Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 64 (25.6.1893)
- Date
- 1893-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
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reite XXVI. Beilage zum Freien Blatt, (Organ zur Abwehr des Antisemittsmus. Tie klassische Welt blieb nicht taub sür die Stimme dieser Orakel, welche wie ein Wicderhall von Zion klangen. Es war die Zeit, wo die Orientgötter Eguptcns, Persiens, Syriens unter dem Schleier ihrer gcheimnißvüUcn Ceremonien gegen die frostige griechisch-römische Allgöttcrhalle Sturm liefen. Israels Eingottglaube übte eine Anziehungskraft aus, welche sich vom alten Gesetze bald auf das neue übertrug."'') Tie allen Autoren, ob Juden, Griechen oder Lateiner, sind darüber einig: „Große Massen", bemerkt der Geschichtschreiber Flavins Iosephus, „sind von 'Vacheifer für unsere Art und Weise der Gollcsanbetuiig so heftig ersaßt, daß cs keine einzige griechische oder barbarische Stadt, keine Nation gibt, wo nicht der Sabbat, unsere Fasten, unser Lampcndicnst. unsere Speise j Vorschriften beobachtet werden." s,:) Tas palästinische Judäa war | damals nur mehr der Kernpunkt des Iudenthums. Tie kühne | Verheißung der Propheten schien einen Augenblick der Erfüllung i nahe: es war, als sollten die Völker sich ausmachen, um Gott « in'Jerusalem anznbelcn. Tie Sibyllen hatten sich nicksi getäuscht: j Isis, Scrapis^ Zeus und die Götter der Rationen sollten dciil j Gott Israels erliegen. Würde die Welt nicht christlich geworden sein, sic wäre vielleicht jüdisch geworden. •Vitt» bloß das Togma von der Einheit (Lottes und die Moral des Zwölfgcboles, selbst nicht die Sabbatseicr und die Beobachtung der jüdnciieii (Gebote allein hatten ja die zum Glauben Israels bekehrten Heiden angenommen, sondern bisweilen auch die rituellen Gebräuche von deni Unterscheidungszeichen der Rachkommcn Abrahams, der Beichneidung, angcfangcn. Reben den einfach Bekehrten, die. aut .halbem Wege stehen blieben, Männern in „Gottesfurcht", u»aii,-uke> I»omii, wie der durch Paulus bekehrte Hauptmann Eornelins?''« trafen sich.Heiden, welche über die letzten Schranken hinwegschritte» und mit dem blutigen Siegelmal der Söhne Iaecb's sämmlliche jüdische Gebräuche annahmen. Tas südiichc und heidnische Altcrthum hat uns über diesen Punkt eiuscheidendc Tcrtstcllen hintcrlassen. Iosephus sagt ausdrücklich, daß eine große Anzahl Hellcncn der jüdischen Gemeinschaft von Alerandricn angehörl habe."") Viele Juden aus Klircnc, Antiochien, Palmnra, den großen orientalischen Iudenschaflen, scheinenZglcichfalls griechischen oder gräeo-cgyplischcn Blutes gewesen zu sein."'') Mil den hcllcnisirciidcn Juden vermischten sich die judaisircndcn Hellenen. Bisweilen ist dies, erstaunlich genug, sogar in Nom der Fall gewesen. Iuvcnat unterscheidet an jener berühmten Stelle seiner .XIV. Satire zwilchen -einfach Bekehrten und solchen Eon verti-len, welche gänzlich zum Iudenthum übergetretcn waren. Er zeigt uns die Väter, welche sich mit der Sabbatseicr und der Einhaltung von Schweinefleisch begnügen : während die Söhne, den 2io'.;-: lutmentlidi Renan: „Los Origine^ .tu <-!iri'<tiani»iue", Band. V, 2 •.! rt Bg: Ruenen: ...Indai-me et c-Ilri-tiani-ineilleene dl'Hi-toire jl>» , Band Vir. 'Rr. 2, I>w3, 2. 208, Rr.!« . ..». — (^raep: ..Tre i>:Z'>ck-:: Bro'etyten im Römerreich" «Breslau lssl>. — L,'r. 2ack: „T:> attiuZt'che Religion" «Berlin 1889,, 2. :}.y4—387. " i .'«cieeime: «■"egen Avion. II, 39. — Tie Behauptung des jüdischen Geschichotiirelde-.-? nie' eure!« den christlichen Autor der „Apostelgeschichte" sll, 5) beüatigk dienen sich aber in dermalem Luden aut, gottestürcktige Männer aus allen 'Rationen, n eute es unter der Tonne gibt."' Folgt eine Auszählung, in welcher alle alte» Belker, von den Medern und Parthern bis zu den Bewohnern Roms ange'uhrt iverden, und in dieser Menge erwähnt der heilige Autor ausdrücklich die .„ludeugenonen" neben den eigentlichen Juden:?wir) Ankömmlinge von Rom, >wjr-Fuden uitt Fudengenonen". «„Aposielgekchichte", II, I<>, 11.) —_ Eben'o werden in der „Apostelgeschichte" in allen Ttädten und Tvnagogen Asiens und Europas, wo die Apostel predigten, überall die Pro'elMen neben den gudeii von Abstammung angeführt, >'o XIII. 17: XIV, 1; XVI, II: XVII, 4 und I7l XVIII, 4 tind 7 :e. '') ..Apostelgeschichte", X, 1 "i .Zo'epbus: .1». >>oll» du laico-, Back VN, Cap. III. :1. — Renan (..!.•• .In.i.ii-ni'- femiii" nee ,-t -<u»m. redigian ", 1883) hat eie griechischen und lateinischen Hauptterte zuiammengetragen, welche oie Häufigkeit dieser Be- - kehrungen zuin Ludentbum dartbunZ. ' , 2. Momm'en: „Römische Geschickte", Bank V, 2. 402—404: 1835. I väterlichen Eifer überbietend, bis zur Beschneidung gehen: Mox dt praeputimn ponunt, drückt sich der Satiriker des I. Jahrhunderts in seinem kräftigen Lateinisch aus?"- Um dieselbe Zeit > sagt Tacitus, als er von allerhand durch das Judenthum An- ] geworbenen spricht, in seiner knappen Sprache dasselbe.'-") Im II. Jahrhundert hält es der Kaiser Antoninus für nothwendig,! den Juden die Beschneidung Anderer als ihrer Söhne zu verbieten, j Selbst im III. Jahrhundert, gegen das Jahr 22b, sagt noch Dio Eassius, ein Senator, als er von den Kriegen in Palästina spricht, es gebe neben den aus Judäa stammenden Juden andere Männer, „welche, obgleich anderer Racc, die Einrichtungen dieses Volkes angenommen haben.""-) „Und", fügt der frühere Eonsul hinzu, „es gibt unter den Römern viele Leute derart: mir allem Einschreiten gegen sie hat man bloß erreicht, daß ihre Zahl sich ver- ■ mehrte." Sollte sich dieser letztere Passus theilwcise selbst auf Ehristen beziehen, so zwingen uns derartige Tertstcllen immerhin die Ansicht aus, daß eine große Anzahl der Juden des Alterthums, im Orient wie Oecident, von bekehrten Heiden abstammte. Tiefe Israeliten waren nur Adoptivkinder Abraham's und Iacob's. Selbst in Rom hatten jene Juden, deren Katakomben wir in.-der Via Appia oder der Vi;i I’orfnensis besuchen können, vielleicht nicht viel mehr semitisches Blnt in den Adern, als ihre christlichen '.Vachbarn der Friedhöfe des Ealixtus oder des Pontianus, deren älteste Grabschristen gleichfalls in griechischer Sprache abgefaßt sind. So dürfen wir uns denn Israel nicht mehr als einen gänzlich unvcrmischten Ethnos vorstcllen, um 'so weniger, als an seiner Wiege selbsi die Asmonäer und die Hcrodcs unter Anwendung des <-omp«-lliintraiv durch die Bcfchncidung zahlreiche Bevölkerungen von Idumäa. Itnräa, aus dem Hauran und den syrischen Rachbargcbietcn dem Iudenthum einvcrleibt hatten. Selbst zur Talmudischeu Zeit, als das überwundene Israel sich wieder enger;usämmcnschloß, hat diestr Zufluß . fremdent Bllttes nicht anfgehörl. Tas Iudenthum^ welches auf dem Punkte gewesen war, eine Weltrcligion zu werden, wurde in der That von Rcukm ein nationaler .Enlt. Tie Schrislgelehrten, welche die Auflösung Iuda's in den Rationen oder dessen Aufgehcn im Ehristenlhum befürchteten, gefielen sich in der Abschließnng des Juden. Tie Proselyten wurden eine Geißel, der „Aussatz Israels", geheißen. Tie Synagoge beschränkte sich nunmehr auf sich selbst und verschloß ihre Pforten; allein, trotz des Widerwillens der Radv bitter, stahlen sich immer noch, besonders an den äußersten Ende» der jüdischen Welt, zahlreiche Bekehrte hinein. Es sinden sich Juden, welche rn Arabien Eonvertiten anwerbcn; ganze arabische Stämme gehen zum Gesetze Moses über. Muhammcd ist der Schüler der Juden, und der Islam nichts als ein plump angcpaßtes Iudenthum. i In Europa selbst »lachen jüdische (^laubensbolen den christlichen Missionären die ponto-kaspischeu Landstriche streitig. Gegen das VIII. Jahrhundert tritt nördlich vom Schwarzen Meere, in den skythischcn Steppen, eine Völkerschaft finnisch-türkischer Abstammung, die Ehosaren oder Ehasarcn, insgcsammt zum alten Gesetze über."? Vielleicht ist dies nicht das einzige Beispiel solcher *°) Gmtcnal: 2atirc XIV, Bers 95. 91> Circiimeidere genitalis instituere, in divorsitate noscantur. Transgre-si in tnorein eormn, ideiu usurpant. (Tacitus: „Historiae", Buch V, 5.) “*)' Kvizzo a/./.«isiVvsii övt«;, Dio Cassius. Buch XXXVII, Cap. XVII. Rach der „Chronik 'Rcstor'S" (Cap. XI., Nebersetzung von i'. Leger) machten die chalarilchen Luden dem Großfürsten Wladimir von Hietu, der damals noch Heide war, den Borichlag, ebenfalls da« Iudenthum auzunehinen. 'Man sindet in den „Monuments liistorica 1‘oloniae" von BielowSki (Band l, 2. 50 u. si.) ein 2chreiben der ChaiarenkönigS Joseph an Xazdai, den Rah. biner von Cordova, worin der Chasarenhäuptling ausdrücklich sagt: „Unsere Bäter haben den israelitischen Glauben angenoininen; Gott hat ihnen die Augen geöffnet" Er erzählt dann, wie die Bekehrung einer seiner Vorgänger vor sich