnen zu ehelichen, beweist, daß mit der Ber hindcrüng solcher Bcrbindnngcn die Geistlichkeit beider Kirche» ihre liebe Roth gehabt hat. Damals empfanden die Ehristen 'nicht jene Abneigung gegen, den Jude», welche ihnen seitdem cingcflößt worden ist. In den Augen der ncugetauften Barbaren war das Iudcnthum eine Religion wie eine andere, eine Art Ketzerei oder christlicher Seete. Im Abendland, zu N)on, beklagt sich der Erz gegangen, »ach einer Art Prüfung der verschiedenen Religionen, ähnlich wie'sie in der „Ghronik" Reslor» dein Russen Wladimir zugeschriebe» wird. Ter Titel „.Nhozari", welchen der mittelalterliche Po-ü Fehuda Hal.-vv seine»! großen religiond philosophischen Werke gegeben, loiniiu von den Ehasaren. her. Vielleicht lag eine Verwechslung mit de» Fute» des Taghesian vor, welche ins Türkischen „Tagh Tschusul" ljKebirgejuten) heiße», ehemals aus Persien kanicn und häufig noch das Persische sprechen und schreiben. Sie sind großtentheils TaNarcn geworden. G. Renan, ebendaselbst. Bemerkenswerth ist, daß der belehrte, welcher sich'« angelegen sein ließ, die frühere Aufsassung vorn Iudcnthum, als geschlossene Race betrachtet, hinsällig zu machen, Jener ist, welcher bei uns am meisten zur Verbreitung der Racentheorie beigetrageit hat, derselbe kogar, welcher die ganze Religionsgeschichte auf den Antagonismus zwischen Arier und Semit zu I gründen schien. ”*) Siehe beispielsweise T ri'chanski: ..Ii»s--Icos>> sukonudateljstuo o jcwrejaoh.“ bischof Ägobard, wie vier Iahrhluidertc vorher Ehrmosromos in Antiochifn-, über die Thcilnahine der Ehristcn ande»^ jüdischen Festen und den Räbbincrpredigtcn. Es kostete-der Kirclj? eine lang wirrige Anstrengung, bis sie alle ihre Kinder so well brachte: daß sie klar und scharf zwischen altem und neuem Gesetz unterschieden. Das Bedürfnis; einer Grenzlinie zwischen den beiden Eultcn ist einer der Gründe, für das frühzeitige harte Einschreiten der .Kirche gegen die Juden gewesen. Weder die Berfolgung der Ueberrcste - Israels,: noch die Aufreizung des Fanatismus her unwissende»' Massen gegen dieselben lag im Sinne der Kirche; ihr Wunsch ging vornehmlich dahin, das »nosaifche Gesetz vom Gesehe Ehristi zu scheiden, eine Berivechslnng oder eine Zusammenfassung Beider unter derselben Bcrchrung'zu verhindern?''» Es war dies vielleicht einer der Gründe für den Widerwillen der Kirche,-de» Laien das alle Testament in die Hand zu geben. Der Ausgangspunkt sämmtlichcr Borschriften des kanonischen Rechts dem Juden gegenüber ist der Wunsch gewesen, ihn vom Ehristcn abzuschließcn, Um die Gläubige» seinem Einflüsse zu entziehen. Solchergestalt ist das Mittelalter nach und nach zur'Aufrichtung einer Mauer zwischen dem Juden und dem Ehristen hingelleitct worden. Die Pricstcrherrschaft fühlte sich erst sicher, nachdem sie die Hürde Ehristi mit einem genügend hohen Schntzzaunc umgeben harte, um dje-Schäflein vor der Berlockung der jüdischest - Eullusgcbräuche in Sicherheit zu bringen. Man darf nicht vergessen, daß es unter den Ketzereien mehrere mit jüdische» Tendenzen gab; daß das Iudcnthum sogar bisweilen wider seinen Willen Prvselhten machte. Erinnern wir uns'daran, daß in Rußland zu, Rowgorod und zu Moskau im XIV. und X V. Jahrhundert die Beobachter jüdischer «Gebrauche sehr "mächtig gewesen sind; daß heute noch hie und da im Bolle Gcmeinschaftcn von „Subbvtniki" ^Sabbat Bcrehrern) bestehen, welche mit der Berehrung des Sabbats sich mehrere Bvrschristen des allen Gesetzes, ungeeignet lzabe».'") Man hat mir sogar im Kaukasus eine Gruppe von Scetirern bezeichnet, welche sich nicht mit der Annahme der jüdischen «Gebräuche begnügt, sondern noch Juden j kommen läßt, um sich die Gebete auf Hebräisch nnfsagen zu lassen. Man hat diese Sabbat Berehrer für Racejuden gehalten, für eine Art von russischen „Marrancn", welche ehedem zwangsweise getauft worden: eher das Gegenthcil ist der Fall, es sind Ehristen vom Abstammung, welche von der Rcigung für jüdische Gebräuche erfaßt wurde». ... Rollt in den Adern Israels fremdes, heidnisches oder christliches Bluk, so ist es noch gewisser, daß die christlichen Böller in den ihrigen jüdisches Blut haben. Während Iahrlmnderlcn sind durch freiwillige oder Zwangsbekehrunge» tausende hon israelitischen Familien in den Schoß der. christlichen ^Kationen cingegangcn. Es gibt vielleicht kein europäisches-und somit auch kein amerikanisches Bolk, welches sich von jeder Bermischung mit dem jüdischen Semiten rein erhallen hätte. Bom Svanien der Westgothen bis zum Deutschland der Kreuzzüge-, von den nm-vu-; «•ristuinu* Eastiliens und den MarraneiO'ortugals bjs zuden „Frankistcn" Polens, haben,Alle zn verschiedene» Zeilen einen Einguß israelitischen Blutes bekommen. Was seit fünfzehn Jahrhunderten die freiwillige oder Zwangstaufe Israel 'gn Kindern* Abraham's 1 Tieie Wahebeik ist ehrlich anerkannt Worten von einem jüdischen t'-e- Ichrten, Isidore Loeb, im ..Nouveau lü.-li-mnairo m-oaraj-lri-- liniv.-rs-IIo iArtikel Juiis. 2. ' *■') Siehc: ..I, bänsiiro-lu-« I'sa» >>l Iollu-so^-, B. III. - lö'liirion“. Blich III, Gap. X. — Schottische Missionäre haben zur Mitte des 14. Iahrlilindeoko in Palästina zn Saphet eiileni zuin Iudenthuin bekehrten Runen gesunde», und meinte», der Fäll sei nicht vereinzelt. <,.N'arrakire >>l a Xlis-ion ol 'ingnirv w the Jrws from the Cliun-h nl Seotland.^n lsi-'w. .» Anonviii, Gdinburg, 1844, S. Auch in Polen hat man Bekehrungen zm»?>iitenthl»»-zu verichicdene» Zeiten, namentlich im XVI. Jahrhundert. signalisiri. Siehe beispielsweise Hermann Sternberg: .„«beschichte der Jude» in Polen unter den- PlUleit und det> Fagellonen" (Leipzig, 187sxi Gap. XXIII, S 114, 1J.>.