Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 64 (25.6.1893)
- Date
- 1893-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seit» 2 ZTr. «!1. freies Blatt. .. bildung. Besonders in einigen Provinzen würde sich die überwiegende Intelligenz der unbemittelten Juden gegenüber den zahlreiche» besitzenden Analphabeten sehr zu Ungunsten der Antisemiten und ihrer hohen und niederen Gönner geltend machen, zumal ein Bildungscensus unbedingt festgestellt werden müßte. Ja, am Bildungscensus würde der Antisemitismus zerschellen. AUeS in Allem genommen, stünden also die Aussichten für die Antiscinilen -in einem Wahlkampfe ohne Eensus keineswegs günstig, und wir begreifen recht gut, warum -das Perorircn und. der Ruf >mch dem allgemeinen. Wahlrechte in den antisemitischen Bersammlungen gerade in der letzten Zeit verstummt ist, wo er iiii’ so lauter und eindringlicher von anderer Seite erhoben wird. Welcher Meinung man i^fcer diese brennende Tagessrage immer sein mag, nach der einen Richtung hin ist sic doch völlig auf geklärt: der Tod des Antisemitismus hieße — SullVajre uniit'iH'l. Albert v. Deröger. Kulturarbeit in Galizien und der Bukowina. Das Enratorium der B a r o n Hirsch-Stiftung zur Forderung des BolksschnluitterrichteS in Galizien und der Bnkoimna veröffentlicht soeben den Bericht über das zweite Berwaltungsjahr 1892. Derselbe ist auch für weitere Greife von hohem Interesse, da er nicht nur grelle Streiflichter auf die Schulvcrhältniffe der genannten Länder wirft, sondern auch geeignet erscheint, die Fabel von der Richtcignung des Jndentbuins für das Handwerk und gewerbliche Bcrrichtuiigcn überhaupt zu zerstören. Wir erfahren aber auch aus dicfcin Berichte, wie schwierig sie dem Kuratorium obliegende Aufgabe zu lösen ist, soweitsie die Unterbringung jüdischer Knaben bei christlichen Meistern betrifft. Hand -werter von ganz bescheidenen Fähigkeiten fordern hiefür exorbitant hohe Prämien — gewiß eine recht praktische Ausbeutung der antiscinitifchen Strömung. Richt genug daran, daß man jahrhundertclaiig den Inden von der Besugniß, ein Handwerk auszuüben, auSschloß, auch heute noch bereitet man ihm Schwierigkeiten-, wenn er seinen guten Witten dorn mentircn und sich von der verpönten, „mühelosen Erwerbsarbcit durch Gelduianipulationcn" emancipiren will. Das Enratorium ist angesichts dieser Thatsachen gcnölhigt, zur Selbsthilfe zu schreiten und Handwerker schulen in eigener Regie zu errichten, um so den humanen Ziclcw der Stiftung gerecht zu werden. Der Bericht beginnt mit dem Protokoll der Plenarsitzung vom 21 ' Oätincr l. I., in welcher an Stelle des verstorbenen ersten Präsidenten, Josef Ritter v. Fürth, Herr David Ritter v. Gu tm a n n per aeelamutionem zuin Präsidenten gewühlt wurde. In ''einer Begrüßungsrede gab Herr David Ritter v.. Gutmann der zuversichtlichen Hoffnung Ausdruck, daß cs bei energischer Lcrfolgung des idealen Zieles durch alle zur Mitwirkung berufenen Fartorcn gelingen werde, das große Eulturwcrk zu vollenden. Er rechne hiebei aus die wohlwollende llnterstütznng der Regierung und der Landcsbchörden. „Bei dieser Gelegenheit," sagte der Redner, „kann ich nicht iinihin,' einem Manne zu danken, welcher sich nicht . bloß »in die SkiNung große Berdirnste erworben, sondern auch immer bemüht war, den armen, vielfach angefcindcten Israeliten* in Galizien bcizustehcn und den verleumderischen Angriffen im Parlamente offen unter tiefergreffender Schilderung der Sachlage entgegcnzittrctcn. In der heutigen Zeit, in welcher entgegen der heiligen Aufgabe des Stiftungswerkcs: Werkstätten für die ehrliche Arbeit zu errichten, offene und geheime Werkstätten etablier werden, um lügenhafte und verleumderische Berichte gegen uns zu schinieden, ist es ein Hcrzcnsbcdürfniß solchen Männern zu danken, welche den Verfolgten und Bedrängten beiftchen. Ich glaube, diesen wackeren Kämpfer nicht erst nennen zu muffen und gestatte mir bloß von dieser Stelle, Herrn Scclionschcf Ritter v. Gniiwoöz den tiefgefühlten Dank auszusprechen." Rachüebcud einige Zifferndetails au» dem Berichte: DaS Euralorium erhält zunächst zehn von der Alliance I=ra»-lito übcrnymniene Schulen, welche im''Jahre 1*92'.'3 von zusammen 311>4 Knaben, gegen 2817 im vorhcrgegangcnen Schuljahre, besucht wurden. -Weiter wurden zu Beginn des Schuljahres 1892 93 zehn neue Schulen, in Rawa, Horodcnka, Gwo/.dicc, Monasterzyska, Saffow, Zborow, W’^nicz, Mielec, Brzesko und Rozwadow als cinclassige Schulen errichtet. Tie Schülerzahl in Summa beträgt chicr 835 Knaben. Wie noihwendig cs war, gerade in diesen Trtcn energisch einzugreifen, mag man daraus ersehen, daß im Schuljahre 1891/92 in diesen iSrtcn von 1 schnlptlichtige» jüdischen Kiiabcu nur 19l die Schule besuchten. Außerdem wurden den Schulen in Darnopol, Suczawa und Stancstic größere Subventionen und in vielen Urteil zur Anschaffung von Kleidungsstücken und Schulrequisitcn Unterstützungen gewährt. Die Schulen wurden von den k. k. Schulinspcctoren. visitirt; der Befund lautet, wie aus dem Bericht hcrvorgcht, dahin, daß das Resultat im Allgemeinen ein befriedigendes, in einzelnen Schulen sogar ein vorzügliches genannt werden muß. Sehr erfreuliche Fortschritte sind auf dem Gebiete des für das Handwerk so vorzüglich vorbereitenden HandfertigkcitSuutcrrichtes, welcher in den Stiftnugsschülen, wo nur möglich, eingeführt wurde, zu verzeichnen. Zu diesem Zwecke wurden auch im Jahre 1892 mehrere Lehrer der StiftnngSschulcn nach Wien entsendet, um hier den Hand fcrtigkeitScurs zu besuchen. Trotz der eingangs erwähnten mißlichen Berhältniffc bezüglich der Unterbringniig von Lehrlingen beichristlichen Handwerksmeistern sind gegenwärtig 351 Zöglinge in Galizien und der Bukowina bei Meistern untergcbracht. Bon den Lehrlingen sei rühincnd hcrvorgchobcn, daß sic trotz der zumeist schweren Arbeiten seit Anbeginn der Lehre anSharren. Im Laufe des heurigen Jahres wird die von der Israelitischen Allianz vor vier Jahre» gegründete Handwcrkcrschule in" eigene Verwaltung übernommen werden. Das Euratorium erhält gegenwärtig in Rzcszow eine Wcrkstättc für Schlosserei und eine Korbstcchtcrcischule in Mieter, welche sehr günstige Erfolge aufzuweisen haben. Der Bericht schließt mit der Aufführung der in der letzten Zeit im Schoße des Euratoriums vor sich gegangenen Pcrsvnalündcrungeu: An Stelle des Herrn Alexander v. Popper wurde Herr Regierungs rath Tr. Marcrll Frixdinann, au Stelle des Herrn Josef Ritter v. Fürth Herr Dr. Adolf Stein in das Enratorinm cooptirt. Bon der Regierung wurden neu cruaunt zum Eurator HerrMinistcrial serrctür Witold Hausner und zum RegicrungSconiinissär Herr Statthaltereirath und Rcichsrathsabgcordnctcr Tr. Edwin Plazek. .>!. .^1 —1°. Daf> l?oüe|d?aucr 331utnuird?en. Dic Hollcschancr Ritualmordgcschichte, die Anfangs dieses Jahres so viel niiliebsames Aufsehen machte, hat nun ihren cndgiltigen Ab schluß gefunden. Rachdem das Gericht das Bcrfahrcu gegen die des Mordes verdächtigten Juden schon nach wenigen Tagen eingestellt halte, wurden nun, die Bcrlcuindungsproccssc gegen die beiden Frauen ziiuincr, welche das gefährliche Gerücht ansgcsprcngt halten, vor dem Krcisgcrichte in Ungarisch Hradisch zu Ende geführt. Ter mit der Berurtheilung der Angeklagten cndcndcn Bcrhandlung gegen die Dienstmagd Earolina Schnula haben wir bereits, in der letzten 2inmmer des „Freien Blattes" gedacht. In ciüem zweiten am 1«>. Juni abgchandelten Berlcumdungsproceffc gegen Katharina Schönbani» zeigte sich die ganze Haltlosigkeit der erhobenen Beschuldigung, und zu gleich entrollte sich das Bild einer dciartigen, ans den blntrünstigsten, praktischen AntisciuiliSinus berechneten Mache in so sinnfälliger Weise, daß cs wohl verlohnt, einige Details der Bcrhandlung näher zu besehen. „ Tic Anklageschrift stellte den Sachverhalt wie folgt dar: Am 27. Jänner d. I. kam zu dem Wschetuler Gcmcindcvorstchcr Josef Batala ein ihm unbekanntes Weib, welches ihm erzählte, sic sei an demselben Tage. Bor und RachmittagS in ein Hans in der Judcngaffe zu Holleschau betteln gekommen und dort von irgend einem Juden angchaltcn worden. Ter Jude habe »äinlich mit der rechten Hand in der Tasche gesucht und dabei, indem er sich zur Thür stellte, mit der linken Hand hinter feinem Rücken den Riegel der Thür vorgeschoben. Er habe, ihr ein Zehnkreuzcrstück reichend, sic bei der Hand erfaßt und zu sich gezogen, sei jedoch, da sie ihm Widerstand leistete, zur Erde gestürzt und habe hiebei apfgeschrien. Hierauf seien ans dem Rebcnzimmer zwei andere Inden herbcigckoinmen, und da habe sic durch die geöffnete Thür in jenem Zimincr auf dem Tische zwei Mcffcr und Spagat erblickt; cs habe sic große Furcht erfaßt, jedoch sei cs ihr gelungen, die Thür zu öffnen' und hinanszulaufen. Die beiden später erschienenen Juden seien ihr auf die Gaffe nachgelaufcn und hätten ihr gesagt, cs sei das nur Scher; gewesen, sic möge zurückkomnien; sic fei jedoch dieser Einladung nicht gefolgt. Rach der Bi5 schreibung des Hauses glaubte der Wschetuler Gemeindevorstcher das Haus des David Tandler, Productcnhändlcrs in Höllisch au, erkennen zu sollen, und das Weib bestätigte, cs sei ihr gesagt worden, daß dies das Haus des Tandler sei. Diese Erzählung hat der genannte Gemeindevorsteher am 28. Jänner l. I. dem Hollcschauer Bezirksgerichte zur Anzeige gebracht, welches zuerst daö betreffende