Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1893-06-18 · 63 (18.6.1893) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
63 (18.6.1893)
Date
1893-06-18
Page
[Seite] (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
84% known words query
IRI
…/4886575-5439157-5441420--0652-4887164
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freier Blatt. Seite 7. Nr. 63. Ausdruck „fremd" nur auf die Angehörigen eines auswärtige» Staategesetzlich anzuwcndcn sei, wurde abschlägig bcschieden, Und zwar mit der Begründung, daß die von dem Pcrein jüdischer Reservisten aufgeworfene Frage durchaus nicht in die Bestrebungen der Viga paste. Tie Herren von der Vigo machen eben in hoher Politik und wollen Rußland und Ungarn durch irredcntistischc Phrasen bckämpscn, haben aber gar kein Jntcressc für die wirklichen Mißstündc im Heimatland. (Tie russischen Sittenzuställdc.) In Dresden erschien die deutsche Ucbcrsctzung cincS von dem bekannten russischen Schriftsteller E. B Van in veröffentlichten Werkes, welches lehrreiche Ausschlüsse über die russischen Sittcnzustände bietet. Vanin beschäftigt sich anch mit der nenestcn Judenverfolgung. Es fei gewiß, daß sie mit der Befreiung der Bauern vom Wucher nichts zu thun habe. Moskowitischc Wucherer treiben »ach wie vor ihr Unwesen. In Rußland werden die Juden ihres Glaubens wegen verfolgt. Sobald sich ei» Jude zum Ucbertritte zur czarischcn Staatökirchc entschließe, so gelte er als russisicirt und werde dafür aller ZwangSstcuern, Vaste» und Fesseln entledigt, selbst der Vcrpflichtungcn gegenüber« seiner jüdischen Familie. Unter dem Druck der jüngsten Bcrfolgnng haben Tausende von Inden sich hcrbcigclasicn, dieses „Ehristcnthum zu küssen", von ihnen sagt aber der Verfasser Folgendes: „Ich habe mit einer großen Zahl^ auf diesem Wege .bekehrter' Jude» aus allen GcscllschastSclasscn gesprochen und kann versichern, daß sic. mit sehr wenig Ausnahmen, anch nicht den leisesten Schimmer von Glauben an daS. Ehristenthnm hegen und einen Ekel vor sich selbst cmpsindcn, weil sie ihre Seele» verkaufen. Und ili ganz denselben Gefühlen und Anschauungen ziehen sic ihre Söhne und Töchter groß. Ich kenne eine anständige Familie in Moskau, deren Haupt .bekehrt' worden ist, wie Tausende seiner Religionsgenossc» und seiner Religionsgcnossinncn, und kann dafür cinstche». daß keines seiner .(linder auch nur einen Funken von Glauben an Gott nnd Teufel hat, und daß ihre ganze religiöse Ucbcrzcugnng sich in dem Satze snnunircn läßt, daß die russisch-orthodorc Kirche den tiefsten Abscheu nnd Haß jedes ehrlichen Menschen verdiene, und man keinen Augenblick vorübcrgchen lasten dürfe, ohne an ihrem lkntergäng zu arbeiten. Daö Beispiel dieser Bekehrte», so hört man sich bitter beklage», ist nicht geeignet, das moralische Ansehen der russischen Kirche zu heben'. '.Weit über das ganze Vand hin säen sic den Samen des Unglaubens nnd der religiösen, politischen nnd socialen Unbotmäßigkcit,' sagen die geistliche» und weltlichen Behörden,' .und der Schaden, der auf diese Weise angcrichtct wird, ist ganz »»berechenbar.'" Einen längere» Artikel über die russischen Sittenzuständc im Allgemeinen schließt Vanin mit folgenden Worten: „Es ist ein widerwärtiges, abstoßendes Biid, daö sich da vor unseren Auge» entrollt: ein Meer von sittlichcitz Schlamm, ans dcstc» bewegten Wogen Millionen von Männern ans und abtrcibc» und im wilden Kampf umS Dasein, den sic mit nn ehrlichen, verwerfliche» Waffen führen, seine schmutzigen Tiefen aufrührcn. Ein Bild, daS wohl geeignet ist, schmerzliches Staunen her vorznrufcn nnd sich mit unvcrtilgbaren Zügen ins Gedächtnis; ein zngrabc» ... Eö könnte cingewcndct werden, man müsse doch dem Umstand Rechnung tragen, daß Rußland noch nicht dahin gelangt sei, die sittlichen und geistigen Fesseln des BarbarenthnmS ab znschntteln, daß es eine menschliche Gcincinschüft darstcllc, die in iehr viele» sittlichen und politischen Fragen sich in vollkoinmencln (Gegensatz zu den übrigen europäischen Völkerschaften befindet, nnd daß unter so cigenthümlichcn Umstände» eine milde Behandlung der Diebe, die nahezu an Ermuthigung grenzt, schließlich viel: leicht auf Mensche», welche doch nicht gerade., bösartig seien, eine bessere Wirknng auszuübcn vermöge als die im Westen geübte eiserne Strenge. McS dies kan», ja miiß vielleicht zugegeben werden, wenn man sicht, daß so viele unbestreitbare Thalsachcn dafür sprechen: aber da»» heißt das doch nur auf eine andere Weise cingcstchen, daß die SittlichkcitSstufe, auf welcher Rußland in Bezug auf ehrliches, wahrhaftiges Thun und Denken steht, eine um viele Grade tiefere ist als die der übrigen civilisirtcn Welt." Die Anliscmitcnorgane, »anicntlich die Dühring'schcr Richtung, lasten Rußland immer an der Spitze der Eivilisation marschircn DaS heilige Rußland ist ihr Ideal. Aus antisemitischen Vereinen und i\n* sammlunaen. („Christliche Familie.") Von einem Arbeiter erhalte» wir folgende Zuschrift: Ter Stadtratb, welchem nun anch der Antisemitenführer Tr. tznegcr als Mitglied angchörl, überließ dem Vereine „Christliche Familie";>»» Zwecke der Veranstaltung von „Wohlthätigkeiissesten" am 29. Jnni und 2. Jsili d. I. die Volkshallt, das Vestibüle und den Platz vor dem Rathhausc. Wie bekannt, ist die „Christliche Familie'^ in welcher der Cooperacor rai'chka eine großeRolle spielt und bei deren Vorstellungen Ptinz AloiS v iechie» ,'lei n io liänng mit wirkt, ein „christlich.socialer", dessen „Rq'ornf - ProaraNmi sich in die Bot,colli rungSsornicl' zulammensaßl: ...llansl , nicht bei - Andersglänbigen!" Tic Andersgläubigen, gegen welche da gih.in wnd, müssen aber die vaste», .welche die Communalverwaltung den Vewohnern anferlegl, inülrage»; auch an» ihren ' Beiträgen winde das RalhhanS erbaut. Ter Liadtraih, der eniein Anliscniitcnvereine gegenüber io freundlich ist, würde einer -ocialdeinokratischeu Arbeiter Vereinigung sicherlich nicht ci» gleiches Cntgegenkoiiiuien zeigen, obwohl Arbeite. bildnngS und Untcrslütznngkvcreine auch vom spiesidürgerlichsten Slandpnnlic mehr Anspruch daraus habe», wohlwollend gejördert zu werden, ald eui Nampi bereut, der bei allen zuckersüße» Worten auS seiner Feindseligkeit gegen ander» . gläubige „Ficii dliiige" gar kein Hehl macht. ' , > Schönerer »nd Vergani.» Sonntag de» is d. M. nutet i» Aremr eine Be, iainmlnng de» Wiener „Teilt,chcnVollSvereineS" stall, »> w.lchcr Georg Schönerer über die „Verderbtheit der Presse" sprechen wird. Ernst Vergani, ein ahnungsvolles,Geniinh. besorgt, daß sein ehcinaligeEoniiec »nd nuninchriger Bedränger die Alt, wie das „Teui'chc Volksblatt" in die Hände seine» jetzigen Lcsitzei» gekomine» sei nnd wie es nun sein „pairschalirleS" Tasei» friste, gloisiren werde. Sr,spricht sich aber Muih zu und bringt in. einer den „llnversälschten Teulichen Worten" abgegncklcn Weise eine Briefkastennoliz, welche Schönerer im Vorhinein sriue;u gewäriuzenden Bosheiten bezahlt. Mi, der Entrichtung von Zinse», wird eder Er Ritter ivohl denken, hatte „PolonSki" kerne solche Eile. Einem angebliche» Herma»» M. wird im „Deutschen BolkSblatt" schon am 1l. d. M. Folgendes zur Aennlnis; gebracht: „Wir danken. Wen» Sie »„» Montag mündlich Bericht erstatte», wurden wir n»S gerne eine heitere Stunde gönnen. Eintrittskarte» sind nii» in großer Menge zngesendct worden,. Sie könne» sich alle hei iinsere» Tiener» vor 7 Uhr Früh abhole». Unserer Ansicht »och ist es besser, de» Rarrc» reden zu lassen ohne jede Entgegnung. Sr muß sich von Zeit zu Zeit über mich und das .Votksblalt' auöichimpfeil, sonst tvürdc er trau!. Besehen Sie sich doch die ganze Versammlung, da weide» Sie ei»e» Troß unjclbstsläudigcr Vcitte finden, die' bei jeder sich bi. lende» Gelegenheit .Hoch Schönerer!' »nd .Psn, Vergani!' rufe» werde», »nd eine große Anzahl Zuhörer, die sich, die ganze Gcichichle >vic eine Comödie auiehen. Und als' EntnistnngSeomödianl ist Schönerer geradezu großartig: wie da seine Slimme diöhnt, wie er sich in die Brust schlägt ». s w n. i. »>., es ist da das Entzücken seiner Anhänger bei manchen herrlich hcrausgcschinetlcrlen Phrasen begreislich. Also gute Uütclhaltung und schreien Sie 'brav .Hoch Sä'önerer!' »nd ,Psui Volksblan!, dann wird es Ihnen gut ergehen, >i»d Sie können uns viel Heileres berichteir Vielleichl fischen wir Einiges zur Erheilcrnng inisercr tzesevcherauS V." lA»S dem Lalzhlirgischkil.) In Saalielden scheint sich, wie daS ..Salzburger Volksblan" 'chrcibt, ein Ableger des invavischen Germane» tlnimS bilden zu wolleil. Zivar. steht die Sache bislang noch ziemlich harmlos aus, da man sich einstweilen mit Biervcrtilgen nnd Sprachreinigen begnügt. Jndcß scheint cs doch gebeten, das Treiben der jungen „Germane»",-die offenbar mit den Salzburger „Tbergellnaneii" in inniger Fühlung siehe»,' scharf im Auge zn behalten. Jüngst bat sich in Saalsetde» anch rin Turnverein gebildet der im ersten Anläufe schon ,'iu Milglicdcr zähllc. Tag änch diese Schöpfung inner dem Prolecloralc gewisser-Salzburger Herren steht, .die nur im „unvee tälschten" Teulschlhnni machen, gehl schon daraus hervor, daß gleich bei Be ralbniig der Stalul» die Frage, ob wirklich nur Teui'che Ausnahme in den Verein finden sollen, lebhast crörlerl und mich im anliieiniliichen Sinne cm schiede» wurde. Tie Tcballe war einfach lächerlich, denn in Saalfelte» inobnen anßcr ei» paar italienischen Maurern nnd einigen böhmischen Teichgräbern, die gewiß nicht daran denken, in den dortigen Turnverein einzulreien, nur Tentichc. Tie Salzburger Antiscmileii wollen sich aber ossenbar iin ganzen Gau mil ihren zersetzenden und veihetzenden Tendenzen bren machen, und da der AntisemihiSmus daielbst keinen grciidaren Grund bm, so suchen sie vorerst Anhänger ihrer Richtung;» gewinne», die int gegebenen Falle in Erinauglnng der Inden die ForlschrillSparui betämpsen solle». Ee'reulictnriven'e scheint aber der gesunde Sinn der Bevölkerung an diesem Treiben wenig Geschmack zu nuten. Veider.mnß mit Bedauern eonstalirl werden, daß ein Theilider vehrerichatt den antiscinitiiche» tlmlriebcn ziemlich nahe steht. Man füllte wobt glauben, jenen tzehrer» stände doch ci» weil ergiebigeres und dankbareres Arbeitt'eld zur Ver süguizg, ans dem sie SegcnreicheS ivirken und de» Tank der geiannnten Be völkerung erwerben könnten. «Racenhetzcr-Vcriaiiliiililtigcn in Dcilkschlaiid.l Anläglich der Wahl bewegung fanden in allen Theilen TeutichlankS antiftmiti'Vbe Versammlungen flatt; in welchen nicht nur Inden,, sondern auch die einer ändere» .Colenr an gehörigen Genossen von Hetzrednern'in'der gemeinsten Weise beschimpft wurde» Hie »nd da erging.cS den Predigern des RaecnkampseS schlecht Sogar in ein zeluen Versainmliinge» von Landwirlhen wurden ihnen wenig schmcichlthasle Titulaturen wie „Maden" beigelegt," und mau .verbal sich fi'rnere Hetzereien. ES kam auch vor, daß Jünger Tübring'S durch Velhöbnung und Veripottung des InbaliS der Bibel das religiöse Gesicht der meisten Anwesenden verletzte», Tumulte und Rauicreie» hervorriefen" >md die polizeiliche Auftöiuug der Ver t

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.