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Freies Blatt · 1893-06-04 · 61 (4.6.1893) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
II (1893)
Issue
61 (4.6.1893)
Date
1893-06-04
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Krilage zum Freien Klatt, Organ zur Aliivehr des Antisemitislnus. Wien! I. Seil'erstütle 10. Die Juden und der Antisemitismus. fr acl unter den |l;itioncn. Bo» JXnotofc ^Leroy-Veaukieu vom französischen ^nsiitttt.. flutoriurtc Uebeneyiinq. ,vorkieyutt^. - . Wenn mim jene Männer uornimmt, deren Hand seit drei Jahrhunderten Palast- und Ternpelsäulen ins sanken gebracht, wie viele Inden ader Indenschüler sind darunter? Man nehme die modernen Wissenschaften nach Fächern, jene, die unseren Vätern di Werkzeuge zur „Geistesbefreiung" geliefert haben, Raturwissenschaste» oder historische — wo sind eigentlich die jüdischen Wissenschaften, jene Wissenschaften, die wirklich aus der Initiative der Inden hervorgegangen? Die (beschichte etwa? Die Philosophie? Dder die neuere Physik oder Chemie? Wäre es die' Physiologie, oder jeno jüngst Hinzugekommene, pedantisch Benamste, die Soeivlogie? Jüdische (Gelehrte sehe ich wohl, nirgends aber erblicke ich eine jüdische Wissenschaft. Wür's die (Glaubens-Exegese, für welche die Inden, insoserne sie Bibelhüter, berufen schienen? Das kritische Studium der heiligen Bücher, deren Schlüssel Israel allein besaß, hat der moderne Jude den Protestanten überlassen; wenn seine Borfahren von altersher im XI. und XII. Jahrhundert mit Raschi und seinen Racheiserer» es vorbereitet hatten, so war ihr Werk in das Ghetto zurückverwiesen worden. Selbst im XVI. Jahrhundert, hat sich die Rolle der Rabbiner darauf beschränkt, Luther und Renchlin lieber fester beizustellen.") . Wie ist'ü mit den vielfachen und veränderlichen Systemen, in welchen das Wogen des modernen Gedankens feste Form zu gewinnen getrachtet hat? Welches von diesen Systemen ist jüdisch? Jst's die positive Philosophie, die Evolutionstheorie, die.Bestimmungslehre, der Pessimismus? ä^ag sein Genie noch so geschmeidig, so kraftvoll, so ausdanernd, so vielseitig, so wunderbar befähigt zu Allem sein, auf die Gestaltung der modernen Gesellschaft hat der Jude nur einen untergeordneten, im Ganzen genommen, verschwindenden Einfluß anszuüben vermocht. Tragen dafür zum guten Theile die Berfolgungen und Temüthigungen, deren Dpfer er gewesen, tragen wir die Schuld, daö kommt wenig in Betracht. TaS Ergebniß bleibt dasselbe. Ganz Israel wäre ans den eastilischen „Qnemaderos" zu Grunde gegangen, sein Berschwinden hätte den Durchbrllch der modernen Gesellschaftsordnung um keine hundert Jahre verzögert. Freunde und Gegner der Juden messen ihm eine wirkende Straft bei, die er nicht besitzt, wenn sie sich in den rtopf setzen,, in ihm den geheimen Sauerteig zu erblicken, durch welchen die Welt der, wie wir sagen, modernen Ideen aufgegangen ist. Schon die elassische Eultur barg diesen &cim. Wer die Umgestaltung der europäischen Gesellschaft in ihrem Verlaufe während Jahrhunderten betrachtet, dem erscheint sie als eine innere, natürliche, organische Entwickelung, das von selbst erfolgte Werk der Zengungskräfte unserer Eivilisatio». Aeußere Einflüsse konnten die innere Entwickelung beschleunigen, ihre lebendige Triebfeder haben sie nicht geschaffen; unter dieseil Eiitflüssen aber “) Bei Spinoza finden sich wohl einige Belsnche in der Bibelcxcgcse, sic find jedoch von geringem Einfluß aus die Synagoge gewesen. Was die moderne» jüdischen Exegcten anbelangt, so sind sie nach den christlichen gekommen und haben sich zumeist weniger revolutionär gezeigt. ist jener der Inden weder der einzige, noch vielleicht, der mächtigste' gewesen. Weder der Jude noch der jüdische Geist, sondern etwas Allgemeineres, Berfeinerteres hat die moderne Wi'lt, die Renaissance, die Reformation, die Revolution hervorgebrachtjener Geist nämlich der Begrisfszergliederung, der Forschung, jener wissenschaftliche Geist, dessen elfte Tastversuche und Unterweisungen, nicht von Judäa» sondern von Griechenland anögegangen, und welche, mögen sie uns allch seinerzeit durch die Juden oder die Araber wieder übermittelt worden sei», darum Nicht minder von den Griechen herrührteu, ■ Andere anslösende Säurest, als das jüdische Aetziuiltel, si-nd bei unserer alten christlichen Eivilisatio», einer aus Bastardausängen hervorgegangeneu Mischenltur, am Werke gewesen^ Mau. merke wohl, die offenkundige oder versteckte Einwirkung der zerstreuten Inden, die int Mittelalter bedeutend oder wenigstens " thatsächlich gewesen, hat in dem'Maße allmälig abgeiiLNimen, als die die moderne Welt mit sich fortreißende Bewegung aistBeflhleunigtlng zunahm. Tas dürftige Schattenbild des Juden, während der Renaissance und der Reforinalionszeit hie und da noch im Halbdunkel wahrnehmbar, war hinter den Evnlissen der Geschichje nahezu verschwunden, als die Revolution hereinbrach. Die Zeit des großen Zusammensturzes ist vielleicht unter allen Epochen jene, wo die menschliche Gesellschaft die Hand des Juden am wenigsten gefühlt hat.") t Wo steckte, in dem Paris des X\>11. Jahrhunderts der Jude? Roch waren ihrer unter Ludwig Xt'l. kaum sieben- bis achthundert Inden aus dem $ü&cn und dem Elsaß, die inder Berborgeiiheit der -Borstädte lebten.'-')Unser französisches .Will. Jahrhundert muß indessen, hält inan die Rase nahe hin, für die Antisemiten einen gewissen unbeslimmtenvDnst vom, wie sie sagen, „jüdischen Geiste" ansslrömen. Wären etwa d'Alcmberl, Diderot und die Eneyelvpädisten, ohne unser Wissen, Schüler der Talmnd„Thora" gewesen? Jedenfalls ist die Aehnlichkeit auffallend. Die seitens eines Stöekrr oder Treitschke gegen^.die Juden und das „semitische Schrifithuin" gerichteten Borwürfe könnte man ebenso gut. richten — doch, was sage ich? — hat man ja, mit den Belegen in Händen, gegen die Vileratur, die Wissenschaft, die Philosophie des modernen monarchischen Frankreich, vor dem Sturze des .-siönigthnms, gerichtet. „Das XVIII. Jahrhundert", schrieb jüngst ein junger Meister der Stritif, „ist weder christlich noch französisch gewesen. Die jähe Austilgnng der christlichen Idee,' die allinälige Berininderuüg des Baterlandsgednnkens, waren die beiden Kennzeichen des Zeitalters, das sich von 1700 bis lT'Jü erstreckt; es Halle die Abscheu vorder geistigen und materiellen Autorität; es haßte die Priesterherrschaft und verachtete die Ueberlieferung; es war-weltbürgerlich und die nationale Größe galt ihm nichts; es war anlifranzösisch, wie antichristlich und hateben darum einen sichtlichen Verfall des Tittlichkeit-sgefühles erlebt,. welcher naturgemäß mit einer gewissen Abnahme des literarischen und philosophischen Geistes znsainmengehen mußte."") Hört mandiese Sprache eines Geschichtskritikers - des X VIII. Jahrhunderts, wähnt man da nicht, den protestantischen, katholischen oder orthodoxen Antisemitismus zu vernehmen, welcher gegen den jüdischen Geist, die semitische Presse, dis Berjndung der Gesellschaft seine Stimme-erhebt? Enthalten diese wenigen Worte nicht in Moral, Religion und Politik unsere Haiiplbi-kchiverden siegen den Juden und das Indenthum? ' •vl) Wir lasse» hier die. den Fuden in de» i^elicimivinenntiasren, besonders im Frcimaurerlhnm, zugeichricbenc Einwirkung bei Seire: wir gedenken dieses Thema später, zu behandeln.; - - _ S4) Vf-on .Hai)»: „Hkt'üi-f <l>- la ckomnnmauw -t>- l’.iei-- ) Hirn. Magnet: ..Dix-hiütu-iii'- Su-rl.;-'. Bonporl. 1VMI.

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