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Freies Blatt · 1893-06-11 · 62 (11.6.1893) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
62 (11.6.1893)
Date
1893-06-11
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nr. 62. Freies Danen noch weitere Zugeständnisse gemacht, aber diese wiesen sie zurück. Wir wollen nicht übertreiben und nicht von landesverr ätherische» Ränken sprechen, aber eine Frivolität schlimmster Sorte scheint es unS doch;u sein, wenn Leute, die stets prahlen, sie wären die einzige» guten Deutschen, und sowohl im nüchternen alS angeheilerten Zustande bei jeder Gelegenheit: „Deutschland, Dcu schtand üb.r Alles" singen, nicht davor zurückschrccken, offenen Reicksgegiicrii derlei Anerbietungen zu machen. Ebenso charakteristisch wie das mißglückte Project eines antisemitisch-dänischen Wahlbündnisses ist auch ein Aufruf Wilhelm Marr S an die „modernen" Antisemiten im Hamburger social-demokratische» „Echo". Während allerorten Socialdcmokralen und Antisemiten init einander raufen, die Letztere» tie Bersainmluiigcn der Ersteren sprengen, läßt der alte Marr sich vernehmen: „Numerisch findet ihr den .Bürger Lei»' am schwächsten vertreten in der Socialdemokralie, die aber von 6—7 Millionen Juden in der Welt nicht so viel Aufhebens macht als ihr, die ihr die Eohn, Lestst ii. d. A. zu ausschließlichen Sündenböcken einer verfaulenden socialen Unordnung machen wollt. . . Der alle Spötter Boltairc würde sagen: .Wenn ihr Antisemiten sein wollt, so werdet erst Socialistcn, stimmt für die Sociyldemokraten, welche wenigstens der capitalistischen Berjuduug der Gesellschaft nicht ungezählte Millionen Soldat»» zur Perfügung stellen!' Die sociale Frage, nicht die abstracte Judcusrage, steht heute auf der Tagesordnung! Merkt euch das, ihr modernen Geschäfts-, Sport- und Radau- Äniisemiten! Am l.v Juni stimme ich .rolh'. Nicht obgleich, sondern weil ich ein ehrlicher Antisemit bin." Am Ende werden auch antisemitische Wortführer in Nordschleswig erklären, sie seien für die Förderung deS Dänischen und die Einschiänkung des Deutschen, nicht obgleich, sondern weil sic ehrliche „deutsch-nationale" Antisemiten sind. In Bezug auf antisemitische Wandlungen und Begründungen'gilt ersalnmngsgcmäß das Wort: Nil admirai i! Pas 21Iärd?eii von Ostrom. Original Mittheiluug des „Freien Blatter".! Warschau, 1. „umi. , Ci'ii’t'iu er stets gesetzliche und moralische Pflicht des Anklägers ist. 'eine Beschuldigungen;it beweisen, nahiucn wir es doch aus uns, der'rdir Paulus Mcner der deniichcn Welt aufgebundcnen Lügenmär etwas uäber an den Leib;it rücke». Die einstweiligen Ergebnisse uu'erer rt ritik, die snr die Wahrheitsliebe deS Pariluö Mc»er allerdings i wenig emv'ehicnd ausnelen, tasten wir in Folgendem kurz zusammen: - Das Erste lind las nun das Allerwickitigste bleibt das officicll bescheinigte Fackuiil. daß Rabbiner Jehuschua den Schalomo Leib mi Leulichua, der l*7.'> in Dstrow einen Kindesmord zu rituellen : Zwecken begangen baben.soll, bereits zwei Jahre früher, den L6. April 1*7.» in W a r i ch a u verstarb, wo er auf dem jüdischen Kirchhof ' beg: aleu liegt Er kam einige Wochen, früher Hieher, um ärztliche H::': i» 'neben, ' lind erlüg hier 'einen Leiden. Also in der Dstcrzcik 1-7.'», wo das Berbrechcn geschehen sein soll, war besagter Rabbiner lange nickit mebr unter den Lebende». Paulus Mcner gibt an, daß er damals 14 Jabre rählre Wenn er nun auch als das Datum der rbat das Jahr 1*73 annehmcn wollte, wo der Rabbiner bereits zur Dsterzen , leeikrank darnicderlag, io mußt« 'er II bis 12 Jahre alt : gcwc'.'n 'ein. und s gehörte doch Wahnsinn dazu. Jemandem cinredcn zu we. en, daß ein Lind in diesem Aller in Kabbalastudicn eingewciht und zu ’o einem blutigen Acte, wie der von Mcner beschriebene, zugezegen rc.ee.n sollte. Das ermordete Kind soll von Lubartom l-ergebrachl .vorden 'ein Der Magistrat dieser Stadt, wo alle («e- 'chehnine . in der Bevölkerung nach dem Gesetze genau verzeichnet ' werden, che'cheinigt officicll, daß weder im Jahre l3if», n o ch viele Jahre zuvor ein Kind, weder in der Stadt, n i d| i n d e r Umgegend ans eine unerklürliche Weisc ' : rschwnnden sei. Dasselbe bescheinigt in Betreff des ganzen der Kreishauvtmaun (X.uv.clnik j>n\viatu). Auch bescheinigen ''ingüliebe Statkrälhef.;i\vniki , die ans christlichen unbescholtenen Bürge::: bestehen, daß kein christliches .Lind, in den besagten Jahren d r aan'.en Umgegend verloren ging. Eine Tochter des 1373 vcrstarbenen Rabb» Jehoschua bcn Schalomo Leib ist jetzt die Frau des cki'.'stdl'ch n Rabbiners in Bialn Gouvernement Siedlerj. Dahier lA'.'it auch noch die beiden sogenannten Äsststentcil und Mithelfer bei dem angeblichen .Lindcsmorde in Dstrow, Mojiche Barichcr und Srul j Ba:;."ver Der Elftere ist noch „Schames" ^Bedienter) beim Rabbi,! Blatt. der Zweite ist 'jetzt Privatmann. Bei Lubartow lebt noch in einem Dorfe der sogenannte Kinderlicfcrer Schmnl Tarier, ein armer Kuhpächter, der seinerzeit der rabbinischcn Küche in Dstroiv Butter und Käse lieferte. Alle die hier genannten Personen bevollmächtigten einen Hof- und Gcrichtsadvocaten in Wien, gegen Paulus Meyer die Klage wegen Berleumdung cinzureichen.*) Das ist einstweilen Alles, was-wir Ihnen in Bezug auf die sensationelle Affaire mittheilen können. Was die Person des Paulus Meyer betrifft, gelang cs uns auch einige intcrcssantc nnd, wie wir nach allen Einzelheiten glaube», untrügliche Daten zu erlangen. Paulus Meyer, früher David Leib Aschkcnazi, ist der Sohn eines jüdischen ThoraschrcibcrS (Sofer) in Ärzcäu litcwski. Bon seiner frühesten Kindheit an zeigte er einen so schlechte» Sinn in seinen Neigungen und seinem Betragen, daß er von seinen Eltern und Bekannte» als Auswurf betrachtet ward. Er war eine Plage für seine früh verwitwete Mutter und seine Angehörigen. In den Knabcnjahrcn »ahm ihn ein Dhcim m Dstrow zu sich. Dort weilte er einige Zeit, nnd aus jenen Tagen rührt auch seine Bekanntschaft mit der Dcrtlichkcit und den Namen deS gewesene» Rabbiners und seines Bedienten. Bald lies Paulus Meyer seinem Dnkcl davon, und nun führte er ein unstetes, abenteuerliches Leben. Man verheiratete ihn später mit einem anständige», fromm erzogenen Mädchen, er schied sie aber schon nach einigen Monaten und lief wieder davon. So verbrachte er einige Jahre, ein Bagabiindcnlcbcn führend, bis er sich vor ein paar Jahren nach Berlin verschlug, wo er sich taufen, ließ und jene fieberhafte antisemitische Dhütigkcit entfaltete, . die ihm seither.eine so zivcisclhastc Berühmtheit verschafft hat. „Poit und zu" und I?cpp!! Wem cs bisher noch immer nicht klar geworden sein sollte, in wessen Mühle der Autiscmitismus die Säcke trägt, wie er, ivcit davon entfernt, eine gerechte oder ungerechte Rcaction gegen eine locale Krank heikserscheinung am Bolkstörper zu sein, längst weiter nichts als der billige Borwand ist, unter dem sich alle Dämonen der Finsternis; ein Stelldichein zur scheußlichsten Blocksbergorgie geben — wem das nicht vom ersten Augenblicke, vom Geburtstage des Antisemitismus an sonnenklar war, dem muß' cs doch wie Schuppen von den Auge» fallen, wenn er das jüngste Pronunciamcnto liest, in welchem preußische, mecklenburgische, sächsische :c. Herren mit zwanzig und dreißig Ahnen offen die rationelle Ausbeutung des Antisemitismus zur Ausfrischung vergilbter Adclsprivilegicn und Wappcnschildct fordernd Das „Deutsche Adclsblatt" hat nämlich urplötzlich gesunde», daß die deutsche Aristokratie sich bisher viel zu wenig um das Bolk bckümmA't, für die gute Sache desselben viel zu wenig gearbeitet und agitirt habe, viel zu wenig unter das Bolk,gegangen fei. Das solle nun anders werden, Penn „Wir dürfen das Bolk nicht, wie bisher, thatcnlos seinem Bcrderbcn überlasten". Man sicht, die Herren „Bon und zu" habe» sich trotz des besten Willens, mit der Eanaille zu verkehre», noch nicht ganz in die modernen Anschauungen hincinznlcben vermocht, nach welchem das „Bolk" keineswegs der providenlicllcn Rctlnng einer adeligen Eliguc bedarf. Umsoweniger darf cs uns da Wuizdcr nehmen, weun die Herren, trotzdem sic allcrgnädigst die „Großmacht Prcstc und vor Allem Bolksvcrsammluiigcn" zu benützen versprechen, hier und dort doch wieder etwas ans dem Tone fallen und diese „ursprünglich demokratischen Agitationsmittcl jetzt völlig legal" finden oder über ihre dermalige Haltung daS naive, Gcständniß oblegen: „DaS Narrcnschist der Zeit und der Parlamentarismus erfordern es unbedingt". Fürwahr, der Ton mag der hochnäsigen Junkcrcligue gegenüber recht plausibel klingen, um sic zum Besteigen dieses NarrcnschisscS deS Parlamentarismus „höherer" Zwecke halber zu bewegen; das „Bolk", dem man hier um den Bart gehen will, könnte eine solche selbstherrliche Redeweise leicht krumm nehmen, wenn das Drgan der deutschen Adclsclique nicht mit der einen Hand gleich das Pflaster auf. die Wunde legte, die cs mit der anderen Hand geschlagen. Man kann sich schon beiläufig denken, in welcher Art das Junker lhum in Deutschland all das himmelschreiende Unrecht, all die Millionen Uiitcriastungs und Begchnugssündcn, die cS am Bolkc verübt, wieder gut machen will. Ga»; einfach, indem cü dem „Bolkc" verspricht, *) Tie Vertretung der Verlcumdeten hat der Reichsrathsabgeordnete Dr. Jo'efKopp übernonunen, welcher auf Grund einer legalisirlen Vollmacht die tzhrenbelcldigungsklage gegen Pfarrer Tr. Tsckcrl und Paulus Meyer sowie gegen den verantwortliche» Redakteur des „Vaterland" beim hiesigen k. k Laudesgerichte bereits überreicht hat. Tic Auslieferung deS Paulus Meyer an die sächsischen Behörden dürfte angesichts der erhobenen Mage biS nach Beendigung dieses Proceffes verzögert werden. Die Red.

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