Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 61 (4.6.1893)
- Date
- 1893-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite XVI. Beilage zum Freien Blatt, Drgan zur Abwehr des Antisemitismus. picUeictit auf dev 3Selt nichts io hartnäckig konservatives, wie der Talmndjndc. Was Anhänglichkeit an die Litten der Borfahren und an den (Gebrauch anbelangt, könnten der chinesische Mandarin und der russische Mndschik von ihm lernen. Dieser Mensch, den inan uns als den natürlichen Gegner der Ileberliesernng hinftellt, in sorlwabrcnd ängstlich besorgt, sich nach der Ueberliefcrnng;n rickiten. Dort, wo der Jude Jude geblieben, haben weder die Regierungen, noch die christliche Gesellschaft etwas von Israel;u snränen. Man ilierkc wohl, jene Länder, wo man sich über die „Bcrjndnng" der zcitgcnösnschcn Gesellschaft beklagt, sind gerade jene, - wo die Inden am wenigsten Juden geblieben sind. Ter Jude muß, nm ein religiöses oder politisches Anslösnngsmittel zn bilden, wenn iät so sagen darr, „entjndet" sein. Die.Beobachtung läßt sich unschwer in Deutschland, Oesterreich-Ungarn, selbst in Frankreich, ebensowohl wie in Rtrßlaiid und im Orient machen: Bcrdicncn Inden den Borlvnrs des -Zelotcnlhnnis im Geiste der Berncinnng und Zerstörung, dann sind cs gewöhnlich die vom Judenthnm ' Cmaneipirlcii, jene Indcii^ die im Contact mit den Christen die Glanbenslehren nnd Uebrrliesernngen Israels abgestreiit chabcn. Jener moderne Jude, den man uns als wirkende öirast bei der Berderbniß nm'erer christlichen Zivilisation schildert, ist selbst ein Product dieser Civilisation. Cr hak den Giskstosi, welchen er-'in die Adern unserer Gesellschaft tragt, nicht selbst abgesondert; er ist nur! Contagiumslräger, weil er selbst davon angcsteckt ist. | I -'.'iduiu'ii wir als Beispiel jenes Land, wo. was wir die modernen Ideen nennen, nur erst die Schale angesrcsscn har, nämlich Rnßland. Bedrohen die Inden von Wilna in langen Talarcn nnd hohen Lticseln wirklich das selbstherrliche Negimcnt nnd die „orthodore Civilisation"? Böen will man das glauben machen? Ich kenne .indeß in Petersburg nnd Moskau Leute, die uns dies ganz gerne einreden möchten, 'liach dem entschlafenen „Nns" des verstorbenen Akiakow ins der „Graschdanin" des Iarstcn Mcftschersky. Sogar 'in. der 'Bäbe des Czaren haben sich Staatsmänner gesunden, welche den Besorgnissen ihrer inonärchischcn Änhänglichkeit nnd ihres christlichen Gewissens in dieser Hinsicht Ausdruck verliehen haben. So vornehmlich der Obervroenrator des Heiligsten Synod, Herr Pobjedonoszcw, vormaliger Crstrhcr des Kaisers Alexander III., und j noch heule Hanplberalher seines kaiserlichen Zötzlingsk in Glaubensj fachen. Cs war 1^*1,;nr Zeit der antisemitischen Unruhen in Südrnßland. DieI'adcn und Häuser der Inden waren geplündert ' worden. Bom Norden herbeigeeillc Banden von Unruhestiftern-verkündeten dem Bolke, ein kaiserlicher Ukas verordne die Ansplnndernng dieser „Schufte von Hebräern". bSi Cine Abordnung von Israeliten hatte beim Heiligsten Snnod vorgesprochen, um den Schutz des Obcrproenrators für die Opfer anznrnsen. Herr Pobjcdonoszcw ließ sich herkei, ihre Klagen an;uhören, glaubte jedoch den Beschwerdeführenden gegenüber bedgnern;n müssen, daß die gebildeten Inden sich ihrer Anfklärnng bedienten, „um an den Grnndvesteu der Gesellschistt zn rütteln nnd im Bolke verderbliche Lehren zu verbreiten.") die Grenzen des Reiches nicht gegen die Einschmuggelung der Berneinungslehren des Westens zu vertheidigen vermocht, so sind es sicherlich nicht jüdische Schleichhändler gewe^'A welche diese verbotene Waare nach dem heiligen Rußland einsüh^.I. Ist der Jude ein Ideenmakler gewesen, so war er'ö nicht im heutigen Rußland. Hätte sie der Respect nicht abgehaltcn, so konnten die Rabbiner nnd Bankiers jener israelitischen Abordnung die Beschwerde des Herrn Pobjedonoszcw damit beantworten, daß sie die gegen die Sphnc Iuda's erhobene Beschuldigung dem orthodoxen Rußland zurückschoben. Die alten, langbärtigen Inden mit den langen Schläsenlocken ans den Jndenschaste» des Ostens hätten den Oberprocurator fragen können, was denn die kaiserlichen Gymnasien nnd die Berührung mit den Christen ans der Seele ihrer Söhne nnd Töchter gemacht haben. Cin russischer Romandichtcr, Iwan Turgenjew, irre ich nicht, läßt vor einem Staatsanwalt in der Provinz einen Inden ans dem Westen erscheinen, dessen Sohn in einer Berschwörung compromittirt ist.r,:’) Der alte Abraham gibt der Gerichtsperson eine Antwort, welche nicht bloß die Juden Rußlands gn ihre Ankläger zu richten berechtigt wären. Biele Glaubensgenossen Samuel Abrahams hätten, was der russische Schriftsteller mit einer seltenen Sehergabe dem litthanischen Inden in den Mund gelegt, im Occident ebensowohl wie iin Orient, wiederholen können.^) tsticht in den russischen Indcnschaftcn allein vermögen bisweilen Cllcrn nnd Großeltern kaum mehr ihre Kinder! zu erkennen. Hier müssen wir einen Angeitblick von uns selbst absehcn. Gewöhnlich beschäftigt nns lediglich der Einfluß der Inden ans unsere christliche Gesellschaft nnd kümmern wir nns wenig um die j Cinwirkung unserer modernen Cnltnr ans die Inden nnd daS Indenthnm. Sonst würden wir sehen, daß, wenn bisweilen der Jude cin Anslösnngsmittel für unsere christliche Gesellschaft scheint, der Christ oder der „Arier" ein ganz anderes Dissolvcnö für das > Indenthnm ist. Israel, das zwanzig Jahrhunderten Bedrückung widerstanden, ist durch jene Civilisation gefährdet, wodurch es befreit worden. Bon allen jenen Feinden, die cs überlebt, vom Phärao oder von Nabnchodonosor bis zn Titus, von Hadrian bis Torgemada, ist keiner für ihn so furchtbar gewesen, wie diese nioderne Gesellschaft, die ihm anfangs zngelächelt. Unsere modernen Ideen, unsere Kritik, unsere „arischen" Wissenschaften sind im Begriff, die jüdischen Ucbcrliefcrnngen nnd Sitten zugrunde zn richten. Wird das Indcnthnm diesen Ruin lange überleben? Möglich, allein für die Synagoge ist das Problem nicht minder ernst als für das Christenthum. Zur Stunde vollzieht sich im Schoße des Indenthums unter unserer Berührung ein innerer Zersetznngsproccß. Wann wird er feine äußerste Grenze erreicht habe»? Wir wissen es nicht. Solchergestalt besteht von Jude zn Nichtjude, von Goi zu Jakobs- Sohn, ein gegenseitiges, anscheinend gleicherweise zersetzendes Aufeinanderwirken, welches im (Ganzen für den Inden bedrohlicher ist als für den Goi. Uorlsryung folgt.) Cin derartiger den russischen Inden zu solcher Stunde hin» geschlenderter Borwnrs kam an die falsche Adresse. Haben die kaiserlichen Zollbebörden mit Hilfe einer doppelten nnd dreifachen Ccnsnr siebe: I. Iv ii nv Tvir* ,-r la Uusx-s". Bans III, Buch IV, (iiU’irl III. _ _ •'*i J'.'H'r;,-n b.bräiickien Blanc „e»ammelils" 1^. Mai 1KM1) cnliioiiimciie unf in Nummer 13 der ..Fviiilli-s jannesdeeielben Wahres bcrichlctc Bor'all iü mir Mirdi einen Chrfn;cugfii beüiittgt worden e:-) Dans!e caliinet du procurcur (V kamerc.prokurova). In „L’Einpire •les Tsars et les Kusses- (Band III, Buch IV, Capilel III) haben wir die (Gründe angeführt, welche die Theilnahme gewisser Juden an nihilistischen Anschlägen erklären. **) „liniere .Milder haben unseren Glauben nicht mehr; sic beten nicht mehr unsere Gebete und haben ebensowenig euren Glauben; sie beten auch nicht euere Gebete; sie beten nie und glauben an nichts." (Dans |e caliinet du proourcur.) Man aboniiirt das Hrcie Blatt in der Administration, Wien, I., Scilcrstätte 10. Alionncincntspreis: ganzjährig ö. W. 2 fl. 50 kr., halbjährig 1 fl. 25 kr., vierteljährig 05 kr. ->>er und verantwortlicher Redakteur: Ernst Bictor Zenker. — Truck von CH. Reißer & M. Werthner, Wien.