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Freies Blatt · 1893-06-18 · 63 (18.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
63 (18.6.1893)
Date
1893-06-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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$ r’e i * s Blatt. Seit« 3. Nr. 63. graphen lautet: „Und eS ist verboten, die Diener von Sternen und Planeten zu veranlassen, zu geloben und zu schwören beim Alainen von Götzen." Käme, es nicht einer Blasphemie gleich, wenn es von den Bekennern der »lönothcistischc» Religio» würde anders gehalten werden? An diesen Paragraph schließt sich esne Glosie, wonach laut einer Bcrsion im Falle des BerkchreS mit einem „Diener von Sterne» und Planeten" re. gestattet ist, denselben zu begrüßen: „Dein Gott stehe dir dabei und lasse deine Unternehmen gelingen." Auch hier ist die Tendenz durchsichtig. Wer vermöchte hier was Anderes als eine Höflichkeit zu finden? Ucbrigcns wird die Zulässigkeit dieser Begrüßungsalt bestritten, »in nicht die Mißdeutung hcrvorznrufcn, als läge hierin etwa ein Hohn. Wo in aller Welt ist in den wörtlich übersetzten Stellen das zu finde», was die angeblichen Orientalisten des „Cefttrr. BolkSfreund" herausgclesen haben? Wie aber der Talmud über die Heiligkeit dcS Eides denkt, das soll nun gezeigt werden. Er läßt die ganze Ratur in voller Anfreguüg in dem Momente sei»,, als Gott der Herr im Dekalog verkündet: „Du sollst den Raine» des Ewigen deines Gottes nicht mißbrauchen" (Maccoth 39); bezeichnet eS als bestialische Berwildcrung, wenn falsche oder nichtige Eide ge» leistet werden (Sabb. 33; Aboth Abschn. >")). Ein Eid ist ihm nicht bloß die Bekräftigung einer Aussage zum Bor- oder "Rachthcile eines Anderen, sondern die Bekräftigung einer Aussage überhaupt. Der Eid ist ihm bindend, wenn auch der göttliche "Raine nicht ausgesprochen wurde, oder der Beeidigte ihn bloß mit einem A »i e n bekräftigt, ohne ihn selbst auözusprcchen. Ein Eid, der einem Anderen geleistet wurde, ist unter keiner Form auflösbar. Eine reservatio mentalis schwächt in keiner Weise die bindende Kraft des Eides. Gemäß d'cm pcntateuchischcn Bcrbot (Lev. 19, 11): Ihr sollet nicht lügen Einer gegenüber derif Anderen, hat der Talmud die Tente»;: „Dein Fa sei Ja, dein Rein Rein!" (Bab. Mez.). l) Das Sprachgefühl der heiligen Schrift tritt hier in imponircndcr Weise hervor. Die Action des Schwures wird in der Sprache der Bibel nur in der passiven Form des Riphal in der Bcdciitnng der actio mutna auSgcdrückt. Der Act dcö Eides wird vermöge der ihm innewohnenden wechselseitigen Intention, so zu sagen als ein activcr und passiver angesehen. Mehr als arge Bcrdächligung ist eS daher, wenn gesagt wird, daß ein Eid, den ein Jude vorspricht und der Ehrist »achsagt. seine Giltig feit cinbüßt. ,lSin Eid als solcher, von welcher Seite und in welcher Form ge leistet, ist mit der Glorie der Heiligkeit umgebe» und wird vom jüdischen Richter auch in dieser Weise aufgefaßt und behandelt. Emanucl Baumgartc». Der versteckte Antisemitismus. Unter dem Titel „Enltnrdeficit am Ende des ncnnzchntc» Jahr- ,Hunderts" ist in Frankfurt ain Main eine Schrift von dem praktischen Arzt I)i\ weil. M. Hirsch erschienen, welche sich gegen den „versteckten Antisemitismus" wendet. Gibt cs doch Biele, die es als eine Beschimpfung, zurückwcisen würden, wollte man sie zu den Antisemiten zählen, aber dennoch nicht umhin können, dieser „Schmach des Jahrhunderts" eine gewisse Berechtigung zuzugestehcn, und die ein gewisses Borurthcil gegen die Juden nicht unterdrücken können. Ein Geistlicher, der gegen den landläufigen Antisemitismus energisch Front macht und nicht verfehlt, seinen Glaubcnsgenosien die Borzügc der Juden cntgcgenzuhalten, hat dennoch in einer Besprechung der berüchtigten Tivoliversammlung den „antisemitischen Justinctcn" im Einzelnen „manche Berechtigung" zuerkannt. Eine Berechtigung für die antisemitische Bewegung gäbe cs, wenn sich Nachweisen ließe, daß spccifisch semitische Laster, Untugenden und Mängel, von denen sich bei Ariern keine Spur fände, existirtcn. Daß dies aber nicht der Fall sei, das wird nun von Dr. Hirsch an der Hand statistischer Beweise und greifbarer Borfälle auS dem Leben nachgcwiesen. Was man den Juden vorwirft, sind menschliche Schwächen, die sie mit den Ariern thcilcn. Was will der Antisemitismus' in Deutschland'? Er will das deutsche Rcichsgcsctz vom 3. Juli 1899, das alle Beschränkungen der 9 Siehe E. Baumgarten: Lacdja« ck«> oll'n-ii» E-lium. Einleitendes S. XII Wien 1854. bürgerlichen und staatsbürgerliclpn Rechte anS der Untcrschicdenheir des religiösen Bekenntnisses aufhcbt, beseitigen. Darin liegt aber eine allgemeine Gefahr., „Setzen wir int» einmal. den Fall, es gelänge den mit den Antisemiten vereinigten Eonicrvativen, eine Majorität für die Aufhebung des Gesetzes im Reichstage zufinden, >o wären dadurch die ernstesten Gefahren für alle Minoritäten, nnd^aö in ja jede ein zclnc Partei für sich genommen, hcranfbcschworcn. Die in der* Mino rilüt befindliche Eonfcssion der Katholik!« käme in (Gefahr, d,ß auch ans sie die Ausschließung von den bürgerlichen 'und staatsbürgerlichen Rechten Anwendung sinde, falls es z. B. den Protestanten gelänge, ein Gesetz durchzubringcn, daß nur ProtestanUm zu den obersten . Staatsümtcrn rc. zngclasicn werden dürfen. Beliebt eS den orthodoxen Protestanten, ihre reformirten Brüder aus dem höheren Unterrichtswefen aus .umerzc», so. n ürdc ein Majoritätsbeschluß in dieser Richtung auch vielleicht zu erzielen fein u. dgl So bildet d S ReichSgesctz vom 3. Juli 1869 nicht bloß den Schutzwall der Inden vor Bergewalti gnng. Sein Fall würde auch dic'Bekenncr anderer (Konfessionen der Gefahr der Majorisirung preiSgcbcu. Aber auch für die politischen - -Minoritäten wäre dadurch ein vcrhäugnißvolleS 'Präjudiz geschaffen. Hat eine conservativ-antiscmitischc Eoalition die verfafsungsmäßige Emancipation der Jude» ans legalem Wege erst tinmal beseitigt, was hindert sie dann, auf eben solchem Woge etwa auch-he» Ausschluß der Freisinnigen, Demokraten oder gar der bösen Socialdemokratcn von der Ausübung des activcn oder passiven Wahlrechtes, von Be kleidung von StaatSämlcrn, von der Lehrthätigkcit an öffentlichen Anstalten und dergleichen kraft Majoritätsbeschlusses durchzusctzcn?" Darum mache man sich klar, „jede auch noch so platonische Förderung des Antisemitismus fördert direct oder indircct auch seine extremsten, Ziele. Eine Scheidung in ganzen, halben oder tausendstel Antiscmi tismns ist uulogisch und unhaltbar. Entweder: der Anliscniitiümus hat Recht, dann darf ich ihm auch ganz angchäre», oder: er ist im Unrecht, dann darf ich ihm auch nicht den geringnen Borschub leisten." Der Berfasscr kommt dann auf die so hänfigen Borwürfe der Batcrlandölosigkcit, dcS Eoinplotcmachcns gegen das Baterland, der Jsolirung zu sprechen, Borwürfe, welche die Berechtigung, den Inden die Gleichstellung zu nehmen, erweisen sollen. „Erinnert euch dann auch," sagt er, '„mit welcher Begeisterung die skmitischcn-Jünglinge in den Kampf gegen die Franzosen zogen, trotzdem gerade von diese» auS zuerst ein Freiheitsschimmer in die "Rächt der Knechtschaft gedrungen war, in welche ihr Baterland sie Jahrhnndertc hindurch gefesselt und ihnen den gelben Schandfleck auf die Brust geheftet hatte, die sich jetzt mit todcsvcrachkendcin Muthe dem Feinde cntgcgenwarfe». Am Anfang dcS Jahrhunderts »och nicht würdig befunden, des Königs Rock zu tragen, zum Militärdienste erst seit 183? zugelassc», meldeten sich .181? bis 1815 schon 5. ü jüdische Freiwillige, etwa 5 ' a Pcrccnt der -in waffenfähigem Alter stehenden Inden, zum Eintritt in tote Armee. Bon ihnen und de» übrigen untre die Fahnen gerufenen jüdischen Soldaten schreibt der Minister Hardenberg, sie hätten sich durch treue Anhänglichkeit während deS Krieges ausgezeichnet. Wir haben unter ihücn Beispiele dcS wahren Heldcninuthcs und der rühmlichsten Bcrachtung der Kriegsgefahren anfzuwcisen, sowie 'die übrigen jüdischen Einwohner, namentlich auch die Frauen, in Aufopferung jeder Art deck Ehristen sich anschlossen.- Einer -der ersten Soldaten, die das eiserne Kreuz erhielten, war ein Jude! lind was war der D.nik für alle bewiesene Tapferkeit? Alle Juden, die man während des Krieges nothgedrungcn aufrückcn lassen mußte, wurde» nach und nach gezwungen, den Dienst zu quiiliren. Rur ei» jüdischerMajor ward und blieb der weiße Rabe im,preußischen SisicicrScorps.-" ' lind 1879? Die Juden habe» ebenso Nipser gekämpft wie ihre christlichen Genossen: viele habe man auf dem Schlachtfelde zu höheren Ehargcn befördert; aber nach dem liriege seien die io Beförderte» all mälig ivieder zum Austritt genöthigt worden. "Rur Bosheit^önne dem Juden die Batcrlandsliebe absprecheu, der trotz aller Bertcnnnng und Zurücksetzung stolz darauf sei, ei» Deutscher zu fein. Wo, cs gelte, für das Baterland cinzutrcten, daS.Ansehen zu fördern, bei gemeinnützigen Unternehmungen für Staat oder Eommune opserivillig ein zutreten, da sinde man den Inden bereit, mit reichlichen persönlichen und inatericUcn Opfern mitzuwirkcn. Sbwohi Inden länger als >.'>!»» Jahre auf deutschem Boden seßhaft sind, werden, sie noch iiniuer als „Fremde" angesehen, darin liege das Hanptübcl. Andere "Rinder seien in dieser Hinsicht Deutschland voraus, welches, was die Achtung vorder Rechtsgleichheit aller Staatsbürger anbclanji, am Ende des XIX Jahrhunderts ein Enltrirdesicit ausweisc. »

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