Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 62 (11.6.1893)
- Date
- 1893-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
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reite d^IX. Beilage zum Freien Blatt, Organ Papststuhl, als ewige Feinde sich einander gcgcnübergcstelll wurden? Konnte der stolze Germane, welcher ^as Joch Roms abgeworfen, die Herrschaft Fernsalems hinnehinen'? Von dieser Leite stellt sich der deutsche Antisemitismus nicht mehr als die Gegenpartic, sondern als das Lcitenstück des Anticlericaliömus und des Kulturkampfes dar. Beide sind als-Kinder des teutonischen Hochmulhcs zur selben Zeit zur Welt gekommen Zwei feindliche Brüder, Zwillingsbrüder, könnte man sagen, die wie Esan und Facob schon im Muttcrleibe sich bekämpften. Nur deutsches in Teutschland! Ties schien während der ersten Fahre der Wahlspruch des neuen Reiches. Fedes freinde Reist mustle aus dem Boden des ncugestärkten Baterlandcö ausgerissen werden. Teutschland schien sich einer Art nationaler..Ausreinigung hinzu« geben, vange genug hätten die Teutschrn unter fremden Herren gedient; sie trachteten sich von jeder Lelavercstzu befreien, der politischen, geistigen, wirthschaftlichen — französischen, römischen oder jüdischen. Unsere Zeit findet Geschmack an gelehrte» Formeln; besonders der Teulsche übcrtünchl gerne seinen Haß mit einem Wissenschaft- . lichen Firniß. Tie Eroberer von ElsaßT'othringcn wendeten ihre moderne» Theorien über die Racen und Rationalitäten auf die Kinder Fsraels an. Tie kamen daraus, daß der Jude, nicht genug, daß er nicht teutonischen Blutes, nicht einmal, arischer, oder wie Berliik sagt, indo germanischer Abstammung war. Er war „Asiat", „Lemil", Bruder des Arabers und Belter des Karthagers; in dieser Eigenschaft gab's keinen Raum für ihn unter den golhischcn Lchwingen des Hohcnzollern-Aars. Fa, wehr noch, seine Anwesenheit unter t>cif Germanen war eine Bedrohung des deütfche» «Genies, eine Gefahr für die „deutsche Eultur", dir Mutter und Rährmuner der inodernen Eivilisalivn.""-. ' Und der Alarmruf aus dem Teutschland des Fürsten Bismarck bat sich ringsum mil jenem Bollton fvrtgcpflanzt, welchen der Lei,all der Licgcshörner der Ltimnw-der Bölker verleiht, Ter von Berlin ausgegangene Aufruf fand an allen Grenzen Tculschlands Wiederholt. Tas 'Rationalgcfühl war bei seinen Nachbarn weder minder mächtig, noch miitdcr aufrichlig; iin lösten wie iiu Westen Hallen die urdeulschen Vcidenschaslsäusbrüche dasselbe »och mehr erregt. Wie n> Tculichland mustle auch dort der Fnde sich als Eindringling von feindseliger Raee erklären hören. Lo in Testerreich Ungarn, w)) die Tculschcn Wiens lediglich dem Beispiele ihrer Berliner Llammesgcnost'en folgten; so in Rußland, so bisweilen sogar'in Frankreich. Ter Unterschied bestand nur darin, daß i» Budapest und in Moskau an die Ltclle des Germaiiciilhunis das Magharciilhum. und das Lläveiilhuiii traten, welche sich gleicherweise von der semilischcii Eroberung bedroht sahen. Allemal war's der Fremde, an weläten sich die Fndengegncr hielten. Tiefe nationale Beschwerde scheint mir weniger neu als sie aussichl. Tcm Wese» nach lag sic sämmtlichcn seil Fahrhnnderlen gegen den Fudeil gerichteten Borwürscn zugrunde. Unsere Bäler Hallen mit der Entdeckung der Faden als Llaal im Llaale und Bolk im Bolle die heutigen Theorien über Raeenstrcil und Existenz kämpf nicht abgewarlct. Hätte das Lpanicn der Renaissance eine Fdee von Bölkcrkunde gehabt, so wären die Fudcn bereits von den Fberern Eaftiliens, zur Zeit des F'imenes und Torqneniada, mit dem Rainen Lcmitcn belegt worden. Tas Lpanicn der katholische» Könige verfolglc ja, ohne sich vielleicht darüber Rechenschaft zu geben, i» seinen „Fudios" ebensowohl den Lcinitcn, den andersblüligen Menschen als den Fsraelitcn, den Andersgläubigen. Wenn es je eine Tiefer Gedanke hat in Taufenden von Blattern nnd Hunderten von Flugschriften Ausdruck gefunden. Insbesondere bei W. Marr: „Tieg des Juden. thumS über das Germanenthum, vom nichtconfefsioneUen Ttandpunkie aus be trachtet", Bern, Lostenoble 187!»; E. Tührntg: „Tie Iudemrage als Frage der Racenfchädlichkeit für Existenz, Title und Eultur der Bölker", Ausgabe, Karlsruhe 1885. Bergl. in Frankreich, E. Trumomt ..T,:> b'raw-e zuivv'. zur Abwehr des Antisemitismus. semitische Gefahr gab, so beskaild eine solche sicherlich für das dlirch die arabische Eroberung au Afrika anncclirlc und durch das Kren; wieder Europa angeschweißte Lpanicn. Als cs mit den Faden miö den Musclinanncn handgemein wurde, trachtete es inslinetniästig, sich zu „eutscmilisircn", zu „enlafrikanisiren". Lo erklären sich die Grausamkeiten seiner Fnguisitioil gegen die Fudcn und die .nm-v"-. i-ristitmiis-. Wäre für Lpanieu Das Glanbensiuleresfe allein mast gebend gewesen, so würde es den Ralhschlägen^Roms Gehör ge schenkt -und nicht noch die Ltrenge des Heiligen Ltuhles Überbolen haben. l^chcsil wir weiter -zurück: Bereits in den Fudenkrawallen der großen Ltädle des Allerthums lag Antiscmitisnius. . Fn Rom, Antiochien, Alexandrien kehrt sich -die Angrisfslusi des griechischen oder römischen Pöbels gegen den Fremden uird, wenn auch nicht gegen die Racc, so doch gegen die srenidcn Litten und die fremde Eultur ebensowohl, als gegen die Feinde der Götter. Tasselbe lhun die claisitchen Autoren. Herr Professor v. Trcitschke zahlt hochberühmte Borgänger unter ihnen. Bereits Fnvcnal und Tacilns wird bei ihren Angriffen auf den Labbat qnd die Bcichneidung vor der „Bcrjndung" der antiken Gesellschaft bange;, die Ersetzung der römischen Gebräuck>e durch hebräische Gesetze und Gebräuche erschreckt sie.'") —. Es kommt noch viel besser, der Antisemitismus, das heißt die' nationale Beschwerde gegen das als - ein fremder Ltainm betrachtete- Fndcnthum. geht vor die Zerstörung Fermalems und vor -die Zerstreuung Fsraels zurück. Er dalirl zuiit MindcstciT von der babiilonifchen Gefangenschaft, wenn nicht schon von der Lelaverei in Egnplen her. Man findet die Formel dafür in der Bibel; die Fuden selbst habe» sic uns nnsbewahrl: sieist durch Haman im Buche „Esther" nnd durch den Pharao im zweiten ''Buch Moses gegeben worden. Hofprediger Llöcker hätte sich die selbe nur anzueignen gehabt. „Und Haman sprach zum Könige Assin-rus: Es ist ein Bolk in allen Ländern deines Reiches zerstreut, das unter sich abge I ionderl ist, und neue' Gesetze und Eercmonieu hat, auch des Königs. Layungen verachtet." Zu jener Zeit scheute "inan die bündigen Losungen nicht; und Haman fügte hinzu; „Gefällt es dir, io besieh!-, daß"es vertilgt werde."'') Tas Gedachlnist der Fuden reicht weil zurück; das Andenken an den'Minister des Anu-rus ist ihnen geblieben. Heule noch, alljährlich zum Purimseste, dem liraeliliichezt Fasching, feiert ganz Ffrael jubelnd den Llurz. Haman's. n ■ Fünfundzwanzig Fahrhlinderte sind dntnn,. seit.die' Lchonbeir Esther-s Ffrael gerettet, und das Work Haman's, Lohnes Hammedalha's, des Agagilcn, hat nicht all feine Wahrheit eingebüsti. Wie wollte inan bestreiten, daß die vom MorgeNIand nach dem Abendland zerstreuten Fuden ininillen der umgebenden Bölker lange ein Bolk gebildet haben? Ffrael war iu Ltücke zerschlagen worden, und die. .fernhin geschlenderten Ueberbleibi'el der Llamme schienen, ~"i limnana-. ailt-m Mjliti .-'mt.-mm-tv Ii-itv». Jmiai.-iim cliM-unt .-t M-rvant a in.-tumit ju- Tni'li'lit aivairn v.ihimine öl..-.' i.liiwnal. Satii'i. XIV. Bers l»"? :t. ’ Ten sich: ' , ■ .. Tech zu verachten gewöhnt die t^eierchelutcher der Röntet. venten unPlwTten sie reü die Tdien vor dein lüdiicheu Re-kue. - Tas als geheiligte Täiri-t ihnen eim't überlie'erie Bioies , T. lleherd- Buch Eüher, III, 8,!». — Bgl. im zweiten Buch Mo>'es 11. I"i iwie de, Pharao weicht: „Tiehe, das Bolk der Töhne Israels n't zahlreich und üärketdenn wir. Kommet, lasset es uns klüglich unterdrücken" :c. te - In mehreren rande» begingen-die Juden das (Sedächnti'Z an dien- B.» gebenheii mit eiuer Bühnenvorfietlinig. Man erzählt.»ich, dag Rächet im l'Iiöätts Fiauvlis während des Burimseiies mit Borliebe die „Eüber". Raetne's vor einer grös>tentl»eils au» giraeliten beiiehenden Zubörenchast 'vielte?