Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 63 (18.6.1893)
- Date
- 1893-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
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Beilage zum Freien Blatt, Grgan zur Abwehr des Antisemitismus. Seite XXIV. feinen Unterschiede noch das Verwickelte. Der alte semitische Geist ist seiner Ratnr nach gegen Philosophie und Wissenschaft. Die Völker, die inan semitische nennt, entbehren jener Mannigfaltigkeit, jener Mächtigkeit, jenes Umfangs des Geistes, welche Bedingungen der Vcrvollkcinmnungssähigkcit sind." Das mag für die Araber znlresfen, den schulen von Bagdad und Eordova zum Trotze; auch in Betreff der alten Hebräer mag es richtig sein; allein, ist es auch bezüglich der »mler unserer Berührung erzogenen und herangewachsenen modernen Juden zutreffend? Wenn es einen Unterschied zwischen dem Europäer und dem Asiaten, zwischen den Abendländern und en Orientalen gibt — ein Unterschied übrigens verhällnißmäßig neuen Ursprunges und, scheint mir, unabhängig von der Race — so besteht derselbe wohl in der Fortschrittsidcc, in jenem modernen Begriff von der Vervollkommnungsfähigkeit, an welcher rings um uns blind geglaubt wird, zu welcher sich Gelehrte und Ignoranten abergläubisch bekennen. Alles aber zeigt, daß diese Fortichrittsidee dem Inden keinerlei Widerwillen einflößt. Wenn der Jude dieselbe auch nicht Eigenem entnommen hak, so. durchtränkl er sickr-doch daniit mühelos bis zu einem Grad, daß er einer ihrer glühendsten und eifrigsten Verbreiter wird. Was den philosopbiichcn Geist anbctrifft, so scheint cs uns übel angebracht, ihn den Slammesgenosscn Spinozas abzusprechc». Vermag man im klebrigen die bcutigcn Völker, die lebenden Race» nach ihren Vor fahren aus den entferntesten Zeiten der alten Geschichte zu beur theilcn? Waren selbst die Hebräer Palästinas reine Semiten gewesen, hätte man deshalb ein Recht, den heutigen Juden den Bcni Israel oder den sprifchen Semiten vor zwei- oder dreitausend Iabren gleichzustcllcn? Da würden eher noch alte Charakterzügc der Gallier aus Eäsar's „Commcntarcn" auf die. Franzosen oder die Schilderungen der „Germania" des Taeitns und der „Chronik" ^lcstors auf die modernen Deutschen und die russischen Llavcn passen. Der Charakter i>t hei einer Race vielleicht das wenigst veränderliche: so vermag man bei den Franzosen der dritten Republik noch diesen oder jenen Zug der Gallier des Vcrcingetorix heraus - zufinden. Wenn nun der Semit, Jude oder nicht, sich durch Genie und Inlelleet nicht wesentlich von uns unterscheidet, ist dies etwa in Charakter und Temperanient der Fall? Hierin vielleicht eher:! wie und warum dies bei den Juden wenigstens der Fall, werden I wir' sofort sehen.'"» In diesem Pünkte büßen gewöhnlich! die gelegentlichen Völkcrforscher ihre Lust mit den Lastern j des „Semiten" und den Tugenden des Ariers, die sie einander gcgenüdcrstellen. Man schildert den Einen als gewinnsüchtig, habgierig, kaltherzig, niedrig, verschlagen, knechtisch, rachgierig, als herkömmlichen Besitzer aller Riedcrträchtigkciten und Falschheiten; den Andern als großinülhig, offenherzig, stolz, ritterlich, uncigen mistig und zartfühlend, mit allen edlen und reinen Eigenschaften ttiso.->'ialker. Ich meinerseits mißtraue diesen in großen Pinsclstrichcn cntworch.'.'n Chrraktcrbildern, wo auf der einen Leite nur Schalten, ani f r andern nur vicfjt ist: für die Schilderung alter, zivanzig oev'äncdenarlio.c Rationen umfaffcndcr Racen wird man mit einem io einfachen Verfabrcn :i:cht anslangcn. Für meinen Geschmack mu'Ne die Farbe feiner vertrieben, das Bild feiner abfchaltirt sein. Der Römer, beispielsweise, iii kaum minder gefühllos, lyWtherzig, gewinnsüchtig als der .»tarrhager: und das ^ild, welches man uns von dem Lemilcn entwirrt, würde häutig ebenso gut aus den modernen Griechen, den Armenier, den Parsen passen, welche doch " > ••U.'fit.-s Eavire: 1?>Vf.ot«4w der Insten. II für Arier gelten, als auf den unter die Semiten cingereihten Juden „Ter semitische Charakter", hat Renan behauptet, „ist im Allgemeinen hartherzig, engherzig, selbstsüchtig". Das mag ja richtig sei» — und nicht für den Araber allein — obscho» für den Juden die Erklärung mehr in der historischen Erziehung als in der Race liegt. Denn, scheint uns bei Israel die Unanmuth des Geistes und Herzens häufig, so werden wir uns daran erinnern müssen, daß dies zum großen Theile auf dw Rechnung der Existenz zu setzen ist, welche wir ihm bereitet haben. Eines verlieren wir jedenfalls allzuhäufig aus dem Gesichte und dürfen wir unter keinen Umständen außer. Betracht lassen. Wenn wir von semitischer Härte,. Engherzigkeit und Gewinnsucht reden, so sollten wir nicht vergessen daß das Mildeste, Zarteste und Lieblichste unter der Sonne, das Evangelium, von semitischen Stämmen ausgegangen ist. Diesem steinigen Boden Syriens entsproß die Feldlilie, deren Wohlgernch nach neunzehn Jahrhunderten noch die Welt durchduftet. Das herrlichste Wort menschlicher Sprache, das Wort Rüchstenliebe, ist aus dem Muude dieser Kinder Sem's gekommen. Durch Semiten ist die frohe Kunde verkündigt, vor semitischen BolkSmasscn, in seniitischer Mundart die Bergpredigt gehalten und durch Semiten, Hunger- und Durstvcrächter, sind der alten Welt die neun .Seligkeiten geoffenbart worden. Auch hier, bezüglich der Race und der Vorfahren ebensowohl wie der Bibel muß, wer Israel treffen will, zuerst Ehriftuö treffen. Hat nicht der Heiland selbst zur Sainariterin am Jacobsbrunnen gesagt: „Das Heil kommt von den Juden"? Seltsam, daß Christen das Andenken daran verlieren konnten, daß uns auf jüdischen Schultern das Kreuz der Entsagung gebracht ward, jenes Kreuz, das dem ' Hellenen zum Acrgerniß gereichte und welches während drei oder vier Jahrhunderten die Gläubigen den Anbetern der Götter von Paros nur unter dem Schleier geheimnißvollcr Sinnbilder zeigen durften. Das auf dem Ealvaricnberg zur Erlösung der Menschheit vergossene Blnt, jenes Blut, welches auf den Darstellungen unserer alten Maler Engel in goldenen Kelchen und Hostienschalen aufsangcn,' war jüdisches, semitisches Blut. Weder Maria, die Mutter Jesu, noch Johannes, der gelicbtestc Jünger, weder Simon, noch Kaiphaö, och irgend welcher unter den Zwölfen sind arischer Abkunft gewesen. Für denjenigen, welcher ans Die Anfänge zurückgehen will — . jenen insbesondere, welcher glaubt, daß die Kirche von Anfang an durch die Apostel eingesetzt und eingerichtet worden — ist das Christenthum selbst ein Product des Semitismus; nicht viel weniger als das Judenthum. Man erzählt uns häufig von der seniitischen Eroberung; ist die Welt jemals durch die Semite» erobert worden, so geschah dies durch das Schwert des Paulus von Tarsos, des christlichen Hannibal oder Alexander. Die Schlacht bei Cannä ist nicht der größte Sieg des Semiten gewesen. Wo der Sohn Hamilcar's gescheiten, hat der geringe Jude aus Eilicien gesiegt. Durch ihn und durch die Zwölf sind dir stolzen Verheißungen der Seher Israels verwirklicht und ist die arische Welt, griechische öder römische, unter das Scepter des Sohnes David's gebeugt wordcn. Das durch die römischen Legionen errichtete Weltreich ist den Erben des Fischers von Galiläa als Vermächtniß zngefallen. Die Eäsaren-Standbilder sind von ihrem Postament gestoßen und zwei Imperatoren, welche am beredtesten lateinische Kriegsmacht und hellenische Weisheit verkörperten, Trajan und Marc- Aurel, von ihren Marmorsäulen herabgestürzt worden, um den Feldherren des Jesus von Razarcth, Petrus uiid Paulus, Platz zu machen. >,Zorljetzuiig ,'olgl.) Ma» aboinlirl das Freie Blatt in der Administration, Wie», I., Seilcrstätte 10. Abonnemcntsprcis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig (!5 kr. Herausgeber und veranpvorNicher Rcstackeur: Ernst Victor Zenker. — Truck von Eh. Reister öe M. Werlhner, Wien.