Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- II (1893)
- Issue
- 61 (4.6.1893)
- Date
- 1893-06-04
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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*5R? Nr. 81. Freies nach Amerika allein 1984 Personen. Angesichts der angcdeutctcn erschwerten Möglichkeit, Beförderungen vorzunehmen, waren wir genöthigt, eine ansehnliche Zahl von Emigranten, cS wgrcn nahezu 2000 Personen, für unsere Kosten unter Gewährung von Ilntcrstützungcn wieder nach Rußland zu rcpatriircn. In wcitgehcndrin Umfange sind unsere Mittel von jenen Ocsterreichern, namentlich Galiziern, in Anspruch genommen worden, die nach langjährigem Aufenthalte in Rußland ans Grund der gegen die Juden gerichteten Answcijungsgcsctze Rußland plötzlich verlassen mußten. Hier handelt cs sich in der Regel um ausgiebigere Unterstützungen, damit die Petenten ehestens in die l'age komme», sich wieder, eine Existenz in dm alten Heimatzu gründen. Es versteht sich von selbst, daß wir in jedem einzelnen Falle möglichst eingehende Erhebungen über die Würdigkeit und Bedürftigkeit der Gcsnchstellcr pflegen, um bis zu einem gewissen Grade Bürgschaft dafür zu erlangen, daß die bewilligten Beträge eine zweckentsprechende Verwendung finden. Angesichts dieser 2agc und der sich allseits mehrenden Roth unserer Glanbcnsbrüder, liegt unserem Vereine die Erfüllung seiner heiligste» und hehrsten Ausgabe ob, die bei dessen Gründung vorsorglich ins Auge gefaßt worden ist, die Aufgabe nachhaltigster Hilfeleistung für schuldlos bedrängte Glanbcnsbrüder, um »ach Kräften und nach Möglichkeit dem gegenwärtigen Unglücke zu steuern und einem noch größeren vorznbcugcn. Darum richte» wir an alle unsere Glanbcnsbrüder, deren Herz sich dein tiefen, nanicnlosc» vtammcr nicht verschließt, die inständige und dringende Bitte, innerhalb ihres Wirkungskreises unermüdlich und »ach bestem Vermögen für die Ziele und Zwecke unseres Vereines thatkräftig zu wirken. In dieser Zeit und in diesem Falle ist Opfcrwilligkeit auch eine Pflicht der Sclbstcrhaltnng." (Jubiläum einer Hnlnauitiitsnnstlilt.) Tic unter dein Protektorate der Kaiserin stehende Israelitische Kinderbcwahranstalt in Wien feierte am 28. Mai ihr fünfzigjähriges Jubiläum. Zur Feier im Fcstsaalc. der Anstalt hatten sich die Mitglieder des Vorstandes, ferner die Hcrrcnhauömitglicdcr Tr Ignaz Edler v. P lener und Freiherr ».König swartcr, RcichsrathSabgeordnetcr Superintendent Tr. Haasc, Stadt rath Dr. V o g l c r, Pfarrer Wenzel W e l t ö w i ch, Prediger Tr. G ü d c man», Vertreter der Schulbehörden sowie die Gcmcindcräthc Simon »nd Ritter v. Goldschinidt cingcfnndcn. letzterer hielt die Festrede. Er schilderte die fünfzigjährige Thätigkcit der Anstalt und sagte: Allerdings flöße die fortwährende Steigerung der Armnlh in der Großstadt Bedenken ei», ob in Hinkunft den wachsenden Anforderungen werde Genüge geleistet werden können. Allein es wird dies versucht werden und hoffentlich auch gelingen trotz jener verwerflichen Strömung, welche bedauerlicherweise in Wien platzgegrisfc» hat. Rach warmen' Tankcöwortcn für die Ilntcrstütznng der Stadt Wien, der Schulbehörden, der israelitischen Eultnsgcincindc :c. schloß der Redner mit einem begeistert anfgcnoinmcncn Hoch auf die Kaiserin als Protectori». Stadtrath Tr. Vog.lcr sprach den Erhaltern der Anwalt den Tank der Gemeinde ans, und deren Bemühnngc» im Interesse der Volksbildung wurden auch von einem Vertreter der Schulbehörde anerkannt. Rach einer Ansprache des Predigers Tr. 01 ü d c m a n n und einem vom Tirector Albert S. Fischer vorgetragcnen Abriß der (beschichte des Vereines zur Erhaltung der Kindcrbcwahranstalt schloß dann die Feier mit der Absingung der VolkShyinnc. (FlllgschristkN.) Turch die Administration des „Freien Blattes" (Wien, I., Scilcrstättc 10) können Gesinnungsgenossen folgende Broschüren gratis und franco beziehe»: 1. Bericht der zweiten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus 1892. 2. Stenographisches Protokoll der am 12. Oktober 1*92 vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus veranstaltete» Protcstvcrsammlnng. .'». „Tic rechtliche Stellung der Inden in Oesterreich" von Tr. (Gustav Heinrich Fall. Wien 1892. Verlag des Vereines zur Abwehr des Antiscinitis.ninS. 4. Bericht der dritten Generalversammlung des Vereines zur Abwehr dcS Antisemitismus 1893. — Um Wcitcrvcrbrcitnng dieser Schriften unter Richtgcsinnnngsgcnosscn wird gebeten! (Fortschrittliche Bersaininlling.) In Purtcrsdorf fand letzten Sonntag auf Einladung der Bürgermeister P n in in c r von PurkcrSdorf und Frösch er von Prcßbaum eine Vcrsanimlnng von Wählern ans PnrkcrSdorf, Prcßbaum und den umliegenden-Orten des Wicncrwaldcs statt, die äußerst zahlreich besucht war und für die Entwicklung der fortschrittlichen Parteiorganisation im Bezirke sich sehr günstig gestaltete. Zum Vorsitzenden wurde Bürgcrincistcr Pu in in er, z»m -Schriftführer Viccbürgcrmcistcr Bauer von Hadcrsdorf gewählt. Abgeordneter Dr. Marchct sprach über die derzeitige» politischen Verhältnisse. Er verurthciltc in scharfer Weise die antiscinitischc Bewegung, wies auf die cynischcn Hetzrede» des Mechanikers Schneider hin n»d ermahnte die Arbeiter, nicht den Lockrufen der Ehristlich Socialen B l a t t. I Seite 5. Folge zu leisten. Abgeordneter Wrabctz behandelte hicranf einige gewerbliche Fragen. 2Rit TankeSwortc» an die Abgeordnete» schloß der Vorsitzende die Persamnilung. (Wie „Ritnallnordc" cntstthcil.) Ter in Brünn für die dortigen -Zeitungen von der Stadtpolizci ansgegebcne Lokalbericht brachte dieser Tage folgende Meldung': I» einer "mährischen Stadt verbreitete sich jüngst das Gerücht, daß eine bei einem jüdischen Kanfinaiinc bcdicnstctc Magd, welche plötzlich aus ihrem Tienstorte verschwand, das Opfer eines „Ritualmordes" geworden sei.' Tiefes Gerücht fand bei der leichtgläubigen Menge trm so eher Glauben, als apch die Eltern der Magd, angebliche Befürchtungen äußerten. Ta in der betreffenden Stadt eine größere Anzahl von Juden wohnt und z» befürchten stand, daß in Folge dieser Gerüchte Exccsic hcrvorgcrnfcn werden könnten, wurden seitens dcS StadtvorstandcS sofort die umfassendsten Erhebungen bezüglich qcs Aufenthaltes der Verschwundenen cingcleitct. Tic bereits als Opfer eines „Ritnalmordcs" betrauerte Magd, Marie Ti hon, eine der Brünner Polizeibehörde wegen ihres Lebenswandels wohlbekannte Person, wurde schon nach einigen Tagen hierorts, wo sic sich unter falschem Rainen aufgchaltcn hatte, von der Sichcrhcitsbchvrdc auSgcforscht und dem Strafgerichte cingclicfert. Die sofort an den betreffenden Stadtvorstand übermittelten Mitthcilungcn bezüglich des Vorlebens und dcS hic'rortigen Aufenthaltes der Magd werden wohl genügen, die leichtfertig bcrvorgcrufcncn Gerüchte als vollkommen unwahr darznthun. TaS Mädchen wurde nach erfolgter Abstrafnng im' Schnbwcge in ihn: Heimat befördert. (Ter Rechenschaftsbericht dcS Abgeordneten Freiherr» v. Rolsbtrg.) Ans Kammer wird der „Freien . Schlesischen Presse" geschrieben: „Zu einer heißen Schlacht hatte sich der 2andtagsabgcord »etc T irr k mit seinem Anhänge gerüstet, als der Rechenschaftsbericht des Rcichsrathsabgeordnctcu Freiherr» v. Rolsbcrg in Kammer für den 21. Mai angelnndigt wurde. Kammer ist so recht im Herzen der Partisane Türk's, und er muß sich dort wohl für unüberwindlich gchaltcn habe», da er die Geschmacklosigkeit beging, als ‘ der Erste mit den Interpellationen zu beginnen, waS er wohl füglich seine» näheren Freunden, unter denen ja die Schlagwortc der -antiscmitischc» Presse vcrtheilt ,zn sein schienen, hätte überlassen können. Mit einer Schimpferei über den EoroninrElub begann cS, dann sollte Abgeordneter Rolsbcrg sein Rationale bekennen u. s. w., ja Türk verlangte sogar Rechenschaft über zuknirstige Tinge. Auch die Art »nd Weise, in der dies vorgebracht wurde, die mannigfache» Abschweifungen zwangen den anwesenden Regieruiigsvcrtrcter, den IickerpeUckuten mehrfach zu unterbrechen und ihm sogar den Wortentzug in Aussicht zu stellen. Und trotz aller Ausstellungen Türk's gab die ganze Versammlung mit Ausnahme von wenigen, die Zahl 5» gewiß nicht übersteigenden Personen, dkm Abgeordneten Rolsbcrg für seine übcrzengcndcn Ansführnngcu, für die Beantwortung aller anständig vorgcbrachtcn Interpellationen das Vertrauensvotum, und Türk's Hossnnngcii hatten sich in eine völlige Niederlage für ihn verwandelt. Tic Versammlung war von mehr alS hundert Wählern besucht und wählte znui Vorsitzenden den Gemeindevorsteher von Kammer. Tic >)icbt dcS Abgeordneten und die Beantwortung der Interpellationen dauerten länger als drei Stunde», und wurde demselben der Tank für sein 'Kommen vom Vorsktzcndc» der Versammlung ausgesprochen. Freiherr v. Rolsbcrg hat bewiesen, daß ein einfaches, nngckn »steiles, aber wahres Wort stets, trotz aller Verhetzungen, den 'Weg znin schlesischen Herzen findet." - * ((sin bnrbinnl für den confrssioncllt» Fritdcn.) Anläßlich des -Besuches, welchen Eardinal Tr. Kopp vorige Woche der zg seiner österreichischen Tiökcsc gehörigen Stadt Biclitz abstattcte, wurde der Kirchenfürst auch von einer Tepntalion der israelitische» EnltuSgemeindc begrüßt. Auf die Ansprache, welche deren Sprecher, Rabbiner Tr. Höro witz, an ihn richtete, erwiderte der Eardinal: „Sic.haben mir des HobcS zu viel 'gesagt; ich verdiene daS nicht in solchem Maße, aber ich danke Ihnen herzlich für Ihre freundliche, mich sehr ehrende Be grüßung. Wir bauen ja ans demselben Grunde und sind in gleicher Weise berufen, Religiosität und Sittlichkeit unter den Mcnfchcn zu. fördern. Ich freue mich, ungemein, zn hören, daß in Biclitz Friede »nd! Eintracht unter allen Eonfcssioncn herrschen. Mein Bestreben wird es immer fein, für Friede uzid Eintracht zu wirken." Ter Eardinal cr knndigtc sich hicranf bei Tr-. Horowitz, ob er den Breslauer Prediger Tr. Gnttmann kenne, nnh bemerkte auf die' Bejahung: „Tas ist ein ansgczcichnctcr Mann. Ich kenne denselben ^'chon seit Z'angeni, denn wir sind beide ans HildcShcim". Mit der nochmaligen Versicherung des Tankes für die Begrüßnirg entließ der Eardinal die TepiPation in freundlichster Weise. (Bildnugsdrang brr Bnkowinnrr Fubrn.i Vo» de» drei (ch,,» nasicn in'der Bukowina zählte daö Ezernow.itzer unter 687 Schülern