Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 64 (25.6.1893)
- Date
- 1893-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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freies 33 f a t Nr. 64. Seite 4 habt die Person vor Gericht zum erstenmal gesehen. — Bei der Eonsrontalio» er ftärte die Angeklagte, der Zenge sei eine jener Personen gewesen, die im Hinter- ' zinimer bereit standen; sie wisse genau, er sei es gewesen, der ihr dis aus die Gasse »schlief und ihr nachrief, sie solle sich nicht fiirchten. — Zeuge Sigmund König, mosaisch,. Taglöhncr in Holleschau, gab a», er sei weder am 23. »och am 27. Männer 1393 im Hause Tandler'« irgendlvie be'chäftigt gewesen. Die Angcklagte habe er nie früher als vor Gericht gesehen. — Tie Angeklagte beharrte jedoch dabei, daß sie in dein Zengen ganz genau einen der drei Inden erkenne, die int Tandlcr'schen Hause auf sie lauerten. — Nachdem noch mehrere Jcugew die da« Alibi der Juden beweisenden Angabe» auf das Unwiderlcglichste bestätigt, wurde die Verhandlung auf einige Stunden unterbrochen. — Nach Wiederaufnahme derselben erfolgte die Berlesung von ZeiigenprolokoUcii, au« denen der Alibibeweis der beiden Tandler und des König neuerliche Bekräftigung erfuhr, lieber die Angeklagte wurde festgestellt, daß sie eine' berufsmäßige Bettlerin und ihr Mann ein Trunkenbold sei Bon inehreren Seiten wurde bestätigt, daß Katharina Schonbaum seit Februar 1893 einen größeren Aufwand getrieben und Schulde» bezahlt habe. TeinKaufmanne Schulz gegenüber habe sie sich geäußert sie werde binueu Kurzem entweder sehr glücklich oder unglücklich sein. Aus die weitere Frage de« Kaufmannes Schulz, worin dieses Glück oder Uitgjiuf bestehen soll, habe sie erwidert, inan werde da« schon iii den Zei uiigen leien Einer Zengin gegenüber äußerte sich die Angeklagte im Anicdliissc an die Erzählung de« gegen sie angeblich begangenen AltcniateS, sie wisse, daß die Juden Ehrislenblnt brauchen. Mehrere Zeugen schildeni die Angeklagte al« eine verlogene Person, der man fast nichts glaube» könne. Tie Angeklagte äußerte sich vor mehreren Zeugen, der Srfsvorstand Bakala aus Wscheiul habe sie gefragt, ob sie Hau« n»d Feld besitze. Al« sie iniikhcille, daß sic vermögenSlo« sei, hübe er ihr zur Anzeige gerathen, da ihr nichts geschehen könne, weil sie nichts besitze. — Vorsitzender: Warum blieben Sie nach dem gegen Sie begangenen Attentat noch einige Tage in Holleschau V — Angeklagte: Ich hatte keine Mittel zur Heimreise, und c« war auch zu kalt. — Votant Landk«gcrichlsr!uh 3eido> ch: Sie waren in Holleschau, in einer Stadt, dem Sitze eine« Bczirisgerichtes, einer Beziikshanptmaiinschair, Gelldarmerieabibeilulig und einer Bürgermeisterämter. warum haben Sie dort die Anzeige nicht erstattet und sind In« Tort gegangen, um kort erst »ach vier Tagen anzuzeigen? — Angeklagte: .v.t bade iiuiti gefürchtet, daß mau mich dort sofort einsperreu werde. l Ter Vorsitzende erklärte sodann das Beiveisverfahren für geschlossen, worauf der die Anklage vertretende Staatsanwalts-Subsiitut Boubela das Wort ergriff. Er wie« gnif den Zusammenhang hin, in welchem der vorliegende Slrpf fall mit dem am!'. Juni 1393 verhandelten Sirafralle gegen Laroline Schnhla stehe, welch letztere, Verhandlung mit der Veruriheilung der Aiigeklaglen Jjiii dreizehn Monalcn Kerkers geendet habe. Beide Angeklagti seien die Werkzeuge eines und desselben Arrangeurs, der hinter ihnje» stehe und sich ihrer zur Ausführung seines verbrecherischle» Planes bediene. Tie Srganisirung dieses Plane« sei eine äußerst geschickte gewesen, die verbrecherische Verleugnung immer gegen dieselbe Familie erhoben worden-, das Vorgehe» der eine» Angeklagten die Ergänzung der Handlung »er anderen. Aber nialr paita male dilabnntur, oder: c» ist der Fluch der bösen Vfutt, sie handeln niemals klug. Tie hinter den beiden Angeklagten stehende Peiwn habe oilgenscheinlich übersehen, daß die Gerechtigkeit wacht und den vcrdrecherischen Plan vor dein Gelinge» ausdccki. Tie AnSstreunngeii der Angeklagten hätten de» Anlaß zu Ausschreitungen der leichtgläubige» Bevölkerung von Holleschau und Umgebung geboten, die nicht allein für Tandler und seine Famitie, nicht allein für die Judenichasl von Holleschau, die am Eigenthtim tind Lebe» b,droht war, im höchsten Grade gefährlich werden konnte», sondern auch hie christliche Bevölkerung, dieser Stadl und vielleicht iveitere Kreise leicht hätten zu verabscheuungswürdigen Geivaltthaten hinreißen können. Ter Staatsanwalt erinnerte tarai», daß bereit« einmal in Mähren zur Zeit des Königs Wenzel IV 'tranige leichtsinnige Gerüchte, nsse sie die Angeklagte vor Gericht wiederholte, de» Anlaß z» Judenverfolgungen und Massenmorden gegeben habe». Der A>:a»gnir >>i zwar heul« nicht ans Licht gekommen, e« müsse eine mächtige Pr, sc-nlichkeil sein, weil sowohl die Schnula als die Schönbaum, eher >'e r Strafe sich unterziehen, als seinen Namen nennen. Ter Liaatsanwalt gab jedoch der Erwartung Ausdruck, dar Ergebniß der beide» Ltrakverhandlungen werde iein,- daß da« Märchen de« rituelle» Mordes endgiliig abgethan lein und von dem gesunden Sinne der Bevölkerung ' n r immer v e r s ch m ä h t bleiben werde. Angesichts der schlagenden Beiveis'ührnng der Thaisache» selbst glaubte der Staatsanwalt einer weitichweiffgrii Erörterung derselbe» eiilhoben zu sein und beantragte den Lchuldspruch im Simtf der erhobenen Anklage und strenge Bestrafung, wobei er al« besonders erschwerend hervorhob die vierfache Wiederholung, baß die Verleumd,mg gegen dcei Personen gerichtet gewesen, die thatsächlich in Haft gesetzt ivurde», sowie daß weile Xreise an Eigenthum und Leben gefährdet waren. — Der 2'"trete, der Privatbetheiligien, Tr. Bndik, dankte dem Staalsauwalte dafür, daß er den rituelle» Mord für ein Märchen erklärt habe, iva« in weite» Kreisen der Bevölkerung als Befreiung von einem Alpdrücke werde empfunden werden, und schloß sich d.-m Strafantrage an. Auf die Geltendniachuiig privasrechtlicher Au-vrüche verziwtete Tr. Bndik — Ter Verlheidiges Tr. Vtz «l o u; i l-erklärte für seine Etienli» im Punkte der Schuld nicht eintrcte» zu könncil. Ec halte es nicht für die Aufgabe des Vertheidigers, da« Häßliche schön z» färbe» und was schlecht ist, als gut darzustelle». Tie Ergebnisse der Berhandlung seien zu schlagend, als daß nun die That der Schöubaum ander» al« verbrecherisch ausfasseu könnte. Da« Motiv der Schönbaum könne übrigen« auch gewesen seizi, von einem reichen. Juden Geld z» erpressen. Ter Bertheidiger plaidirte nur auf milderudc Umstände.' Ter Gerichtshof erkauntc die Katharina Schönbauin dcS-,Verbrcchcns der Berlcnnidung sowie der Uebcrtrctung der Urkundenfälschung und des Vagabundcngesctzcö für schuldig »nd verurtheiltc sic z» schwerem Kerker in der Tauc.r von fünfzehn Monaten, verschärft mit cincin Fasttage nionatlich, n»d zum Ersatz der Kosten des Strafverfahrens. (Arische Börscancr.) Tic Wiener Polizei hat dieser Tage de» Inhaber eines BörscncoiuniissionSgcschäfl S, Carl Stanislaus M ichal ko, unter dem dringenden Verdachte des Betruges und der Bcruntrennng anvertrautcr Gelder verhaftet und dem Landcsgcrichte eingelicfcrt. AuS dieser Thatsachc geht 1. hervor, daß nicht bloß Juden, sondern auch Christen, und sogar. Landsleute des Herrn Bergan!, ani Spiele an der Börse sich bethcj^gc», und 2 , daß auch chr stliche Börscancr unter Uniständcn insolvent' und zu Betrügern werden können. Die Punkte 1 und 2 bestätigt auch folgende heitere Scene, welche, wie berichtet wird, sich neulich an der Wiener Börse abgespielt hat: Ein christlicher Börscancr war nicht in der Lage, einem jüdischen Börscnagcnten die Tikscrenzc» zu zahlen. Auf die Mahnung des Agenten wurde der insolvente Börsenmann rabiat und rief: „Einem Inden zahle ich überhaupt keine Tissercuzcn." Großer Tumult, Aufregung, Geschrei unter den jüdischen Börscnniännern. Ta beruhigte ein Bankier rein arischer Abstammung und christlichen Glaubens die erregten Gcmüthcr mit folgender Apostrophe: „Ter Mann lügt, er ist gar kein Antisemit; er hat mir auch nicht gezahlt, und ich bin Christ!" Allgemeines (Gelächter. Der Nest ist die schwarze Tafel — noch eine der wenigen Jnstitulioncn, vor welcheralle insolventen Menschen gleich' sind. (Paul Akillhardt P.) Ter Schriftsteller Paul Reinhardt, der auch einige Zeit hindurch eine clericale Zeitschrift unter dem Titel „Gegenwart" hcrausgab, die aber im Gegensätze zu anderen clcricalen Blätter» die antisemitischen Umtriebe auf das Schärfste bekämpfte, gcricth in eine Rothlagc und nahm, als er eine Schuld nicht begleichen konnte, zum Selbstmord Zuflucht. Er feuerte eine Kugel gegen seine Brust ab und verletzte sich lebensgefährlich. Paul Reinhardt hat, ünniittclbar bevor er seine BerzweiflungSthat beging, eine» vom 1!(. d. M. dalirtcu Brief u» die „Reue Freie Presse" gerichtet, in welchem cS heißt: So viel Undank und Enlläuschung wie ich, hafte kaum Jemand zu er dulden. Freunde und Verwandte betröge» inich; Jene, welche ich einst rettete und die mir ihren heutigen Besitz verdanken, taffen mich schändlich im Stiche. Leute, die von mir Tausende genossen habe», kenne» mich nicht mehr und meide» mich. Muß mich.das nicht anwidern? Tie moderne Menschenverhetztunz ist an dieser Untergrabung der moralischen Pflichtgefühle Schuld. Alle meine Hoffnungen scheiterten, nichts gelang mir! Muß ich da nicht verzweifeln? Weil ich bemüht war, das Ehristenthum vor dem schmählichen Mißbrauche zu schützen, de» die Hetzcapläne mit ih-.en Sophismen machen, wurde mir Bestechung vorgeworfe». Null wahrlich, dann wä/e ich nicht so bettelarm. Es mag allerdings ebinsovicle Belämpfer wie Bertheidiger des AntiscmitisniuS geben, welche die Politik als lucraiive« Gewerbe betreiben, aber ich gehörte nicht dazu, denn sonst iväre ich glänzend siinirt. Heute gibt es keinen Parteikamps, denn Alle« artet in persönliche Insulten aus. Weder Frau noch Kiud wild verschont. Pfui! . . Meinen politischen Gegnern ist es gelungen, mich;» ruinire» und mir die Möglichkeit des Kanipses zu raube». Mit wenige» hundert Gulden wäre das verhindert gewesen, aber ich halte da« Geld nicht und wußte e« mir auch nicht zu verschaffen lind so habe ich Alles meiner politischen Ueberzcugung danklos geopfert. Mein Lohn wird sein, daß meine politischen Gegner mein Grab mit Schlamin bedecke» werden, mögen sie wenigstrnS meine arme Frau und meine nnschnldigeii Kinder schonen! Ter Grund meines Scheidens besteht in einem ganzen Netze von Verhängnisse», welche« mich umspinnt. Enttäuschungen, Ver leumdungen und Undank! Ferner insbesondere »och Folgende«: Vor Jahren de ivahrte mich ein Freund vor großem Verluste durch rechtzeitige Warnung. Vor einiger Zeit bat er mich um Rettniig au« verzweifelter Lage, denn es sehlten ihm ans der ihm anvertrante» Lasse mehr als 200 fl. Als dankschnldiger Mensch suhlte ich mich verpflichtet, nun ihn und seine Familie zu erretten. Ich that die« timsomehl, weil er mir bis längsten« gestern Ersatz versprach. Er konnte leider nicht Wort halte», außer um den Preis eines Verbrechen«, was ich natürlich znrückwie«. Ta nun aber ich ersatzpflichtig bin, aber nicht ersetzen kann, was ich schulde, so ziehe ich der Entehrung de» Tod vor. Ich hoffe, daß incine Witwe binnen Kurzem meine Schuld wird abtragen können . . . Auch nur der gelingst