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Freies Blatt · 1893-06-18 · 63 (18.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
63 (18.6.1893)
Date
1893-06-18
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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Seite 6. Freie, Blatt. Nr. 63. respcctirte und auf ihre Flagge die neuen socialistischcn Ideen und Grundsätze schriebe, die schon durch Jesus Christus angedeutet und angestrebt worden waren. Mit wenigen Worte»: Man begründe ein socialinisches R'co Ekrislenrhum, zu welchem sowohl die Juden, die beute noch zum Tbeile an die alten Religionsgebräuche gebunden sind, als auch die Christen, befreit vonr ihrem Haste gegen die Crsteren und von Boriirthcilen und Aberglauben, zwanglos und ohne Scheu libertreien könnien. Aber das ist wohl eine Utopie, zu deren Verwirk lichuug »och nicht einmal die allerersten Anzeichen sichtbar sind." l?ic Wählt» in Ttlklschlaild.» Die Wahlbewegung in Deutschland förderte auch manche Absonderlichkeit zu Tage. Wo National- Liberale mit Conservaliven zusaminengingen. um als vereinigte Srd nungsparteien die Socialdcmokraten oder zu Gunsten der Militärvorlage die Freisinnigen zu bekämvfen, lam eö vor. daß derselbe Candidat von eonservativer Seite als Gegner des „einzudämmcndcn jüdischen Einflusses"'empfohlen wurde, während die Rational-Liberalen zu feinem Lobe anführten, daß er ein Freund der Gleichberechtigung fei u»d von allen Versuchen, daS Bürgerthum durch coufefsionelle Bcrhevuuge» zu spalren, sich stets ferngehalie» habe. — In Bernb u rg trat Rechtsanwalt Dr. Grell ing als Candidat der Frcisinnigen auf. Cr begann seine Candidatenrede mit der'Erklärung, daß er ein Jude sei. Als er bei der vorige» Wahl candidirte, sei dieser Umstand von den Rational Libervlen mit Hilfe antisemitischer Bundesgenossen zum Bortheile ihres Candidaten aiisgenützt worden. Cs gereiche ihn, zur Befriedigung, daß man jetzt dieses Kampsmiktcl gegen ihn nicht werde gebrauchen können. Sei» Gegner, fuhr Dr. Grelling fort, sei diesmal Professor Dr. Friedberg aus Halle, mit dem er vor zwanzig Jahren nicht nur geuieinsaiii eine Schulbank gedrückt habe, sondern besten Glaubensgenosse er auch damals gewot'en sei. Professor Dr Friedberg habe inzwischen seine» Glaube» geivechselt, und nia» müßte nun die Agitation gegen den Candidaten der Freisinnigen-in die Worte kleiden: „Wählt keinen Inden, sondern wählt einen getaufte» Inden!" Dr. Friedberg sei nicht-nur Candidat der'Rational.liberalen, sondern auch derjenigen der Conservaliven, des „Bundes der Vaith winde" und der ...Handwerkerpartei", und die Art, wie er alle diese Parteien zu vertreten gedenke, erscheine räthselhaft. — Die Aeußernnge», welche Dr. Ha in mach er i» D u i s b n r »z, über den Antisemitismus gemacht Kat und von denen wir schon in Miir,e Roti; genommen haben, sind unseres Erachtens so bemerkenswerth, daß wir ne im Rachslekenden wörtlich wiedergebeu. Dr. Hammacher sagte: Die AveUation au die niedrigen Gefühle und Leidenschaften der Menicheu iü -eiten ebne Eifola, wen» die zu Gewinnende» n.h in ivirth'chattlicher Raid befinden und ein gewiü'es Man von Bildung den nölbige» Lide»stand nicht leistet. In un'creni .Preise kann aber wahrlich von einem Zu'aminenbange mit wichen 11,-acheu nicht die Rede kein. Die Juden machen höchstens I i'frtent der Bevölkerung ans. Ein großer Ddeil derselben floht in allgemeiner Achtung, und wir leben hier in einem der wirtbschaitlich A ästigste» und dlühendsteu $ heile T euvchlands. Wie ist es abo zu erklären, d.ß auch unter der Berölkerniig dieses Xrei'es die Saal des Antisemitismus in die Halme schoß? Ist es dis christliche Bewußtsein? Sicherlich nicht. Tenn die Lehre des Christenihums heißt: „Liebe Seinen Mitmenschen wie dich -elbst!" Ist es natiorale Empfindung? Üs gibt unter den Iudni ebenw wae unter den Christen gute und schlechte Pa:nel,n. Ist es llnwille über das ge'chästliche Gebabreu der Jude»? Weshalb macht mau dein dcn Unterschied zwischen jüdischen und christliche» unredlichen ' Liein, meine Herren, ich kaut! i» dem Auftreten der antisemitischen l-vei tiu ü> stigsten Falle nichts als den Ausdruck unklarer Gefühle erkennen, ds-' nch. de: L cht besehen, in ihrer nalnrgeinäßen Clitwicklung als die Borfrucht >.ek>e.::'cher Bewegung erweisen werden. Mag jeder persönlich zu den Jure» :n . chistljchein und privatem Be>k,hr je nach Reizung oder Abneigung 2;e'.:-.u;.: : :n iipolitisch ist die segenannte Iudensrage nicht zu verwerlhen, es man die Cmancipation der Juten wieder aufheben und diese v-i. r's. n::iä» A m:ern, iii-:bc'outere vom Richter- und Schulamte ausschließen »eilte. B b-uken die. Äuti'emi'.en denn nicht, daß sie sich dadurch mit den Cnltuian'chan.iiigcn aller estnelen Bölker Europas in Widerspruch setzen, ja daß sie i \’..l Maßregeln, wenn sie duichgefsthrl werden, dasgerade «'s aeu l, il von dem erreichten, was sie in gutem Sinne bcabstchligen mögenL s:r i.ch'ig.' ch-ernai: Iudri, iü eine Folge der Behandlung oder.vieluiebr >'er Mißhandlung n. welchür iü srüheren Iahrhuiwerien erlitten. Gerade dn'.ch dcn slns-chlitn reu 'er Dbeimahin« an der bürgerlichen Geielliehast wurden ne eenothigt, sich in eIah! dem Handel und den Geldgeichästen .zuzuwenden- Ibre E»iane>valion bar ihnen wie der :-aiuiisten bürgeilichen Geiellschafr die vouing d-i allerdings -ehr ichwietigen Ausgabe zngewi>sen, die Israeliten mit den Belk.rn und Staate», innerbatb deren sie lebe», zu amälgamiren, und es ist betaue! ljch, daß die-er Ciisturvle.eß, der in andere» Ländern bereits er hebucke Fortschritte gemacht bar, bei uns durch die aniiiemilifche Bewegung »nieibrechen wird. Rede Riemand davon, daß dielenigrn, welche der wüsten Bekämptiinq des Iud.-nthums enigegentrelen, des lebendigen iffesühts für ivahres Deutsch,hniu und der christlichen Weltanschauung embehrleil od.r der freie» Entfaltung der wirthschafllichen Kräfte in ihre» Auswüchse» gleichgillig gegen übeiständen. Ich weiß mich freier von diesem Borwurse als Biele, die da« I Won im Munde führen. E« wäre ober eine Schmach und daß größte Armuth« zeugniß für die chiistliche Bevölkrrung Deutschlands, wenn dieselbe nur durch Ausnahmeregeln oder' mit Gewalt den sogenannten jüdischen Geist, der sich leider auch bei vielen Christen vorfintet, bannen z» können glaubte. Sogar ei» Eonservativer, Herr v. Puttkamer-Plauth, ein Bruder des gewescnrn Ministers, sah sich trdtz des Tivoli-Programms in seiner Wahlrede zu Aeußernnge» gegen den Antisemitismus veranlaßt. In einer Bersammlnng zu Rcuteich sagte er: Die gegen jüdische Mitbürger gerichteten Hetzereien, welche Ausschreitungen gegen Personen und Eigcnthunl hcrbeiführcn könnte», seien ihm in der Seele zuwider. Widerliche Personen, die sich die Roth der Mitmenschen zunutze machen, finden sich unter Christen wie Juden. Diese Ucbelstände seien nicht durch Gesetze gegen die Inden, sondern durch die allgemeine. Gesetzgebung zu bekämpfen. — Die bis zum Schluß des Blattes vorliegenden Wahlergebnisse lassen in Sachsen cme außerordentliche Zunahme der Stimmen des Radau-AntiscmiliSmuS auf Rosten der Tivoli- Brüder erkennen. Die Wahlen verliefen, wie cs scheint, im Ganzen ruhig; nur ans Frankfurt am Main wird ein antisemitischer Erccß gemeldet, bei welchem mehrere Fenster einer Schiagogc zerschlagen wurden. (Wieder ein Protest Ahlwlirdt.) Borige Woche fand vor der zweiten Strafkammer des Berliner Landgerichtes I wieder eine Bcr i Handlung gegen - dcn berufsmästigcn Ehrabschneider Ahlwardt statt. > der sich wegen Beleidigung dcS Bcamtenstandes, namentlich der Justiz-! beamten zu verantworten hatte. Es handelte sich um eine Rede, die! Ahlwardt km Tctober lsOl in Esse» an der Ruhr gchallcn hat. : Wegen dieser Angelegenheit fanden schon früher verschiedene Bcrhand j lungcn statt; sic wurden aber stets vertagt, weil Ahlwardt jcdcsmat j neue Bewcisantrüge stellte, welche der Gcrichtsho' berücksichtigte, um - die Benbcidigung nicht zu beschränken. Die vorwöchcntliche Per! Handlung, die;n einer neuerlichen Bertagung führte, nahm folgende» - s Bcrlauf: Ahlwardt bestritt, die Rede in Esse» in irgend einer den Beamtcnslaiid bclcidigciidcn Weise gehalten zu haben. In alle» seinen Angriffen sei er niemals der Allgemeinheit gegenübergetreten, er habe vielmehr ganz-bestimmte Punkte oder Personen bezeichnet, gegen die er vorgegangen sei. So auch 'in diesem Falle. Uebrigcns habe er mit seinen Angriffen keineswegs die Beamten, sondern durch seine sämmt licht» Ausführungen lediglich die Inden treffen wollen. Für alle feine Behauptungen habe er Beispiele angeführt und cs nicht unterlassen, die Rainen der betreffende» Personen zn nenne». Es wurde hierauf der Bericht zur Perlcsuug gebracht, den der Potizcwoinmissür Ga-nck in Essen, der die Bcrsamnilung zu überwachen hatte, in welcher Ahlwardt gesprochen, an'seine Behörde cingercicht hat. Auf diesen Bericht ist die Anklage gestützt. Rachdcm die in letzterer als incriminirt hcrvorgehobcneiz Stellen verlesen vordcn waren, erklärte der Bertretcr der Anklage, Staatsanwalt Rietzel, sich befriedigt und verzichtete auf die weitere Berlcsung. Da aber der Bcrthcidiger Ahlwardt's, Rechtsanwalt Hcrtwig, beantragte, dcn ganzen Bericht zu verlese», so zog sich der Gerichtshof zur Berathung zurück. 'Rach geraumer Weise betrat er dcn Vcrhandlungssaal wieder, und es wurde verkündet, daß der Antrag des Berthcidigcrs abzulchnen sei, weil der übrige Theil des Berichtes für diese Perhandlung ohne Belang sei und letztere überhaupt vertagt werden solle, uni dcn Polizcicoinmisiär Gauck persönlich vorzuladen und über seine Wahrnehmungen während jener Bcrsamm lung berichten zu laste», da der schriftliche Bericht keine Urkunde ist. Zu dem zweiten Theil des Bcschluffes stellte Ahlwardt dcn Antrag, von der dem Gauck Vorgesetzten Behörde Auskunft über diesen zu erbitten. Gauck sei seit vierzehn Tagen vom Amte suspendirt wegen wiederholter, wiffcntlich,sal chcr Anschuldigung, deren er sich -Essener Bürgern gegenüber schuldig gemacht habe. Außerdem sei ein Brief an dcn Rechtsanwalt Hcrtwig gelangt, in welchem ihm von einem Bewohner Effcns mitgcthcilt' wird, daß Gänck dem Trünke ergeben und bereits wegen geistiger Störung im vorigen Jahre in einer Kaltwasserheilanstalt untergebracht war. Rachdcm der Gcrielstshof beschloffcn, dem Antrag stattzugcbcn, wurde die Sitzung aufgehoben. (Zur Lage der jüdische» Reservisten in Rumänien.) Wie aus Bukarest berichtet wird, hat die inmänische Regierung in Folge der Bcschwcrdcn zahlreicher jüdischer Reservisten die Präfecten angewiesen, daß das dcn Aufenthalt der „Fremden" in den Landgemeinden de schränkende Gesetz auf solche Personen, welche zwar keine Staatsbürger sind, aber ' er rumänischen Militärpflicht genügt haben, keine Anwendung sindcn soll. Es bleibt abzuwartcn, wie die Präfecten diese Weisung befolgen werden. — Das vom „Verein einheimischer Juden" in Rumänien an. den Porsitzcnden der rumänischen „Eulturliga" gestellte Ansuchen, auf ihrem Eongrcffe die Ansicht zu vertreten, daß der

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