Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 63 (18.6.1893)
- Date
- 1893-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/4886575-5439157-5441420--0646-4887158- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- Keilage zum Freie» Klutt, Organ zur Aluvehr des Antisknntisinus. '» Wie», I. Keilerstütte 10. Die Juden und der Antisemitismus. F t r n e l u n t e r den A a t i o n c n.; Bon Änatole Leroy-Aeaukieu vom fraii;ösiichl'ii oiiuitut. ‘.lutoriiirte Utberfceung.. ' ' 5. ,>orlft?ung. Diese Identifieirnng der Religion mit der Nationalität ist nicht immer dem Orient eigenthümlich^gewesc». Undnldnng und Politik haben derselben bald zum Nutzen Roms, bald.zum Nutzen der Reformation gegen ,unS daö Ucbergcwicht zu verschaffen getrachtet. In Frankreich, England, Holland, Oesterreich-Ungarn, Polen, in den deutschen und skandinavischen Staaten ist dieö die große Anstrengung des XVI. oder deS XVII. Jahrhunderts gewesen. Wenn Vndwig XIV. und Wilhelm III. damit gleicherweise gescheitert sind, so lag dies darin, daß sic damit dem Geist des Abendlandes zuwider handelten. Zur Zeit, wo es schien, alö könnte ein Engländer kein Päpstlicher und ein Franzose kein Protestant sein, war eS ganz einfach, daß ein Jude weder Engländer noch Franzose sein konnte. Gewisse Staaten Europas stehen noch auf diesem Punkte — einer , wenigstens, der ausgedehnteste. Gesetz und öffentliche Meinung beharren dort noch auf der Bcrkettnng der Nationalität mit der Religion. Bon dieser Leite ist Rußland noch ganz Orient, mehr zu Asien als zu ^Europa neigend. Nicht ungestraft ist Moskau mit dem Byzantiner und dciii Tartarcn in Berührung gewesen. In seinen Augen gibt es nichts wahrhaft Russisches als der Orthodoxe. Die dreifache Eintauchung in das pravoslavische Tauf decken bildet für die Regierung des Ezaren nicht minder als für den Mudschik die sicherste Gewähr der russischen Rationalität. Daher der offieiellc Bckch'rungseifer der Heiligsten Synod; daher die den Priestern andersdenkender Eyltc aufcrlcgtcn Plackereien und Beschränkungen. Es sind dies für die Moskauer Blätter, nicht minder als die Petersburger Kanzleien, fremde Enltc; ob Ehriftcn ober Nichtchristen, daö Gesetz bezeichnet sic offieicll mit dem Namen „fremde Evnfessioncn". In dieser Beziehung sind Katholik und Protestant nicht besser daran als der Israelit. Der letztere hat das einzige Borrccht, eine größere Abneigung zu erwecken. Der nationale Druck, welcher von Moskau aus auf sämmtlichen nichtorlhodoxcn Bevölkerungen lastet, wuchtet am schwersten ans dem Inden, dem Semiten, dem doppelt Fremden, durch Raee lind Glaube. In der Thal darf man dies nicht falsch ausfassen; der Jude steht in Rußland weniger unter der Berfolgnng der religiösen II» duldnng, als einer Art von nationaler Undnldnng, von engherzigem und argwöhnischem Patriotismus, welcher zugleich gegen die Vnth'e rancr der baltischen Provinzen, gegen dia Katholiken in Vilhauen oder Weiß-Rußland, gegen die unglücklichen Uniatrn Podlachicns, wie gegen die Juden deS Westens vorgeht. Und wenn der russische PatriotismilS noch eine größere eonscssionelle Färbung zeigt, so ist dafür Rußland nicht ganz verantwortlich. Die Schuld fällt vor Allem auf die Geschichte?'» Daö große siavischc Reich hat sich »och nicht von seiner orientalische» Bergaiigenheitlosznmachcn gewußt. Das 74) Ziehe: „LKuipire ilos Tsurs et Io* Kusses-“. Ba»S UI. I.:c K>-Iic.'inn. Bund l, Cap. II und Band IV, Cap. I. (Hachcnc L I ■ „heilige YUißlcrnd" ist beider byzantinischen Ucberliefcrnng sichen ge blieben: ans die Gefahr hin, sich 30 oder 40 Millionen Unicrlhane» zu entfremden, sucht cs die politische Einheit in der reltgiöscn. E^ ist nämlich — wie E. M. de Bogu>- eines Tages sagte — gleich falls ein Islam, und ich füge hinzu, ein noch stärker absdrbircnder Islam als der wirkliche. Wie man einst in Llambul, um Türke zu werde», den Turban aufsetzc» nuißte, so muß man, um für einen. Russen zu gelten, durch dnS orthodoxe Taufbecken paffiren. III. Für unS Abendländer Europas und Amerikas ist dieser oricn talische Gesichtspunkt offenbar veraltet. Es dürfte dies, wie ich glaube, bald auch mit jener Ansicht der Fall sein, welche die Nationalität nicht mehr von der Religion, sondern von der Raee abhängig macht. Man wird mir sage», da jede Nation die Einheit der Raee zur Grundlage hat, so können die-Juden, die eine Raee für sich sind, keiner, Nation angehören. Sind wir dessen auch sicher'? Offen gestanden, der Dcntschc, welcher die Nationalität ans die Einheit der Raee begründen will, scheint mir damit cnltnrell nicht minder zurück als der Russe, welcher sie von der Einheit deS Glaubens abhängig macht. Trägt diese Bcrtpechslnng zwischen Nationalität lind Raee auch ein modernes Gesicht, imd ein' wissenschaftliches Aussehen, so gehört sie darum nicht ininder der Bergangcnhcit an, und zwar einer fernen Bergangcnhcit. Sie ist noch ei» Begriff aus uralter Zeit, ^cin orientalischer Begriff, mindestens nur auf den Orient anwendbar, wo seit Jahrhunderten Schulter all Schulter und nnvermischt, dlirch hohe religiöse Schranken getrennte Gemeinschaften leben; wo jeder Stamm, jede nationale Gruppe abseits von den andere», in ihrer Kirche ringcschlvssen und in ihrem Rittml cingcspcrrt bleibt. Solchergestalt wird man'ans'einem Umweg znr-Idcntificirnng von Nationalität und Religion znrückgesührt, denn zwischen benachbarten Bölkern ~~ vermag allein die Religion wasserdichte Zwischenwände aufzurichten. Zur Remerhaltung einer . Raee bedarf eS durchaus keiner starken Mauern von Glaubcnsgcbränchcn; .und, im Orient selbst, geht man einigermaßen, zurück, findet man,-daß, von Israel angesangcn, die bestabgeschlosscnen. Bölkergrnppcn weit entfernt waren, jeder Bcrmischnng zu entgehen. Wenn die Religion bei den antiken imtro nalen Gemeinschaften der Vcvanlc das Thor geschloffen hat, so hatte sic einen Schlüssel;nm Ocffncn. belurlten: den Bekchrnngsekfer. Die Inden selbst werden uns dafür sofort den Beweis liefern. Welche Nationalität ist, was die modernen Böller Europas und Amerikas anbelangt, auf Raeencinheit gegründet? Ifl's England mit seinem Amalgam von Brctonen, Sachsen, Dänen, Normannen? Isk'S Frankreich mit feinen kymriern, Galliern, Iberern, 0'crinanen, Vateincrn? Ist s Deutschland, wo der Teutone im Westen eine so starke keltische, im Osien eine solche siavischc Kreuzung erfahren hat, daß in mancher Gegend Deutschlands bei der Mehrheit der Deutschen die blauen Augen und die blonden Haare der alten Germanen nicht mehr Vorkommen? Ist'S Rußland, das alle moseowitische Rußland, mit fciucin Eonglomerat von noch heule kaum russisieirlcn Skythen und Sarmaten, Slavcn, Tartarcn, Finnen? Wären e»j—E>ie Bereinigten Staaten von Amerika, die seit hundert Jahren Ansiedler ans allen Ländern Europas anfgciiommen haben,, oder die spanisch amerikanischen Republiken, welche eine sörmlicho Hautscgla von ganzen und halben Tönen erfunden.haben, xim die verschiedenen Abschattirnngeli der Bastarde 'zu benennen, welche ans der Kreuzung des Europäers mit dem Indianer und deiit Neger, hervorgegangen find? Sämmtliche Nationen unserer Zeit sind ein