Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 63 (18.6.1893)
- Date
- 1893-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2. __Freie» geweckt sind, zumal ruffophile Bauernfänger in Ostgalizien zugleich mit der Propaganda deS Judenhasses auch gegen den Adel und die Römlinge Stimmung machen. Alle diese Umstände mögen auf das Genaueste diejenigen bedenken, welche große Vorkehrungen zu dem an, 4. Juli in Krakau stattfindenoen Katholikentag lrcffen. In Wien oder '*<>!!}, können Reden gegen „Fremde" und „Andersgläubige" nur Aergerniß erregen, ohne daß weitere Unfälle in Folge derselben zu verzeichnen wären. Die gleiche Tvnirt, in Krakau angeschlagen, kan» einen Effect erzielen, aus welchen eS die polnischen Judenfeinde wohl kaum abgesehen haben. „^L'idiscbe Richter und der christliche ' Lid." Beinahe mach, cs den Eindruck des Komische», wenn als Drohung gegen die Bekenner des Judenthums von antisemitischer Seite die Forderung > ach einer Uebersetzung des Talmuds gestellt wird. Als ob die Juden gegen eine solche je Widerstand geleistet, oder sie zu fürchten bälren In cs doch jedem Gebildeten bekannt, daß einzelne Tractatc des Talmuds bereits in die verschiedensten Sprachen Europas übersetzt worden sind. Ja, die „sechs Ordnungen der Mischna", welche die «Grundlage des Talmuds bilden und die mündliche Ueberlieferung des Jn.'entlinms enthalten, sind vollständig in lateinischer, deutscher und ipaniichcr Ucbcrsctzung vorhanden. In neuerer Zeit 1833) erschien i» Berlin eine deutsche Ucbersetzung der Mischna von -ein bctailiiren Historiker Dr. Jost. Ader auch schon im X. Jahrhundert wirrde von R. Joseph Jbn Abitur der erste Versuch gemacht, den Talmud ins Arabische zu übersetzen. Vor ungefähr einem halben Jahrhundert kündigte Tr. Pinner. die Uebersesnng des Talmuds inS Teuiiche an und erhielt in diesem feinem Streben jüdischerseits Aufmunterung und Förderung. Wie wenig cs den Juden darum zu thun war, den Talmud als e:n mir sieben Siegeln vcrschloffenes Buch zu behandeln, geht unzweideutig auS dem Umstande hervor, daß sic jederzeit die Behelfe lieferten, um denen Lcctüre und Studium zu ermöglichen. Vom IX. Jahrhundert — R. Zemach — bis auf die neueste Zeit — Tr. Älerander Kohut — wurden talmudische Wörterbücher in kleinerem oder größerem Umfange bearbeitet und herausgegebcn. Nach seinen Materien diente ber Talmnd zu festerem als Substrat für philosophische, pädagogische, juristische, mcdicinischc, naturwissenschaftliche, nationalökononuiche :c Arbeiten und Studien. Warum sollte auch der Talmud, wie das Bild von Sais, mit :ü;.i!i nicht;u lüftenden Schleier umgeben werden? Das Werk von drei Jahrhunderten — die Mischna — dessen Wesen dereiw angegeben wurde, hat die Eigenthümlichkeit der Knappheit, der eln und Adgcmcffenheit in seiner Ansdrucksweise. Diese Kürze bildete nun das Motiv, daß die Lehrer des Talmuds es als ihre Aufgabe allst! en. die Lehren, Sätze und Aussprüche der Mischna zu coinmentircn, tu et läutern, tn entwickeln. Dabei geschah es, wie dies in Lehrhäusern vorzukoiitmen pflegt, daß sic im Laufe der Rede und Gegenrede, im >it!tit'e des Widerstreites der Meinungen den Gegenstand der Verhandlung verließen und auf Gebiete gericthen, die abseits hievon lagen nnd in gar keinem Eonner mit demselben standen. Auf diese Weise ta:nen Zivi'cheutbeilc zuwege, die mit den in der Mischna wiedcrgegcbenen mündlichen Ue'.'-'.lieferungen nichts zu lhnn hatten. Zudem bestand die gewiß v:tt l;-‘-:it und Ehrfurcht zeugende Marime, daß „die profane Tist.n>'sioit der L.brbcrlinenen instrnckiv sei" und also auch Aufnahme im Talmud vcrdi.nie. Was Wunder, daß dieser nebst seinem das traditionelle .»u' -üttii:nt rev..t'.n::renden Theil auch ein Gemisch von Erörterungen, Aeußet nngcn, Ertäblnngen, Parabeln, Sagen, Hyperbeln enthalten muß:.-, d:e c'k durch die Gebilde ..der ewig beweglichen, immer neuen" l-j;.tuiaüe und die btwerbolische Sprache des Sricnks um so greller erichieueü. T.tl.'. ist nicht ans dem Auge zu lauen, daß die Anschauungen der Zeit, die Verhältniffe der Sertlichkeit, die Einslüffe der Umgebung auf dte gante Eonstruetion des Talmuds von ausschlaggebender .'»nqeret.t werden mußten. Man kann daher mit Fug und Recht sagen r .."'ewiß. im Talmnd ist das traditionelle Judenthum e u : b allen, aber nicht Alles, was der. Talmud enthält,; it' .! i o n e l l cs I u d c n: h n in.". i.' liegt demnach für die Inden fein wie immer gearteter Grund > re. gegen die Ucbersetzung des Talmuds zu sein. Freilich gilt hier Blatt. _ Nr. 68. ebenfalls: Wer den Talmud will verstehen, muß in deS Talmuds Lande gehen. Das geschieht aber anders. Mit dem Urtheile über den Talmud ist man rasch fertig, ohne auch nur die leiseste Ahnung von den hiezu erforderlichen Prämisien zu besitzen. Roch inehr. Wie manche Augen nur geöffnet sind, um die Schattenseiten der Erscheinungen deS Lebens wahrzunehmen, aber geschloffen bleiben für die Einwirkungen der lichtvollen Partim, so erblickt man im Talmud nur die Producte bornirtcr Anschauungen einer Zeit, die Ausgeburten einer ungezähmten Phantasie, die Ergebniffe krankhafter Verhältniffe, und will sich nicht afficiren laffcn von der ein wahres Lichtmeer ausströmenden Sonne ethischer Grundsätze, civilisatorischcr Gedanken, erhebender Beispiele der talniudischen Lehrer. Und weiters. An Charaktcrgcnoffcn des Paulus Meyer hat' es zu keiner Zeit gefehlt. Anfangs des XV. Jahrhunderts war cs der Renegat Johann Pfefferkorn, der durch den Inquisitor Jacob Hachstrat an Papst und Kaiser mit Denunciationcn und Verleumdungen hcrantrat, die darauf abzielten, den angeblich der christlichen Religion schädlichen Talmud und die übrigen hebräischen Schriften, mit Ausschluß der biblischen, ablicfcrn und dem Feuertode widmen zu laffen. Die Tendenz war nämlich, wie der edle Philipp Melanchthon sich aussprach, für die Auslösung der Bücher von den Juden eine große Geldsumme zu erlangen, die Pfefferkorn unter sich und seinen Adhärcntcn theilen sollte. Es ist auch nicht überflüssig, hier zu reproduciren, was Ulrich von Hutten bezüglich der GlaubenSconversion Pfcfferkorn'S sagt: Nicht die Liebe zum neuen Glauben bestimmte denselben in dessen Schoß seine Zuflucht zu nehmen, sondern weil die Juden ihn wegen seiner „Schclmstücke, da er als Dieb und Verrälhcr erkannt wurde, einer argen Züchtigung zuführcn wollten." Wenn nun auch in Folge der klaren und wahrheitsgetreuen Darlegungen des großen Reuchlin alle gegen den Talmud gerichteten Verleumdungen, wie die Schatten der Nacht vor dem aufgeheithen Licht des Tages schwinden mußten, so bewährte sich doch auch in diesem Falle das semper »liquid haeret. Der Talmud blieb weiterhin das Angriffsobject für die Feinde der Juden. Daß eine UebcrsetzunF desselben von dieser Seite vorgenommen, keine zutreffende sein könne, liegt auf der Hand. Genügtdie Handschrift eines Mannes schon, um den selben an den Galgen bringen zu können, was vermag nicht erst der Haß auS den zwölf Foliobändcn dieses Werkes Alles zu machen? Hievon sich zu überzeugen, hat man in diesem Momente Gelegenheit. Unter dem an der Spitze dieses Artikels stehenden Titel schreibt der „Sesterreichische Volksfreund" vom l l. d. M.: „Heute bringen wir wieder eine Stelle aus dem T a l m n d, und zwar wie sie übereinstimmend von den Orientalisten übersetzt wird." „.lorv Deal, § 147 heißt cs Hier muß man schön „stocken". Welche Ignoranz! Ein Werk, zwischen dessen Abfassung und dem Abschlüsse des Talmuds cinJahrtausend liegt, mit diesem zu identificircn! Fast, könnte man damit schon die Sache abthnn. Läßt sich mit einem Autor ernstlich eine Auseinander setzung pflegen, dessen Unkenntyiß so craß an den Tag tritt? Wir unterdrücken aber jeden, wenn auch berechtigten, persönlichen Widerwillen nnd gehen ans die Sache näher, ein. Vorausgcschickt mag werden, was bereits wiederholt constalirt wurde, daß das Werk dore Dealt kein Gesetzbuch ist, wie es der Talmud nach den früheren Ausführungen auch nicht im vollen Sinne sein kann. Was zumal den .lore Dealt betrifft, so macht ihn die Zeit seiner Abfaffung schon dafür unmöglich. Das Judcnthum hat ja doch Jahrtausende ohne ihn bestanden. Ferner mag constatirt werden, daß in dem anbezogenen Paragraph von Götzen die Rede ist, worüber die „Sricntalisten" des „Volksfreund" nicht im Zweifel sein können. Der gebrauchte Ausdruck „Ellilim" läßt überhaupt keine andere Deutung zu. „Ihr sollet euch keine Götzen Ellilim) machen" (Lev. 26, 1); „denn die Götter der Völker sind Götzen (Ellilim, (Ehr. I., 16, 26; Ps. 96, 5); sein Land ist voll Götzen" (Elliliml, (JeS. 2, 8). Auf wen sonst als aus Götzen könnten die angeführten Bibclstellcn sich beziehen? Die Srientalistcn des „VoUssreund" übersetzen is 147 „übereinstimmend" wie folgt: „Einem Juden, der unter Nennung des Namens einer nichtjüdischen Kirche etwas betheuert, sollen 39 Stockhiebe gegeben werden, überhaupt ist verboten, den Namen einer nichtjüdischen Kirche zu nennen (für dieselben soll nur ein Schimpfname gebraucht werden". In Wirklichkeit lautet aber die wörtliche Ucbersetzung des citirten Paragraphen: „Wer gelobt oder schwört beim Namen von Göhen, den schlägt man, und es ist verböte*», ihrer (der Götzen) zu erwähnen nölhiger- oder nnnöthigerwcise." Welche Tendenz dabei vorwaltct, braucht nicht hervorgehoben zu werden. Sie illnstrirt sich aber dadurch, daß Punkt 3 dieses Para-