Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 64 (25.6.1893)
- Date
- 1893-06-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies AdonnementSpreiS: lilniHiiitHig mit Postjusendung . . ft. ».SO. z-alljahrig fl. l.»5. Bikrtkljährig fl. —.65 Einzelne Nummern 4 kr- Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheint a» jcbcni Sonntage. Sitbaclioii und Administration: UPicn I. Keikerstütte 10, dtummer »14. Wien, 25. 3mti 1803. II. Jahrgang. Mit der heutigen Nuinnicr erhalten nnsrrc Leser die (cdiftc Fortsetznng des Werkes: Die Iildeil und der A»tisrmilism»s, Isvael' rintev öen 'Zlcitionerr von Jlnatote Lcroy-Aeaukicu r>c>nr frnnzSsikche»r Itrstitrtt. 'Jini niitrcmibc Abonnenten erhalten ans verlangen dir bereits erschienenen Fortsetzungen »achgcliescrt. L>as allgemeine Mahlreehl. Der Ruf nach dein allgemeinen, gleichen, directen Wahlrechte scheint die Parole werden zu wollen, die bei uns iin Augenblicke alle andere» politischen Schlagworle übertönt, aus ungezählten Bersammlui'ge» und Meetings an unser Ohr schlägt und leider auch schon' zum wirklichen Schlachtruf im blutigen Slraßenkampfe geworden ist. Per Sieg, den das belgische Pro lctnriat vor einigen Monaten über die Gegner des 8nst'ra»t! miiversel davongetragen, die unerwarteten Erfolge, welche die deutsche Socialdemokratie in dem letzte» Wahlkampfe gerade mit Hilfe dieses Wahlrechtes errungen hat, mußte natürlich auch das i» Oesterreich schon seit lange glimmende Berlangcn nach einer dem übrige» Mitteleuropa adäquaten Wahlreform zur hellen Flamme anfachen. Es braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, daß wir cö hier keineswegs mit einer spccifisch socialdcmokratische» Forderung zu thun haben, wenngleich diese Partei der mächtigste Träger der WahlrechtSbewcgung ist und, wie sich nicht verkenne» läßt, aus dem allgemeinen Stimmrechte den größten Bortheil ziehen würde. Indessen auch weite bürgerliche, ja sogar bäuerliche Kreise haben bereits die Forderung nach dem allgemeinen Wahlrecht ahf ihre Fahne geschrieben, sowie ja die Einführung desselben auch auf diese Kreise und auf ihre politische Parleigruppiruug eine gewaltige, ja vielleicht eine geradezu völlig umgestaltende Wirkung üben würde. Es ist wohl für einen österreichische» Politiker von Gewissen und Wissen nichts schwieriger als eine bündige Beantwortung gerade dieser Frage; je nachdem einer mehr auf dem Boden nationaler oder internationaler, confessioneUer oder interconfessioneller, aristokratischer oder demokratischer, reichs- und verfassungsfreund licher oder föderalistisch-staatsrechtlicher Anschauungen und Traditionen steht, je nach dem wird sein Urthcil über die Einführung und den Nutzen deö allgemeinen Wahlrechtes i» Oesterreich verschieden auSfallen müssen. Es ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß eine so durchgreifende Wahlreform wie ein Blitzstrahl auf den Bau unseres öffentlichen LcbenS und der heutigen Parteiungen wirken würde, so daß kaum ein Stein auf dem anderen bliebe. Stein Weiser vermag heute zu sagen, wie diese oder jene für den Staat und di' Gesellschaft vielleicht »olhwendige Partei aus einem allgemeinen Wahlkampfe hervor gehen würde. Rur bezüglich einer Partei scheint unö der voraussichtliche Erfolg einer radicalen Wahlreform unzweifelhaft, und nur dieser einen Partei könnte man für den von ihr scheinbar selbst begehrten Fall ein genaues Prognostikon stelle». Die Herren Antisemiten," gleichgNtig ob dieser oder jener Nuance ihres GesinnungSspectrumS angchörig, werden uns nicht Sand in die Augen streuen, wenn sie in ihren Bersaminlungen und politischen Kneipen mit dem Brustton der Aufrichtigkeit nach dem allgemeinen Wahlrechte rufen. Eine kleine Fraction von vorwiegend localer Stärke, eine Partei, die „sich im Borhinein darüber klar ist, daß ihre'Anträge schon deshalb,, . weil sie von ihr auögehen, im Hause keine Beachtung finden, eine solche Partei kann leicht versprechen und sich so ein billiges Air von Bolkefreundlichkeit und Bolksthümlichkeit verschaffen. Sic gleicht da jenen reichen Leuten, die sich darin gefallen, jeden Tag zweimal die Güterconsiscation und die Ab. schaffung des' Privatcigenthums zu predigen. Sie haben leicht Eommunisten fei», da vorderhand ihre Anträge noch nicht Gefahr laufen, angenommen zu werden. ES liegt in der Natur der Sache, daß eine so eminent rückläufige Bewegung wie der Antisemitismus sich gerade durch conservativere BerfassungSformen am besten zu erhalten vermag. Man lasse sich von dieser Wahr heit nicht etwa durch die Thatsache abbringen, daß gerade die letzte Erweiterung des Wahlrechtes und seine Ertheilung an die Maronibrater, Höcker, Dürrkräutler u. sw. das eigentlich ausschlaggebende Moment für das Aufkommen deS Antisemitismus, war. Allein an dem Tage, wo außer den kleinen Aristokraten der Nnschmarktstände auch die Armce der großen FabriksetablissementS in die Wahlschlacht ziehen würde, an dem Tage wäre der ganze antisemitische Spuk verscheucht und zerstobt»'! Nicht bloß die chiistlichen Antisemiten in Wien, auch die Herren Prade und Schlicker in Reichenberg, Hofmann in Graz u. s. w. föntiten spazieren gehe». Weniger die RcichSvertretung, in.der ja die Anti semitcn auch heute keine Rolle spielen, als bielmehr die Landcs- und großen Municipalvertretungen würden eine entschieden veränderte Physiognomie bekommen; welche dieselbe wäre und ob die Acnderung zum Segen oder Unheil der Gesammlheit wäre, sei dahingestellt, allein, daß diese Physiognomie, besonders deö Wiener Genieindcrathes ktineSwcgS die antisemitische wäre, scheint . nnö über jeden Zweifel erhaben. Die eine der beiden Armeen, von denen Liechtenstein am Linzer Katholikentage gesprochen, das Heer der städtischen Kleingewerbetreibenden, wäre .aufs Haupt geschlagen, vernichtet, ja mehr noch, die Reihen der eigenen Kämpfer würden sich durch massenhaftes Ucberlaufcn zum Feinde bedeutend lichten. Aber auch der zweiten Armee, die Prinz Liechtenstein zu com-, mandiren meint, die clerical-ländliche Schlachtlinie, diese treue Auxiliartruppe der städtischen Anlisemiterci, würde auS einem allgemeinen Wahika,„pfe ohne EensuS nicht ohne empfindliche Ber lustc hcrdorgehen. In dem Momente, wo eine hunderttausend köpfige landwirthschastliche Arbeiterschaft in den Wahlkampf tritt, wird sie schon um deS natürlichen FnleresiengegensatzeS willen nicht jenen feudalen und clericilen Herren ihre Stimme geben, die in Wien dann mit den Antisemiten unter der Decke" zetteln und pactiren. Und wie der Antisemitismus in den ländlichen Wahlkreisen einen Bnndcsgenossen an dem Cljqurnegoiömns ner löre, so verlöre er einen anderen Bundesgenossen an der U"-