Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 62 (11.6.1893)
- Date
- 1893-06-11
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AboniicmcutSprcis: i?Jiil>ilnij mil Püstzulcudittig . II. i.5u. V.itt'iaüvij fl. I.ü.'i. 'J,i.'rtc!inl|nj fl —C5 tiiit;ehi« Vimii.uicrn 4 kr. Organ zur Abwehr des Antisemitismus. Erscheinl au jedem Sonnlagc.. Redaktion und Administration: Wien I. Seikerstätte 10. Kummer <i2. ' Wien, I I. Juni 1893. - II. Jahrgang. Mit der heutigen Nuinnicr erhalte» unsere Leser die vierte Fortsetzung des Werkes: Hie Iiidkii liub her Aiitisc»iitisi»ii5, i äfvcutf uittev derr "STationm UOll ilttatoCe -Leroii-Aeantieu vom fvrtjt^öfifdjon Snstitnt. 'Jini rintretcudc 'Jlboniicnteii erhalten auf verlausten die bereits erschiciieurn Fortsetzniigrn uachgeliefcrt. Der Mahlkantpf in Deutsch! mid. t^riginal-Mitlheiliuig de« „Freien Blalico^.) Be/li», 6. e,»ni. Der Wahlkampf in Deutschland ist ei» heftiger, und ans den Ausgang desselben, der für tas -Schicksal der Militärvorlage in "nächster Zeit entscheidend sein wird, suchen auch die Fürsten ein-;nwirken, indem sie bei Enthüllungen von Denkmalen, Abhaltung von Kriegertagcn und ähnlichen Anlässen i» ihre» Ansprachen nicht nur die Nothwendigkeit einer Verstärkung deS HeercS be^ ' tonen, sondern rund heraus zur Wahl bloß solcher Männer anfe sordcrn, welche sich bereit erklären, für die Militärvorlage zu stimmen. Die Meinungsverschiedenheit über diese Vorlage hat in den R.ihen der Freisinnige», aber auch in denen des clcricalcn Zentrums eine Spaltung hervorgernfe»- Der Streit um die Militärvorlage sicht im Vordergründe der ganzen Wahlbewegnng und nimmt das meiste Interesse in Anspruch, allein cS mangelt auch sonst nicht an Momenten, welche bcachlenSwerlh sind. Für die Leser des „Freien Blattiö", für alle diejenige», welche in den antisemitischen Bestrcbuirge» ein gefährliches cultur- und freiheilfeindliches Beginne» erblicken, kommen hier zunächst die Kandidaturen in Betracht, welche die EonfessionS- und Räcenhetzer aufstellen. In fast hundert Wahlbezirken tauchen die Namen antisemitischer Mandatsbewerber auf: allerdings versuchen einzelne Anführer an verschiedenen Orte» ihr Glück, und gar manche Ean didatur, wie z. B. die dcS jämmerliche» Paasch in Frankfurt a. M., _ ist nicht ernst zu nehmen. Die Antisemiten sind »ach den verschiedensten Richtungen gctheilt. Ein klägliches Fiasco haben bereits die scgenannte» Eonservativen zu verzeichnen. Als sie in der berüchtigten Tivoli-Versammlung ihren Uebertritt vom verschämte» Antisemitismus zum gegenlheiligen so geräuschvoll vollzogen, gaben sie sich dem Wahne hin, es werde ihnen gelingen, die antisemitische Bewegung in solchw Bahnen zu lenken, die sie im Interesse des lückschrittlichen Iunkernnd Muckerthums zu verfolgen wünschen, dagegen von Ausschreitungen gegenüber weltlichen und kirchlichen Autoritäten fcrnzuhaltki«. Bo» diesem Irrglauben verleitet, förderten sie die Eandidatur Ahlwardt s und striche» sogar aus ihrem Programmentwklrfe die zahme Verwahrung gegen Antisemitenexcesse, welche »derselbe . ( enchaltkn hatte. Vor Allem wollten die Eonservatioen ihrr Mandate gegen antisemitische Einbrüche sicherstrllcn. All dies ist ihnen nicht gelungen, und die „Kreuz-Zeituüg^ wehklagt nun bitterlich. Nur dem Anhang dcS Herrn Licbcrmann v. Sonnenbcrg. des edlen Ritters der Ehrenscheine, stellt das Hammcrstcin'sche Blatt das Zeugniß anS, im Sinne eines ,/hrlichen EartellS" mit den > Eonfcrvaliven zu handeln, während sie allen übrigen Seelen des Radau- und GeschäftSanliscinilisinnS das denkbar Schlechteste nach- : sagt. In Sachsen erscheint der conservative Besitzstand durch Candidatcn dcS demagogischen Antisemitismus besonders stark gefährdet. Paul Förster, ein Pastor Roedenbeck und Andere erösfi nctcn in nächster Nähe von Berlin eine» frischen, fröhlichen Krieg! gegen die Eonservatioen, Md Ahlwardt wehrt sich mit allen Mitteln der ihm zu Gebote stehenden VcileumdungSkunst dagegen, in ArnS i Walde von jenem Landrath verdrängt zu werde», welcher ihm vor > nicht langer Zeit zu einem RcichölagSmaudat verholfcn, das er in einer den Eonservatioen nicht genehmen Weise benützt -hat. Auch .; der nach der Tivoli Versammlung im Geiste derselben gegründete i Bund der Landwirthe wandelt in manchen Provinzen Wege, welche; die Eonservatioen vom Schlage der Mantcüffel und Minnigerodc! verabscheuen. Uebcrdicö hat dieser Bund, wie sich heranSstellt, eine | Neuerung einzitführen gesi.ch', welche in Deutschland, zu seiner \ Ehre sei cs.gesagt, mit scheelen Augen angesehen wird. Der Mann, ' welcher an der -Spitze dieses selbstverständlich „anticorruptionistischcn" Bundes steht, beauftragte, .die für feine Wahl wirkenden! Agitatoren, die zu gewinnenden Wühler zu bewirlhen und hiebeikeine Kosten zu scheuen. DaS betreffende Rundschreiben gelangte in die Ocffcntlichkeit. und dieser Umstand erregte bei. jenen Eonscrvalivc», welche sich i>» öffentlichen Leben aus die strengsten Sitlen-! richter hinausspülen, großen Verdruß. -" ’! Die Radau-Aniisemilen. selbst sind ebenfalls in gegnerische j Gruppen gespalten. Die Einen, wie Bebcrmann und König, ge! baden sich regierungstreu, die 'Anderen, namcntiich Bocket, fprch-! terlich oppositionell. Kaum war der antisemitische Parteitag in I Hannover vorüber, da erließ Förster eine Erklärung gegen den! selbcli, in welcher er sich .seines Freundes Ahlwardt auf das I Wärmste ännahm und sonst Folgendes siind und zu wissen that: Man habe in Hannover die Ber.uhnngcn übers Knie gebrochen und j kostbare Stunden ans „das Essen und. Trinken, das Singen und Hcilrnfen sammt dem dabes angezündcte» Weihrauch" vergeudet. Förster erklärte schließlich, indem er eine „Nachprüfung" forderte, die Beschlüsse des Parteitages für null und nichtig. Auf die Unter stützung von anliscinitifchen Gri ppen aller Richtungen kann dem nach Professor Wagner keineswegs zählen der neulich in einer Eandidatenrede wieder einen -Rückfall in die Antiscmelcrei zur Schau trug, die Absperrung der Grenzen gegen jüdische Einwanderer forderte und sogar den Hetzruf ausstieß: „Kauft nicht bei Jude»?' Erklärte doch unmittelbar nach diesen -auf den Beifall aller Judenfresser berechneten Auslassungen ei» edler Radau- Bruder: Seine Genossen werden von den Eonsirvaliven als Feinde behandelt und sollten daher Gleiches mil Gleichem vergelten.'.. Der Liebe Mühe war u^insonst. Erwähnung verdienen »och zwei Details, In Nordsrhleswig boten die Antisemiten den dänischen Protestlern als Preis für ein Wahlbündniß an, daß sie für eine Hcercsorganisalion auf »atio »alcr Grundlage, für die Förderung des Dänische i und die Ein schränknng dcS ' Deutschen eintreten würden Die Antisemiten, welche im Versprechen sehr freigebig sind, hätte» ohne Zweifel den >