Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 61 (4.6.1893)
- Date
- 1893-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite XXV. Beilage zum Freien Blatt, Drgan zur Abwehr des Antisemitismus. Und dies ist kein bloßes Zusammentreffen. Dyn jenem Geiste der Verneinung, der Auflehnung, ^der Zweifelsucht, womit wir den Juden gerne ausstatten, mag er wohl durchtränkt sein, er kann auch als dessen Verbreiter auftreten, aber seiner Eingebung ist dieser Geist nicht entsprungen. Er hat ihn von uns, von unseren Vätern „arischen" Blutes, katholischer oder protestantischer Erziehung, empfangen. Der Jude hat jene Fackel, die er beschuldigt wird, durch die christliche Welt hinlodern zu lassen, nicht entzündet, er hat sie uns Christen auS den Händen genommen. Weder unser XVIII. Jahrhunden, noch unseve französische Revolution sind ProduNe des Judenthums. Mit Fug und Recht begeistert sich der Jude für die Revolution : es darf Niemanden Wunder nehmen, wenn er für sie in ein „Hosianna!" ausbricht. Hat sie ihn nicht befreit und aus der cgyptischen Sclaverei hervorgezogcn? Darin darf er wohl die gealterte Hand Jehovah's erblicken, „das Göttliche am Werke" verehren. Mag der dankerfüllte Jude in den Ergüssen seiner lyrischen Begeisterung mit I. Darmestcter den „Berg" im National-Convent dem Horeb gleichstellen, mag er in Moses ein vom Givfel des Berges redendes Convent-Mitglied bewundern, mag er die Sprache der Offenbarung auf der Höhe des Sinai für dieselbe erklären, die in den Salons des XVIII. Jahrhunderts geführt worden ift,56) ich nehme daran, was auch die Synagoge denken mag, keinen Anstoß. Es steht dem Juden die Annahme frei, „das durch Boltairc zum Sieg Gelangte, sei die durch Voltaires Spottverspfeile"') durchlöcherte Bibel". Insbesondere fleht es ihm frei, in der Revolution die Erfüllung der alten Weissagungen der Propheten Israels zu erblicken. Dawider habe ich nichts; allein, weil ein Jesaias von der Höhe des Moria oder des Karmel im fernen Dämmer der Jahrhunderte eine Aera allgemeiner Brüderlichkeit empörsteigen gesehen, damit ist Israel noch nicht zum Hauptmilarbeiler an der leider noch sehr unvollständigen Verwirklichung der geheimnißvollen Visionen seiner Seher geworden. Möglicherweise ist, wie man uns versichert, die Sprache Jerusalems jene des modernen Europa: doch, wäre selbst das Credo der Neuzeit nichts als das Credo der alten hebräischen Welt, keinesfalls hat Jerusalem, hat der moderne Jude es Europa gelehrt. Rühmt sich der Jude, der Welt die Bahnen der Freiheit und Gleichheit erschlossen zu haben, beansprucht er für seine Rabbiner den Ruhm, die Lehrmeisterder Philosophen und die Jdeenträger der Menschenrechte gewesen zu sein, so liegt eine Verwechslung vor. Der Jude verwechselt nämlich die moderne Aera mit dem Alterthum, die Synagoge oder „Schule" mit dem Moria-Tempel; er verwechselt die „Hakham" und die Talmudgelehrten mit den Propheten vom Stamme Juda und Ephraim .— den Ghetto mit dem Zionshügel. Gewiß kann das Judenthuin, oder besser gesagt Hebräerthum, seinen Antheil an dem allmäligen Erblühen jener Ideen beanspruchen, welche, nach Jahrhunderten Sclaverei, Israel befreit haben. Gleich Griechenland, gleich Rom, vielleicht mehr noch als diese Beiden, hat das unfruchtbar-dürre Judäa von jenen Samenkörnern in die Welt verstreut, welche Jahrhunderte durch ihre Triebkraft bewahrt und im Keimproccß der modernen Gesellschaft aufgegangen sind. Wohl in der Jude berechtigt, uns daran zu erinnern, wenn wir anscheinend im Begriffe sind cs zu vergessen. Mauersteine aus Palästina sind in dem Unterbau unserer neuen Gesellschaft eingefügt. Wir selbst haben dies anläßlich der Jahrhundertfeier der Revolution dargethan. ■-') Die Revolution iü in mancher Hinsicht nur eine Haines Zlarmpüctfr: „^oiepb Salvator", 3cite 52: vergleiche Seite1'2H unk 29. ' llames Tarmestetcr: ..<>>ns. d'i.iil ~tir 1 histoire >1» peuple juit '. 5') Siebe l-' ltan>,»t-r >1» jL'entenaire dt? 1789", in unserem Bande: ..La et Io Lilieralisnif*", Vachette 1890. Vergleiche weiter unten im 1«*. Capirel. Anwendung der von Israel der Welt gebrachten Ideale gewesen. Der Gedanke der socialen Gerechtigkeit ist ein israelitischer Gedanke. Das Reich der Gerechtigkeit auf Erden war Juda's Traum. Der neueste Geschichtsschreiber Israels rief es uns jüngst erst wieder ins Gedächtniß zurück. Man muß, um dem Urquell von 1789 nachzuspüren, unter der Reformation, unter der Renaissance fortgraben; man muß über das classische Alterthum und das Evangelium hinaus bis auf die Bibel, die Thora und die Propheten zurückgehen. In diesem Sinne, dies ist. richtig, stammt das neue Zehngebot der Menschenrechte von den vom Sinai herabgebrachten Gesetzestafeln ab und ist bTe Nacht des 4. August ein fernes, unwillkürliches Echo vom Horeb gewesen. Allein, dieser Antheil Israels an der Gestaltung der neuen Gesellschaft gebührt nicht dem verachteten, erniedrigten, herabgewürdigten Inden des Mittelalters und des alten Regimes; er gebührt den hebräischen Büchern, welche das Erbtheil der christlichen Völker geworden sind. Wenn die Revolution und die Gesellschaft unter den Juden Lehrmeister besitzt, so sind dies nicht die Talmudgelehrten der Askenazim oder der Sephardim, sondern die alten „Nebu's" Israels, die Jesaias, Jeremias, Hesekiel, die in ihrer Art große Revolutionäre gewesen sind. Wenn die Reformation selbst und mit ihr die englische und amerikanische Freiheit mit dem Judenthum zusammenhänge», so besteht dieser Zusammenhang durch die Bibel, nicht durch die Juden, durch das alte des Abends am Familientische laut vorgelesene Buch, nicht aber durch die lebendigen Ueberreste der pvölf Stämme. Weder in England, noch in Amerika gab es zur Zeit ihrer Umwälzungen Juden, so zwar, daß man behaupten könnte, die dem geistigen Einfluß der Hebräer unterworfensten Länder seien jene, wo der Jude am wenigsten am Werke gewesen.^) Wohl haben, scheinbar, Jurieu und die protestantischen Pastoren darin die Lehrer Rousseau's, in der Bibel den Grundsatz der Bolksoberhoheit entdeckt; sie brauchten indeß für diese Entdeckung nicht in die „'Judengasse" auf die Suche zu gehen. Der Bibel, dem „Pentateuch", dem „Buch der Richter" hätten, darf man einem Amerikaner glauben, der selbst Israelit ^°), die Begründer der amerikanischen Union das Muster zu ihrer volksmäßigen Bundesverfassung entlehnt; dafür jedoch hatten die Adams und die Madison keine Unterweisung von den Judenschaften Europas oder Afrikas zu empfangen. Häufig rechnen wir den protestantischen Völker» und der Reformation zur Ehre an, was nach Fug und Recht billigerweise der Bibel und den Hebräern — ich möchte nicht sagen Juden — zukäme. Der moderne Jude, der kleine Ghettojude, hat weder östlich noch westlich vom atlalitischen Dcean etwas von der Entstehung jener Ideen, welche das Antlitz der Welt verändert haben, als sein Eigenthum zu beanspruchen. Weit ekttferut, den Anstoß gegeben zu haben, hat das Judenthum vielmehr den Rückstoß erfahren. Hier, wie in vielem Anderen, kann beim Juden weniger von Initiative, als von Nachahmung gesprochen werden. Um sich für die modernen Ideen aufnahmsfähig zu. machen, niußte er sich seiner alten jüdischen Begriffe entäußern. Talmud und Cultusgebräuche hatten ihn so eingeschnürt und geknebelt, daß, hätten wir nicht seine Bande zerschnitten, oder ihm zu deren Durchtrennung Scheere und Feile geliehen, er vielleicht niemals die Kraft gehabt s,i Er bestanden wohl vor dem Unabhängigkeitskrieg einige Iudengemeinschaüen in den englischen Colonien, sie besaßen jedoch keinerlei Einstuß. Die Revolution in den Niederlanden, wo so viele spanische Juden Zuflucht fanden, würde;u ähnlichen Betrachtungen Anlaß geben. M) Herr Oscar S. Strauß, ehemaliger Vertreter der Vereinigten Staaten in der Türkei: ..Los Origines de la forme repuMicaine du gouvernement dans les Ktats-Unis d’Arnerique“; ins Französische übersetzt mit einer Vorrede von E. de Laveleye. Paris 1890; Alcan.