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Freies Blatt · 1893-06-18 · 63 (18.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
63 (18.6.1893)
Date
1893-06-18
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Nr. 63 Seite 4. Freies Blatt. > (Ein chriftlich-socialcr Grnosienschaftsvorstaiid.) Wie man weiß, versichern unsere Christlich Socialen täglich den Wiener Gewerbrstand, daß sic allein imstande seien, der Roth desselben ein Ende;u machen und erfreulichere Zustände für ihn hcrbcizuführcn. Da mag cS denn von Interesse sei», die Thätigkeit dieser Herren ins *ugc zu fassen, wen» sic in der Hage sind, an der Spitze eines gewerblichen Gcmciniveiens;n wirken. Zwei Procesie, die in jüngster Zeit dnrchgeführt worden, haben uns den christlich-socialen Borstand der Schneidergcuofsenschafk an der Arbeit, gezeigt. Es ivarcn dies diejenigen LKrhandlpngen, in welchen die Defraudationen des GenofsenschaftssccrctärS Iellinek zur- Erörterung gelangten. Eine gleiche Unfähigkeit und Hilflosigkeit bei der Leitung einer großen Corporation ist wohl noch niemals zu Tage getreten. Wir glauben noch der bürgerlichen Ehrlich feit des Vorstandes ein Compliment zu machen, wenn wir sagen, daß nur durch dcsien klägliche Indolen; eine soentsetzliche Mißwirlhschaft Kervorgerufen wurde. Eine GcnoffenschaftSleitung, deren 4 ilan; tendenziös falsche Ziffern anfweift, weil die Mitglieder des Borstandes es nicht der Mühe wcrth halten oder nicht imstande sind, die Richtigkeit der Zahlen zu prüfen!. Allerdings haben sich Bcruntreuungen in Folge mangelhasler Controle schon oft ereignet. Ein Unicnni aber ist es, daß in einer Körperschaft mit großer Caffegebahrung einfach gar keine Controle stattsindct. Ja, gar keine Controle! Wen» unredliche Caffebcanitcn sonst zu Radirungen der Bücher oder sonstigen listigen Manipulationen ihre Zuflucht nehmen — der brave Iellinek hatte das durchaus nicht nothwendig. Er steckte in seine Daschc, was er wollte, und schrieb als empfangen ein, was er so gnädig war, der Genossen schaft zu überlasten. Auch ca'sicrle er Beträge ein, die gar nicht er, sondern ein College zu beheben hatte, und dieser wiederuni schien zufrieden zu sein, daß er hiedurch eine leichtere Arbeit hatte. Der würdige Borstand Harle keine Zeit, sich um das Alles zu kümmern, l denn er war zu sehr bVrttit beschäftigt, ans das Coinmando des Herrn Hucger zri achten. Jetzt -freilich ist der Borstcher der Genossenschaft, Herr ach;1, sehr kleinlaut geworden. Als er in dein Procesie gegen den Defraudanten von dein Borsiyendcn des Gerichtshofes befragt nlnrde, ob er Ersatzansprüche an den Angeklagten stelle, wagte er wedcb Ja noch Rein zu sagen, weil, wie er zur Begründung ansührkc, die '"'enostcnfchast ihm wieder Borwürfc machen könnte. Wir sind nunmehr neugierig, in welcher Weise die Schneider gcnostenschaft bei den nächsten Wahlen ihr Botum über die gewonnenen Erfahrungen ab geben wird. -Tic B?ahl Hlicgcr'ß;»m Stadtrakh. In einer Betsammliing des „ D cntsch -dcUIokra tische n BereincS im HI. Bezirke", ivelcher die kffemeinderäthe Ir. Zi in »icrina n », Professor Gm st er, Bezirksvorsteher Schober :c. beuvohnten, betonte der Borsitzcnde Bürger fchullehrer Bauer, daß die unter cigenthnnilichen Umskändcii erfolgte Wahl Hneger s in den Skadkrath in den iveitcslen Kreisen der fort ichrittlichen Wählerschaft tiefe Berstiniinniig hervorgcrufcn habe. Wen» die liberale Partei den Antisemiten freiwillig fünf Mandate concedirt balle, i'o wäre das begreiflich gewesen. Ans Schleichwegen aber habe! ein Tbeil jener Partei, die sich vorher cinstiminig gegen eine Wahl; des Dr. Hneger zum Stadtraih ausgefprochc», diescin Reactionär djc \ Bforten des Sladtrakhes geöffnet. Man dürfe sich nicht der Dänschnng bi»geben, daß jetzt die Ankisemiten zahmer werden, weil ihr Führer i im Sladkrath sitzt, ne werden jetzt nur noch selbstbewußter anftreten i nrs ans den Erfolg Hinweisen, den sic mit Hilfe liberaler Gemeindei .!l e errungen. Dr. Hneger habe sich seinerzeit init größter Entschieden- ' ’t .z.'.zen die Cumulirung vön Aemtern ausgeiprochcii, jetzt vereinige j r >'elrst vier große Aemtcr, von denen jedes eincn ganzen Mann er! 'a-.dere Dr. Hneger i.i auch gegen die Bezahlung der Stadiräthc; .!i:'ae::elen, u:,r v '.gestern habe er unter dem Jubel der Margarcthencr W u,. .r in -'iner Beiiammlung erklärt, er wäre der größte Rarr, wenn s dr auf die l.n E> st verzichten sollte. So sehe die Conscqncn; dieses j Beitenianne-- ans Rachdem Geineinderakh Dr. Zimmermann den - Wa lreraaiig eingebcnd"besprochni, e-griff Dr» B illitzer das Wort,; '-llärtt, daß die gröbliche Berleyung des Parkcibeschlusies ei» Ereigniß j ' r. r. lchcs die Wähler nicht ruhig über sich ergehen lasien dürfen,! und bcankr.- te folgende Refolntion: ..Die Bersammlung erklärt ihr . lebva'teo Bedauern, daß anläßlich der letzten Wahl in den Stadtraih ' d r Baikeiöeichlnß in «olchcr Weise verletzt iumbc, daß dkl? Mitglieder al^'rllen find, und gibt der Er artnng Ausdruck, daß derlei Spal 1 elresolution i ui »gen m der Zukunft nicht mehr Vorkommen." "Diese irnide nntcr lebhaftem Bcifallc rinstiniinig angenommen. Sociülvcmokrntcn unv Aiitiscmitcn.l Am 12 d. M. fand 'INI ..schwarzen Adler" in Döbling eine von den Socialdemo l.aten inberiifene Bolksversaminlung statt,-zu welcher sich nebst anderen Aiiiuemiren auch der Abgeordnete Mnth einfand, letzterer sogar das Work, erklärte sich ergrits für das allgemeine Wahlrecht und erging sich dann in Angriffen gegen die „Jndcnliberalen". Allein die Erklärung Muth'S für' das allgemeine Wahlrecht hinderte den folgenden Redner, einen socialdcmokratischcn Arbeiter, nicht, ihm mit eincr Charaktcristik deS Antisemitismus zu erwidern, die ihm längere Zeit in den Ohren gellen dürfte. Die antisemitische Partei, sagte der Arbeiter, sei ein revolutionärer Kern mit der Kutte bedeckt, welche nach Be dürfniß gelüftet werde. Der Unterschied zwischen Antisemitismus und Socialdcmvkratie sei der, daß die Socialistcn jüdisches und christliches Capital bekämpfen, die Antisemiten aber nur jüdisches, um — auch dieses cinsteckcn zu können. ' Die Erbärmlichkeit dieser Partei habe sich am besten bei der letzten Abstimmung über den Dispositionsfonds gezeigt, wo die Antisemiten nur aus dem Grunde dem Ministcrinm das Lcrtrauen votirtcu, um der liberalen Partei zu opponircn. In socialdemokratischen Bcrsammlungcn haben Pc niemals Glück, die Wort führer der „christlichen Socialreform". —1>. (Ein Krcmscr Festtag.) Aus Krems wird uns vom 12. Juni berichtet: Der gestrige Sonntag war in der Geschichte nnscrcr Stadt ein Ehrentag, zu welchem Krems sich schon lange rüstete. Es war ein BcrbrüdcrungSfcft der liberalen Elemente aller Stände, und kein Mißton störte den erhebenden Bcrlauf der Bersammlung des „All gemeinen nicderöstcrrcichischcn BolksbildungSvcrcincs", welche Bormittags in der mit dem Bildnisic des Kaisers und Fahnen festlich geschmückten Duruhallc statlfand. Die warmen BcgrüßnngSworlc, welche bei dieser Gelegenheit Bczirkshauptmann Jungwirth an die Bersammlung richtete, fielen ebenso auf fruchtbaren Boden wie ' die Ansprache des Bürgcrincistcrs und Abgeordneten Dr. Hcinemann, welcher die Pionnicrc des Bcrcines mit Fricdcnsapostelir verglich, die hinauSziehcn in das Hand, um den Sarnen des Friedens, der Menschenliebe und der Hiebe zum Batcrlandc in die Herzen des Bolkcs zu streuen -r- | ohne Aussicht, selbst die Früchte zu ernten, aber mit dcr^egründetcn 1 Erwartung, einer schöneren Znknnsk vorznarbcitcn. „Es freut mich .doppelt," sagte Dr. Hcincmann^/^Vir^k^olkSbildncr in unserer Stadt . begrüßen zu können, da sie in einer Zeit, in welcher man nur zu i-sanimcnkomint, ni». zu bcralhc», rvic man den Gegner bekämpfen kann, > zu friedlichem, patrrvtischcm Werke znfanimcntrcäcn." Der allgemeine! Beifall, welcher diesen 'Worten gespendet wurde, gab Zengniß von dem j im Bolke schluninrcrndcn Rnhe- und Fricdcnslredürfniffc. Bei einem 1 Rundzange dnrch die Stadt, welche überreichen Fahnenschmnck angelegt! hatte, wurden die Wiener Dhcilnchmcr überall sehr snmpathisch begrüßt! — ein Beweis mehr für die freiheitliche (Besinnung des überwiegenden; T heiles unserer Bevölkerung Der frcicrwählte „Herzog der Ostmark",! welcher sich nächsten Sonntag hier feiern lassen will, wird wohl von! den Ovationen, die seinen politischen Gegnern dargcbracht wurden, i tvcnig erbaut sein. Es bot fick aber die (41c(egcnl)eit,. besser als in! einer der Bcrsairimlnngc» von znsainmcngclrommclten „deutsch nationalen"! Par teigen osserr die wahre Stimmung der Eimvohnerschaft unserer Stadt . beirrtheilen zu könneir. Arm l l. Inili hat Krems cs ausgesprochen, daß cs Frieden und Ruhe haben will. - (Auch riiic consrssioiitlle Schcivliiig'?» Schon in der letzten Session des niederösterrcichische» Landtages mußte Herr Grego r ig sich j das schwierige Problem stellen lasien, ob sich denn die Scheidung ron; „christlich" und „jüdisch" etwa auch Bis auf das liebe Bieh erstrecke,; und ob die Bekämpfung des „jüdischen Schlachtviehes" etwa auch eine»; Progrr mmpnnkt der Herren Antisemiten bilde Es scheint fast so, denn in einer der letzten Sitzungen, des Grazer StadtrathcS erhob der noto rische Antisemit Wastian anläßlich der Berathungcn über die Schacht frage die tiefsinnige Forderung, die Inden mögcir ihre rituellen Schächtnngen in ihren Shnagogcn „und nicht in unserem christlichen Sch lachthäusc" vorncchncn. Herr Wastian hat also bereits glücklich Vtr confessionellcn Charakter des Schlachthauses constatirt. nnd cs wird auch die reinliche Scheidung der lltcistcr unter den Hämmcln, Ochsen und Kälbern gewiß nicht ausblcibcn. Warum auck^ nicht? Ist es doch nachgcwiesen, daß einzekne Seuchen vom Thierc auf den Menschen übe tragen werden; cs ist daher gar nicht ausgeschlossen, daß auch der Antiscmitismns umgekehrt von de» Menschen auf dir Dhiere über tragen werden könne. Armes Thicrrcich! (Tas Holltschaucr Blutmärchcil.» Am >4. d. M. fand beim Krcisgcrichte U n g a r i s ch - H r a d: sch die Schlnßverhandlung gegen die Dicnstmagd Caroline Schnula (anch Staniek genannt) statt, weicht der Bcrleumdnng angcklagt war. Caroline Schnula, die in Hollcschan bei dem Productenhündlcr David Tandler bedienstcl ge wesen, kam, wie seinerzeit berichtet wurde, irr der "Rächt des 1'.'. Ro vember mit gebundenen Händen und Schnittwunden an denselben zu einer Dienstvermittlcrin und erzählte dieser, sic sei um l Uhr Rachtö von einigen Juden überfallen, in den Hof geschleppt und dort ge buntzen worden. Dann habe man ihr an den Händen Schnittwunden zur Blutabzapfung bcigebracht. Sie sei überzeugt, daß man sic zu

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