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Freies Blatt · 1893-06-04 · 61 (4.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
61 (4.6.1893)
Date
1893-06-04
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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Beilage zum Freien Blatt, Grgan haben würdet sie-zu sprengen. Ich meinerseits neige zur Annahme,! daß es dem sich selbst überlassenen, vom Christen abgesonderten Talmudjuden nicht Minder große Mühe gekostet hätte, sich von den jüdischen Ueberlieferungen loszumachen und das Talmudjoch abzu- , schütteln, als dem Muselmann, sich von den Fesseln des Korans zu befreien. Auch bei Israel war das bürgerliche Gesetz mit dem religiösen verwachsen; wie im Js,lam der Koran, so vertrat der Talmud die Stelle des Gesetzbuches. So beweglich, so biegsam, so flink im Allerfassen und Allsichanpassen, so wißbegierig auf jeden Fortschritt und alle Neuerungen sich im Occident der civilisirte Jude uns zeigen mag, ich weiß nichts ob er, in das Judenviertel seiner Läter eingesperrt und von einer unverfälscht jüdischen Atmosphäre umgeben, nicht doch im Stillstand geblieben wäre. Er war sozusagen dazu verdammt durch den pharisäischen Formelnzwang der Mischna und Gemara, durch das Netz endloser Borschristen, das ihn von allen Seiten umstrickte, durch jene engherzige Lebenöregel, innerhalb welcher Alles vorgesehen und in Formeln gebracht war, wo er Tag für Tag, Stunde für Stunde, sich einem Gebot, einer zu erfüllenden „Mitzwa" gegenüber sah. Nur durch Hilfe von Außen konnte er von dieser Sclaverei befreit werden. Und so kam's denn auch, sticht von den Judenvierteln ist jener Geist auSgegangen, welcher den Juden in einen mddernen Menschen umgewandelt hat; . und dort selbst, wo ie Ghettomauern zusammengestürzt waren, mußte der neue Geist den Widerstand der Rabbiner brechen. Kehren wir die Rollen nicht um: dem entgegen, was manche in ihrer Neigung zur Verherrlichung Israels sich beinahe gleichkommende Semiten und Antisemiten uns einrcden möchten, hat nicht der Jude den christlichen Gedanken, sondern der christliche Gedanke, oder, wenn's besser klingt, der „arische" Gedanke, den Juden befreit. Ohne Descarteö läßt sich Spinoza nicht denke», und ohne Voltaire öder ohne Lessing, zweifle ich, ob cs einen Moses Mendelsohn gegeben hätte. Wäre, gehen wir weiter zurück, ohne Plato und ohne die Griechen ein Philo gewesen? Und ohne Aristoteles und ohne die Araber ein Maimonides? Man wird zu dem Schlüsse verleitet, das jüdische Genie habe zu seinem Aufflug immer die Schnellkraft von Anderen gebraucht; als ob seine Schwingen sich nicht von selbst «uszubreiten vermocht und zur Entfaltung fremder Nachhilfe benöthigt hätten. Vielleicht ist daran die schwere Last der Ueberlieferung schuld, die es zu heben hat. Doch für den Augenblick wollen wir dies nicht untersuchen. Es genügt uns der Nachweis, daß in der Neuzeit der Jude den Antrieb nicht gegeben, sondern empfangen hat. In allen sich selbst überlassenen Judengemeinschaften haben die Ultra-Conservativen, die „Obscuranten", die Oberhand behalten. Während der zwei oder drei letzten Jahrhunderte wenigstens ist es dem so gewesen. Die neuen Ideen sind keineswegs von der Synagoge ausgegangen, sie vermochten vielmehr nur mühsam dort einzudringen. Die Synagoge hatte sich sozusagen in ihren Ueberlieferungen luftdicht abgeschlossen; in Pole», in Ungarn, selbst in Deutschland, überall beinahe, hatte sie die Sitte der kalten Länder nachgeahint, wo man bei Winteranbruch die Fenster verkittet, um sich gegen die Außenluft zu schützen. Sie hat die berühmtesten ihrer Söhne in Bann gethan; der „Herein" mit seinen schreckencrrcgendcn Verwünschungen ist gegen sämmtliche bleuerer geschleudert worden. Baruch Spinoza wurde im XVII. Jahrhundert von der aufgeklärtesten Judenschaft des Erdkreises mit dem Interdikt belegt. Moses Mendelsohn, das Vorbild von Lessings „Nathan dem Weisen", sollte mitten im XVIII. Jahrhundert die Verdammung seines Pentateuchs und seiner deutschen Psalmen durch deutsche und polnische Rabbiner erleben. Die Berliner Synagoge wies die Bücher in her Vulgärsprache zurück; sie. stieß einen der Ihrigen aus, weil er ein deutsches Büch gelesen. Askenazim und Sephardim, die Masse der Indem beider Riten, empfanden für alle Philosophen und die Grundsätze zur Abwehr des Antisemitismus. §eite XV. der Philosophen eine Abscheu. Die profanen Wissenschaften waren ihnen verdächtig.Bl) Während man in den Pariser Salonsdie Philosophie Descarteö' und die bevorstehende. Wiedergeburt des Menschen besprach, faselten die Judenschaften des Oltens oder in der Mitte Europas von kabbalistischen Hirngespinnsten, ergaben sich den Tollheiten des Chassidismus und ergriffen leidenschaftlich für oder gegen die falschen llNrssiase, die Franck oder die Sabbatai, Partei."?) - III. Im Morgenland Und Abendlpnd, überall sind, Dank den von den Goim aufgesteckten Leuchten, die neuen Ideen, ist die „Aufklärung" von außen her in die engen Gäßchen. des Ghetto cingcdrunglur und haben die tiefe Dunkelheit der „Jndengassc" erhellt. Wie wäre dies auch nach Jahrhunderten Abschließung und Herabwürdigung anders möglich gewesen? Die Spannkraft der Juden mochte noch so groß sein, die Springfcdcr Israels war wie gebrochen. Es lastete auf ihm die doppelte Wucht-der erdrückenden talmudischen Ueberlieferungen .und deS Argwohns einer feindseligen Gesellschaft. _ Wie in den Zeiten nach der Zerstörung des Tempels hatte sich der Jude, in sich zusammengckauert, innerhalb seiner Cultusgebräuchc und überlieferten Satzungen abgeschlossen. Gegen das Jahr 170(t. war vielleicht Juda wieder mehr Jude geworden, als es am Vorabend der Kreuzzüge gewesen. WasJ>er europäische Jude einige dreißig oder vierzig Jahre vor der Revolution gewesen, können wir uns unschwer vorstellen. Wir brauchen nur nach dem Osten zu blicken, wo die Juden noch in dichten Massen, von den Christen durch moralische uiid äußere Schranken getrennt, leben. Hier vermag nichts den munittelbaren Augenschein der Dinge und Menschen zu .ersetzen. Schlendert man durch die schmutzigen Zions des Ostens, geht man den Bewohnern in ihren langen, fcttglänzcnden Kastanien nach, so tritt Einem überall der ererbte Widerwille der sich selbst überlassenen Juden gegen 'Neuerungen und 'Neuheiten entgegen. Darin ist er noch gleich seinen Vätern, den Beni-Jsrael, ein Orientale. Das Wunder, Imf das wir noch zurückkommen werde», besteht in der Raschheit seiner Umwandlung unter dem Zaubcrslab unserer abendländischen Cnltur. Wer die großen Judenschaften unserer Zeit nicht kennt, wo die Kinder Judas zu Tausenden beisammen .iüors jinlaico" als Stamm leben, der kennt auch. den Juden nicht. Fast dort nur, in Böhmen, Galizien, Lithauen, Klein-Rußland, der Moldau, findet man noch den Jude gebliebenen Juden. Nun,-denkt euch diese. Juden in der Mitte und im Osten Europas, diese Erzjuden der großen Inden schäften; kommt euch der polnische Jude, der,Judc aus Rußland oder Rumänien, 'wie ein Werkschmied von 'Neuem vor? Schaut ihn euch genau an. Haben er und Seinesgleichen die moderne Welt auf ungebahnten Wegen vorwärts' bringen können? Hättet ihr ihn im Verdacht, die christliche Civilifation zu gefährden? Un glückliches Menschenkind! Dazu ist er zu erniedrigt, zu arm, zu unwissend, zu gleichgiltig gegen unsere religiösen und politischen Händel. Fragt ihn aus,', er wird euch nicht verstehen; dazu ist er zu sehr Jude, zu religiös, zu fromm, zu sehr am Herkömmlichen hängend, zu conscrvativ mit einem Worte. . Auf diesen Punkt ist ein besonderes «Gewicht zu legen. Wir werden wiederholt gezwungen sein, darauf zurückznkomnien.. Es gibt "') Siehe insbesondere die Selbstbiographie des Rabbiner Philosophen Salomo» Maimon, herausgegeben I7Ü2 SK! durch R. T. Moritz unter dem Titel: ..Salomo» Maimon« Lebensgeschichte". — Vergleiche,.Xrr,->I(> Ibirine-. .,I.'n Imf |*olon;iis‘. („Hcvne dos Detix-Mondos-', vom 15. Cctobec Das XVII. und XVIII. Jahrhundert sind thatsääüich die Zeit der falschen Messiase, sowie auch , der Ausbreitung des Chassidismus oder Reu.iiabbplisinus gewesen, welcher noch in vielen Gemeimchasteii herrschend ist. Siehe Graetz: „Geschichte der Juden", Band X, Cap. 6 hi« II. I

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