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Freies Blatt · 1893-06-11 · 62 (11.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
62 (11.6.1893)
Date
1893-06-11
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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reite XX. Beilage zum Freien Blatt. Vrgan zur Abwehr des Antisemitismus. gleich Bronzcfplittern, den Jahrhunderten zu trotzen. Bruchstücke eines zerschlagenen Bvlkes, könnte inan sagen. Tie Juden haben wäbrend fünfzehn Jahrhunderten die wunderbare, fast einzig dastehende Erscheinung einer Nation ohne Vnttö dargeboten Inmitten der christlichen und ninielinännischcn Staaten glichen sie den Kiesellagernin der .Nreideformation der normannischen Küsten. Tie Inden sagten als die Ersten von sich selbst: Unser Bolk, unsere Nation. Gewisse Juden sprechen noch so. Tao Glaubensgesetz war für sie ebeni'üwM ein nationales, wie ein religiöses Band. Sie lebten von der Erinnerung an Jerusalem, das ihren Seelen und Hoffnungen Baterland geblieben war. Zion verblieb die mystische Hauptstadt des zerstreuten Juda: es erflehte feine Wiederherstellung in seinen Gebeten, es erwartete sie von den Berheißungen Ichovah's/ cs lagerte, aut das Wort seiner Propheten bauend, als Wanderer unter den Böllern, in deren Mitte -Hie Berbannung ihm die Zelte - geschlagen hatte. Allein, kann man allemal von der Bcrgangcnheit auf die Zukunft schließen? Und wird die Bergangenheit der Juden in mehreren, "andern dtirch die o-Ngenwart nicht bereits verleugnet? Es fragt sich zu wissen, ob das Iudenthum allerorten und für allezeit ein Bolk zugleich und einen Eult bilden soll: oder mit anderen Worten, ob der unter der Mehrltcit nach christlichen Nationen lebende Jude immerdar ein fremder Eindringling, ei» in ihrem Schoße nur Bcr weilender, ilitien nicht Einzuvcrleibcnder bleiben soll? Für Jenen, welcher die Nationalität nur vor der Gemeinschaft der Glaubensleliren oder der Blutsverwandtschaft ableitcn will, besteht da kein Zweifel: Für diesen wird der Jude niemals, weder Franzose noch Teilt sä, er, weder Ungar noch stkuste, sondern immer nur Jude fein. 'Allein, hängt denn die 'Nationalität wirklich von der Naee oder der Religion ab? Gibt es keine nationale Einheit als in der Glaubenseinbcit oder der Gei»tin>'amkcil des Ursprungs? Uits Franzosen des XIX. Jahrhunderts kommt' eine solche Frage wie aus einer anderen Zeit oder anderen Welt^vor. .Tie französische Nationalität bestellt für unicre Begriffe in etwas Änderen?, etwas Umfassenderem, Subtilerem. Tocki wir können andere Bölker nicht nach uns selbst beurtheilen, das wäre unbillig gegen diele. So veraltet denn miiti uns die Anw scheinen -mag, sie verdient, daß man dabei verweile. Was Pt eine Nation? 'Nichts vielleicht ist schwieriger zu den niren. Zum Glück können wir auf den schönen Bortrag,Renan's verweisen.' i Für uns Franzosen ist die Nationalität identisch mit dem Natioiurlbewusttiein. Eine 'Nation ist vor 'Allem ein geschichtliches P.roduet: ne entsteht und besteht durch eine Gemeinschaft von Interessen, Ueberliefertingcn. Empfindungen. Gewöhnlich beruht > eine '.Nationalität aur mehreren Faetoren und in mainchen Landern ist d:e Neligion einer dieser Faetoren gewesen. So in Spanien, so noch in Rumand. Es ist dies einer der. Gründe, warum es dem l Rüsten oder dem Spanier >'e schwer fällt, in einem Juden einen! Vandeman» zu erblicken. i En gewist'elt «legenden strner, fast im ganzen Trient, besteht I der Begriü N'al.anaUtat nicht, oder er vermischt sich mit der Religion. So bet den Meslems vorerst: der Rechtgläubige kennt kein anderes Baterland als den Zsmm: für ihn verschwinden alle nationalen Unlerschude vor der Glanbcnseinhcit. Ties macht die Uniergeordnctheil, oder, wenn man will, die Ucberlcgenheit des Islam aus. Tie grövte Berändcrung, die in der orientalischen Welt vor stch geben könnte, wäre die Bildung eines von jedem religiösen erlauben losgelösten 'Nationalgefühles. Bei gewissen Bevölkerungen des Orients bttz zum Muselmann Asiens oder Europas, bei dem Arnauten in Albanien, bei dem Araber in Syrien, scheint bereits die Nationalität bisweilen einen dunklen Hang zur Loslösung von der Religion zu haben; allein der Islam hat sie so eng ineinander verflochten, daß, sollte sich jemals die Eine von der Anderen losmachcn, es dazu Generationen bedürfen wird. Im Gegensatz zu den Muselmannen hat bei den Ehristen des Orients die Religion das Nationalgcfühl gewöhnlich nicht verwischt; sie hat sich mit ihm gewissermaßen so sehr vcrschmolzeit, daß auch hier Beide tinzertrennlich erscheinen. Iit einer solchen Welt, wo Ehristen und Moslems die "Nationalität mit der Religion idcntificircn, oder, die Erstcre zum Kennzeichen der Zweiten machen, vermag der Jude keine andere Nationalität als seine Religion zu besitzen. Ter Jude ist nothwcndigerweise Jude, wie der Armenier Armenier, wie der Grieche Grieche. Hier sei uns eine Bemerkung gestattet. Tort, wo, wie in Syrien, Kleinasikit, Mesopotamien seit Jahrhunderten unter dem Schutze von iiirchcn und getrennten Eulten Nationalitäten nebenetnander bestehen, ist der Fall der Juden kein vereinzelter. Nicht insofern er Jude ist, sondxrn als Orientale, als Asiat hat er keine andere Nationalität, als seine Religion. So wunderbar die Fortdauer des innerhalb seines Glaubens und Ritus verschanzten Israel scheinen ntag, sic bietet nicht, wie mau häufig sich vorstellt, eine in der Geschichte einzig dastehende Erscheinung sondergleichen; die Welt ist heute Zeuge noch ähnlicher Wunder. , Tas Morgenland hat uns die Zeiten hindurch mehrere dieser todten Nationen und, sozusagen, in ihre alte Religion eingcwickclte und ciubalsamirtc Bölkcrmumicn aufbcwahrt. Tic riopten Egypteits, die Maronitcn und die Trusen des Libanon, die Parsen Indiens, selbst die Armenier und die Griechen Asiens bieten uns in verschiedenen Eonservirungsgraden weitere Beispiele von Böllern oder Staaten, welche ihren politischen Untergang überlebt haben. Zwischen diesen Orientalen und den Juden besteht der große Unterschied, daß diese Letzteren zerstreuter leben oder ihre Zerstreuung? fläche eine ausgedehntere ist, weil sie eben seit Langem und gründlicher aus ihrem früheren Baterlandc entwurzelt waren. Tadurch insbesondere wird es ihnen schwieriger, sich je zu einem nationalen Nörvcr zusammenzuschließen. Sei dem wie immer, dort, wo der Jude fortgesetzt ein Bolk für sich bildet, folgt er einfach der orientalischen Uebcrlieferung. Und in mancher Gegend, überall, wo noch die alte Berwcchslung zwischen der Nationalität und der Religion vorherrscht, steht es nicht bei ihm, sich davon zu befreien. Weder der Muselmann' noch der Ehrist Asiens würden ihm gestatten, sich Türke oder Araber, Grieche oder Armenier zu nenne». Er muß nothgedrungen ein geschlossenes Bolk bleiben. Er kann kein anderes Baterland als Israel haben. Tiefe Wahrheit ist so wahr, daß in Asien, ebenso wie seine „arischen" oder „turanischen" Nachbarn, ein Jude, welcher den Glauben wechselt, zugleich auch seine Nationalität zu ändern glaubt. Ich habe vor einigen zwanzig Jahren in der Umgegend von Jerusalem einen Juden deutscher Sprache als Tolmetsch gehabt. Ich fragte ihn um seine Nationalität: „Ich bin Ainerikaner", antwortete er stolz. Ta er sich durch amerikanische Missionäre hatte taufen lassen, bildete er sich.ein, ihr Landsmann geworden zu sein. Ehrist geworden, war er aus seiner „Nation" ausgetreten. So heißen doch jetzt noch vfncicll bei den Türken die verschiedenen Glaubensgemeinschaften? ^oNteyung i'olqr.) >' :c!in.tnn L.av i 4 lUait abonnirt das Freie Blatt in der Administration, Wien, l., Seilerstättc 1i). Abonncmcntsprcis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 05 kr. verantwortlicher Stofac'teur: Erna Victor genfer. — Truck von LH. Reißer L M. Werthner, Wien.

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